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Ciudades Valladas – Das Ende der Stadt in Lateinamerika (T/2013)


Bewachte Einfahrt des Ortsteils "Piedra Roja" in der Nähe von Santiago de Chile

„Stadtmauern und Stadttore wurden bisher in erster Linie als ein Relikt des Mittelalters angesehen. In lateinamerikanischen Metropolen wie São Paolo, Buenos Aires und Santiago de Chile sind sie jedoch bereits wieder Teil der Realität. Hier entstehen neue urbane Einheiten, die teilweise mehr als 50 000 Menschen beherbergen. Diese können jedoch von ihren Einwohnern nur nach eingehenden Kontrollen am „Stadttor“ betreten werden. Hierbei stellt sich die Frage, ob derartige Stadt-Zitadellen überhaupt noch dem klassischen Bild der Stadt entsprechen.“ (nach Axel Borsdorf, 2005)

Abb.: Bewachte Einfahrt des Ortsteils „Piedra Roja“ in der Nähe von Santiago de Chile (Foto: Dr. Wilfried Korby, Korb)

Wir stehen im Verkaufsraum einer Immobilienfirma in „Piedra Roja“ in der Nähe von Santiago de Chile. Der Makler deutet auf die Prospekte und auf die an den Wänden ausgehängten Pläne. Er preist die Vorzüge der angebotenen Grundstücke und Häuser an: Lage in einer reizvollen Hügellandschaft mit einem etwa vier Hektar großen, künstlich angelegten See als optischen und funktionalen Mittelpunkt, Einkaufszentrum, Versorgungs- und Dienstleistungseinrichtungen, Yachthafen, Privatstraße zur besseren Erreichbarkeit der Wirtschaftszonen von Santiago und hermetische Abriegelung der gesamten Siedlung. Die Abschottung von der Außenwelt erfolgt durch Mauern, Zäune, Tore und Sicherungssysteme. Das Angebot überzeugt, der Verkauf läuft. Als wir später mit dem Auto durch „Los Bosques“, einem Ortsteil bzw. eine „Nachbarschaft“ von „Piedra Roja“ (Abb. 2) hindurchfahren, sehen wir, dass viele Häuser bereits fertiggestellt, verkauft und auch bezogen sind. Die Wachanlage am Eingang funktioniert tadellos.

Von der „Gated Communitiy“ zur „Gated City“

„Piedra Roja” ist eines der städtebaulichen Megaprojekte, die seit etwa zwei Jahrzehnten im Umland lateinamerikanischer Metropolen entstehen. Die erste dieser Anlagen war Alphaville, das ungefähr 30 km vom Zentrum São Paolos entfernt liegt. Dort leben inzwischen über 50 000 Menschen in 33 vollständig von der Außenwelt abgeschotteten Wohnsiedlungen. Mehr als 1 000 private Sicherheitskräfte schützen die Bewohner.

Derartige städtebauliche Komplexe unterscheiden sich in Größe und Ausstattung deutlich von den geschlossenen Wohnanlagen bzw. Stadtvierteln, die bereits vor Jahrzehnten – ausgehend von den USA – in vielen Ländern mit starken sozialen Gegensätzen entstanden sind. Diese Gated Communities oder „Barrios Cerrados“, wie sie im spanischen Kulturraum genannt werden, sind die bevorzugten Standorte der Ober- und zunehmend auch der Mittelschicht. Sie verteilen sich in der Regel über das gesamte Stadtgebiet und orientieren sich – seit jüngster Zeit – an modernen Geschäftszentren.

Im Gegensatz dazu werden die neuen Städte außerhalb des geschlossenen Siedlungskerns auf der „grünen Wiese“ errichtet. Sie sind geplant für 50 000 bis über 100 000 Einwohner. Auch sie sind jeweils einer ganz bestimmten sozialen Schicht vorbehalten und wie die Gated Communities tragen sie dem Sicherheitsbedürfnis ihrer Zielgruppe Rechnung. Sie sind mit hohen Sicherheitsstandards ausgestattet. Da sie von hohen Mauern umgeben sind, werden sie als Gated Cities bzw. „Ciudades Valladas“ (ummauerte Städte) bezeichnet. Sie verfügen über eigene Dienstleistungszentren, Privatschulen, Service- und Freizeiteinrichtungen. Die Arbeitsplätze der meisten Bewohner liegen aber nach wie vor in der zugehörigen Metropole. Mit dieser sind sie über gut ausgebaute Schnellstraßen verbunden, die häufig von Privatfirmen gebaut und betrieben werden.

Eine Besonderheit ist gegenwärtig im nördlichen Umland von Santiago de Chile zu beobachten. Hier entstehen mit „Valle Grande“ und „Hacienda Urbana Larapinta“ zwei „Ciudades Valladas“, deren Angebote an Grundstücken und Häusern sich vom Preis her ausdrücklich an die untere Mittelschicht bzw. an junge Mittelschichtenfamilien richten. Die beiden Megaprojekte, die im Endstadium jeweils 15 000 Wohneinheiten für 60 000 Menschen umfassen sollen, liegen in der Nähe neuer Industrieparks.

Ursachen und Rahmenbedingungen

(Abb.: Ciudad Vallada „Piedra Roja“)

Der Wunsch nach sozialer Abgrenzung, nach Schutz der Privatsphäre ist ein wesentliches Kennzeichen vieler Stadtkulturen. Abgeschottete Wohnquartiere, die in der Regel einen Innenhof umschließen und zu diesem hin geöffnet sind, resultieren zum Beispiel im Orient aus dem Bestreben, die Intimität des Familienlebens zu garantieren. Diese Siedlungsweise hat sich – u. a. in der Form des Patio-Hauses – über den gesamten Mittelmeeraum und von dort auch in die Neue Welt ausgebreitet. Auch die Gated Communities entsprechen dem gesteigerten Wunsch nach Exklusivität. Hinzu kommt ein wachsendes Sicherheitsbedürfnis. Ausgelöst wird dieses zumeist durch eine tatsächliche oder, wegen täglicher Schreckensmeldungen in den Medien, „gefühlte“ Zunahme der Kriminalität.

All das ist nicht neu und erklärt auch nicht das Ausmaß sowie die Dynamik der neuen städtebaulichen Entwicklungen in Lateinamerika. Die Entstehung von „Ciudades Valladas“ im Umland lateinamerikanischer Metropolen ist vielmehr das Ergebnis veränderter sozialpolitischer und ökonomischer Rahmenbedingungen. Unter dem Einfluss des Neoliberalismus als vorherrschende Doktrin der Globalisierung ist in vielen Ländern Lateinamerikas ein nahezu vollständiger Rückzug des Staates aus der Raumordnung zu beobachten. Stadtentwicklung wird in zunehmendem Maße den Marktkräften überlassen. Damit wird insbesondere der völlig freizügige Immobilienmarkt der vor allem in der Fläche rasch wachsenden Megastädte zu einem immer profitableren Geschäftsfeld global agierender Unternehmen. Hierzu gehören Grundstücks- und Häusermakler genau so wie Planungs- und Architekturbüros und Baufirmen. In „Piedra Roja“ zum Beispiel sind auch Makler und Firmen mit deutscher Beteiligung vertreten.

Das Augenmerk dieser privaten Akteure richtet sich im Stadtgebiet auf verlassene Gebäude oder degradierte Viertel, im Umland aber auf bisher unbebaute oder teilweise agrarisch genutzte Flächen. In Innenstadt- und Stadtrandlagen entstehen auf diese Weise weitere „Barrios Cerrados“ der Ober- und Mittelschicht, daneben renditeträchtige moderne Bürohochhäuser, Shopping-Center oder Waterfront-Projekte. Im Umland versprechen die „neuen Städte“ auf Jahre hinaus Profit. Die öffentliche Hand verliert gegenüber den finanzkräftigen Immobilienfirmen und Unternehmen an Einfluss. Immerhin gelingt es in einigen Fällen, in Stadtrandgebieten Projekte des sozialen Wohnungsbaus durchzusetzen. Hier, wie auch bei vielen inzwischen in der baulichen Substanz aufgewerteten Marginalsiedlungen, ist – zumindest in Santiago de Chile – das Phänomen zu beobachten, dass sich auch diese Viertel durch Zäune und Tore abgrenzen und schützen.

Als Ergebnis bleibt festzuhalten, dass die Stadtentwicklung zunehmend im Zeichen privater Kapitalverwertungsinteressen steht. Sie orientiert sich an den Statusvorstellungen, Sicherheitsbedürfnissen und Lifestyle-Ansprüchen potenzieller Käufer. Sowohl in den innerstädtischen Projekten als auch in den „Ciudades Valladas“ ist der öffentliche Raum nahezu vollständig privatisiert – angefangen von den Straßen bis hin zu Bildungseinrichtungen und Sicherungssystemen. Es entsteht das Bild einer fragmentierten Stadtlandschaft.

Fragmentierende Stadtentwicklung

(Abb.: Schema einer fragmentierten Stadt in Latainamerika)

Bis weit in die zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts zeigte sich in den meisten lateinamerikanischen Städten neben einer starken sozialen, vor allem eine räumliche Segregation. Die Angehörigen der Ober- und Mittelschicht lebten in eigenen Vierteln, in die auch ein Teil der City hineinwuchs und in denen eigenständige Malls, Business Parks bzw. Urban Entertainment Center errichtet wurden. Den Wohnbezirken der Wohlhabenden standen zentrale und periphere Viertel der marginalisierten Bevölkerung gegenüber. Es ergab sich das Bild einer „polarisierten Stadt“. Gelegentlich versuchten die kommunalen Behörden, durch sozialen Wohnungsbau auch für Angehörige der Unterschichten erschwinglichen Wohnraum zu schaffen und so die Gegensätze zu mildern.

Seit dem Ende des 20. Jahrhunderts hat sich nun – unter dem Einfluss der oben beschriebenen Marktkräfte – eine sehr diffuse Stadtstruktur herausgebildet, die als „fragmentierte Stadt“ bezeichnet wird (Abb. 3). Im Zentrum, aber auch in Richtung der Außenbezirke sowie im suburbanen Raum haben sich in regelloser Anordnung eingefriedete Wohnviertel der Ober- und Mittel- und an einigen Stellen auch der Unterschicht, die sogenannten „Barrios Cerrados“, entwickelt. Sie orientieren sich zunehmend an Malls, Business Parks, Bürohochhäusern oder Urban Entertainment Centern. Auf der anderen Seite der sozialräumlichen Stadtstruktur finden sich – ebenfalls wie in einem Flickenteppich angeordnet – zentrale, periphere und konsolidierte, also inzwischen aufgewertete, Marginalsiedlungen sowie Viertel des sozialen Wohnungsbaus. Die Industriezonen wachsen entlang der Verkehrslinien in den suburbanen Raum.
Im Umland einiger Metropolen werden die „Barrios Cerrados“ zunehmend durch „Ciudades Valladas“ ergänzt. Beide Siedlungsformen brechen mit dem mehrere Jahrhunderte geltenden Prinzip, dass die lateinamerikanischen Städte ihre Bewohner nicht durch Mauern voneinander und vom Umland trennen.

Das Ende der (lateinamerikanischen) Stadt?

Die Entwicklung der „Ciudades Valladas“ mit ihrer völligen Privatisierung des öffentlichen Raumes wirft die Frage auf, ob derartige Siedlungsformen überhaupt noch als „Stadt“ im geographischen Sinne bezeichnet werden können. Misst man sie am klassischen Stadtbegriff der Geographie, dann zeigt sich, dass diese Megaprojekte lediglich das Kriterium der Mindestgröße an Fläche und Bevölkerung erfüllen. Sie sind im Grunde monofunktionale Wohnghettos ohne jegliche zentralörtliche Bedeutung. Die in ihren Zentren angebotenen Dienste und Einrichtungen werden nur von den Bewohnern selbst genutzt.

„Ciudades Valladas“ erfüllen also keinerlei Versorgungsfunktion für ein näheres oder weiteres Umland. Die Arbeitsplätze der Einwohner liegen zumeist außerhalb dieser Wohnsiedlungen. Die Ausbildung eines Sekundären Sektors findet nicht statt. Freizeiteinrichtungen wie Segel-zentren, Anlagen für den Golf-, Reit- oder Polosport, gelegentlich auch Schwimmbäder oder Wellnesoasen verleihen diesen Siedlungen zwar ein gehöriges Maß an Exklusivität, „städtisches Leben“ entfaltet sich dabei aber kaum. Es fehlen Orte der Begegnung, Kommunikation und Diskussion.

Impulse für politische oder gesellschaftliche Innovationen werden von diesen relativ sterilen Wohnghettos kaum zu erwarten sein. Ein Hauptproblem vieler jugendlicher Bewohner ist daher auch die Langeweile. Betrachtet man die Wohnhäuser und Gartenanlagen in einer „Ciudad Vallada“ genauer, dann wird sofort deutlich, was die Bewohner bewogen hat, hierher zu ziehen (M3). Sie streben nach einem Leben im Grünen, in der klaren Luft des ländlichen Raumes mit seinem großzügigen Platzangebot. Sie suchen kein „städtisches Leben“, sie bevorzugen eher einen rural-aristokratischen Lebensstil. Gleichzeitig brauchen sie aber die Nähe einer Metropole mit ihren vielfältigen Arbeitsmöglichkeiten.

Einkommensstruktur und Immobilienpreise bestimmen das Herkunftsmilieu der Bewohner. Eine soziale Durchmischung findet nicht statt. Wichtige Funktionen einer Stadt wie die kommunale Bereitstellung und öffentliche Nutzung von Straßen, Schulen oder sonstigen Diensten sind außer Kraft gesetzt.

„Ciudades Valladas“ erweisen sich somit als Gegenmodell zur traditionellen Stadt. Ob sie in der vorgestellten Form aber auf Dauer lebensfähig bleiben, muss sich erst noch erweisen.



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vann schrieb am 17.05.2014

Danke für den guten Artikel, prima für meinen unterricht geeignet. Gymnasium NRW Q1

micc schrieb am 20.03.2014

Ein sehr interessanter und fundierter Artikel, vielen Dank!