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Infoblatt Flüchtlinge


Arten von Flüchtlingen, Hilfsorganisationen und aktuelle Krisenherde

Einleitung

Nach dem internationalen Recht der Genfer Flüchtlingskonvention von 1951 ist ein Flüchtling eine Person, die "aus der begründeten Furcht vor Verfolgung wegen ihrer Rasse, Religion, Nationalität, Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen Gruppe oder wegen ihrer politischen Überzeugung sich außerhalb des Landes befindet, dessen Staatsangehörigkeit sie besitzt, und den Schutz dieses Landes nicht in Anspruch nehmen kann oder wegen dieser Befürchtungen nicht in Anspruch nehmen will".

Zu den häufigsten Ursachen erzwungener Migration zählen politische Konflikte, wobei in zunehmendem Maße die Vertreibung der Zivilbevölkerung nicht nur Begleiterscheinung des Krieges, sondern erklärtes Ziel ist (z. B. während der Balkankriege).

Es ist allerdings umstritten, ob Personen, die wegen eines Krieges oder innerstaatlichen Konflikts geflohen sind, als Flüchtlinge gelten und somit auch besonderen Schutz genießen. Vor allem Hilfsorganisationen verweisen darauf, dass lediglich die Tatsache ausschlaggebend sei, dass die geflohene Person Schutz benötigt, weil dieser im Herkunftsland nicht gewährleistet ist. Demgegenüber vertreten einige Staaten die Meinung, dass Personen, die vor Kriegsgeschehen fliehen oder die Verfolgung durch nichtstaatliche Akteure wie Milizen oder Rebellen fürchten, keinen Flüchtlingsstatus erhalten sollten.

Eine genaue Quantifizierung von Flüchtlingsbewegungen ist sehr schwierig, die Statistiken des Hohen Flüchtlingskommissariats der Vereinten Nationen (UNHCR – United Nations High Commissioner for Refugees) weisen nur die von dieser Organisation erfassten Flüchtlinge aus und bieten so lediglich einen Wert für weitere Schätzungen. Die Zahl der Flüchtlinge wurde zum Ende 2014 auf etwa 59,5 Mio. weltweit beziffert, mittlerweile dürften es mehr als 60 Mio. sein. Davon zählen 19,5 Mio. Menschen als Flüchtlinge im engeren Sinne (d.h. gemäß der Genfer Konvention). Die meisten Flüchtlinge kommen aus Syrien, gefolgt von Afghanistan, Somalia und Sudan.

Binnenvertriebene, Armuts- und Umweltflüchtlinge

Rechtlich gesehen nicht zur Gruppe der Flüchtlinge gehören die Binnenvertriebenen, die sich aber in ähnlich schwieriger Situation befinden. Nach dem Bericht „Global Trends“ des UNHCRgab es 2014 etwa 38,2 Mio. Binnenflüchtlinge weltweit, hauptsächlich in Syrien (7,6 Mio.), Kolumbien (6 Mio.), Irak (3,3 Mio.), Sudan (3,1 Mio.), DR Kongo (2,8 Mio.) und Pakistan (1,9 Mio.).

Auch die sog. Armutsflüchtlinge fallen nicht unter den Schutz der Genfer Flüchtlingskonvention. Weltweit leben etwa 0,8 Mrd. Menschen in absoluter Armut (d.h. unterhalb der Armutsgrenze mit weniger als 1,25 Dollar pro Tag). Die Tendenz ist seit Jahren fallend, 1990 waren es noch 1,9 Mrd. Menschen, 2011 1,0 Mrd.. Aus materieller Not verlassen viele dieser Menschen ihre Heimat. Die Internationale Arbeitsorganisation (ILO) schätzte die Zahl der Wanderarbeiter für die 1990er-Jahre auf 120 Millionen, ein Großteil davon hielt sich illegal in anderen Staaten auf. Heute geht die IOM (Internationale Organisation für Migration) von etwa 200 Mio. Wanderarbeitern weltweit aus, die meisten werden in China und Indien vermutet.

Umweltflüchtlinge sind nach der UN-Umweltbehörde (UNEP) jene Menschen, die sich veranlasst sehen, "ihre traditionelle Umgebung vorübergehend oder gar dauerhaft zu verlassen, da Umweltschäden ihre Existenz in Gefahr brachten und/oder ihre Lebensqualität schwerwiegend beeinträchtigten". Es gibt nur ungenaue Schätzungen über die Zahl dieser Menschen, die ihre Heimat z. B. aufgrund von Wassermangel, Bodendegradation oder allgemeiner Umweltgefahren verlassen haben. Auch Naturkatastrophen wie Vulkanausbrüche und Tsunamis lösen Flüchtlingsbewegungen aus. Nach Angaben des International Displacement Monitoring Centre (IDMC) waren 2009 17 Mio. Menschen infolge von Naturkatastrophen auf der Flucht, 2010 waren es 42 Mio. Die Internationale Organisation für Migration erwartet für das Jahr 2050 ca. 200 Mio. Klimaflüchtlinge.

Hilfsorganisationen


Viele Organisationen haben es sich zur Aufgabe gemacht, Flüchtlinge ungeachtet ihrer Beweggründe zu versorgen und unterzubringen, aber sie auch rechtlich zu schützen und beim Aufbau eines neuen Lebens zu unterstützen. Der Völkerbund ernannte 1921 den norwegischen Wissenschaftler und Entdecker Fridtjof Nansen zum ersten Hohen Flüchtlingskommissar. Das UNHCR, 1950 von der UN-Vollversammlung ins Leben gerufen, beschäftigt heute 7.685 Mitarbeiter (Stand: Ende 2013)in 125 Ländern. Seit seiner Gründung erhielten über 50 Mio. Menschen Hilfe von dieser Organisation. Darunter waren nicht nur Flüchtlinge im engeren Sinne, sondern auch Binnenflüchtlinge, Asylsuchende und Rückkehrer. Dafür erhielt der UNHCR bereits 1954 und 1981 den Friedensnobelpreis. Das Jahresbudget der Organisation beträgt 2015 6,23 Mrd. US-$; die Finanzierung erfolgt zum Großteil durch freiwillige Beiträge von Staaten,  Stiftungen und Privatpersonen (2015 sind das 98 % des Gesamtbudgets, nur 2 % kommen von den Vereinten Nationen). 2013 waren die  Hauptgeber die USA mit 36 % der Mittel, Japan (9 %) und die EU (7 %). Deutschland stellte 4 % der Mittel bereit.

Neben dem UNHCR gibt es auf Seiten der Vereinten Nationen beispielsweise noch das Welternährungsprogramm (WFP), das UN-Kinderhilfswerk (UNICEF), die Weltgesundheitsorganisation (WHO), das UN-Entwicklungsprogramm (UNDP), das Büro zur Koordinierung von humanitären Angelegenheiten (OCHA) und das Hochkommissariat für Menschenrechte (UNHCHR), die sich auch mit der Flüchtlingshilfe beschäftigen. Weitere Organisationen sind das Internationale Komitee vom Roten Kreuz, die Internationale Vereinigung der Rotkreuz- und Rothalbmondverbände, die Internationale Organisation für Migration (IOM) und mehrere hundert Nichtregierungsorganisationen.

Nothilfe, Rechtsschutz, Soforthilfe, Reintegration und Prävention


Schutz der Flüchtlinge beinhaltet insbesondere sicherzustellen, dass die Menschenrechte der Flüchtlinge geachtet werden und niemand gegen seinen Willen in ein Land zurückgeschickt wird, wo Verfolgung zu befürchten ist.

Vor dem rechtlichen Schutz steht jedoch in der Regel die Nothilfe – Unterkunft, Wasser, Nahrungsmittel, Sanitäranlagen und medizinische Versorgung. Soforthilfe-Projekte schließen die Lücke zwischen der Soforthilfe für Flüchtlinge bzw. Rückkehrer und der langfristigeren Entwicklungshilfe anderer Organisationen. Sie dienen dem Wiederaufbau von Schulen und Krankenhäusern oder der Reparatur von Straßen, Brücken und Brunnen.

Stand früher die Ansiedlung von Flüchtlingen in anderen Staaten im Vordergrund, so gewinnt heute nach der Konfliktlösung die Reintegration von Flüchtlingen in ihre Heimat immer mehr an Bedeutung. Zum einen, da dies in der Regel von den Flüchtlingen selbst gewünscht wird, zum anderen, da Staaten aufgrund von Ressentiments der eigenen Bevölkerung immer weniger gewillt sind, Flüchtlinge auf Dauer aufzunehmen. Wichtig hierbei ist auch die Tatsache, dass die Hauptaufnahmeländer für Flüchtlinge selbst ein in der Regel niedriges Pro-Kopf-Einkommen haben. 2014 wurden etwa fast 15% aller Flüchtlinge von Entwicklungsländern aufgenommen. Das Land mit der größten Flüchtlingsbevölkerung ist die Türkei mit 1,59 Mio., gefolgt von Pakistan mit 1,51 Mio., Libanon (1,15 Mio.), Iran (0,98 Mio.), Äthiopien (0,66 Mio.) und Jordanien (0,65Mio.) (nach UN-Flüchtlingsbericht 2014). Eine Reintegration ist auch für die Heimatländer der Flüchtlinge selbst wichtig, da sie durch die Flucht oftmals eher die für den Aufbau des Landes dringend benötigten leistungsfähigen, relativ gut ausgebildeten, jüngeren und aktiven Menschen verloren haben.

Mehr Ressourcen sollen künftig auch auf die Prävention großer Flüchtlingsbewegungen verwendet werden; internationale Beobachter sollen frühzeitig über Krisen informieren und damit politische Lösungen rechtzeitig ermöglichen. Auch sollen nach Möglichkeit frühzeitig Vorbereitungen getroffen werden, um sofort humanitäre Nothilfe leisten zu können. So konnten beispielsweise während der Golfkrise 2003 bereits sehr früh umfangreiche Maßnahmen zur Versorgung von Flüchtlingen getroffen werden.

Aktuelle Krisenherde

  • Syrien: Seit dem Ausbruch des Bürgerkrieges 2011 zwischen den Truppen des Präsidenten Baschar al-Assad und verschiedenen Oppositionsgruppen sind mehr als vier Mio. Menschen ins Ausland geflohen, 7,6 Mio. befinden sich auf der Flucht im eigenen Land. Sie leiden unter dem Mehrfrontenkrieg, bei dem die Terrororganisation Islamischer Staat (IS) seinen Einfluss weiter ausbaut. Die Syrer bilden die derzeit größte Flüchtlingsbevölkerung der Welt.
  • Balkan: Nach den Balkankriegen der 1990erJahre konnten bis zum Herbst 2002 bereits 2,2 Mio. Menschen in ihre Heimatländer zurückkehren. Viele von ihnen leben nun als Minderheit unter ehemaligen Feinden. Mehr als eine Million Menschen jedoch waren zu diesem Zeitpunkt immer noch entwurzelt. Derzeit flüchten viele, besonders junge Menschen aus den Balkanstaaten (vor allem Kosovo, Serbien, Albanien, Mazedonien) wegen Armut und der Perspektivlosigkeit im eigenen Land. Sie warten seit Jahren vergeblich auf wirtschaftlichen Aufschwung und den Abbau der Korruption.
  • Naher Osten: Mehr als 4,82 Millionen Menschen (2010) sind beim Hilfswerk der Vereinten Nationen für Palästinaflüchtlinge im Nahen Osten(UNRWA) registriert, das in der Region für diese Flüchtlinge verantwortlich ist.
  • Afghanistan: Nach einem über zwei Jahrzehnte währenden Bürgerkrieg befanden sich 2014 noch 2,59 Mio. Afghanen auf der Flucht.
  • Irak: Der seit Anfang der 1980er-Jahre von kriegerischen Auseinandersetzungen gebeutelte Irak stellte längere Zeit nach Afghanistan die zweitgrößte Flüchtlingsbevölkerung.  Auch nach dem Einmarsch der USA 2003 gab es immer wieder Terroranschläge von al-Qaida. Heute werden große Gebiete von der Terrororganisation Islamischer Staat (IS) beherrscht. Aus dem Irak waren Ende 2014 0,37 Mio. Menschen auf der Flucht Weitere Krisengebiete mit größeren Flüchtlingsbewegungen sind Somalia, Sudan, Südsudan, DR Kongo, Myanmar, Zentralafrikanische Republik und Eritrea. Hauptauslöser für Flucht sind nach wie vor Krieg und kriegerische Auseinandersetzungen. Aber auch absolute Armut, wirtschaftlicher Niedergang, Dürren und Naturkatastrophen sind Auslöser für Flucht.

Im Kontext:
Infoblatt Flucht nach Europa – Fakten und Ursachen



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