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Infoblatt AIDS - Folgen einer Epidemie


Folgen von AIDS und Möglichkeiten der Bekämpfung der Krankheit

Es zeigt sich derzeit immer deutlicher, dass keine andere Krankheit in ihrer Kombination aus sozialen und ökonomischen Folgen so verheerend ist wie AIDS. Die besonders betroffenen Staaten sehen sich mit Problemen konfrontiert, die angesichts ihres ohnehin geringen Entwicklungsstandes kaum zu bewältigen sind.

Demographie

AIDS entfaltet den größten demographischen Einfluss auf die Mortalität junger Erwachsener und Kleinkinder. Zwar ist der Einfluss der erhöhten Sterblichkeit auf das Wachstum der Weltbevölkerung global gesehen äußerst gering, jedoch ergibt sich für einige Staaten Afrikas sogar ein Rückgang der Bevölkerung. Da dort vor allem Frauen von der Seuche betroffen sind, führt die Veränderung des Geschlechterverhältnisses zu einem Rückgang der Fertilität, was die Folgen der erhöhten Sterblichkeit noch verstärkt.
Die ständige Erhöhung der durchschnittlichen Lebenserwartung, auch in den Entwicklungsländern, war zentraler positiver Faktor der Entwicklung der letzten Jahrzehnte. Diese Fortschritte wurden in einigen Ländern durch AIDS völlig zunichte gemacht. Die Lebenserwartung in Afrika lag 2001 bei durchschnittlich 47 Jahren, unter Ausschaltung des Faktors AIDS hätte sich ein Wert von 62 Jahren ergeben. Der Rückgang der Lebenserwartung führt dazu, dass betroffene Länder deutlich in ihrem Entwicklungsstand zurückfallen. Dies ist in diesen Ländern größtenteils auch heute noch der Fall.

Soziale Folgen

Der durch HIV geschwächte Körper ist anfällig für opportunistische Infektionen: Malaria, Tuberkulose und Cholera schlagen heftiger zu als zuvor. Traditionelle Heiler haben angesichts einer derzeit von der Schulmedizin unheilbaren Krankheit starken Zulauf. AIDS führt zu Diskriminierung und Stigmatisierung. Die Tatsache, dass AIDS in traditionellen Gesellschaften mit feindlichen Zauberkräften oder göttlicher Strafe in Zusammenhang gebracht wird, erschwert Betroffenen, Hilfe in Anspruch zu nehmen.

Waisen

Die Zahl der Kinder, die durch AIDS entweder ihre Mutter oder beide Elternteile verloren haben, liegt weltweit nach unterschiedlichen Schätzungen zwischen 15 und 17,5 Millionen, für das Jahr 2012 wird mit einem Anstieg auf über 20 Millionen gerechnet. Zwar ist etwa die afrikanische Gesellschaft mit ihrer Großfamilie traditionell gut gerüstet, solche Fälle zu bewältigen, jedoch bringt die Größenordnung des Problems diese traditionellen Strukturen an die Grenze des Zusammenbruchs. AIDS gefährdet die Lebenschancen und Zukunftsaussichten der – oft selbst infizierten – Kinder in vielerlei Hinsicht: So müssen diese oft die Arbeitskraft von erkrankten oder toten Angehörigen ersetzen, können daher nicht mehr die Schule besuchen. Sie sind durch die lange Krankheit oder den Tot ihrer Verwandten oft traumatisiert. Mangelnde Fürsorge und die verschlechterte Ernährungssituation führen vor allem bei Kleinkindern zu irreversiblen Beeinträchtigungen der physischen und mentalen Entwicklung. Viele der Waisen drohen in die Kriminalität abzurutschen, um ihren Lebensunterhalt zu verdienen.

Wirtschaftliche Folgen

80 % der bisher an AIDS Verstorbenen waren zwischen 20 und 49 Jahre alt. Die Krankheit trifft damit den wirtschaftlich produktivsten Teil der Bevölkerung. Der wachsenden Mangel an qualifizierten Arbeitskräften führt zu einem Rückgang der wirtschaftlichen Produktivität. Die Annahme, dass durch ein Überangebot an Arbeitskräften diese Ausfälle kompensiert werden könnten, ist unrealistisch, da sie Verluste an ausgebildeten Arbeitskräften vernachlässigt. Die größere Personalfluktuation verursacht nämlich höhere Ausbildungskosten bei gleichzeitig sinkender Arbeitsproduktivität. Daher ziehen sich viele Firmen aus Ländern mit hoher HIV-Prävalenz zurück. Besonders hart getroffene Staaten werden einen drastischen Rückgang ihres Bruttosozialproduktes erleben. Die Seuche hat über den Verlust an landwirtschaftlicher Arbeitskraft auch Auswirkungen auf die Ernährungssicherheit. Fallstudien belegen Produktionsrückgänge um 60 %, vor allem im kleinbäuerlichen Sektor, wo der Ausfall einzelner Familienmitglieder nicht zu kompensieren ist.
Auf individueller Haushaltsebene betrifft AIDS sowohl die Einnahmen- (Verdienstausfälle) als auch die Ausgabenseite (Behandlungskosten). Zur Behandlung opportunistischer Infektionen müssten viele Haushalte ein Vielfaches ihres jährlichen Pro-Kopf-Einkommens aufwenden. Im staatlichen Haushalt müssen Mittel umgeschichtet werden, die dann in anderen Bereichen, etwa im Bildungssektor, fehlen.

Bekämpfung

Die beschriebenen Folgen von AIDS sind geeignet, Gesellschaften zu destabilisieren und einen Kollaps ganzer Staaten herbeizuführen. Der Bekämpfung der Seuche muss daher im Sinne von Krisenprävention und nachhaltiger Entwicklung höchste Priorität zukommen.
Voraussetzung einer wirksamen Bekämpfung ist die Enttabuisierung von AIDS. Nur Staaten und Gesellschaften, die offensiv mit der Problematik umgehen, sind in der Lage, die Seuche unter Kontrolle zu bringen. Eine flächendeckende Versorgung mit sog. antiretroviralen Medikamenten ist heute nur schwer möglich: Die Kosten einer Therapie etwa in den Industriestaaten liegen bei monatlich über 500 US-$ pro Kopf. Die Produktion günstiger Generika ist seit der WTO-Deklaration von Doha eine Option für jene Staaten, die nachweislich in einer Gesundheitskrise stecken. Da die gesamte Konstitution des Immunsystems entscheidend den Verlauf der Krankheit bedingt, ist und bleibt die Eindämmung von AIDS eine Frage des Entwicklungsstandes einer Gesellschaft insgesamt. Dies betrifft daher auch Bereiche wie die Ernährungssicherheit und das gesamte Gesundheitswesen.
Uganda und Thailand gelten als beispielhaft in ihrem Kampf gegen AIDS: Wie mittlerweile auch andere Staaten haben sie Aktionspläne entwickelt und AIDS zum Top-Thema ihrer Politik gemacht. Durch einen offensiven Umgang (z. B. Aufklärungskampagnen, kostenlose Tests) und eine offene Informationspolitik konnten Verhaltensänderungen erreicht und somit eine gezielte Bekämpfung ermöglicht werden. Der multisektorale Ansatz wird von einer breiten Koalition staatlicher und nichtstaatlicher Akteure (NGO, Kirchen etc.) mitgetragen, wobei auch kulturelle Besonderheiten im Umgang mit Sexualität in der multiethnischen Bevölkerung berücksichtigt wurden. Die Neuinfektionsraten in diesen Staaten sind seitdem deutlich zurückgegangen. Verschiedene internationale Akteure haben sich dem Kampf gegen AIDS verschrieben, darunter UNAIDS oder der Global Fund to fight AIDS, Tuberculosis and Malaria, eine Initiative der G8-Staaten, der Europäischen Kommission, des UN-Generalsekretärs sowie der Afrikanischen Union. Auch innerhalb der deutschen Entwicklungszusammenarbeit kommt dem Thema sowohl als Sektorprojekt als auch als multisektoraler Querschnittsaufgabe eine besondere Bedeutung zu.



Quellenangaben:
Quelle: Geographie Infothek
Autor: Sebastian Siebert, Kristian Uhlenbrock
Verlag: Klett
Ort: Leipzig
Quellendatum: 2006
Seite: www.klett.de
Bearbeitungsdatum: 04.06.2012


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