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Infoblatt Vogelgrippe - Von der Epidemie zur Pandemie?


Verlauf der Vogelgrippe-Epidemie ab 2003 und Informationen zum Pandemierisiko

Beginn der Verbreitung

Das hoch pathogene Influenzavirus vom Typ H5N1 trat erstmals 1997 in Südostasien auf. Die aktuelle Epidemie begann jedoch erst im Oktober 2003 in Vietnam und Thailand. Sie breitete sich in zahlreichen Ländern Südostasiens aus. Millionen Vögel starben, ein Teil verendete infolge der Erkrankung, ein anderer wurde getötet, um die Seuche einzudämmen.
Diesmal waren A-Viren des Subtyps H5N1 verantwortlich. Die menschliche Influenza wird hingegen vom Virustyp A, Subtyp H1N1 und H3N2 oder vom Virustyp B ausgelöst. Es handelte sich bei der Epidemie also um einen Virus, der bisher nicht in der menschlichen Bevölkerung zirkulierte.
Auch Menschen infizierten sich mit dem Erreger: Einige Patienten verstarben, beim Großteil der Infizierten konnte die Infektion auf engen Kontakt zu Vögeln zurückgeführt werden. Es sollen sich jedoch auch schon Menschen angesteckt haben, die keinen Kontakt zu Vögeln hatten. Hier kommt also wiederum nur eine Infektion über andere Menschen in Betracht. Eine Übertragung von Mensch zu Mensch wurde erstmals Mitte Juni 2006 bei einer indonesischen Familie wissenschaftlich nachgewiesen.

Weiterer Verlauf der Vogelgrippe-Epidemie

Nach einer kurzen Ruhephase brach die Vogelgrippe im Jahr 2004 erneut in Südostasien aus. Mehrere Millionen Tiere verendeten oder wurden vorsorglich geschlachtet. Ungefähr 40 Menschen starben an der Vogelgrippe. Chinesische Forscher entdeckten den Vogelgrippe Erreger H5N1 auch bei Schweinen, welcher dort aber keine Krankheitssymptome auslöste. Da Schweine sich auch mit dem menschlichen Grippevirus infizieren können, besteht die Gefahr, dass sich beide Erreger zu einem sog. Supervirus mischen. Dieser könnte auch von Mensch zu Mensch übertragbar sein.
Im Jahr 2005 breitete sich der Vogelgrippe-Erreger des Subtyps H5N1 in Südostasien weiter aus. Im Sommer 2005 erreichte die Seuche zunächst die Mongolei, Russland und später Kasachstan.
Es wird vermutet, dass sich das H5N1-Virus durch gemeinsame Gewässernutzung mit Zuchtvögeln auf die Wildvögel übertragen hat. Da bei Erkrankung mit der hochpathogenen Variante des Erregers die Wildvögel meist erkrankten und in der Folge innerhalb weniger Tage verendeten, kam es bisher nur zu einem punktuellen Ausbruchsmuster, da nur einzelne Virusträger nach einer Infektion noch größere Distanzen zurücklegen können. Der genaue Weg der Ausbreitung ist nach wie vor unklar, umfangreiche Tests von Wildvögeln sollen nun diese Frage beantworten. Generell ist die Bedeutung des Vogelzugs für die Verbreitung des Virus jedoch umstritten. So passt etwa das Aufflammen der Krankheit in vielen Regionen zeitlich nicht zu den Zugphasen der Wildvögel. Daher wird häufig der Tierhandel mit illegal importierten infizierten oder erkrankten Tieren als wesentlicher Ausbreitungsfaktor genannt.

Der Erreger erreicht Europa und Afrika

Im Herbst 2005 erreichte die Vogelgrippe schließlich Europa. Virenfunde wurden in Rumänien (z. B. im Donaudelta), im Osten der Türkei und in Kroatien nachgewiesen. Hier passte nun auch das Auftreten der Erkrankung zu Zugzeit und Zugrichtung von Wildvögeln. Im Januar 2006 wurden in Rumänien und der Türkei weitere Fälle von Vogelgrippeviren bei Hausgeflügel und Wildvögeln entdeckt. In der Türkei wurden außerdem Infektionen von Menschen mit dem H5-Subtyp des Vogelgrippen-Virus gemeldet.
Im Februar 2006 ist der Vogelgrippe Erreger H5N1 auch in der Europäischen Union angekommen, Griechenland, Italien, Slowenien, Österreich und Deutschland zählten zu den ersten betroffenen Ländern. In Frankreich wurde der Erreger erstmals innerhalb der EU auf einer Geflügelfarm nachgewiesen. Die EU bot betroffenen Landwirten finanzielle Unterstützung an. Anfang desselben Monats gab es zudem erste Berichte über einen Ausbruch der Vogelgrippe im Norden Nigerias. Damit hatte der Erreger auch Afrika erreicht.
In Deutschland konnte das Virus zuerst am 8. Februar 2006 in verendeten Wildvögeln auf der Ostseeinsel Rügen nachgewiesen werden. Wie es dorthin gelangte, ist noch unklar, möglicherweise haben Kälteeinbrüche im Januar eine Winterflucht von Vogelpopulationen aus dem Osten ausgelöst. In der Folge wurde bei toten Wildvögeln in den Bundesländern Mecklenburg-Vorpommern, Schleswig-Holstein, Baden-Württemberg, Brandenburg, Bayern, Niedersachsen und Berlin die Vogelgrippe festgestellt.
Am 5. April 2006 kam dann die Meldung, dass in einem landwirtschaftlichen Betrieb in Sachsen Geflügel mit H5N1 infiziert sei. Sofort begann man, den gesamten Bestand zu keulen, um eine Weiterverbreitung des Virus zu verhindern. Das Auftreten erstaunt insofern, dass bis zu diesem Zeitpunkt keine Wildvögelinfektionen aus Sachsen gemeldet wurden. Wissenschaftler haben noch keine schlüssige Erklärung, nach welchem Muster und über welche Wege sich das Virus in Deutschland ausgebreitet hat.
Am 25. Dezember 2006 starb in Ägypten eine Frau an H5N1, zwei weitere Personen infizierten sich mit dem Erreger. Im Januar 2007 erkrankte eine Person in China, im März folgten weitere Erkrankungen in beiden Ländern. Ende des gleichen Monats gab es drei Todesfälle in China und Indonesien.

Droht eine Pandemie?

Bis 21. April 2006 hatten sich nach Angaben der Weltgesundheitsorganisation (WHO) weltweit 204 Menschen in neun Staaten mit H5N1 infiziert, wovon 113 starben. Mit 93 belegten Fällen und 42 Todesopfern ist Vietnam das am stärksten betroffene Land. Von einer Pandemie, das heißt einer Epidemie großen Ausmaßes, die sich weltweit ausbreitet, kann bislang aber (noch?) nicht gesprochen werden.
Forscher befürchten jedoch, dass sich der hochpathogene Vogelgrippen-Virus H5N1 mit einem Erreger der Humangrippe, wie er bei Menschen und Schweinen vorkommt, kreuzt. Dies ist prinzipiell möglich, wenn ein Infizierter sich mit beiden Erregertypen gleichzeitig ansteckt. Dieses Supervirus kann möglicherweise eine weltweite Pandemie auslösen, wenn seine Ausbreitung nicht unterbunden wird. Wie real diese Gefahr ist, haben H5N1-Virus-Proben aus Europa, Afrika und dem Nahen Osten gezeigt, da sich eine West-Variante des Virus entwickelt hat, die im Vergleich zur Asia-Variante Säugetiere sehr viel schneller infiziert.
Eine der verheerendsten Grippepandemien war die so genannte Spanische Grippe von 1918 bis 1920. Mehr als 500 Millionen Menschen erkrankten und geschätzte 20 bis 50 Millionen Infizierte starben infolge der Infektion mit dem aggressiven Erreger des Typs A, Subtyp H1N1. Nicht vorwiegend alte Personen und Kinder, die sonst die meisten Grippeopfer ausmachen, sondern besonders viele junge Erwachsene zählten zu den Opfern der Pandemie. Daher nehmen einige Forscher an, dass sich der Erreger aus einem ähnlichen Virustyp entwickelt hat, der sich etwa ein halbes Jahrhundert früher verbreitete. Dies würde die Resistenz der älteren Bevölkerungsgruppe erklären.
2003 kam eine Studie zu dem Schluss, dass dieses Virus von einem Vogelgrippeerreger abstamme. Andere Wissenschaftler widersprachen dieser These und meinten, dass das Virus zu den menschlichen Viren und Schweineviren gehöre. Möglicherweise entstammt das Virus einem Vogelreservoir, wurde aber bereits vor dem Ausbruch der Pandemie auf Säugetiere übertragen. Experten fürchten deshalb, dass nach einer Kreuzung der beiden Virentypen infolge der aktuellen Vogelgrippe eine ähnliche Pandemie wie 1918 grassieren könnte.
Weitere Pandemien des 20. Jahrhunderts waren die "Asiatische Grippe" 1957 und die "Hongkong-Grippe" 1968, die Zahl der Opfer war jedoch mit geschätzten zwei Millionen (1957) bzw. einer Million Toten (1968) deutlich geringer als infolge der Spanischen Grippe.
Das Pandemierisiko wird zurzeit sowohl von der WHO als auch vom deutschen Robert-Koch-Institut als nicht mehr so hoch eingestuft. Nur die theoretische Möglichkeit gilt als hoch. Planungen für den Pandemiefall gehen davon aus, dass ungefähr 30 Prozent der Bevölkerung an den Erregern erkranken würden.
Benötigten die Erreger der vergangenen Pandemien des 20. Jahrhunderts noch sechs bis neun Monate, um die Welt zu umrunden, so geht die WHO davon aus, dass durch den heutigen Flugverkehr gerade einmal drei Monate vergingen, bis sich das Virus in alle Teile der Welt verbreitet hätte. Es werde dann erheblicher Mangel an Impfstoffen und antiviralen Medikamenten herrschen, besonders in den Entwicklungsländern. Hinzu kämen kaum abschätzbare wirtschaftliche und soziale Probleme. Die Kosten einer Pandemie werden von der Weltbank auf bis zu 2 Billionen Dollar geschätzt.



Quellenangaben:
Quelle: Geographie Infothek
Autor: Sebastian Siebert, Kristian Uhlenbrock
Verlag: Klett
Ort: Leipzig
Quellendatum: 2003
Seite: www.klett.de
Bearbeitungsdatum: 28.05.2012


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