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Infoblatt Sprachen der Welt


Das Wort "Vater" in Europa (Klett)

Sprache als wichtigstes Kommunikationsmittel

Schätzungsweise 3.000 bis 10.000 unterschiedliche Sprachen nutzen die Menschen dieser Erde, um miteinander zu kommunizieren. Darunter sind weit verbreitete wie Englisch, Spanisch oder Chinesisch, mit vielen Millionen Sprechern, aber auch eher unbekannte mit teilweise weniger als 1.000 Sprechern, wie Aaakwo oder Grawadungalung.
Die mangelnde Klarheit über die genaue Zahl der Sprachen der Welt hängt vor allem damit zusammen, dass umstritten ist, was eigentlich eine eigenständige Sprache ausmacht. Wichtigstes Kriterium ist dabei die gegenseitige Verständlichkeit: Versteht man sich gegenseitig, so spricht man eine Sprache.
Doch auch diese Einteilung ist nicht unproblematisch. Ein Oberbayer und ein Ostfriese nutzen unterschiedliche Dialekte des Deutschen, die in Wortschatz und Grammatik so stark voneinander abweichen, dass gegenseitige Verständigung oft schwierig ist. Dennoch sprechen beide Deutsch. Gleichzeitig könnte sich der Ostfriese mit einem Niederländer wohl ohne Probleme verständigen. Dennoch gilt das Niederländische als eigene Sprache. In Fällen wie diesen ist es oft die Schriftsprache, die entscheidet, welche Sprecher welcher Sprache zugeordnet werden.
Neben sprachwissenschaftlichen Begründungen spielen bei der Definition einer eigenständigen Sprache aber nur allzu oft auch politische oder ethnische Gründe eine Rolle. So sind etwa Serbisch und Kroatisch einander so ähnlich, dass es sich eigentlich um eine Sprache handelt, sie werden jedoch aus politischen Gründen als zwei Sprachen angesehen.

Sprachfamilien

Obwohl Deutsche ohne Fremdsprachenkenntnisse einen niederländischen oder englischen Text, Italiener einen spanischen oder portugiesischen, kaum vollständig verstehen könnten, würden ihnen doch Teile des Satzbaus und zahlreiche Worte bekannt vorkommen. Dass sich Sprachen teilweise so schwierig voneinander abgrenzen lassen, hängt mit deren Ähnlichkeiten zusammen: Unterschiedliche Sprachen können miteinander verwandt sein, sie bilden Sprachfamilien.
Durch Sprachvergleiche gelang es Wissenschaftlern seit dem späten 18. Jahrhundert nicht nur, die Sprachen der Erde in Ähnlichkeitsgruppen einzuteilen. Sie erkannten auch die Ursache der Gemeinsamkeiten: Ähnliche Sprachen haben gemeinsame Vorfahren. Sie lassen sich gewissermaßen in einen Stammbaum einordnen, an dem im Laufe der Sprachgeschichte immer mehr Äste und Zweige entstanden – daher das Bild von der Sprachfamilie.
Natürlich ist die klare Abgrenzung von Sprachfamilien ebenso schwierig wie die einzelner Sprachen, dennoch geht die Wissenschaft heute von ca. 29 unterscheidbaren Sprachfamilien aus. Einige davon, wie das Indoeuropäische, das Sino-Tibetische oder das Niger-Kongo, sind regelrechte "Großfamilien". So umfasst die heutige "Generation" der indoeuropäischen Sprachfamilie (der nach Sprechern größten Sprachfamilie überhaupt) 140 Sprachen, darunter so unterschiedliche wie das slawische Russisch, das germanische Deutsch, das italische Spanisch, das keltische Walisisch, Persisch (Iran) und Hindi (Nordindien). Sie alle gehen auf eine postulierte gemeinsame Ursprungssprache, Proto-Indoeuropäisch, zurück. Andere, wie Khoisan, die Sprachen der Khoi-Khoin bzw. San Südafrikas, sind räumlich und was Sprach- und Sprecherzahl betrifft eng umgrenzt.
Verbunden werden Sprachen einer Familie dabei nicht nur durch ähnlichen Wortschatz (Deutsch: Vater; Englisch: father; Französisch: père etc.), sondern auch durch spezifische Arten der Lautverwendung oder des sog. Sprachbaus.
So zeichnet sich z. B. die Khoisan-Sprachfamilie vor allem durch ihre spezifischen Schnalz- und Klicklaute aus, die schriftlich durch! notiert werden (!Khoi).
Sog. isolierende Sprachen hängen zum Beispiel unveränderliche Wörter aneinander, deren Beziehungen zueinander erst durch die Stellung im Satz klar werden (Chinesen sagen beispielsweise wörtlich übersetzt: "Ich kaufen Orange essen"), während flektierende Sprachen durch Veränderungen innerhalb der Wörter unter anderem anzeigen, ob hier ich oder er, in Vergangenheit oder Gegenwart handeln (wie das Deutsche: "Ich habe Orangen zum Essen gekauft"). Auch nach derartigen Besonderheiten lassen sich Sprachen zu Familien zusammenfassen.

Gleichwertigkeit der Sprachen

Die ersten Sprachwissenschaftler, die die Sprachen der Welt miteinander verglichen, waren Europäer. Sie begannen damit im späten 18. und frühen 19. Jahrhundert, zu einer Zeit also, als diskriminierende und rassistische Ideen von der Überlegenheit der weißen Rasse, der Europäer, den legitimierenden Hintergrund imperialistischer Politik bildeteten. Es verwundert also kaum, dass auch heute noch Vorurteile existieren, die sog. "primitive Sprachen" (natürlich die Afrikanischen oder Indianischen) von "Kultursprachen" (wie dem Lateinischen, Englischen oder Deutschen) abgrenzen glauben zu können. Die moderne Sprachwissenschaft hat aber gezeigt, dass alle aktuell existierenden Sprachen über eine ähnlich komplexe Grammatik, ähnlich große Wortschätze etc. verfügen. Sie alle sind in dem Sinne gleichwertig, als sie ihren Sprechern ermöglichen, miteinander zu kommunizieren und sie alle besitzen ein ähnlich komplexes Spektrum an Ausdrucksmöglichkeiten. Es gibt keine logischeren oder (objektiv) ästhetischeren Sprachen.

Sprachen und Denken

Allerdings akzeptiert auch die moderne Sprachwissenschaft, dass die Sprache, die wir sprechen, einerseits von der uns umgebenden Realität geprägt wird, andererseits unsere Möglichkeiten, diese Realität denkend und redend zu erfassen, zumindest beeinflusst. Die Sprachen der Welt sind also sowohl Abbild als auch fester Bestandteil der geographischen und kulturellen Vielfalt der Erde.
So besitzen beispielsweise die Sprachen der Inuit (Eigenbezeichnung der "Eskimos") zahlreiche unterschiedliche Begriffe für verschiedene Arten und Zustände von Schnee – er spielt in ihrer Umwelt schließlich eine ausgesprochen wichtige Rolle. Gleichzeitig existieren australische Aborigine-Sprachen, die nur eins, zwei und viele als Zahlwörter kennen. Unterschiede werden dann benannt, wenn sie relevant sind.
Im Japanischen sind die gesellschaftlichen Hierarchien auch sprachlich verankert: Für ich und du/sie werden unterschiedliche Worte verwendet, je nachdem ob ein Mann oder eine Frau, ein Jüngerer oder Älterer, ein höher oder niedriger Gestellter spricht bzw. angesprochen wird. Derartige sprachliche Vorgaben können gesellschaftliche Ungleichheiten stabilisieren.
Dennoch sollte klar sein, dass unsere Gedanken keine Gefangenen unserer Sprache sind: Ein australischer Ureinwohner, der Englisch lernt, begreift die dort verwendeten Zahlworte problemlos, ebenso wie ein Deutscher, der Inuit lernt, sich die vielen Begriffe für Schnee aneignen kann. Und junge, moderne Japanerinnen verwenden immer häufiger Wortformen, die eigentlich als männlich gelten.

Sprache und Identität

Sprache ist nicht nur ein Medium der Verständigung. Von zahlreichen menschlichen Gruppen wird die eigene Sprache auch als Teil der kulturellen, ethnischen oder nationalen Identität angesehen. Literarische – also sprachliche – Denkmäler, wie z. B. das "deutsche" Nibelungenlied, werden oft als wichtiger Teil der eigenen Geschichte betrachtet, formen das nationale Selbstbild. Eine gemeinsame Sprache stärkt das Zusammengehörigkeitsgefühl ethnischer oder auch religiöser Gruppen. Der Wunsch nach einem unabhängigen gemeinsamen Territorium wurde und wird oft mit dem Hinweis auf eine eigene Sprache begründet: ob in Deutschland vor 1871 oder im Falle der Kurdischen, dessen Sprecher in mehreren Staaten des sog. Nahen Ostens leben und einen eigenen Kurdenstaat einfordern.
Umgekehrt werden dort, wo die machthabenden Mehrheiten eine andere Sprache sprechen, die Sprachen der Minderheiten oder beherrschten Gruppen oft verboten oder diskriminiert. So starb in Irland das Gälische während der Besatzung durch die Engländer fast aus, da in dieser Sprache nicht unterrichtet werden durfte und das Englische zur alleinigen Sprache des öffentlichen Lebens wurde. Nach der Unabhängigkeit erlebte die keltische Sprache dann eine erstaunliche Wiedergeburt, obwohl die Jüngeren sie wie eine Fremdsprache neu erlernen mussten.
Die sog. Muttersprache hat also einen wichtigen Anteil an persönlichen, aber auch nationalen Identitäten. Staaten, in denen verschiedene Sprachen gesprochen werden, wie die Schweiz und Belgien oder wie Indien, in dem sogar verschiedene Sprachfamilien nebeneinander existieren, haben oft erhebliche Probleme, zu einer gemeinsamen nationalen Identität zu finden.
In unserer immer stärker zusammenwachsenden Welt beherrschen einige wenige Sprachen immer mehr die globale Kommunikation: die Weltsprachen Englisch, Spanisch, Hindi und Chinesisch. Zahlreiche "kleinere" Sprachen sind im Laufe der letzten Jahrhunderte bereits ausgestorben, werden auch heute noch in Staaten mit mehreren Sprachen von den Mehrheitssprachen verdrängt. Mit ihnen gehen oft auch ganze literarische Traditionen verloren. Für die kulturelle Vielfalt der Erde sind dies traurige Verluste.
Doch muss man sich auch darüber im Klaren sein, dass die Sprachen der Welt schon immer im Wandel waren, sich veränderten und gegenseitig beeinflussten. Vieles geht verloren, doch entsteht auch viel Neues. So entwickelten sich durch Mischung verschiedener Sprachen zahlreiche so genannte Pidgin- und Kreolsprachen. Meist vermischte sich das Englisch, Spanisch oder Portugiesisch europäischer Eroberer dabei mit den Sprachen beherrschter Völker: Neue Muttersprachen entstanden, wie z. B. Saramakkan, Sango oder Chinook. Diese Mischsprachen sind oft das Abbild der sie tragenden Mischkulturen.
Solange der Wandel in der Sprachvielfalt der Erde also nicht gewaltsam, durch Diskriminierung oder Verbote, herbeigeführt wird, spiegelt er vor allem eines wider: den Wunsch der Menschen der Welt, mit anderen Menschen reden und einander verstehen zu können.

Literatur

BUSSMANN, Hadumod (2002): Lexikon der Sprachwissenschaft. Stuttgart.
CRYSTAL, David (1995): Die Cambridge Enzyklopädie der Sprache. Frankfurt a. M. / New York.



Quellenangaben:
Quelle: Geographie Infothek
Autor: Christiane Marxhausen
Verlag: Klett
Ort: Leipzig
Quellendatum: 2003
Seite: www.klett.de
Bearbeitungsdatum: 01.05.2012


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