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Infoblatt Massai


Stammesgebiet der Massai (Klett)

Basisdaten, Lebensweise, Konflikte und Lösungsansätze

Die Massai zählen unter den afrikanischen Volksgruppen zu einer der bekanntesten und erlangten international zuletzt durch die dreiteilige Autobiographie von Corinne Hofmann Berühmtheit, deren erster Teil "Die weiße Massai" 2004 verfilmt wurde. Aber auch schon früher wurde diese afrikanische Volksgruppe durch Reiseberichte aus dem 19. Jahrhundert, u. a. von Joseph Thomson, in Europa bekannt. Seitdem ranken sich unter den Europäern viele Legenden um die Rindernomaden, die den romantischen Idealen vom edlen Wilden zu entsprechen scheinen. Bis heute halten sich solche Vorstellungen unter Safaritouristen.

Basisdaten und traditionelle Lebensweise

Die Massai sind ein nomadisierendes Hirtenvolk, das im Norden Tansanias und im Süden Kenias auf weiten Ebenen nordwestlich des Kilimandscharo beheimatet ist. Derzeit existieren rund 500.000 bis 1 Million Massai. Wahrscheinlich stammen sie aus dem Sudan sowie dem Niltal und kamen in der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts mitsamt ihrer domestizierten Rinder in das vor allem in der Serengeti gelegene Stammesgebiet. Ihr schlanker Körperbau und die hellere Hautfarbe deuten noch heute auf die nördliche Herkunft hin. Sie sprechen eine nilotische Sprache, die sie selbst als Maa bezeichnen. Diese Sprache wird erst seit etwa 100 Jahren geschrieben. Die meisten Massai sprechen aber auch Swahili. Die Massai gelten als Schützer und Wächter der Wildtiere der Serengeti, da sie jahrhundertelang mit ihnen zusammen in Frieden lebten, ohne sie für ihre Versorgung zu jagen.


Wässerung des Viehs (Prof. Dr. Gabriele Schrüfer)

Die Massai sind vor allem als Rinderhirten bekannt. Ein angesehener Massai besitzt mindestens 50 Rinder, denn in allen Bereichen ihrer Kultur spielen diese Tiere eine besondere Rolle. Blut, Milch und Fleisch der Rinder bilden ihre Hauptnahrungsmittel. Das Rinderblut, teilweise mit Milch vermischt, wird getrunken und als saroi bezeichnet. Es werden aber auch Beeren gesammelt und Rinden, Wurzeln und Blätter aus der Steppe zu heilsamen Tees verarbeitet. Dem Glauben der Massai nach hat ihr Gott Ngai, der auf dem Mount Kenya lebt, ihnen alle Rinder der Erde überlassen. Daraus folgt, dass alle anderen Rinderzüchter in ihren Augen Viehdiebe sind und sie ein Recht auf deren Besitz haben, was wiederum zu zahlreichen Konflikten geführt hat. Ferner spielt das Blut der Rinder in den Zeremonien eine wichtige Rolle, denn es symbolisiert das Leben schlechthin. Rot ist daher die heilige Farbe der Massai.


Rinder im Maasai-Enkang (Prof. Dr. Gabriele Schrüfer)

Entsprechend steigt das Prestige eines Mannes mit der Größe seiner Herde, doch auch mit der Anzahl seiner Frauen. Nicht selten sind die Massai-Männer mit fünf Frauen verheiratet. Jede wohnt mit ihren Kindern in einem eigenen Haus und der Mann entscheidet von Abend zu Abend, bei welcher er nächtigen möchte. Auch ein anderer Massai kann jederzeit bei den Frauen anderer übernachten. Die Frauen haben diesbezüglich keinerlei Mitspracherecht. Aufgrund dieses Verhaltens und der Ablehnung von Kondomen sind sie sehr anfällig gegenüber AIDS.
Der Mittelpunkt des gesellschaftlichen und familiären Lebens bildet das Dorf (Enkang), in dem die Ältesten mit ihren Frauen und Kindern und einem Teil der Viehherde leben. Sie bewohnen wabenförmige Hütten aus getrocknetem Kuhdung und Lehm, das Dach besteht aus Rinderhäuten. Der Bau der Hütten ist ausschließlich Sache der Frauen, denn diese gehören ihnen, nicht ihrem Mann. Die kreisförmig angeordneten Hütten werden mit Gestrüpp umzäunt, das ihren Nutztieren Schutz bietet.


Massai-Männer (Prof. Dr. Gabriele Schrüfer)

Die Nomaden haben eine sehr lange Tradition als Kriegervolk – sie gelten daher als ideale Repräsentanten des Hirtenkriegertums. Die Krieger bilden eine eigene Kaste und stellten früher die soziale Elite dar. Heute haben sie einen Teil ihrer Funktion verloren, denn die Clans bekriegen sich nicht mehr untereinander. Trotzdem zelebrieren sie weiterhin die traditionellen Aufnahmeriten. Zu ihren Waffen zählen vor allem die Speere mit sehr langen und breiten Eisenklingen und die dazugehörigen bemalten Lederschilde und Schwertmesser. Ihr Kriegerimage ist allseits gefestigt – sie genießen sowohl den Respekt der arabischen Händler in Ostafrika wie auch der ehemaligen Kolonialherren.
Die Massai besitzen eine ausgeprägte Stammesgliederung: Jeder der fünf Clans bzw. Stämme verwendet für das Vieh ein eigenes Brandzeichen. Durch das Branding der Rinder vermeidet man Inzucht und kann verloren gegangene Tiere sofort einem Clan zuordnen. Die Massai sind exogam, d. h. es darf nur innerhalb der Clans geheiratet werden. Jeder Stamm hat ein Oberhaupt, Laibon genannt. Dieser ist ein religiöser Führer, der mit dem Gott der Massai kommunizieren kann. Heute übernimmt er vor allem weltliche Aufgaben. Zentrale Führungsinstanzen spielen im Allgemeinen im egalitären Gesellschaftssystem der Massai eine eher untergeordnete Rolle.
Die männlichen Massai durchlaufen in ihrem Leben bestimmte Altersränge, die mit gewissen Rechten, Pflichten und Aufgaben verbunden sind. Die Kinder bis ungefähr 12 Jahre nennt man Inkera. Ihnen werden in dieser Zeit Namen gegeben und die unteren Schneidezähne entfernt. Im Alter zwischen 12 und 16 Jahren durchbohrt und streckt man traditionell ihre Ohrläppchen. Sie hüten als Ilaiyok (unbeschnittene Jungen) schon das Vieh. Der Übertritt zur nächsten Altersgruppe ist sehr bedeutend und wird mit einem mehrtägigen Fest begangen: Die Beschneidung (Emuratta). Vorher werden sie rasiert und kalt gewaschen – eine Reinigung von Sünden. Ohne Betäubung und mit einem einfachen Messer wird die Vorhaut abgeschnitten und mit Asche bestreut. Die in eine schwarze Robe gekleideten Jungen dürfen dabei keine Anzeichen von Schmerz zeigen, sonst erhalten sie von ihrem Vater nicht die versprochenen Rinder und die Familienehre wäre beschmutzt. Der Heilungsprozess kann durch mangelnde Desinfektion 3 bis 4 Monate dauern. Ein ähnliches Beschneidungsritual findet bei den Frauen der Gemeinschaft statt, doch kommt dieses einer Genitalverstümmelung gleich. Aus diesem Grund widmen sich verschiedene Hilfs- und Aufklärungsprojekte einer Abschaffung dieser Praxis, da diese für die Frauen erhebliche gesundheitliche Beeinträchtigungen nach sich ziehen kann.
Nach der Beschneidung sind die Männer in den Kreis der Erwachsenen aufgenommen und nennen sich morani. Sie gehören nun offiziell der Kriegerkaste (Ilmurran) an, kleiden sich komplett rot, lassen ihr Haar wachsen und tragen einen besonderen Speer. Sie ziehen mit dem Großteil des Viehs durch das Land, von Weide zu Weide. Diese Gruppe lebt in einem isolierten Kriegerdorf. Die Gemeinschaft steht hier im Mittelpunkt, selbst gegessen wird ausschließlich in der Gruppe. Außerdem absolvieren sie viele Zeremonien und Rituale, so zum Beispiel das springende Tanzen, wodurch die Stärke des Kriegers bewiesen werden soll. Im Alter von etwa 26 Jahren folgt der letzte Schritt des Erwachsenwerdens mit dem Ritual des Eunoto. Erst danach dürfen die Krieger heiraten (Enkiyama), eine Familie gründen und mit anderen Altersgruppen zusammen Milch und Fleisch verzehren. Ab einem Alter von 35 Jahren müssen die Männer nicht mehr kämpfen und treten in eine neue Altersklasse über: die Ilkishumu. Sie sind nun automatisch im Ältestenrat, der alle wichtigen Stammesangelegenheiten regelt. Iseuri bezeichnet man die Männer ab 50 Jahre, die religiöse und rituelle Macht besitzen. Danach folgen abschließend die Ränge Ilnyangusi (60 - 90 Jahre) und Ilterito (ab 90 Jahre).

Probleme und Konflikte mit anderen Bevölkerungsgruppen in Vergangenheit und Gegenwart, Bedrohung der Lebensweise und Schritte zur Konfliktlösung

Vor rund 100 Jahren besaßen die Massai die besten Weidegründe zwischen Mount Kenya und Mount Elgon, doch inzwischen sind sie von dort vertrieben worden, da die Errichtung von Nationalparks, Naturschutzgebieten, Wild- und Forstreservaten, aber auch von Großfarmen für Viehzucht und Ackerbau ihren Aktionsradius erheblich einschränkt. Die Massai können ihre Anliegen und Interessen politisch nicht vertreten, da sie keine Lobby haben. Durch diesen Landraub wurde auch ihre Ernährungsgrundlage zerstört, denn die entzogenen Gebiete dienten ihnen früher als lebensnotwendige Weidegebiete, vor allem in Dürrezeiten zogen sich die Nomaden in diese Gebiete zurück.
Die Massai haben sich durch ihre Fernweidewirtschaft gut an die ariden klimatischen Bedingungen angepasst, denn der wenige Niederschlag ist sehr variabel und Dürrephasen treten häufig auf. Doch die weltweiten Klimaveränderungen führen zu immer häufiger auftretenden Dürrekatastrophen sowie Wassermangel und verschärfen das Problem weiter. Außerdem werden ihre Herden durch die Rinderpest und andere Tierseuchen stark dezimiert. Die Zahl der Tiere ist heute so gering, dass eine Subsistenzwirtschaft fast nicht mehr möglich ist. Auch durch den Verkauf ihrer Rinder können sie nicht mehr überleben, da die Tauschbedingungen immer ungünstiger werden. Die Massai wehren sich dennoch dagegen, ihre Viehzucht nach dem westlichen Modell auf Farmen auszuüben.
Letztendlich sind sie aber gezwungen, ihre Hauptnahrungsquellen nach und nach vor allem durch Mais, Kartoffeln und Reis zu ersetzen. Auch aufgrund des enormen Bevölkerungsdrucks in Tansania und Kenia können die Massai ihre vollnomadische Lebens- und Wirtschaftsweise nicht fortführen und müssen sich stattdessen dem Ackerbau zuwenden. Aus diesem Grund wurden sie in den 1970ern im Zuge der Ujamaa-Politik teilweise dazu genötigt, feste Siedlungen zu errichten und Mais anzubauen, wogegen sich die Massai zunächst allerdings noch zur Wehr setzten, da sie im Pflanzenanbau eine Zerstörung der Natur und wertvollen Weidelands sehen. Infolge eines Anstiegs der Maispreise in den 1980er Jahren gab es für viele der Hirten jedoch keinen anderen Ausweg mehr und sie begannen gegen ihre Tradition mit dem Maisanbau. Hierbei treten jedoch zahlreiche Probleme auf. Der Ertrag ist aufgrund der ungünstigen klimatischen Bedingungen ohnehin oft sehr gering, doch zunehmende Dürren oder der Fraß durch die Wildtiere belasten die Ernteerträge außerdem. Ferner mangelt es den Massai im Ackerbau an entsprechender Erfahrung. Abschließend haben sie durch die Dominanz von Großfirmen nur wenig Boden zur Verfügung, da ihnen sowohl das Kapital als auch das notwendige Know-how fehlen, um in ihrem Stammesland ausreichende Flächen zu erwerben.
Im Endeffekt führte dies zu einer Verelendung der einst so stolzen und erfolgreichen Viehzüchter. Sie kämpfen wie andere Nomaden Afrikas um ihr Überleben. Viele Rituale und Zeremonien sind heute größtenteils aufgegeben worden, was sich u. a. stark auf die Sozialstruktur auswirkt. Als Beispiel kann die Tatsache dienen, dass es den ursprünglich so hoch geschätzten Kriegern mittlerweile grundsätzlich verboten ist, ihre Montur und Waffen in Gasthäusern und geschlossenen Orten zu tragen.
Trotzdem versuchen sie an ihrer traditionellen Lebensweise festzuhalten. Ein kleiner Erfolg, die Lebensweise der Massai etwas zu schützen, ist die Errichtung von Wildschutzzonen, wie die Ngorongoro Conversation Area. Hier können die Massai weiterhin traditionell leben und gleichzeitig vom Tourismus profitieren. Sie verstehen es zwar durchaus, ihre Kultur zu vermarkten, doch werden sie oft lediglich als eine Art Ausstellungsobjekt betrachtet. Als Folge fühlen sie sich durch den wachsenden Tourismus und die geltenden Schutzbestimmungen in ihrer Freiheit und Selbstbestimmung eingeschränkt.

Literatur

Haarmann, Harald (2004): Kleines Lexikon der Völkerkunde von Aborigines bis Zapoteken, Beck´sche Reihe, München.
Enzyklopädische Bibliothek (1997): Lexikon von A bis Z, Gütersloh.
Hirschberg, Walter (1999;2005): Wörterbuch der Völkerkunde, 2. Auflage, Dietrich-Reimer-Verlag.
Stegner, Willi [Hrsg.] (2006): Taschen Atlas Völker und Sprachen, Gotha, Stuttgart, Klett-Perthes-Verlag.
Ibrahim, Barbara; Ibrahim, Fouad (1995): Die Ernährungskrise unter den Viehhaltern Afrikas – Das Beispiel der tansanischen Massai, In: Geographie heute, Band 16, Heft 136, S.40 - 45.



Quellenangaben:
Quelle: Geographie Infothek
Autor: Nancy Allmrodt
Verlag: Klett
Ort: Leipzig
Quellendatum: 2007
Seite: www.klett.de
Bearbeitungsdatum: 11.06.2012


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