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Infoblatt Schrumpfende Städte - Shrinking Cities


Rückbau von Plattenbauten in Halle-Neustadt (Klett)

Ursachen, Auswirkungen und Handlungsstrategien

Das seit der Industriellen Revolution gewohnte Bild der wirtschaftlich und demographisch wachsenden Stadt hat in den letzten Jahrzehnten starke Risse bekommen. Statt weiter zu wachsen, schrumpfen viele Städte in den industrialisierten Ländern, vorwiegend in altindustriellen Regionen, z. B. in Großbritannien, Italien, Russland, in den USA oder sogar in China. Besonders viele Klein-, Mittel- und Großstädte schrumpften und schrumpfen in den neuen Bundesländern Deutschlands. Aber auch im westlichen Teil unseres Landes gibt es schrumpfende Städte.

Warum schrumpfen Städte?

Die Industrialisierung hatte in Europa seit dem 19. Jahrhundert zu einem dauerhaften Wachstum von Städten geführt, welches sich bis weit ins 20. Jahrhundert fortsetzte. Städtische Agglomerationen sind oft explosionsartig gewachsen. In gleichem Maße wie auf dem Land die Arbeitsplätze verloren gingen, entstanden in den industriellen Ballungsräumen neue Arbeitsplätze. Die Magnetwirkung der boomenden Industriestädte zog viele Menschen an. Das internationale Wirtschaftsgefüge verändert sich aber fortlaufend. Im Rahmen der internationalen Arbeitsteilung haben sich die wirtschaftlichen Schwerpunkte zahlreicher Branchen räumlich verschoben. Die sog. Entwicklungsländer entwickelten sich von Rohstofflieferanten zu Standorten der Massenproduktion. Der Konkurrenzkampf auf den internationalen Märkten hat sich dadurch erheblich verschärft, was allgemein auch mit den Prozessen der Globalisierung umschrieben wird. Besonders der wirtschaftliche Strukturwandel in den 1970er- und 1980er-Jahren verursachte einen Niedergang traditioneller Industrieregionen. Symptome für die regionalen Deindustrialisierungsprozesse waren und sind hohe Arbeitslosigkeit, Abwanderung und Leerstände von Wohn- und Gewerbeimmobilien. Durch diese Prozesse wird in vielen Regionen und Städten weltweit ein sich selbst verstärkender, zyklischer Abwärtstrend in Gang gesetzt. Die Ursachen und Wirkungen unterscheiden sich jedoch von Land zu Land, teilweise sogar von Region zu Region.

Schrumpfende Städte in Deutschland

Die Ursachen für die Schrumpfungsprozesse in Deutschland sind zwar von Stadt zu Stadt verschieden. Grundsätzlich kann aber zwischen schrumpfenden Städten in Ost und West unterschieden werden. Die aktuellen Schrumpfungsprozesse in der postindustriellen Gesellschaft in Westdeutschland haben andere Ursachen (und Wirkungen) als in der deindustrialisierten Gesellschaft in Ostdeutschland. In den neuen Bundesländern wurde der wirtschaftliche Strukturwandel durch die staatlich gelenkte Planwirtschaft bis 1990 verhindert. Nach dem Zusammenbruch der DDR beschleunigte sich dieser Prozess dramatisch. An vielen Standorten brachen die traditionellen Industriezweige aufgrund der fehlenden Wettbewerbsfähigkeit quasi über Nacht weg. Wenn solche wegfallenden Stellen nicht durch neue Arbeitsplätze ersetzt werden, folgen die betroffenen Menschen einem jahrhundertealten Muster: Sie wandern dorthin, wo es bessere Perspektiven v.a. in Form von Arbeitsplätzen gibt. In der Regel befinden sich diese Orte nicht in den altindustriellen Regionen, sondern in boomenden Gebieten mit wachstumsstarken Zukunftsbranchen, z. B. in Süddeutschland.
Aber nicht nur die Implosion der Lokalökonomie oder der schleichende wirtschaftliche Niedergang verursacht das Schrumpfen der Städte. Weitere Ursachen in Deutschland sind die niedrige Geburtenrate mit der damit verbundenen demographischen Alterung und die jahrzehntelange Subventionierung der Eigenheim-Vororte. Diese Speckgürtel um die Städte haben beträchtlich zur Verödung von Stadtkernen beigetragen. Die Massenmobilisierung v.a. durch das Automobil, lange Zeit niedrige Benzinpreise und die lang andauernde staatliche Eigenheimförderung haben den Wunsch nach Wohnen im Grünen und dessen Umsetzung befördert und ermöglicht. Während in den Kernstädten die Infrastruktur immer weiter verfällt, müssen im Umland der Städte neue Straßen, Strom-, Wasser- und Abwassernetze, Kindergärten und Schulen errichtet werden. Die Milliardensummen, die in die neue Infrastruktur investiert werden müssen, fehlen in den Kernstädten. Um die Jahrtausendwende lebten im Umland der Kernstädte, sowohl in West- als auch vermehrt in Ostdeutschland, oftmals mehr Menschen als in den Kernstädten selbst.

Auswirkungen in den schrumpfenden Städten

In den amtlichen Statistiken kann anhand der Einwohnerentwicklung schon seit geraumer Zeit das Schrumpfen vieler Städte abgelesen werden. Manch ostdeutsche Großstadt musste innerhalb von 20 Jahren seit 1990 einen Bevölkerungsschwund von mehr als 20 % hinnehmen. In vielen Schrumpfstädten sind die offensichtlichen Folgen nicht mehr zu übersehen: Ganze Stadtviertel entleeren sich, immer mehr Wohnungen stehen leer. Besonders stark betroffen sind die Großwohnsiedlungen, in denen oft ein Fünftel der Wohnbestände dauerhaft unvermietet bleibt. Problematisch sind jedoch nicht nur die strukturellen Leerstände in diesen Wohngebieten, sondern auch der Prozess des einhergehenden Niedergangs: Verarmung, Vergreisung und Ghettobildung. Dem massenhaften Wegzug und Leerstand folgt die Verödung, zurück bleiben sozial schwache Bevölkerungsgruppen. Gut ausgebildete Bürger und Besserverdienende konzentrieren sich hingegen inselhaft in aufgewerteten Stadtteilen und im Speckgürtel der Städte. Vor dem zunehmenden Wohnungsleerstand fallen - oft innenstadtnahe - altindustrielle Gewerbeflächen brach. Alte und überflüssige Industrieanlangen werden abgerissen und hinterlassen kahle Flecken in den Städten. Fehlen gewerbliche Nachnutzer, bleiben diese Flächen als innerstädtische Ödflächen oft sich selbst überlassen. Unter dem Wegfallen der traditionellen wirtschaftlichen Säulen einer Stadt und der zunehmenden Abwanderung leiden verstärkt auch Dienstleistungsbetriebe, für die die Nachfrager fehlen. Die Folge sind z. B. leer stehende Einzelhandelsimmobilien in den Fußgängerzonen der schrumpfenden Städte. Die lokalpolitischen Akteure können den schier übermächtigen Prozessen des wirtschaftlichen Niedergangs ihrer Stadt und der Abwanderung oft nur wenig entgegensetzen. Gibt es überhaupt nachhaltige Handlungsstrategien für sterbende Städte?

Handlungsstrategien

Im Umgang mit schrumpfenden Städten stößt die klassische Stadtplanung an ihre Grenzen. Pauschale Rezepte für die neuen Herausforderungen gibt es nicht. Neue Wege müssen beschritten werden, wobei die Handlungsstrategien von Stadt zu Stadt unterschiedlich ausgerichtet werden sollten. Experimentelle Handlungskonzepte für Schrumpfstädte stammen aus den Bereichen Stadtplanung, Architektur, Landschaftsarchitektur, Medien und Kunst. Vor allem auf dem Gebiet der einstigen DDR war und ist der massive Wohnungsleerstand ein großes Problem. Eine schon länger praktizierte Strategie ist hier der Abriss, um Städte dem geringer gewordenen Bedarf anzupassen. Ein Abrissprogramm allein kann jedoch nicht den eigentlichen Ursachen der Schrumpfungsprozesse entgegnen. Jedoch kann damit auf die sog. Leerstandsspirale reagiert werden. Leerstand erzeugt Leerstand, weil sich die soziale Mischung auflöst und das Ansehen der schrumpfenden Stadtteile sinkt. Problematisch ist aber, dass trotz des Leerstands in den Großwohnsiedlungen die Zersiedelung im Umland steigt, weil die Besserverdienenden dort hinziehen.
Im Wesentlichen gibt es zwei grundsätzliche städtebauliche Reaktionen auf schrumpfende Städte. Auf der einen Seite ist dies der Rückbau von außen nach innen, also Abriss an den Rändern der Städte. Ein Vorteil dieser Strategie ist eine mehr oder weniger gleichzeitige Rücknahme der Infrastruktur, um die Kosten an die gesunkene Einwohnerzahl anzupassen. Gleichsam können die Funktionen einer Stadt räumlich konzentriert werden, was dem Leitbild der "kompakten europäischen Stadt" mit räumlicher Geschlossenheit und kurzen Wegen gerecht wird. Die Entfernung zwischen Stadtmitte und Stadtrand verkürzt sich also wieder.
Auf der anderen Seite steht das Modell der perforierten Stadt. Bei dieser Strategie werden nicht mehr benötigte Objekte lückenhaft aus dem Stadtbild herausgenommen und zurück bleibt eine durchlöcherte Stadt. Vorteilhaft ist die entstehende Auflockerung der Stadt, die zur nachträglichen Durchgrünung von Quartieren genutzt werden kann. Allerdings zeugt besonders die perforierte Stadt von der vergangenen, aktuellen und somit auch zukünftigen Entleerung.
Man muss jedoch verstehen, dass "Stadt" nur zu einem geringen Teil das Ergebnis bewusster Planung ist. (Schrumpfende) Städte (und das gilt weltweit) sind letztlich das Resultat übergeordneter Regeln und Kräfte, z. B. Gesetze, Märkte, technologischer Fortschritt. Deshalb wird es nach wie vor Städte geben, die wachsen. Neu ist jedoch das rasche Schrumpfen vieler Städte. Offen ist, wie lange dieser Prozess andauern und welche Auswirkungen er für die Betroffenen haben wird.



Quellenangaben:
Quelle: Geographie Infothek
Autor: Mirko Ellrich, Christian Neuhaus
Verlag: Klett
Ort: Leipzig
Quellendatum: 2006
Seite: www.klett.de
Bearbeitungsdatum: 28.01.2012


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