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Infoblatt Die lateinamerikanische Stadt


Arequipa / Peru (Fischer)

Aufbau, Struktur und Funktion der lateinamerikanischen Stadt

Der Typ der lateinamerikanischen Stadt ist auf dem mittel- und südamerikanischen Kontinent zu finden. Bekannte Städte, die diesem Modell zugeordnet werden können, sind z. B. Mexiko Stadt, Bogotá, Lima oder Santiago de Chile.
Einige lateinamerikanische Städte haben ihren Ursprung bereits in der vorkolonialen Zeit. Sie wurden von den Ureinwohnern Mittel- und Südamerikas errichtet und waren die Machtzentren der damaligen Hochkultur. Durch die Eroberung dieser Städte im 16. Jahrhundert durch spanische und portugiesische Konquistadoren wurden viele Siedlungen völlig zerstört und stattdessen andernorts Städte völlig neu gegründet. Manche wurden auch auf den Ruinen der alten indianischen Siedlungen errichtet, wie z. B. Mexiko Stadt.

Bauliche Merkmale


Stadtplan von Lima (Fischer)

Die meisten der heutigen Metropolen in Mittel- und Südamerika haben ihren baulichen Ursprung in der Kolonialzeit. Charakteristisch dafür ist der planmäßig angelegte Schachbrettgrundriss der Straßen. Wenn es die Topographie nicht zuließ, z. B. bei Hafenstädten, wurde dieser auch angepasst. Das Schachbrettmuster hatte den Vorteil, dass die Stadt schnell erweitert werden konnte. Außerdem war dieser Grundriss für die Verteilung der Baugründe und Kontrolle der Steuereinnahmen vorteilhaft. Das bauliche Zentrum der historischen Kolonialstadt war die quadratische Plaza Mayor (Zentralplatz). An den rechtwinklig abgehenden Hauptstraßen wurden die wichtigsten Funktionen der Stadt (z. B. Rathaus, Verwaltung, Kirchen, Schulen) angesiedelt. In weiterer Entfernung zum Plaza Mayor gruppierten sich die Villen und quadratisch angelegte Wohnblöcke der spanischen und portugiesischen Machthaber. Zentrumsferner folgten die sog. Patiohäuser der Mittelschicht. Diese schlichten, meist zweistöckigen Unterkünfte besaßen einen Innenhof, in dem häufig ein kleiner Garten angelegt wurde. Am Rande der Städte befanden sich die Hüttensiedlungen (Favelas) der sozial Schwächsten. Unterschiede zwischen spanischen und portugiesischen Siedlungen bestanden darin, dass die portugiesischen Städte meist planloser entstanden und der Grundriss somit auch mehr Unregelmäßigkeiten aufweist.

Soziale und wirtschaftliche Merkmale

Mit einsetzender Industrialisierung Ende des 19. Jahrhunderts veränderte sich das Gesicht der Städte deutlich. Erhalten blieb aber der Schachbrettgrundriss der Straßen. So erlebten die Städte aufgrund der enormen Nachfrage nach Arbeitskräften ein bis heute ungebremstes Flächenwachstum. Im innerstädtischen Bereich wurden die Wohnhäuser der Oberschicht in Geschäftshäuser umgewandelt und die Grundstücke um die Plaza Mayor zunehmend teurer. Auch die Patiohäuser der Mittelschicht wurden umgebaut und in mehrere kleinere Wohneinheiten unterteilt. Das führte dazu, dass sich nicht nur Marginalsiedlungen in den Außenbezirken, sondern auch im zentrumsnahen Bereich bildeten. Marginal bedeutet in dem Falle räumlich oder sozial "am Rande". Das sind meist heruntergekommene Siedlungen an den Stadtgrenzen (teilweise aber auch in Zentrumsnähe), in denen Bevölkerungsschichten großteils am Existenzminimum leben.
Die Ober- und Mittelschicht siedelte sich dagegen vornehmlich in abgegrenzten Gebieten, z. T. weit außerhalb der Stadt an. In der Nähe dieser Wohnviertel entwickelten sich häufig kleinere, speziell auf die Bedürfnisse dieser Schicht abgestimmte Geschäftszentren. Das hatte wiederum zur Folge, dass das Stadtzentrum abgewertet wurde, da die Erreichbarkeit durch die Ober- und Mittelschicht ungünstig war. Mit der Erfindung des Automobils und dem Ausbau der öffentlichen Verkehrsmittel in den lateinamerikanischen Städten änderte sich die funktionale Verteilung der Stadtviertel wieder.

Wandel der lateinamerikanischen Stadt

In den letzten Jahrzehnten wurde und wird die Entwicklung der lateinamerikanischen Städte durch verschiedene Faktoren beeinflusst. Einerseits wird das ungehinderte Wachstum der Bevölkerung und somit auch der Städte zu einem massiven Problem. Andererseits entstehen städtebauliche Veränderungen nach internationalem Vorbild. Durch meist privatwirtschaftlich getragene Investitionen werden urbane Elemente zur Stadtentwicklung hinzugefügt, die weltweit in vielen Städten errichtet wurden. Dazu gehören u. a. Shopping Malls, Business-Center, Industrieparks und Multiplexkinos. Zahllose Autobahnen und Hochstraßen wurden errichtet, um die alltäglichen Verkehrsprobleme zu vermindern. Trotz ständiger Erweiterungen des Straßennetzes können die lateinamerikanischen Städte und ihre Verkehrsinfrastruktur das ständig steigende Fahrzeugaufkommen kaum bewältigen. Auch der Ausbau des öffentlichen Nahverkehrs kann die Verkehrsproblematik nicht ausgleichen, die sich durch die rasante Bevölkerungszunahme weiter verschärft.
In zentralen Lagen entstanden mächtige Hochhausbauten. Sie wurden nicht nur aufgrund des Platzmangels und der teuren Bodenpreise errichtet, sondern auch als Symbol für den Wohlstand der führenden Schicht. Neue Wohnviertel werden bevorzugt im suburbanen Raum geschaffen. Hier stehen Villen und Einfamilienhäuser, die nach der jeweiligen Mode des internationalen Baustils errichtet werden. Diese, auch als "gated communities" bezeichneten Siedlungen sind faktisch von der Umgebung abgeschottete und bewachte Gebiete. Für ein ungestörtes Wohnen und aus Sicherheitsgründen wird diese Abschottung von sehr einkommensstarken Personengruppen bevorzugt.
Die von der Oberschicht zurückgelassenen Häuser, meist in Zentrumsnähe oder am einstigen Stadtrand, werden häufig von Personen mittleren oder geringeren Einkommens übernommen; in diesem Fall wird auch von Degradierung gesprochen.
In den randstädtischen Marginalsiedlungen hingegen dominiert die schlichte Hüttenbauweise. Für viele Menschen, die aus dem Land in die Stadt zum Arbeiten kommen, ist dies der einzige Weg, in der Stadt eine Behausung zu finden. Wenn das Land rechtmäßig erworben bzw. gepachtet wurde und eine Baugenehmigung vorliegt, so wird das Hüttenviertel als legal bezeichnet. Fehlt dagegen die Baugenehmigung, wird von einem semi-legalen Wohnviertel gesprochen. Meist mangelt es jedoch an beidem, so entstehen illegale Favelas durch Besetzung freier Flächen in oder am Rande der Stadt. Für die öffentliche Verwaltung stellen diese Siedlungen ein großes Problem dar, da hier weder eine Kontrolle möglich ist, noch sind die Hüttenviertel durch Strom, Trink- oder Abwasserleitungen erschlossen. Entweder werden dann diese Siedlungen abgerissen oder in den meisten Fällen zu legalen Stadtteilen erklärt und nachträglich wird die dringend benötigte Infrastruktur errichtet.

Typische Merkmale der lateinamerikanischen Stadt

- Aufbau des Straßennetzes als Schachbrettmuster
- dynamische innerstädtische Wanderungsbewegungen (z. B. durch hohe Zuwanderung)
- abgeschottete Wohnviertel der Oberschicht
- enormes Wachstum der Elendsviertel in den letzten Jahrzehnten
- Ansiedlung von Hochhäusern, Shopping-Centern, Industrieparks und anderen Einrichtungen nach internationalem Vorbild
- kaum erhaltene historische Bausubstanz aus (vor-)kolonialer Zeit


Quellenangaben:
Quelle: Geographie Infothek
Autor: Mirko Ellrich
Verlag: Klett
Ort: Leipzig
Quellendatum: 2006
Seite: www.klett.de
Bearbeitungsdatum: 22.08.2012


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