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Infoblatt Die orientalische Stadt


Schema der orientalischen Stadt (Klett)

Aufbau, Struktur und Funktion der orientalischen Stadt

Städte mit den Merkmalen des orientalischen Städtemodells sind in Vorderasien bis Nordafrika (von Istanbul bis Marrakesch) zu finden. Im weiteren Sinne ist meist das islamisch geprägte Gebiet im einstigen Orient gemeint. Teilweise wird die "orientalische Stadt" auch als "islamische Stadt" bezeichnet.

Bauliche Merkmale


Basar in Istanbul (Rother)

Ein typisches Merkmal der orientalischen Stadt war bzw. ist teilweise heute noch der Sackgassengrundriss der Viertel. Dieses Gewirr aus Gassen ist meistens in der Altstadt (Medina) zu finden. Wenige Hauptstraßen verlaufen durch diesen Bereich und von diesen zweigen häufig enge Sackgassen ab. Zahlreiche kurze Straßen führen dann von den Sackgassen in das Innere der Wohnhausblöcke. In einem solchen Grundriss kommt das Streben der Bewohner nach Schutz der Privatsphäre zur Geltung. Das traditionelle orientalische Stadtbild prägen weiterhin die Moscheen und die dazugehörigen Minarette (Moscheetürme), von denen der Muezzin seine Gläubigen zum Gebet ruft. Der zentrale Markt – Souk (arabisch) oder Basar (persisch) – ist das traditionelle Handels-, Gewerbe- und Finanzzentrum der Stadt. Hier befinden sich Einzel-, Groß- und Fernhandel auf engstem Raum.
Ein wesentliches Merkmal des Basars ist die Aufteilung der Straßen nach Branchen. Höchstrangige Händler, die etwa Gold und Silber verkaufen, gruppieren sich um die Hauptmoschee. Rangniedere Händler, die z. B. Textilien und Gewürze veräußern, sind etwas weiter weg angesiedelt. Die handwerklichen Tätigkeiten, die geruchs- und lärmintensiv sind (z. B. Schmiede und Gerbereien), befinden sich in der Peripherie der Medina. Ursprünglich waren viele orientalische Städte von einer Stadtmauer umgeben, die jedoch in vielen Städten unter anderem durch den Bau breiterer Straßen aufgebrochen wurden. Im Zuge des Wachstums der Städte haben die Stadtbefestigungen längst ihre einstige Wehr- und Schutzfunktion verloren.
Die Nähe von Religion und Wirtschaft der orientalischen Stadt findet ihren Ausdruck im städtebaulichen Nebeneinander von Hauptmoschee und Basar. Diese bilden gemeinsam mit öffentlichen Plätzen, Brunnen und sämtlichen Durchgangsstraßen den öffentlichen Bereich der orientalischen Stadt. Als Bindeglied zwischen dem öffentlichen und dem privaten Bereich (z. B. die Wohnhäuser) fungiert der halböffentliche Sektor in Form der Sackgassen und der Innenhöfe. Die Durchgangsstraßen werden als öffentlicher Besitz angesehen, den jeder nutzen kann. Dagegen sind die Sackgassen Privatbesitz der Anwohner mit entsprechenden Nutzungseinschränkungen für Nichtanrainer. Der Wohnbereich ist absoluter Privatbesitz und die Häuser werden fast immer nur von einer Sippe bewohnt. Selbst finanzschwache Familien besitzen häufig ein eigenes Haus.

Charakteristische bauliche Merkmale der traditionellen orientalischen Stadt

- Sackgassengrundriss der Stadtquartiere
- Gebäude im Innenhofhaustyp
- Moschee als religiöses Zentrum
- Souk/Basar als wirtschaftliches Zentrum
- Stadtmauer (häufig mit integriertem Palast)

Soziale und wirtschaftliche Merkmale

Kennzeichnend für die orientalische Stadt ist die Trennung von Wohnort und Arbeitsstätte, welches in der Viertelbildung und der Konzentration wirtschaftlicher Funktionen im Basar seinen Ausdruck findet. Die Entstehung von Vierteln in der orientalischen Stadt wird durch die extreme Abkapselung von Stammesgruppen, religiösen und ethnischen Gruppen gekennzeichnet. Die letztere Gruppe dominiert in den heutigen orientalischen Städten. Dieser Prozess wird auch als Segregation der Bevölkerung bezeichnet.
Als eigenständige Kulturleistung der orientalischen Stadt wird der Basar angesehen, da hier die ökonomischen Funktionen der Produktion, der Lagerung, des Handels und der Finanzierung vereint werden. Je nach Größe der Stadt erfolgt eine Dezentralisierung der Basare an mehreren Standorten. Besonders für das Hinterland der Stadt wirkt der Basar als Verteilungszentrum für Waren jeglicher Art.

Strukturwandel in der orientalischen Stadt

In den letzten 200 Jahren hat sich das Bild der traditionellen orientalischen Stadt jedoch stark verändert. Der Einfluss des Westens auf alle gesellschaftlichen Bereiche und das enorme Wachstum vieler Städte haben zu einer Zweipoligkeit der heutigen Stadtstruktur geführt. Dabei stehen dem erhaltenen historischen Stadtkern als Gegensatz neuartige und moderne Viertel gegenüber. Städtebaulich werden diese Differenzen durch das Aufeinandertreffen von Gebäuden im orientalischen Stil (z. B. Baumaterial aus Lehm) und funktionalen Betonbauten erkennbar. Häufig werden die alten Stadtkerne einfach abgebrochen oder teilweise auch im Stil der orientalischen Stadt des 19. Jahrhunderts saniert. Erhalten bleiben meist die Moscheen und Basare, wobei diese zunehmend ihre einstige Bedeutung verlieren. Denn in den Außenbezirken, aber auch im Innenstadt-Bereich, entstehen neue Geschäfts- und Bürozentren nach westlichem Vorbild. Diese Entwicklung wird durch die zunehmende Motorisierung durch den Individualverkehr unterstützt und wird hauptsächlich durch die Oberschicht der Bevölkerung getragen, welche ihre eigenen Wohnquartiere nach modernen Aspekten bewohnen. Bevölkerungsgruppen aus einfacheren und sozial schwächeren Schichten sind hingegen meist in den Slums zu finden, die die Städte umgeben.
Die am westlichen (d.h. vor allem nordamerikanischen bzw. europäischen) Stil orientierten Modernisierungen haben zur Folge, dass die traditionellen orientalischen Stadtstrukturen und Lebensformen zunehmend überprägt oder auch zerstört werden.

Literatur

LICHTENBERGER, E (1998): Stadtgeographie 1.- Stuttgart.



Quellenangaben:
Quelle: Geographie Infothek
Autor: Mirko Ellrich, Wiebke Hebold
Verlag: Klett
Ort: Leipzig
Quellendatum: 2006
Seite: www.klett.de
Bearbeitungsdatum: 24.07.2012


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