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Infoblatt Brasilia


Entstehungsgeschichte einer Hauptstadt aus der Retorte

Brasilia ist eines der wenigen Beispiele für eine Landeshauptstadt, die nicht historisch gewachsen ist. Stattdessen handelt es sich um eine planmäßige Stadt, die in der Mitte des 20. Jahrhunderts in Brasilien angelegt wurde. In nur vier Jahren wurde sie unter dem Präsidenten Juscelino Kubitschek (1902 - 1976) im brasilianischen Hochland förmlich aus dem Boden gestampft.

brasilia

Lageplan Brasilia (Klett)

Entstehungsgeschichte

Die Planungen für die Stadt liegen, beginnend mit der Vision des Don João Bosco einer neuen Hauptstadt Brasiliens zwischen dem 15. und 20. Breitengrad, bereits einige Jahrhunderte zurück. Brasiliens Geschichte und damit auch die Geschichte seiner Hauptstädte stand bis zu dem Bau Brasilias immer in unmittelbarem Bezug zur Küste. Sowohl militär-strategische Erwägungen wie auch wirtschaftliche Aspekte bestimmten die Wahl der Hauptstadt. Ab 1549 war dies wegen der Küstenlage, der kurzen Seewege nach Portugal und der Eignung als Ausgangspunkt für weitere Expeditionen Salvador de Bahia. Mit der Entwicklung der Kolonie verlagerte sich der wirtschaftliche und politische Schwerpunkt weiter nach Süden, so dass 1763 Rio de Janeiro neuer Verwaltungssitz wurde. Da sich Sao Paulo im 19. Jahrhundert zum neuen Handelszentrum für Tabak, Kaffee und Baumwolle entwickelte, verstärkte sich die Dominanz der stark entwickelten Küstenmetropolen gegenüber dem infrastrukturell zurückgebliebenen Hinterland.
Mit den Unabhängigkeitsbestrebungen Brasiliens gingen dann auch Planungen einher, eine neue Hauptstadt im Landesinneren anzulegen. 1823 wurde diese Idee konkret formuliert und insgesamt stark befürwortet. Schließlich brächte die Verlegung der Hauptstadt einen sicheren Ort für die Regierung, ein Auffangbecken für den Bevölkerungsüberschuss in den brasilianischen Küstenstädten sowie die Stärkung des Hinterlandes durch ein radial auf Brasilia ausgerichtetes Straßensystem.
1891 wurde der Bau einer neuen Hauptstadt für Brasilien in Artikel 3 der "Republikanischen Konstitution" festgeschrieben, der besagt, dass ein Gebiet von 14.400 km² auf dem zentralen Hochplateau der Republik bei entsprechender Gelegenheit markiert wird, um dort die zukünftige Bundeshauptstadt zu errichten. Gemäß der Verfassung beschloss die Regierung im folgenden Jahr die Absteckung des neuen Bundesdistrikts als Standort der Hauptstadt und schickte hierfür eine Kommission unter Luiz Cruls zum Hochplateau Formosa in Goias. Doch mit den vorhandenen Mitteln Ende des 19. Jahrhunderts war eine Erschließung des geplanten Bundesdistrikts unmöglich.
Weitere Verzögerungen entstanden durch innenpolitische Spannungen, ehe am 7. September 1922 die Grundsteinlegung für Brasilia in der Nähe der Stadt Planaltina stattfand. Doch wenige Jahre später stoppte das Projekt erneut, diesmal durch die Weltwirtschaftskrise. So wurde der weitere Ausbau der Stadt zur neuen Hauptstadt von Brasilien erst durch den Präsidenten Juscelino Kubitschek (1902 - 1976) ab 1956 in Angriff genommen. Dessen Motivation lag in der Neuordnung der Verwaltung, in der Bekämpfung der Korruption und darin, den politischen Einfluss des Südostens durch die Dezentralisierung zu mindern. Brasilia sollte zum nationalen und internationalen Aushängeschild Brasiliens werden, das seine koloniale Vergangenheit überwunden hatte und nun auf dem Sprung zu einem fortschrittlich-modernen Land war. Da die Amtszeit des Präsidenten auf fünf Jahre beschränkt ist, wurde das Großprojekt gemäß dem Motto "50 Jahre Entwicklung in 5 Jahren Amtszeit" realisiert. Bereits am 21. April 1960 war die Planhauptstadt fertig gestellt und konnte von Präsident Kubitschek eingeweiht werden. Brasilia löste damit Rio de Janeiro als neue Hauptstadt des Landes ab.
In Anerkennung der gewaltigen Kraftanstrengung, die zum Bau der Stadt notwendig war, wurde Brasilia im Jahr 1987 in die UNESCO-Liste des Weltkulturerbes aufgenommen. 2008 wurde sie zur Kulturhauptstadt Amerikas gewählt.

Der Grundriss

Verantwortlich für die Planungen und das Erscheinungsbild Brasilias zeichneten der Stadtplaner Lúcio Costa sowie der Architekt Oscar Niemeyer, der in seiner Funktion als Leiter des staatlichen Bauamtes die Verantwortung für das Gesamtprojekt trug und darüber hinaus die öffentlichen Gebäude plante.
Ursprünglich sollte der Grundriss der Stadt nach dem Willen Costas ein Kreuz sein, Symbol der Besitzergreifung sowie positives Zeichen für das katholische Volk. Da die Struktur in ein gleichschenkliges Dreieck passen sollte, knickte man die Seiten ab, so dass im Ergebnis die Erscheinungsform eher der eines Flugzeuges gleicht, die aber nichtsdestotrotz noch immer der Grundkonzeption des Kreuzes entspricht. Dieser Plan trug die Bezeichnung "plano piloto".
Ein Novum in der Geschichte des Städtebaus stellte die Tatsache dar, dass die Planer in der Flächengröße praktisch an keine Begrenzung gebunden waren. So konnte die zukünftige Entwicklung der Stadt in die Planungen mit aufgenommen werden. Die Verkehrswege wurden schon in der Konzeptionsphase für eine Bevölkerungszahl berechnet, die erst viele Jahre später erreicht werden sollte. So zeichnet sich Brasilia vor allem durch zwei Punkte aus, zum einen durch die klare Unterteilung in Sektoren; Staatsverwaltung, Botschaften, Wohnblocks, Universitätsgelände, Kleinindustrie, Wirtschaftszentren etc. sind scharf voneinander abgetrennt. Zum anderen durch die vollkommen auf den motorisierten Individualverkehr ausgelegte Erschließung der einzelnen Sektoren. Dies sollte das moderne Brasilien verkörpern, in dem sich die Bewohner nur noch mit dem eigenen Fahrzeug oder dem Taxi fortbewegen.
Sehr deutlich wird dies durch die Avenida Monumetal, die entlang der Längsachse der Stadt verläuft. Jeweils sechs Spuren in eine Richtung umschließen einen 200 Meter breiten Grünstreifen und führen ausgehend vom Fernsehturm, wo Gerichtsgebäude, Militärbauten, Krankenhäuser, Sport- und Kultureinrichtungen sowie Industriezonen angesiedelt sind, zum Platz der Drei Gewalten mit Sitzungssälen, Regierungspalast und Oberstem Gerichtshof. Entlang der Avenida befinden sich Hotelsektoren, das Zentrum der Stadt am Schnittpunkt der beiden Achsen, das Vergnügungsviertel, die Bank- und Geschäftsbereiche sowie die Ministerialbauten. Die Flächen für die Siedlungsgebiete befinden sich rechts und links der Querachse in den "Flügeln" der Stadt. Diese sind in 90 "super-quadra" mit einer Kantenlänge von 260 Metern eingeteilt, welche Wohnraum und notwendige Flächen für soziale sowie Nahversorgungseinrichtungen für 3.000 Menschen bieten. Die Wohnviertel der Diplomaten und das Villenviertel liegen jedoch wieder außerhalb dieser Siedlungsbereiche, wodurch die konsequente Trennung in einzelne Sektoren bis ins kleinste Detail sehr deutlich wird.

Bevölkerungsentwicklung

Für den gesamten Bundesdistrikt ergibt sich folgende Bevölkerungsentwicklung:

Jahr Einwohner

1950 36.000
1955 70.000
1960 137.000
1965 268.000
1970 525.000
1975 785.000
1980 1.162.000
1985 1.346.000
1990 1.547.000
1995 1.778.000
2000 1.961.499
2005 2.292.559
2010 ca. 2.550.000



Quellenangaben:
Quelle: Geographie Infothek
Autor: Dietmar Wagener, Kristian Uhlenbrock
Verlag: Klett
Ort: Leipzig
Quellendatum: 2003
Seite: www.klett.de
Bearbeitungsdatum: 28.11.2011


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