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Infoblatt Stadtentwicklung in China


Bevölkerungsverteilung in China, ein Punkt stellt 100.000 Einwohner dar (Klett)

Der Verstädterungsprozess in der VR China

Mit mehr als 1,3 Milliarden Menschen ist die Volksrepublik China (VR China) das bevölkerungsreichste Land der Erde. In China leben mehr Menschen als in den USA und Europa zusammen. Die Einwohnerdichte von 136 EW/km² ist zwar vergleichsweise niedrig, jedoch gehören viele chinesische Regionen zu den am dichtesten besiedelten Gebieten der Welt. Der größte Teil der Bevölkerung konzentriert sich an den küstennahen Bereichen im Osten des Landes. Große Teile des chinesischen Hinterlandes im westlichen Teil sind durch zahlreiche Gebirge und Hochebenen geprägt, welche sehr dünn besiedelt sind. Seit Anfang der 1980er Jahren durchlebt die chinesische Gesellschaft und Wirtschaft starke Modernisierungsprozesse, welche erhebliche Auswirkungen auf das Städtesystem in China haben.

Der Verstädterungsprozess in China bis Anfang der 1980er Jahre

Im Gründungsjahr der VR China 1949 lebte lediglich einer von zehn Chinesen in einer Stadt. Das entspricht einem Verstädterungsgrad von etwa 10 Prozent. Bis heute ist der Verstädterungsgrad Chinas mit rund 43 % vergleichsweise niedrig (BRD: ca. 88 %). Das hat seine Gründe: Während in vielen westlichen Ländern der Industrialisierungsprozess Wanderungsbewegungen auslöste, war den Menschen in China lange Zeit verboten, ihren Wohnsitz frei zu wählen. Auch heute gibt es noch strenge Migrationsregeln im Land. Im ersten Jahrzehnt der VR China sollte ein ausgeglichenes Städtesystem geschaffen und der Widerspruch zwischen entwickeltem Küstenbereich und rückständigem Hinterland überwunden werden. Dafür wurden so genannte Schlüsselindustriezentren im Binnenland geschaffen, in denen die Entstehung industrieller Kerne gefördert wurde. In dieser Zeit stieg die Einwohnerzahl Chinas trotz niedriger Lebenserwartung deutlich an. Die politische Führung in China war der Auffassung, dass ein mächtiger Staat auch viele Einwohner braucht.
Anfang der 1960er Jahre ging aufgrund von Hungersnöten die Geburtenrate erheblich zurück. Außerdem sorgten staatliche Maßnahmen zur Geburtenplanung wie Verhütung und Abtreibung für eine Stagnation des Bevölkerungswachstums. Wenig später brachte die Kulturrevolution die Kampagnen zur Geburtenregulierung zum Stillstand und das nahezu ungehemmte Bevölkerungswachstum in China setzte sich fort. In manchen Jahren wuchs die Bevölkerung um 3 %. Eine Folge des Wachstums waren überfüllte Städte mit hoher Arbeitslosigkeit. Um diese Städte zu entlasten, wurden Menschen von den Städten auf das Land umgesiedelt. Durch die gezielten Umsiedlungsmaßnahmen sollte außerdem der Klassenunterschied zwischen der nicht-agrarischen und agrarischen Bevölkerung aufgehoben werden. Dadurch blieb der Verstädterungsgrad in China in den 1960er und 1970er gleich bzw. sank teilweise sogar. Erst spätere Kampagnen bremsten das Bevölkerungswachstum aus. Zunächst wurden Maßnahmen wie Erhöhung des Heiratsalters und die Zwei-Kinder-Beschränkung eingeführt. Ab 1979 galten dann die verschärften Regeln der Ein-Kind-Familie, die strikte Geburtenkontrollen und sofortige Abtreibungen bei ungenehmigten Schwangerschaften vorsahen. Die Regelungen wurden jedoch innerhalb Chinas unterschiedlich streng umgesetzt und es gab auch regionale Ausnahmen z. B. für die Landbevölkerung. Trotzdem verlangsamte sich das Bevölkerungswachstum durch diese Maßnahmen auf ca. 1 % und liegt gegenwärtig bei 0,6 %.

Starke Verstädterung seit Modernisierungsmaßnahmen

In China fand 1978 ein politischer Umbruch statt. Der gesellschaftliche und wirtschaftliche Wandel wurde schließlich durch die Wirtschaftsreformen Anfang der 1980er Jahre beschleunigt. So verändert sich das Land von einer stark agrarisch geprägten Gesellschaft zu einer Dienstleistungsgesellschaft. Weiterhin setzte ein Übergang von der staatlich gelenkten Planwirtschaft zur Marktwirtschaft mit Privateigentum ein. Die Reformen führten zu einem wirtschaftlichen Strukturwandel, der bis heute äußerst rasant verläuft und alle Bereiche des gesellschaftlichen Zusammenlebens erfasst hat. Das rigide Meldesystem verhinderte bis zu den besagten Wirtschaftsreformen die Binnenmigration in China. Das Meldesystem erfasste die Bevölkerung nach Geburtsort und teilte die Einwohner in städtische und ländliche Bereiche. Ein Wechsel des Wohnorts war nahezu unmöglich. Mit der Lockerung des Meldesystems setzte eine enorme Binnenmigration ein. Die Zugangsbarrieren der Landbevölkerung zu den Städten wurden abgeschwächt. Zwar ist nach wie vor ein Wohnsitzwechsel vom Land in die Stadt nur in Ausnahmefällen möglich, jedoch kann ein registrierter "vorübergehender Wohnsitz" beantragt werden. Aufgrund hoher Kosten unterlassen viele Landflüchtlinge diese Registrierung und leben deshalb als illegale Wanderarbeiter in den Städten. Mittlerweile wird vermutet, dass sich mehr als 100 Millionen Chinesen auf der Suche nach Arbeit dauerhaft in Wanderungsbewegung befinden.
Hierbei kann zwischen Push- und Pull-Faktoren unterschieden werden. Neben den gelockerten Bedingungen im Meldewesen ist hauptsächlich der Strukturwandel in der chinesischen Landwirtschaft für die Binnenmigration verantwortlich. So geht die landwirtschaftliche Nutzfläche durch Umweltprobleme und verstärkte industrielle Nutzung immer weiter zurück. Die Mechanisierung erhöht die Produktivität und setzt viele Arbeitskräfte frei. Diese erhoffen sich vom städtischen Arbeitsmarkt insbesondere in der Bau- und Dienstleistungswirtschaft einen Arbeitsplatz. Ein weiterer Pull-Faktor ist das steigende Einkommen in den großen Städten und wirtschaftsstarken Küstenregionen. Die Migration ist also vorwiegend von Wanderungsbewegungen vom Land in die Stadt sowie vom Norden und Westen an die Küsten im Süden und Osten geprägt. Die Städte wachsen nicht nur demographisch, sondern verdichten sich auch räumlich und wachsen zusammen. Überwiegend betrifft dies das Städtenetz der küstennahen Städte: An den Küstenregionen haben sich Verdichtungsräume mit Millionenstädten als Wachstumskerne herausgebildet. Dazu gehören beispielsweise der Ballungsraum Shanghai (ca. 14,9 Mio. EW), Peking (ca. 11,6 Mio. EW) und Hongkong (ca. 8,9 Millionen EW). Im Jahr 2012 haben über 50 Städte mindestens eine oder mehrere Millionen Einwohner. 15 Jahre vorher gab es lediglich 27 Millionenstädte in China. Aber auch die Zahl der kleinen und mittelgroßen Städte hat deutlich zugenommen. Allerdings gilt zu beachten, dass zu den einzelnen Städten unterschiedliche Einwohnerzahlen zu finden sind, was u. a. mit den differierenden Abgrenzungen des Stadtgebiets und Zählweisen zusammenhängt.

Zukünftige Entwicklung der Urbanisierung

Trotz dieser rasanten Entwicklung ist der Urbanisierungsgrad in China nach wie vor relativ niedrig. Schätzungen zu Folge wird sich die Zahl der in Städten wohnenden Menschen im Jahr 2050 auf ca. 75 % oder 1,1 Milliarden erhöhen. Die chinesische Regierung unternimmt nun weitere große Schritte, um die Verstädterung in den nächsten Jahren zu beschleunigen und so zu kontrollieren. Denn der massive und vor allem räumlich konzentrierte Verstädterungsprozess bringt erhebliche Probleme mit sich:

  • steigende Arbeitslosigkeit in den Städten,
  • hohe Umweltbelastungen,
  • drohender Verkehrsinfarkt durch zunehmende Motorisierung,
  • Versorgungsengpässe mit sauberem Trinkwasser und Energie,
  • Einkommensunterschiede zwischen Stadt und Land bedrohen den sozialen Frieden.

Gegen die Wasserknappheit läuft derzeit ein Wasserableitungsprojekt von Nord nach Süd. Neue Kläranlagen entstehen, um die Wasserverschmutzung in Griff zu bekommen. Um einen Verkehrsinfarkt zu verhindern, werden Ringstraßen um die Städte gebaut und verstärkt öffentliche Verkehrsträger eingesetzt (z. B. mit zusätzliche Buslinien). Gegen die Luftverschmutzung werden umfangreiche Grünanlagen errichtet und Ökozonen ausgewiesen. Ferner fördert die chinesische Regierung im vergleichsweise unterentwickelten Hinterland Entlastungsstädte. Als Fazit bleibt, dass die Raum- und Stadtplanung in China neue Wege gehen muss, um den rasanten Verstädterungsprozess bewältigen zu können.
In der Folge zieht es über 14 Millionen Migranten jedes Jahr vom Land in Chinas Städte. Sie fordern die Urbanisierung förmlich ein, ebenso wie die Bauherren und Stadtplaner, die die Städte der Zukunft für das Reich der Mitte entwerfen. China befindet sich mitten in einer gewaltigen und rasanten Umstrukturierung von einem ländlichen Entwicklungsland in eine industrialisierte Stadtgesellschaft. Die Transformation wird das Leben hunderter Millionen Menschen beeinflussen. Bis 2020 sollen nach staatlichen Plänen etwa 60 % aller Chinesen – oder 800 Millionen – dauerhaft in Städten wohnen, bis 2050 rund 70 % oder mehr als eine Milliarde Menschen.



Quellenangaben:
Quelle: Geographie Infothek
Autor: Mirko Ellrich
Verlag: Klett
Ort: Leipzig
Quellendatum: 2007
Seite: www.klett.de
Bearbeitungsdatum: 24.05.2012


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