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Infoblatt "Great Man-Made River Project"


Größtes und teuerstes Süßwasserprojekt der Erde in Libyen

Während der letzten Eiszeit war der Raum der heutigen Wüste Sahara eine fruchtbare Landschaft mit Seen, Tümpeln und Wasserläufen. Davon zeugen noch heute alte Trockenflussbetten (Wadis) und vereinzelte Höhlenmalereien, die auf Siedlungsaktivitäten schließen lassen. Im Verlauf der letzten Jahrtausende wurden große Teile der Sahara zu einer kaum bewohnbaren Trockenwüste. Mit der Austrocknung gingen auch der Ackerbau und die Viehzucht zurück. Die landwirtschaftliche Nutzung und Besiedlung beschränkte sich fortan hauptsächlich auf die Oasen und Küstengebiete an ihrem Nordrand. Heute wird das Klima der Sahara von ganzjährig wehenden Passatwinden geprägt, die jedoch keine oder saisonal nur geringe Niederschläge bringen. Der einzige Dauerfluss ist der Nil am Ostrand der Sahara.
In den 1950er Jahren wurden bei Erdölbohrungen reichhaltige Süßwasserreservoirs unter der Sahara entdeckt. Forscher stellten fest, dass es unterirdische Süßwasserströme gibt, die von Nubien langsam nach Norden fließen. Mit einer Geschwindigkeit von einem bis zwei Meter pro Jahr fließt das mehrere tausend Jahre alte Wasser in diesem so genannten nubischen Aquifersystem, welches sich unter der Sahara von Ägypten über Libyen und dem Tschad bis zum Sudan erstreckt. Es wird vermutet, dass die unterirdischen Seen einerseits durch das Schmelzwasser abtauender Gletscher der letzten Eiszeiten entstanden sind. Andererseits haben aber auch die Regenfälle vor ca. 12.000 bis 15.000 Jahren zur Entstehung beigetragen.

Geschichte des Projekts

Libyen ist eines der wenigen Länder der Erde, in denen es keinen einzigen ganzjährig fließenden Fluss gibt. Die jährliche Verdunstungsrate ist deutlich höher als die Niederschlagsmenge. Es existieren lediglich Wadis, in denen nur bei den seltenen Niederschlagsereignissen Wasser fließt. Libyen besitzt deshalb kaum zur Trinkwassergewinnung geeignete Oberflächengewässer, sodass ein Großteil der Trinkwasserversorgung durch das Grundwasser abgedeckt werden musste. Durch das Abpumpen von immer mehr Grundwasser an der dicht besiedelten Mittelmeerküste, drang zunehmend Salzwasser in die Grundwasserleiter ein. Außerdem hat sich die Bevölkerung in Libyen seit 1975 mehr als verdoppelt, was in der Folge auch einen entsprechend höheren Verbrauch an Trinkwasser bedeutet.
Eines der Hauptprobleme im Wüstenstaat liegt also in der Versorgung mit sauberem Trinkwasser. Zur Lösung der Versorgungsproblematik standen vier Möglichkeiten zur Auswahl: Trinkwasserleitungen aus Europa, Trinkwasserschiffe, Entsalzungsanlagen und das Great Man-Made River Project (GMMRP oder auch GMMR) zum Abpumpen von unterirdischen Wüstenseen. Berechnungen haben ergeben, dass ein Kubikmeter Trinkwasser über das GMMRP ca. 0,35 US-Dollar kostet, während ein Kubikmeter Trinkwasser aus Entsalzungsanlagen ca. 3,75 US-Dollar kosten würde. Die beiden anderen Optionen würden noch höhere Kosten verursachen. Deshalb wurde im Herbst 1983 entschieden, die Trinkwasserversorgung zukünftig über das GMMRP zu gewährleisten. So begann in Libyen im August 1984 der Bau des bisher größten Trinkwasserprojekts der Erde. In der südlichen libyschen Sahara wurden Bewässerungssysteme installiert, die aus unterirdischen Seen das Süßwasser abpumpen. Diese Süßwasserseen liegen noch unterhalb des Grundwasserspiegels. Über Wasserrohre enormen Ausmaßes soll das Süßwasser nach Norden zur Hauptstadt Tripolis und zu den besiedelten Gebieten an der libyschen Küste transportiert werden. 1996 wurde ein wichtiges Teilziel erreicht, als die Millionenstadt Tripolis über Pipelines mit dem fossilen Süßwasser aus der Wüste versorgt werden konnte.

Daten und Fakten

Aus vier unterirdischen Seen (Kufra-Becken, Sarir-Becken, Murzuk-Becken und Hamadah-Becken) wird das Wasser über Pumpen aus einer Tiefe von 300 bis 600 m an die Erdoberfläche gefördert und anschließend von Gas, Eisen und Sedimenten gereinigt. Von dort aus gelangt das Wasser über erdverlegte Pipelines zu Reservoirs oder direkt zum Verbraucher. Dafür wurden seit 1984 fast 4.000 km Betonröhren mir einem Durchmesser von etwa vier Metern verlegt. Schätzungsweise 500.000 einzelne Betonsegmente wurden für die Pipeline hergestellt. Das GMMRP besteht aus mehreren Teilprojekten, wobei es unterschiedliche Angaben über die genaue Anzahl gibt. Die beiden wichtigsten Abschnitte sind die Phasen I und II. Die Phase I besteht aus einem 2.000 km langen Pipelinesystem im östlichen Teil Libyens. Aus dem Süden Libyens wird das Trinkwasser in drei großvolumige Wasserreservoirs an die Küste zur Großstadt Bengasi gepumpt. Die Reservoirs dienen als Wasserspeicher und können zwischen 4,0 und 6,7 Mio. m³ Wasser aufnehmen. Das Projektgebiet der Phase II (ab 1989) befindet sich im westlichen Teil des Landes und versorgt über rund 900 km lange Pipelines die Hauptstadt Tripolis mit ca. 1,6 Mio. m³ Trinkwasser pro Tag. Eine verbindende Leitung zwischen den Rohren dieser beiden Phasen wird gegenwärtig errichtet. Weiterhin werden voneinander isolierte Leitungssysteme an der Grenze zu Ägypten und im westlichen Landesteil gebaut.
Heute werden täglich ca. 6 Mio. m³ frisches Süßwasser durch das gesamte Pipelinesystem transportiert. Damit können etwa 50 % des täglichen Trinkwasserbedarfs in Libyen gedeckt werden. Die geschätzten Kosten des gesamten Projekts belaufen sich auf ca. 25 Mrd. US-Dollar. Die Bezeichnung des Leitungssystems als "größter von Menschenhand geschaffener Fluss" scheint demnach gerechtfertigt zu sein.

Wirtschaftlicher Nutzen

Als eines der teuersten Großbauprojekte der Erde hat das GMMRP für Libyen enorme wirtschaftliche Bedeutung, an die große Hoffnungen geknüpft sind. Ob der erwartete wirtschaftliche Nutzen eintreten wird, ist jedoch umstritten und wird sich erst auf langfristige Sicht zeigen.

Folgende wichtige Ziele sind mit dem Bau des GMMR verbunden:

  • die Bewässerung von Wüstenflächen mit einhergehendem massiven Ausbau der Landwirtschaft (~ 70 % des Wassers)
  • die sichere Versorgung der wachsenden Bevölkerung mit sauberem Trinkwasser (~ 28 %)
  • die Förderung des industriellen Sektors (~ 2 %)

Es wird prognostiziert, dass die landwirtschaftliche Nutzfläche um ca. 130.000 ha vergrößert werden kann. Mit der Ausweitung der landwirtschaftlichen Produktion durch die systematische Bewässerung soll zum einen die Abhängigkeit von Agrarimporten reduziert und die libysche Bevölkerung mit eigenen Nahrungsmitteln versorgt werden. Zum anderen sollen landwirtschaftliche Produkte an Nachbarländer und auf dem Weltmarkt verkauft werden. Durch diese Strategie soll sich Libyen zu einem agrarexportierenden Land wandeln. Mittels der Bereitstellung von kostengünstigem und sauberem Trinkwasser soll darüber hinaus das verarbeitende Gewerbe gefördert werden. Ungewiss ist jedoch, ob damit die wirtschaftliche Zukunft Libyens nach dem absehbaren Versiegen der Erdöl- und Erdgasquellen, aus denen etwa 95 % des gesamtwirtschaftlichen Exportvolumens gewonnen werden, nachhaltig gesichert werden kann. Unstrittig ist hingegen schon heute der initiierende Effekt auf das Bildungswesen in Libyen. Für den Bau wurden qualifizierte Arbeitskräfte benötigt. Zum einen wurden ausländische Facharbeiter angeworben, zum anderen aber auch Arbeiter aus Libyen entsprechend ausgebildet, wofür das Bildungssystem grundlegend verbessert werden musste. Kritiker bewerteten das finanziell aufwendige, aber in der westlichen Welt kaum bekannte GMMRP als eine unverhältnismäßige Prestigeunternehmung des ehemaligen Staatschefs Muammar al-Gaddafi. Der Fortgang des Projektes ist seit dem politischen Umschwung in Libyen 2011 ungewiss.

Auswirkungen und Kontroverse

Wie die Beispiele des deutlich verbesserten Bildungssektors sowie die Steigerung der landwirtschaftlichen Produktion zeigen, können aus dem komplexen GMMRP durchaus Vorteile für die regionale Bevölkerung und Wirtschaft abgeleitet werden.
Langfristige Auswirkungen und Fehlentwicklungen sind jedoch im Vorfeld häufig nur schwer abschätzbar. So wird z. B. erwartet, dass sich der Grundwasserspiegel, der sich über den Süßwasserseen befindet, nicht nur in Libyen selbst, sondern auch in den Nachbarländern großflächig absenken wird. Dahingehende Prozesse können schon heute festgestellt werden, wobei die ökologischen Konsequenzen kaum untersucht sind. Ferner ist unklar, in welcher Größenordnung Betriebskosten für die projektgebundene Infrastruktur mittel- und langfristig hervorgerufen werden. Gegenwärtig treten bereits technische Probleme und Leckagen aufgrund von Korrosion durch salzhaltigen Wüstensand auf. Kritiker geben weiter zu bedenken, dass das nicht regenerative fossile Süßwasser, dessen reales Volumen bislang unbekannt ist, bereits in 50 Jahren abgepumpt sein könnte und sich die eingebrachten Investitionen nicht amortisieren werden. Des Weiteren hat sich im Rahmen des Betriebes anderer gigantischer Bewässerungsprojekte gezeigt, dass eine systematische Bewässerung auch eine gezielte Entwässerung erfordert. Ohne entsprechende Maßnahmen drohen die neu gewonnenen landwirtschaftlichen Nutzflächen rasch zu versalzen.



Quellenangaben:
Quelle: Geographie Infothek
Autor: Torsten Brockmann, Mirko Ellrich
Verlag: Klett
Ort: Leipzig
Quellendatum: 2007
Seite: www.klett.de
Bearbeitungsdatum: 04.06.2012


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