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Der Nasser-Stausee (Assuan-Staudamm)


Nasser-Stausee (Assuan-Staudamm) (Klett)

Informationen rund um den Nasser-Stausee in Ägypten

Der Nasser-Stausee ist einer der größten künstlich geschaffenen Seen weltweit. Durch die Aufstauung des Nils bei Assuan in Ägypten erstreckt sich das Gewässer bis in den Sudan hinein und erreicht dabei eine Länge von ungefähr 510 km. Je nach Niederschlag im Quellbereich des Nils schwankt die Wassermenge zwischen 135 - 169 Millionen m³. Die Ausdehnung der Oberfläche des Nasser-Stausees variiert gleichermaßen zwischen 5.250 - 5.860 km².

Entstehungsgeschichte

Bereits vor der Entstehung des Nasser-Stausees wurde im Jahr 1902 der kleine Assuan-Staudamm wenige Kilometer nördlich vom heutigen Hochdamm errichtet. Mit diesem ging man in Ägypten zur Dauerbewässerung über.
Nach dem Zweiten Weltkrieg wuchs die ägyptische Bevölkerung sprunghaft an. Die dafür notwendigen Lebensmittel sollten durch eine dauerhafte Nutzung der Äcker im Niltal produziert werden. Ein neuer Staudamm sollte errichtet und riesige Flächen mit dem aufgestauten Nil bewässert werden. Der Staudamm sollte zur Stromerzeugung dienen und die jährlichen Überschwemmungen verhindern. Die ägyptische Regierung unter dem damaligen Premierminister Gamal Abd el Nasser sah in diesem Projekt die Lösung aller Probleme. Nach ihm wurde schließlich der neue Stausee auch benannt. Baubeginn war 1960 und elf Jahre später wurde der Hochdamm fertiggestellt. Präsident Nasser erlebte die Eröffnung nicht mit, da er wenige Monate vorher an den Folgen eines Herzinfarktes verstarb.
Unterstützt wurde die ägyptische Regierung mit finanziellen Mitteln und technischem Know-how durch die damalige Sowjetunion. Mehr als 2.000 sowjetische Ingenieure und 30.000 ägyptische Arbeiter bauten am ca. 2,2 Milliarden Euro teuren Projekt mit. Die Staumauer ist mehr als 3.600 m lang und 111 m hoch. Im Staudamm wurden zwölf Turbinen eingebaut, die durch die Wasserkraft ein Drittel des Strombedarfs Ägyptens erzeugen können.

Nutzen des Nasser-Stausees

Mit der Errichtung dieses Mammutprojektes wurden ehrgeizige Ziele verbunden. Mehr als 30 Jahre nach dem Bau bleibt bei einem Vergleich von Nutzen und Kosten der (ökologischen) Folgeschäden nicht viel übrig. Das Ziel, verheerende Überflutungen zu verhindern, wurde erreicht. Die Bewirtschaftung der Ackerflächen konnte auf das ganze Jahr ausgedehnt werden. Auch eine Erhöhung des Reisanbaus erfolgte, allerdings wird ein Großteil exportiert und dafür muss wiederum Getreide eingeführt werden. Die Versorgungslage der Bevölkerung hat sich nicht verbessert. Anstatt einer Vergrößerung der Kulturflächen muss heute sogar eine Schrumpfung verzeichnet werden. Gründe dafür sind zum einen durch den Verlust von Anbauflächen infolge der Aufstauung des Nasser-Stausees zu finden. Andererseits ist die Schuld nicht nur dem Hochdamm anzulasten, da durch das ungebremste Bevölkerungswachstum Flächen für die Verstädterung verbraucht werden. Die Erzeugung von Strom wurde ebenfalls nicht im geplanten Umfang erreicht.

Folgen für Mensch und Umwelt

Der Bau des Nasser-Stausees brachte nicht nur Veränderungen für das hydrologische und ökologische System entlang des Nils mit sich. Zunächst mussten ca. 100.000 meist nubische Bauern umgesiedelt werden. Neuer Wohnort der an das Landleben gewohnten Bauern waren Städte, wo sie sozial entwurzelt häufig mit den neuen Bedingungen nicht klar kamen. Aber auch kulturelle Güter waren akut bedroht. Da Ägypten für eine Rettung dieser kein Geld mehr besaß, mussten buchstäblich in letzter Minute internationale Organisationen zu Hilfe eilen. Einmalige Kulturgüter, wie der Tempel von Abu Simpel, wurden komplett abgetragen und oberhalb des geplanten Stausees wieder errichtet. Trotzdem sind viele Kulturschätze für immer unter den Wassermassen begraben worden.
Die ökologischen Auswirkungen sind nicht nur auf den Stausee beschränkt. Durch ausbleibende Überflutungen fehlt die natürliche Düngung im Unterlauf, deswegen müssen die Bauern teuren Kunstdünger erstehen. Es besteht die akute Gefahr einer Überdüngung und somit einer Beeinträchtigung der Wasserqualität des Nils. Durch das Ausbleiben des Schlamms wird indessen sogar wertvoller Boden entlang des Nils erodiert.
Die dauerhafte Bewässerung führt zu einer zunehmenden Versalzung. Denn durch den hohen Grundwasserspiegel kann ständig Wasser verdunsten. In diesem Wasser sind mineralische Stoffe gelöst, welche aber nicht verdunsten können, sondern in der oberen Bodenschicht abgelagert werden. Die Überflutungen haben außerdem jährlich den aus der angrenzenden Wüste angeblasenen Sand fortgeschwemmt. Nun sind diese Flächen akut von Desertifikation bedroht.
Aufgrund der schlechteren Wasserqualität durch die Überdüngung und des Ausbleibens des Nilschlammes ist die Flussfischerei stark zurückgegangen. Die Auswirkungen der geringen Sedimentmengen sind bis zum Mittelmeer zu spüren, da hier das Nildelta wegen des Schlammmangels nicht mehr wächst und durch die Meeresbrandung abgetragen wird. Genau dieser ausbleibende Schlamm wird im Nasser-Stausee zum Problem. Er lagert sich nämlich dort ab, wo der Nil auf den künstlichen See trifft. Die Ingenieure hatten zwar Raum für Sedimente eingeplant, jedoch befindet der sich vorwiegend entlang der Staumauer. So wird die Verschlammung des Nasser-Stausees bereits in wenigen Jahren zu einem akuten Problem werden. Schwierig ist das Ausbleiben des Nilschlammes auch für die Ziegelhersteller, die nun teilweise fruchtbaren Boden abtragen müssen, um ihre Lehmhäuser zu errichten. Bedroht werden die Menschen außerdem durch die Bilharziose, eine der gefährlichsten Tropenkrankheiten. Früher wurde durch die Austrocknung der Kanäle die Ausbreitung der Krankheitserreger eingedämmt. Die dauerhafte Bewässerung führt stattdessen zu günstigeren Ausbreitungsbedingungen.
Trotz dieser bekannten schwerwiegenden Folgen des Nasser-Stausees auf Mensch und Umwelt verfolgt die ägyptische Regierung weitere ehrgeizige Pläne. Die Toshka-Senke wird mit Wasser aus dem Nasser-Stausee versorgt. Mitten in der Wüste sollen dadurch Flächen bewässert und fruchtbar gemacht werden. Aufgrund der immensen Kosten und der durch den Nasser-Stausee bekannten Folgen ist das Toshka-Projekt höchst umstritten.
Seit 2010 ist nachgewiesen: Der See - beziehungsweise der Assuan-Staudamm - ist auch der Grund, warum das Nildelta nicht mehr weiter ins Meer vorgeschoben, sondern durch Brandung und Strömungen abgetragen wird. Das Ausbleiben der jährlichen Überschwemmungen führt auch zu einem vermehrten Absinken des Nildeltas; dies wurde früher durch die Überschwemmungen ausgeglichen, die immer neue Sedimente heranspülten.


Im Kontext:
Das Toshka-Projekt
Weltweiter Dammbau – Segen und Fluch



Quellenangaben:
Quelle: Geographie Infothek
Autor: Mirko Ellrich
Verlag: Klett
Ort: Leipzig
Quellendatum: 2003/2012
Seite: www.klett.de
Bearbeitungsdatum: 05.09.2017


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