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Ressourcenfluch - Die Grasberg-Mine in West-Papua


Grasberg-Mine (NASA)

Negative Auswirkungen des Reichtums an natürlichen Ressourcen

Ressourcenfluch

Entgegen der landläufigen Annahme, dass ein Reichtum an natürlichen Ressourcen, wie z.B. Erdöl, Kupfer oder seltenen Erden, ein Segen für ein Land sei und Entwicklung und Wohlstand garantiere, haben die Ausbeutung und der Export von Bodenschätze für manche Länder vielfach eher negative Folgen - sowohl für die Wirtschaft des Landes als auch für den Lebensstandard der einheimischen Bevölkerung. Diese negativen Folgen werden allgemein mit dem Begriff 'Ressourcenfluch' (resource curse) bezeichnet.

Räumliche Beispiele für den Ressourcenfluch:

  • die kriegerischen Konflikte um die Erdöl-, Diamanten-, Gold- und Coltanvorkommen zwischen der demokratischen Republik Kongo und den Nachbarstaaten Ruanda, Burundi und Uganda,
  • die Bürgerkriege in Sierra Leone und Angola, bei denen es u.a. um die ergiebigen Diamantenfelder ging,
  • der durch den Abbau von Edelhölzern verursachte Bürgerkrieg in Liberia oder
  • die Militarisierung und Menschenrechtsverletzungen, die die Förderung und der Transport der riesigen Erdgasvorkommen in Burma bewirkten.

Die Gründe, warum es manchen rohstoffreichen Ländern nicht gelingt, ihren Reichtum an Bodenschätzen langfristig zu nutzen, sind vielfältig. Es können die schwachen Wettbewerbschancen der betroffenen Länder auf den internationalen Märkten sein, eine hohe Auslandsverschuldung infolge eines starken Kapitalbedarfs für die Erschließung, Förderung und Verarbeitung der Rohstoffe sowie für den Aufbau der dazu notwendigen Infrastruktur oder die vornehmlich am Gewinn interessierte Einflussnahme ausländischer Unternehmer, die kaum Investitionen z.B. im sozialen und infrastrukturellen Bereich vornehmen und stattdessen die Gewinne ins Mutterland transferieren.
Eine in der Literatur vielfach beschriebene wirtschaftliche Erscheinungsform des Ressourcenfluchs ist die sogenannten 'Holländische Krankheit'. Sie besagt, dass die Einkünfte aus den exportierten Rohstoffen den realen Wechselkurs eines Landes erhöhen. Damit verlieren andere Wirtschaftsbranchen ihre Wettbewerbsfähigkeit auf den internationalen Märkten. Eine unmittelbare Folge ist der Niedergang der Industrie (Deindustrialisierung), was wiederum zu einer noch höheren Abhängigkeit des Landes von den Rohstoffexporten führt. Damit wird das Land höchst anfällig für Preisschwankungen auf dem Weltmarkt. Da dieses Phänomen erstmals in den ehemaligen niederländischen Kolonien beobachtet wurde, erklärt sich der Name 'Holländische Krankheit'.
Die Erscheinungsformen bzw. Auswirkungen des Ressourcenfluchs können höchst vielfältig sein, z.B.: Umweltzerstörungen, politische Instabilität und bewaffnete Konflikte, übermäßige Verschuldung, Korruption und Förderung autoritärer oder diktatorischer Regierungen. In der Regel liegen mehrerer Ursachen für den Ressourcenfluch vor, wobei die oben beschriebenen Phänomene vielfach Ursache und Folge zugleich sind.

Beispiel: Die Grasberg-Mine in West-Papua

Die Grasberg-Mine liegt in West-Papua, dem indonesischen Teil der Insel Neuguinea, mitten im tropischen Regenwald in einer Höhe von 4.270 m und ca. 130 km von der Küste entfernt. Sie ist die größte Goldmine und gleichzeitig die Kupfermine mit den niedrigsten Förderkosten der Welt. Pro Jahr werden ca. 79.000 kg Gold und 660.000 Tonnen Kupfer gewonnen, die derzeit ca. 1,6 Prozent zum indonesischen Bruttoinlandsprodukt beitragen. Zur Förderung müssen täglich 700.000 Tonnen Material bewegt werden, einschließlich des nicht-erzhaltigen Abraums. Ausgebeutet wird die Mine im Tagebau von dem US-amerikanischen Konzern Freeport-McMoRan, der zu den größten Steuerzahlern Indonesiens zählt.
Begonnen wurde mit dem Aufschluss im Jahre 1973 unter der diktatorischen Regierung Suhartos, bekannt und berüchtigt wegen zahlreicher Menschenrechtsverletzungen und Gräueltaten (z.B. völkerrechtswidrige Besetzung Osttimors und anschließende Massaker, bei denen mehr als ein Drittel aller Einwohner umgebracht wurden, Vertreibung und Ermordung einheimischer Papuas in West-Neuguinea, heute offiziell: West-Papua, Errichtung zahlreiche Konzentrationslager). Der Konzern Freeport war von Anfang an ein enger Verbündeter und Unterstützer der Suharto-Regierung und zählte zu den 'zehn nationalen Perlen Indonesiens'.
Die technischen Herausforderungen für die Erschließung der Mine sowie den Abbau und den Transport der Erze waren bzw. sind enorm. Allein der Bau der Zufahrtsstraße zur Grasberg-Mine war eine technische Meisterleistung. Dazu wurden Holzfäller von Helikoptern abgeseilt, um Lichtungen und Schneisen im unzugänglichen Dschungel zu schlagen. Zusätzlich mussten zwei Tunnels von insgesamt 1.700 m Länge gebaut werden. Für die Minenarbeiter errichtete Freeport etwa 10 km unterhalb der Mine in 2.000 m Höhe die Stadt Tembagapura (Kupferstadt) sowie eine zweite Stadt mit Namen Kuala Kencana (Goldfluss). Gebaut wurden ferner eine Seilbahn, ein Landeplatz, riesige Mühlen für die Zerkleinerung des erzhaltigen Gesteins, Förderbänder, Pipelines für den Transport des verflüssigten Erzes zur Küste sowie Kaianlagen im Exporthafen. Die Mine selbst gilt als Hochsicherheitsgelände, bewacht von einer Privatarmee von ca. 1.500 Soldaten. Nur zwei Wege führen zu ihr; nicht autorisierte Besucher haben keinen Zutritt - wegen der Erdbebengefahr, wie die offizielle Begründung lautet.

An der Grasberg-Mine haben sich seit Beginn der Explorationsmaßnahmen Konflikte entfacht, die zwischen Unabhängigkeits- und Arbeitskampf anzusiedeln sind. Anschläge werden immer wieder von der Befreiungs- und Unabhängigkeitsbewegung Organisasi Papua Merdeka (OPM) verübt. Die Anschläge richten sich indirekt gegen die indonesische Regierung, die – so der Vorwurf der Be-freiungskämpfer – der indigenen Bevölkerung den Lebensraum streitig machen. Aus ihrer Sicht regiert Indonesien wie eine Kolonialmacht, die die einheimischen Papua unterdrückt und aus ihren angestammten Gebieten vertreibt. Indonesien wiederum fürchtet eine Unabhängigkeit West-Papuas, da es den Zugang zu den Gold- und Kupferressourcen verlieren würde und da es seine nationale Einheit bedroht sieht. In diesem Zusammenhang ist auch das Transmigrationsprogramm zu sehen, im Rahmen dessen die indonesische Regierung seit 1969 ca. 10 Mio. Indonesier von Hauptinsel Java auf die Außeninseln umgesiedelt hat. Ziel dieses Programms ist nicht nur die Entlastung des übervölkerten Java, wie die offizielle Begründung lautet. Von Anfang an verfolgte die Zentralregierung vielmehr auch die Absicht, die abtrünnigen Regionen zu 'indonesisieren', um sie besser kontrollieren zu können. Fakt ist, dass es seit 1970 zu permanenten Menschenrechtsverletzungen an der einheimischen Bevölkerung gekommen ist und Militärs schätzungsweise über 100.000 Menschen verschleppt und ermordet haben. Zum Schutz der Mine hat die Bergbaugesellschaft Freeport aufwendigen Sicherheitsmaßnahmen vorgenommen. Allein für das Jahr 2010 beziffert Freeport diesbezügliche Ausgaben mit 14 Mio. US-$. Im Einsatz sind ca. 3.000 Soldaten und Polizisten.
In jüngerer Zeit vermehren sich auch die Arbeitskämpfe der Minenarbeiter. Es geht vor allem um einen höheren Lohn und um bessere Arbeitsbedingungen. So führte ein Streik im Juli 2011 dazu, dass Freeport die Förderung erstmals einstellen musste. Nach Aussagen der Zeitung The Jakarta Globe nahmen an diesem Streik neben den 3.000 indigenen Minenarbeitern interessanterweise auch mehrheitlich die von Freeport beschäftigten indonesischen Migranten teil. Die Streiks erreichten im Oktober 2011 ihren Höhepunkt, als fünf Minenarbeiter erschossen wurden. Zwei Monate später kam es schließlich zu einer Übereinkunft mit den Streikenden, in der Freeport einer Lohnsteigerung um 37 Prozent zustimmte und zusätzliche Sozialleistungen versprach.

Die nationale und internationale Kritik richtet sich heute vor allem gegen die durch den Kupferabbau verursachten gravierenden Umweltschäden. Die Mine ist ein anschauliches Beispiel dafür, wie tiefgreifend der Mensch in das Landschaftsgefüge eingreift, um seinen Bedarf an dem wichtigen Industriemetall Kupfer sowie an dem begehrten Gold zu decken. Neben dem riesigen Bergbaukrater entstehen gewaltige Geröllberge für das weggesprengte Gestein. Ständig liegt ein feiner Staub in der Luft, angereichert mit Arsen und anderen giftigen Substanzen. Sie reizen die Atemwege und sind hochgradig krebserregend. Als besonders umweltschädlich erweist sich die Aufbereitung des Kupfererzes. Um das Erz vom Gestein zu trennen, werden die Gesteinsbrocken zermahlen und gewaschen. Dem Waschwasser werden Chemikalien zugesetzt, damit sich das Gestein vom Erz besser trennen lässt. Übrig bleibt ein Konzentrat, das - je nach chemischer Zusammensetzung des Ausgangsmaterials - zu je einem Drittel Kupfer, Schwefel und Eisen enthält. Ein weiteres Problem stellt der 'saure Haldenabfluss' dar. Da aus der Grasberg-Mine nur das reichhaltigste Kupfererz genutzt wird, enthält der Abraum noch große Mengen an Säure produzierenden Sulfiden, die mit dem Sickerwasser schließlich ins Grundwasser bzw. in die Bäche und Flüsse gelangen. Geschädigt werden dadurch vor allem Wasserlebewesen, deren Kiemenatmung durch die Gifte blockiert wird. Insgesamt gelangen täglich ca. 230.000 Tonnen hochgiftigen Abraums in die Flüsse und damit ins Meer – und dies in unmittelbarer Nähe zum Lorentz-Nationalpark.

Am 21. Februar 2012 trat in Indonesien ein Gesetz in Kraft, das die Rechte ausländischer Minenbetreiber einschränkt. Die neuen Regelungen sehen vor, dass ausländische Unternehmen ab dem fünften Produktionsjahr ihre Anteile schrittweise an einheimische Firmen abgeben müssen, so dass spätestens im zehnten Produktionsjahr mindestens 51 Prozent in indonesischer Hand sind. Betroffen ist natürlich auch Freeport. Befürchtungen, dass die Grasberg-Mine in naher Zukunft geschlossen werden könnte, da weder der indonesische Staat noch einheimische Unternehmen die erheblichen Kosten ohne Schwierigkeiten stemmen können, sind jedoch unbegründet. Gegen eine Schließung spricht nicht nur das Interesse des indonesischen Staates an der Mine, der angesichts steigender Rohstoffpreise mit wachsenden Erlösen aus dem Bergbau rechnen darf. Und das US-amerikanische Unternehmen Freeport wird sich schon allein wegen der bislang getätigten hohen Ausgaben kaum aus dem Projekt zurückziehen. Im Gegenteil: Der Konzern hat weitere 15 Milliarden US-$ veranschlagt, um die bislang weitgehend im Tagebau fördernde Mine auch unterirdisch zu betreiben, nachdem zwei weitere Erzvorkommen in größerer Tiefe entdeckt wurden, mit deren Abbau man 2024 und 2027 beginnen möchte.



Quellenangaben:
Quelle: Geographie Infothek
Autor: Norbert von der Ruhren
Ort: Leipzig
Quellendatum: 2012
Seite: www.klett.de
Bearbeitungsdatum: 20.03.2012


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