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Infoblatt Postfordismus


Postfordismus ist die Bezeichnung für eine
wirtschaftliche Entwicklungsphase, die das Prinzip der Massenproduktion
und der Fließbandarbeit des Fordismus aufgibt und neue Merkmale der
Organisation und Produktion aufweist.

Die Zeit des Postfordismus wird charakterisiert durch: einen verstärkten Einsatz von neuen Technologien, eine geringere Fertigungstiefe in der Produktion, je nach Kundenwünschen individuell gestaltete Produkte, das Entstehen neuer Verflechtungsbeziehungen zwischen Unternehmen, wie z. B. Kooperationen. Als räumliches Merkmal des Postfordismus gilt die Bildung von räumlich konzentrierten, häufig kleinen bis mittleren Unternehmen einer Branche in einer Region, die als Cluster bezeichnet werden (z. B. Silicon Valley).

Hintergrund

In den 1970er und 1980er Jahren zeichnete sich in den Industrieländern Nordamerikas und Europas ein krisenhafter Umbruch ab, der weite Bereiche von Wirtschaft und Gesellschaft erfasste. Hierdurch wurde die Periode des Wirtschaftswachstums nach dem Zweiten Weltkrieg beendet. Diese Krise wurde auch als Fordismuskrise bezeichnet, da sie eine strukturelle Krise des fordistischen Produktionssystems darstellte. Es offenbarten sich technische, ökonomische aber auch ökologische und soziale Grenzen des Fordismus. Durch die bisherige Ausrichtung der Produktion auf die fordistische Massenproduktion entstanden sehr große, viele verschiedene Produktionszweige umfassende Unternehmen. Diese waren kaum effizient steuerbar und deren Produktion konnte nur sehr schwerfällig auf neue Produkte oder Produktverbesserungen umgestellt werden. Ökologische Auswirkungen der Massenproduktion durch Umweltverschmutzungen und soziale Widerstände, z. B. Streiks und Demotivation der Arbeitskräfte, verstärkten die Probleme.
Zur gleichen Zeit begann sich ein grundlegender Wertewandel im Konsumverhalten zu vollziehen. Die Bedürfnisse der Menschen nach in Massenproduktion hergestellten Gütern (z. B. Auto, Fernseher, Kühlschrank) waren größtenteils gestillt. Die Nachfrage nach standardisierten Gütern ließ in der Folge nach und die Konsumenten legten mehr Wert auf individuell auf ihre Bedürfnisse zugeschnittene Produkte. Hierdurch verringerten sich die Absatzchancen für standardisierte Massenkonsumgüter. Parallel führte der Markteintritt von Industrieunternehmen aus Entwicklungsländern zu einer Verschärfung des Wettbewerbs auf internationaler Ebene. Die Auswirkungen dieses Wandels nahmen krisenhafte Ausmaße an.

Reaktionen auf die Krise des Fordismus

Fordistisch ausgerichtete Industrieunternehmen reagierten hierauf mit dem Abbau von Arbeitsplätzen in ihren Stammgebieten und durch Verlagerungen von Unternehmensteilen in andere Länder, in denen die Produktion kostengünstiger war. Von dieser Entwicklung waren besonders Regionen betroffen, in denen große Massengüter produzierende Konsumunternehmen und deren Zulieferer angesiedelt waren. Hier kam es zu regelrechten Massenentlassungen. Durch die sprunghaft ansteigende Arbeitslosigkeit und die damit einhergehenden Probleme erhöhte sich der Bedarf sozialstaatlicher Ausgaben (z. B. Arbeitslosengeld, Weiterbildungs- und Umschulungsangebote, Sozialhilfe), während aufgrund des nachlassenden Wirtschaftswachstums staatliche Einnahmen sanken (z. B. Steuerausfälle).
Das Fortbestehen der fordistischen Produktionsweisen in den Entwicklungsländern wird auch als peripherer Fordismus bezeichnet. Für die Überwindung der Fordismuskrise werden zumeist folgende Notwendigkeiten genannt:

  • die Entwicklung und Ausbreitung von flexiblen Technologien (z. B. Computer-, Informations- und Kommunikationstechnologien), welche an die schnell wechselnden Bedürfnisse der Konsumenten angepasst werden können,
  • neue flexible Arbeits- und Produktionsprozesse (z. B. Gruppenarbeit, Automatisierung von bis dato manuellen Tätigkeiten),
  • höher qualifizierte Arbeitskräfte für die effiziente Nutzung der neuen Technik,
  • firmenübergreifende Zusammenarbeit mit anderen Unternehmen in der Forschung oder gemeinsame Herstellung baugleicher Produkte (z. B. in Kfz-Branche)
  • sowie neue Wege in der Logistik (z. B. Just-in-time-Konzept).

Ziel dieser Maßnahmen ist eine erhöhte Flexibilität in der Anzahl der produzierten Menge, in der Anzahl von Produkten, der Anzahl von Produktvarianten und in der Fertigung, die zu einer Erhöhung der Wettbewerbsfähigkeit der Unternehmen führt.
Da die Symptome der Fordismuskrise nicht überall im gleichen Maße auftraten, entwickelten sich Regionen verschieden. Regionen, in denen industrielle Massenproduktion besonders stark konzentriert war, waren auch von den Auswirkungen der Krise stärker betroffen. Produktionsräume außerhalb der traditionellen Industriereviere mit einer hohen Konzentration von High-tech-Industrien, designintensiven Handwerksbranchen und hochwertigen unternehmensorientierten Dienstleistungsunternehmen schienen den mit der Fordismuskrise verbundenen Strukturwandel am besten bewältigen zu können.

Wege aus der Krise

Aus den wissenschaftlichen Debatten über den mit der Fordismuskrise verbundenen Strukturwandel sind umfassende Flexibilitätsszenarien hervorgegangen, in denen verschiedene Arten von flexiblen Arbeitskraft- und Technologienutzungen miteinander kombiniert worden sind. Zwei hier kurz vorgestellte Szenarien umfassen zum einen das "Szenario der flexiblen Spezialisierung", welches die Ausbreitung von Unternehmensnetzwerken aus flexibel spezialisierten kleinen und mittleren Unternehmen begünstigt. Die zweite Möglichkeit ist das "Szenario der dynamischen Flexibilität", welches zu großbetrieblichen Organisationsformen mit flexibler Massenproduktion führt.

  • Flexible Spezialisierung: Hier entstehen in einer Region konzentrierte Industriedistrikte, in denen kleine und mittlere Unternehmen innerhalb einer Wertschöpfungskette (innerhalb der Verarbeitungsstufen eines Rohstoffes bis hin zum Endprodukt) miteinander verflochten sind. Die räumliche Nähe erleichtert die Abstimmung und Kommunikation zwischen den Unternehmen, reduziert Kosten für den Austausch von Wissen und Informationen zwischen den Unternehmen und verringert Risiken für unternehmensübergreifende Arbeitsteilung, da sich die Unternehmer kennen und eine Vertrauensbasis zwischen diesen existiert.
  • Dynamische Flexibilität: Diese fördert räumliche Konzentrations- und Flexibilisierungsprozesse in Regionen, in denen Großunternehmen angesiedelt sind. Die Unternehmen in fordistisch geprägten Industrieregionen konzentrieren sich auf ihre Kernkompetenzen, d. h. sie beschränken sich auf zentrale Produktionslinien. Damit verbundenen sind Auslagerungen von Unternehmensteilen und auch die Aufgabe von Standorten in den Regionen. Durch neue Zuliefer- und Absatzsysteme für diese Unternehmen kann auch eine Steigerung der Wettbewerbsfähigkeit erreicht werden (z. B. neue Logistikkonzepte wie Just-in-time).

Die zwei Szenarien schließen sich nicht unbedingt aus. Beide Formen können komplementär zueinander, z. B. in verschiedenen Branchen, auftreten, sind aber auch nur begrenzt anwendbar. Das vorrangige Ziel der Unternehmen ist Erhaltung und Steigerung ihrer Wettbewerbsfähigkeit.

Literatur

BATHELT, H. & J. GLÜCKLER (2002): Wirtschaftsgeographie: ökonomische Beziehungen in räumlicher Perspektive.- Stuttgart.
WAGNER, H.-G. (1994): Wirtschaftsgeographie.- Braunschweig.



Quellenangaben:
Quelle: Geographie Infothek
Autor: Mirko Ellrich
Verlag: Klett
Ort: Leipzig
Quellendatum: 2004
Seite: www.klett.de
Bearbeitungsdatum: 31.05.2012


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