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Infoblatt Polarisationstheorien


Gegensatz zwischen dem wirtschaftlichem Wachstum und Entwicklung sowie der neoklassischen Gleichgewichtstheorie

Die Polarisationstheorien als Erklärungsansatz für wirtschaftliches Wachstum und Entwicklung stehen im Gegensatz zur neoklassischen Gleichgewichtstheorie. Denn Polarisationstheorien begründen sich auf der Annahme, dass längerfristige räumliche Ungleichgewichte existieren (z.B. durch Agglomerationsvorteilen), die sich im Zeitverlauf durch wirtschaftliche und soziale Prozesse sogar noch verstärken können. Sie versuchen also, die wirtschaftliche Dynamik aus der Branchen- und Siedlungsstruktur zu erklären.
Bisher ist keine geschlossene Theorie der polarisierten Entwicklung entwickelt worden. In den verschiedenen Ansätzen wird jedoch die Annahme vertreten, dass die auftretenden Ungleichgewichte einen zirkulär verursachten kumulativen Entwicklungsprozess in Gang setzen, der zu einer Verstärkung der Ungleichgewichte, d. h. zu einer regionalen und/oder sektoralen Polarisation führt.
Polarisationstheorien werden nach der Art der Polarisation in sektorale und regionale Theorien differenziert.

Polarisationstheorien betonen folgende Aspekte:

  • Interregionale Unterschiede der internen Wachstumsdeterminanten
  • Partielle Immobilität der Wachstumsdeterminanten
  • Interregionale Abhängigkeit regionaler Wachstumsprozesse
  • Oligopolitische und monopolitische Marktstrukturen

Sektorale Polarisation

Schumpeter argumentierte bereits 1911, dass grundlegende technische Neuerungen in einer Branche zu einem regelrechten Boom von Unternehmen führen. Auf dieser These aufbauend entwickelte Perroux Anfang der 1950er Jahre das Konzept des Wachstumspols. Die Kernaussage dieses Ansatzes lautet, dass wirtschaftliches Wachstum sektoral ungleichgewichtig verläuft, also bestimmte Sektoren schneller wachsen als andere. Durch Innovationen entwickelt sich die Wirtschaft "wellenförmig". Grundlegende Innovationen in bestimmten Branchen bewirken hohe Nettoinvestitionen und ein überdurchschnittliches Wachstum.
Von besonderer Bedeutung sind Branchen, die sich – gemessen am Bruttoproduktionswert oder am Marktanteil – durch eine quantitativ bedeutende Größe auszeichnen, die ein hohes Wachstum aufzeigen, die stark mit anderen Wirtschaftsbereichen verflochten sind und die eine dominante Machtposition vertreten. Solche Branchen (wie z.B. die Automobilindustrie) werden von Perroux als sektorale Wachstumspole oder motorische Einheiten bezeichnet. Sektorale Wachstumspole üben auf die abhängigen Wirtschaftsbereiche Anstoß- und Bremseffekte aus, die das wirtschaftliche Wachstum positiv oder negativ beeinflussen. Sie verstärken den Polarisationsprozess.

Kritiker der sektoralen Polarisationstheorie bemängeln im Wesentlichen folgende Aspekte:

  • Stark vereinfachte Darstellung des sektoral differenzierten Wirtschaftswachstums
  • Widersprüchliche und irreführende Begriffsdefinitionen
  • Unkonkrete Aussagen hinsichtlich der Stärke der Anstoß- und Bremseffekte
  • Vernachlässigung der räumlichen Wirkungen der sektoralen Wachstumspole

Regionale Polarisation

In den 1960er Jahren übertrugen Boudeville und Lasuén den Gedanken der sektoralen Polarisation auf die räumliche Ebene. Sind motorische Einheiten einschließlich ihrer Zulieferer räumlich in einer Region konzentriert, so resultieren daraus produktionsbedingte regionale Verflechtungen, vervielfältigte regionale Einkommenseffekte und Anstöße zu Investitionen und Neugründungen vor Ort. Lasuén fand u.a. auch heraus, dass Innovationen am schnellsten in urbanen Zentren erfasst werden und sich von dort aus in das Umland ausbreiten.
Auch die Polarisationstheorie von Mydral (1957) hat einen eindeutigen Raumbezug. Wirtschaftliche Entwicklung bzw. Unterentwicklung auf nationaler und internationaler Ebene wird durch die Hypothese der zirkulären Verursachung eines kumulativen sozioökonomischen Prozesses erklärt. Durch die Veränderung der Wirtschaftsfaktoren (Nachfrage, Einkommen, Investitionen und Produktion) wird ein sog. kumulativer Prozess in Gang gesetzt. Die Veränderung eines Faktors zieht die Veränderung eines weiteren Faktors nach sich. Eine positive Veränderung verursacht einen Wachstumsprozess, eine negative Veränderung einen Schrumpfungsprozess.
Das Ausmaß der nationalen bzw. internationalen Ungleichgewichte und der Verlauf des räumlich differenzierten Entwicklungsprozesses hängt davon ab, ob und inwieweit den Entzugseffekten ("backwash effects") Ausbreitungseffekte ("spread effects") entgegenwirken und so zu Wachstumseffekten in einer Region führen. Entzugseffekte sind alle negativen Veränderungen, die die wirtschaftliche Expansion eines Zentrums in anderen Regionen hervorruft (z. B. Abwanderung qualifizierter Arbeitskräfte, Standortverlagerung von Betrieben etc.). Ausbreitungseffekte sind hingegen alle positiven Veränderungen (z. B. Ausbreitung des technischen Wissens und städtischer Verhaltensweisen). Der kumulative Prozess festigt die räumliche Differenzierung in Wachstumszentren und in Regionen, die hinter der allgemeinen Entwicklung zurückbleiben, auch wenn durch die Ausbreitungseffekte aus den Zentren erhebliche Vorteile entstehen.

Als Kritik an der regionalen Polarisationstheorie sind folgende Punkte anzuführen:

  • Die Entstehung der wirtschaftlichen Ungleichgewichte wird nicht modellintern, sondern über externe Faktoren erklärt.
  • Die räumliche Verteilung der Wachstums- und Rückstandsregionen wird als weitgehend historisch zufällig angesehen.
  • Die Ausführungen über die Stärke der Entzugs- und Ausbreitungseffekte lassen keine abschließenden Aussagen über deren Auswirkungen auf den räumlichen Differenzierungsprozess zu.

Literatur

Bathelt, G. u. J. Glückler (2003): Wirtschaftsgeographie.Ökonomische Beziehungen in räumlicher Perspektive. 2., korrigierte Auflage. Stuttgart.
Myrdal, G. (1974): Ökonomische Theorie und unterentwickelte Regionen. Frankfurt/Main.
Schätzl, L. (2001): Wirtschaftsgeographie 1 - Theorie. 8., überarbeitete Auflage. 158-168. Paderborn, München, Wien, Zürich.



Quellenangaben:
Quelle: Geographie Infothek
Autor: Jutta Henke, Wiebke Hebold
Verlag: Klett
Ort: Leipzig
Quellendatum: 2004
Seite: www.klett.de
Bearbeitungsdatum: 31.05.2012


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