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Infoblatt Tertiärisierung


Tertiärisierung - der Umwandlungsprozess zur Dienstleistungsgesellschaft

Nach der Klassifikation der Wirtschaftsbereiche von J. Fourastié können Wirtschaftssysteme in einen primären Sektor (Land- und Forstwirtschaft, Fischerei), sekundären Sektor (Verarbeitendes Gewerbe) und tertiären Sektor (Dienstleistungen) unterteilt werden. Auf langfristige Sicht wachsen alle Volkswirtschaften und es findet ein allmählicher sektoraler Strukturwandel statt. Dieser vollzieht sich in der Regel von agrarisch ausgerichteten Wirtschaften hin zu Industriegesellschaften und industrialisierte Volkswirtschaften entwickeln sich wiederum immer mehr zu Dienstleistungsgesellschaften. Der Umwandlungsprozess zu einer Dienstleistungsgesellschaft wird als Tertiärisierung bezeichnet. Meist wird dabei der statistische Anteil der jeweiligen Sektoren am Bruttoinlandsprodukt, an der Bruttowertschöpfung oder an den insgesamt Beschäftigten betrachtet.

Ursachen

Die Ursachen für den strukturellen Wandel sind mannigfaltig. Die wesentlichen Triebkräfte sind das Bevölkerungs- bzw. Beschäftigungswachstum, der technische Fortschritt und die Nettoinvestitionen. Diese drei Faktoren beeinflussen die gesamtwirtschaftliche Nachfrage und die Verbraucherpräferenzen. Infolge steigender Realeinkommen können die Haushalte verstärkt Dienstleistungen über den Markt beziehen, anstelle sie selbst zu erbringen. Außerdem verändern sich die Lebensbedingungen, die Arbeitszeit sinkt und die Nachfrage nach Freizeitangeboten steigt. Demographische Veränderungen wie Alterung und Single-Haushalte erhöhen ebenfalls den Bedarf an Dienstleistungen (z. B. Pflege und Betreuung). Immer komplexere Gebrauchsgüter und Produkte, wie beispielsweise Computer und Finanzdienstleistungen, erhöhen den Beratungsbedarf und tragen somit ebenfalls zum Wachstum tertiärer Dienste bei. Zum Dienstleistungswachstum hat darüber hinaus auch die Verstaatlichung von Dienstefunktionen beigetragen. Verschiedene Tätigkeiten der Haushalte (z. B. Altersversorgung, Pflegedienste) wurden auf den Staat verlagert.
In den 1990er Jahren expandierten besonders die unternehmensorientierten Dienstleistungen. Einerseits gab es eine reale Nachfragesteigerung derartiger Leistungen durch Industriebetriebe. Andererseits trugen aber auch ausgelagerte Dienstleistungen (Outsourcing; z. B. Raumpflege) aus der Industrie zu diesem Wachstum bei. Die Zuwächse unternehmensbezogener Dienstleistungen können somit z. T. aus den statistischen Verschiebungen zwischen den Sektoren resultieren. Allerdings kann es nur dort zu Nachfragesteigerungen unternehmensorientierter Dienstleistungen kommen, wo auch die entsprechende industrielle Basis vorhanden ist. Das Beschäftigungspotenzial ist dadurch nicht nur regional beschränkt, sondern es entstehen zumeist auch nur kleine bis mittlere Firmen mit wenigen Mitarbeitern. Zusammengefasst sind folgende Ursachen, die jeweils zu unterschiedlichen Zeiten in Erscheinung traten bzw. treten, verantwortlich für die Tertiärisierungsprozesse:

  • Verstaatlichung von Dienstefunktionen
  • Veränderungen der Struktur der Konsumnachfrager (demographische Faktoren), der Verhaltensweisen (Mobilität, Freizeitorientierung) und des Lebensstandards (höhere Einkommen)
  • Zunehmende Internationalisierung führt zur Entstehung neuer Handelsnetze
  • Auslagerungsvorgänge von Dienstleistungen aus der Industrie
  • Steigende Komplexität von Produkten und technologischer Wandel

Allgemeine Tertiärisierungsprozesse können aber auch aus statistischen Effekten resultieren. Sinkt im primären oder sekundären Sektor die Beschäftigung, so steigt der prozentuale Anteil des Dienstleistungssektors gleichzeitig, ohne dass es hier zu realen Arbeitsplatzzuwächsen kommen muss. In diesem Fall wird auch von einer Schein-Tertiärisierung gesprochen. Dieses Phänomen war beispielsweise während der Transformationsphase in den neuen Bundesländern zu beobachten. Zum einen gab es durch die sozialistische Wirtschaftsplanung mit Fokus auf den industriellen Sektor eine Vernachlässigung des Dienstleistungsgewerbes und somit einen enormen Nachholbedarf bezüglich des sektoralen Strukturwandels. Zum anderen entwickelten sich die neuen Länder nur deshalb rasch zu einer Dienstleistungsgesellschaft, weil es gleichzeitig eine massive Deindustrialisierung gab und der öffentliche Sektor überproportional ausgebaut wurde. Die anderen tertiären Teilsektoren haben sich jedoch nicht in dem Maße entwickelt, um von einer "gesunden Tertiärisierung" zu sprechen, wie sie etwa in Westdeutschland stattgefunden hat.

Chancen und Risiken

Dienstleistungen galten einst als wirtschaftliche Hoffnung des 20. Jahrhunderts. Wegbrechende Arbeitsplätze in der Landwirtschaft und Industrie sollten durch den Dienstleistungssektor kompensiert werden. Man ging davon aus, dass Dienstleistungen gleichzeitig erbracht und konsumiert werden müssen. Deshalb wurde das Rationalisierungs- und Verlagerungspotenzial im Dienstleistungssektor als gering angesehen und langfristige Beschäftigungszuwächse prognostiziert. Der tertiäre Sektor, so war die Prognose, sollte zur wirtschaftlichen Säule der Erwerbstätigkeit und Wertschöpfung von modernen Gesellschaften werden. Trotzdem konnten viele Dienste in den letzten Jahrzehnten durch langlebige Konsumgüter ersetzt und fortan eigenerstellt werden. Die Waschmaschine ersetzte die Wäscherei, das Auto den öffentlichen Personenverkehr und der Frisörsalon bekam durch die Haarschneidemaschine Konkurrenz. Es kommt dadurch zu einer Entkopplung von Konsum und Dienstleistungsbeschäftigung.
In den 1990er Jahren verstärkte sich diese Entwicklung und der Dienstleistungssektor wurde außerdem von Prozessen erfasst, die auch einst die industriellen Branchen erfahren haben. Dazu gehören die Automatisierung und Standardisierung von Dienstleistungen, was zu einer verstärkten Verlagerung ins Ausland (z. B. Call-Center) oder zur Herausbildung einer Selbstbedienungsgesellschaft führen kann. Viele Dienste werden durch die Kunden mittlerweile bewusst oder unbewusst selbst übernommen. So gibt es z. B. Automaten im Bankwesen und beim Ticketverkauf der Bahn, Selbstbedienungsbäcker, automatische Check-In-Terminals in Hotels oder Scannerkassen im Supermarkt zur eigenen Rechnungserstellung durch den Kunden. Aber auch der öffentliche Dienstleistungssektor ist durch Arbeitsplatzabbau gekennzeichnet. Viele Kommunen und die Bundesländer sparen aufgrund der nach wie vor angespannten Finanzsituation Personal ein. Auch hier erleichtern neue Steuerungsmöglichkeiten und technischer Fortschritt die Rationalisierungsmaßnahmen. Manche Dienstleistungsaktivitäten wie z. B. lehrende Tätigkeiten oder Pflegemaßnahmen dürften allerdings als relativ resistent gegen die Automatisierung oder Verlagerungen ins Ausland (Offshoring) sein. Obwohl es bereits auch hier Alternativen zur menschlichen Arbeitskraft durch Lernprogramme für Sprachen und Pflegeautomaten gibt.
In privaten und öffentlichen Teilsektoren findet demnach ein struktureller Wandel statt, bei dem zwar die Umsätze durchaus steigen, aber Arbeitsplätze zunehmend verloren gehen. Einzelne Branchen wie der Einzelhandel werden durch zusätzliche konjunkturelle Probleme belastet. So gibt es Tendenzen, Personal nicht nur zu reduzieren, sondern in ihrem Aufgabenbereich zu dequalifizieren. Für den Selbstbedienungsbäcker sind statt Bäckereifachverkäuferinnen nur noch Kassiererinnen notwendig, die entsprechend weniger Gehalt bekommen. Mögliche statistische Arbeitsplatzzuwächse resultieren oft durch die im Dienstleistungssektor besonders verbreiteten Teilzeitstellen. Es ist sinnvoll zwischen höherwertigen und einfachen Dienstleistungen zu unterscheiden. Höherwertige Dienstleistungen benötigen hochqualifiziertes Personal. Insbesondere Unternehmen greifen auf diese Dienstleistungen zurück, weshalb sie auf eine industrielle Basis angewiesen sind. Beispiele sind Forschung und Entwicklung, Ingenieurbüros oder Anwaltskanzleien. Bei den einfachen Dienstleistungen ist das Qualifikationsniveau geringer und damit auch die Stellung und Bezahlung der Mitarbeiter. Bedenklich ist die in jüngster Zeit sprunghafte Entwicklung von Personaldienstleistungen (Leiharbeiter). Unternehmen können so flexibler auf konjunkturelle Schwankungen reagieren. Für die betroffenen Beschäftigten bedeutet dies in der Regel eine geringere Teilhabe an tarifgebundenen Arbeitsverhältnissen.

Raumbezogene und sozioökonomische Auswirkungen

Tertiärisierung bezeichnet nicht nur den wirtschaftlichen Wandel, sondern wird auch häufig in Zusammenhang mit sozioökonomischen und raumbezogenen Veränderungen gesehen. In der Dienstleistungsgesellschaft ("postindustrielle Gesellschaft") sind andere Rahmenbedingungen von Bedeutung, als in agrarisch oder industriell geprägten Volkswirtschaften. Es gibt grundlegende Veränderungen der räumlichen Organisation. Das aus der industriellen Phase weitgehend vordefinierte Verteilungsmuster der Städte ändert sich durch die Prozesse der Tertiärisierung zu neuen Funktionsverteilungen und Hierarchien. Als direkte Folge der Zentrenfunktion der Dienstleistungen als Versorgungs- und Steuerungsfunktion bildet sich ein System der Hierarchie zwischen den einzelnen Siedlungen national und auch weltweit heraus. Nur wenige Städte eignen sich als Managementzentren und Hauptsitz von Unternehmen. Die Zentren der Dienstleistungsgesellschaft sind demnach die Metropolen und großen Städte. Generell gilt, dass Dienstleistungen Dienste an den Menschen sind und dort erbracht werden, wo sich die Bevölkerung räumlich konzentriert.
Auf der kleinräumlichen Ebene wirken sich die Tertiärisierungsprozesse beispielsweise durch veränderte Boden- und Flächenansprüche aus. Durch andere Standortpräferenzen (Stichwort "weiche Standortfaktoren") werden entweder innerstädtische oder periphere Standorte bevorzugt. Die Prozesse des sektoralen Strukturwandels sind von verstärkten krisenhaften Erscheinungen wie strukturelle Arbeitslosigkeit, verstärkte Lohnspreizung (hochqualifizierte Stelle vs. Niedrig-Lohnsektor) und erhöhte Leerstände bei Immobilien gekennzeichnet. Hinsichtlich dieser Tendenzen stellt sich die Frage, inwieweit die Tertiärisierung als regionale Entwicklungsstrategie weiterhin den gewünschten und auch erforderlichen Erfolg versprechen kann.



Quellenangaben:
Quelle: Geographie Infothek
Autor: Mirko Ellrich
Verlag: Klett
Ort: Leipzig
Quellendatum: 2004
Seite: www.klett.de
Bearbeitungsdatum: 02.05.2012


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