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Infoblatt Erdbebenregion Türkei


Eine der am stärksten Erdbeben gefährdeten Regionen Europas

Die Erdbebenregion Türkei

Die Türkei ist wie kein anderes Land in Europa von Erdbeben betroffen. Im Norden des Landes verläuft die sog. Nordanatolische Verwerfung. Sie ist ca. 900 km lang und erstreckt sich parallel zur Schwarzmeerküste über das Marmarameer bis nach Griechenland. Entlang der Verwerfung kommt es immer wieder zu verheerenden Erdbebenereignissen. Die Beben liegen oft in geringer Tiefe, was zwar die Ausbreitung begrenzt, dafür aber die Intensität erhöht. Eine Erklärung für die starke Erdbebengefährdung der Türkei kann in der seit 50 Millionen Jahren andauernden Kollision der Kontinentalplatten Afrikas und Europas gefunden werden. Beide Platten gehören zu den weltweit größten Kontinentalplatten. Während im Mittelmeer bei Kreta eine Subduktionszone entstanden ist, laufen die Platten in der Türkei gegeneinander. Eine solche Horizontalverschiebung wird auch Transform-Störung genannt. Zwei kontinentale Platten schieben sich an dieser Stelle horizontal aneinander vorbei. An der nordanatolischen Verwerfung sind die Ränder der Kollisionszone zerknittert. Bei Bewegungen der Kontinentalplatten brechen die Ränder und es kann sich, wie im Fall der Türkei, eine Mikroplatte lösen. Die sog. Agäische Platte bewegt sich zwischen den beiden Kontinentalplatten etwa zwei bis drei Zentimeter pro Jahr westwärts. An einem Teil der Nordanatolischen Verwerfungen verhakt sich die Platte jedoch immer wieder und dadurch entstehen Spannungen. Diese Spannungen lösen sich von Zeit zu Zeit in Erdbeben.

Große Erdbebenereignisse in der Türkei

Der nachfolgende chronologische Überblick ordnet die schwersten Erdbebenereignisse in der Türkei in den letzten 100 Jahren und zeigt, wie groß die Erdbebengefahr für die Menschen in der Türkei ist.

  • 14.04.1903: Ein Erdbeben fordert 1.700 Todesopfer.
  • 28.04.1903: Bei einem Erdbeben kommen 2.200 Menschen ums Leben.
  • 26.12.1939: In Erzincan kostet ein Erdbeben ca. 30.000 Menschen das Leben.
  • 20.12.1940: In Erbaa sterben 3.000 Menschen bei einem Erdbeben der Stärke 7,3.
  • 26.11.1942: Bei einem Erdbeben kommen 4.000 Menschen ums Leben.
  • 01.02.1944: Ein Erdbeben der Stärke 7,4 verursacht 2.800 Tote.
  • 31.05.1946: Ein Erdbeben der Stärke 6,0 tötet 1.200 Menschen.
  • 19.08.1966: Nahe der Stadt Varto fordert ein Erdbeben 2.520 Todesopfer.
  • 28.03.1970: In Gediz sterben bei einem Erdbeben 1.100 Menschen.
  • 22.05.1971: In Bingöl verursacht ein Erdbeben 1.000 Tote.
  • 06.09.1975: In Lice werden 2.400 Menschen bei Erdstößen getötet.
  • 24.01.1976: In der Nähe von Muradiye kommt es zu einem Erdbeben. 3.850 Menschen sterben.
  • 17.08.1999: Das Izmit-Erdbeben ereignete sich in der Großstadt Izmit am Marmarameer. Das Epizentrum lag unter der 200.000 Einwohnerstadt. Mit einer Stärke von 7,6 auf der nach oben offenen Richterskala forderte das Beben ca. 18.000 Tote und 44.000 Verletzte. Im Großraum Izmit wurden fast eine halbe Millionen Menschen obdachlos. Erhebliche Schäden erlitten auch viele Unternehmen in der stark industrialisierten Region um Izmit. Eine große Erdölraffinerie brannte beispielsweise mehrere Tage.
  • 25.06.2001: Ein Beben der Stärke 5,5 erschütterte Osmanye.
  • 03.02.2002: In der Region von Afyson forderte ein Beben der Stärke 6,5 44 Menschenleben und zerstörte zahlreiche Siedlungen.
  • 10.04.2003: In Izmir/Seferihisar wurde ein Beben der Stärke 5,7 registriert; dieses Hauptereignis sowie verschiedene Nachbeben brachten umfangreiche Sachschäden.
  • 26.07.2003: An diesem Tag bebte in der Westtürkei (Bulsan) zwei Mal die Erde; mit einer Stärke von 4,5 bzw. 5,4.
  • 20.12.2004: In der Umgebung von Mamaris fand ein Erdbeben der Stärke 5,4 statt. Es brachte Sachschäden und Verletzte.
  • 06.06.2005: An diesem Sommermorgen erschütterte ein Erdstoß der Stärke 5,3 die Provinz Bingol. Es mussten 3 Tote verzeichnet werden.
  • 20.10.2005: Um Izmir zerstörte ein Beben der Stärke 5,9 zahlreiche Gebäude und Straßen und forderte einen Toten.
  • 24.12.2005: im Gebiet Akhisar bebte die Erde mit einer Stärke von 4,3. Es gab umfangreiche Sachschäden, jedoch keine Toten.
  • 23.10.2011: Um 10:41 Uhr wurde die Provinz Van in der Osttürkei von einem Beben der Stärke 7,2 zerstört und forderte rund 600 Tote.

Großes Erdbebenrisiko für Istanbul

Das letzte große Erdbebenereignis im Raum Istanbul liegt bereits 240 Jahre zurück. Aufgrund der räumlichen Nähe (rund 20 km) zur Nordanatolischen Verwerfung rechnen Wissenschaftlicher bald mit einem schweren Erdbeben in Istanbul. Jederzeit ist ein Beben möglich. Im eigentlichen Stadtgebiet leben etwa 10 Millionen Menschen und im Großraum insgesamt 12 bis 14 Millionen. Jährlich wächst die Megacity um 250.000 Menschen. Viele Gebäude wurden und werden mit einfachsten Mitteln illegal errichtet. Bei einem starken Erdbeben fallen diese Häuser oft als erstes in sich zusammen. Ein großes Erdbeben wäre für die größte und wirtschaftliche bedeutendste Stadt der Türkei verheerend. Deutsche und türkische Forscher haben herausgefunden, dass mit einer Wahrscheinlichkeit von 60 % in den nächsten 30 Jahren ein starkes Erdbeben bei Istanbul auftreten wird. Die Situation der türkischen Metropole ist vergleichbar mit der von San Francisco (USA) an der San-Andreas-Verwerfung. Ein weiteres beunruhigendes Anzeichen ist der räumliche Verlauf der Erdbeben in den letzten 100 Jahren, wobei sich die Serie schwerer Erdbeben immer weiter westwärts schob. Izmit liegt lediglich 80 km östlich von Istanbul.
Wissenschafter versuchen nun, ihre Forschungstätigkeiten im Marmarameer zu intensivieren. Auf dem Meeresboden sollen Gassensoren und Kameras installiert werden. Es wird vermutet, dass es einen Zusammenhang zwischen Gasaustritt und Erdbebenereignis gibt. Beginnt der Gasaustritt tatsächlich vor einem Erdbeben, können die Forscher Erdbebenwarnungen heraus geben. Zwar können mit rechtzeitigen Vorhersagen keine Erdbeben verhindert, aber durch die Vorwarnung womöglich viele Menschenleben gerettet werden. Lebensrettende Maßnahmen sind zum Beispiel Brücken zu sperren, Ampeln auf Rot zu stellen und Gasleitungen zu schließen. Außerdem sollen ferner die Gebäude in Istanbul erdbebensicher gemacht werden. Neue Bauvorschriften und Beseitigung der schlimmsten Baumängel sollen ebenfalls helfen, die Zahl der Todesopfer bei einem Erdbebenereignis zu minimieren. So werden viele Schulen baulich verstärkt. Außerdem werden die Schüler darauf trainiert, wie sie sich bei einer möglichen Naturkatastrophe verhalten sollen. Weiterhin besitzen viele Familien im Garten einen erdbebensicheren Container mit wichtigen (Über-)Lebensmitteln.



Quellenangaben:
Quelle: Geographie Infothek
Autor: Mirko Ellrich
Verlag: Klett
Ort: Leipzig
Quellendatum: 2007
Seite: www.klett.de
Bearbeitungsdatum: 04.03.2013


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