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Infoblatt Tschadsee


Der langsame Tod des größten westafrikanischen Binnensees

Geographische Einordnung

Der Tschadsee liegt bei ca. 24 Grad nördlicher Breite und 15 Grad östlicher Länge am Südrand der Sahara. Der Landschaftstyp dieser Region wird auch als Sahelzone bezeichnet, die durch jährlich schwankende Niederschläge gekennzeichnet ist. Die durchschnittliche Niederschlagssumme liegt zwischen 500 bis 1.000 mm. Es gibt jedoch auch Jahre, in denen die Regenzeit ausfällt und Dürre auftritt. Einst gehörte der Tschadsee zu den großen Binnenseen der Welt. Ähnlich wie der Aralsee erlangte er in Westafrika jedoch traurige Berühmtheit durch sein dramatisches Schrumpfen. Vor allem in den letzten Jahrzehnten nahm die Fläche des Sees auf einen Bruchteil ihrer ursprünglichen Ausdehnung ab. Vor dem Rückzug des Seebetts gehörten Nigeria, Tschad, Kamerun und Niger zu den Anrainerstaaten. Mittlerweile sind offene Wasserflächen fast nur noch im tschadischen und kamerunischen Teil aufzufinden. Ökologisch wie ökonomisch bestehen in der Sahelzone große Überlebensrisiken, wie das Beispiel des Tschadsees zeigt.
Einst wie heute ist das Tschadbecken ein "abflussloser Raum", dessen Flüsse in den See entwässern. Der Tschadsee ist ein Endsee und wird hauptsächlich durch die beiden Flüsse Chari und Logone gespeist. Beide Fließgewässer entspringen im zentralafrikanischen Hochland, der Wasserhaushalt des Tschadsees ist also im Wesentlichen von den hier fallenden, saisonalen Niederschlägen abhängig. Am westlichen Ufer mündet noch die Abflussrinne des Wadi Bahr-el-Ghazal in den Tschadsee, die aber nur zu einem sehr geringen Ausmaß für den Zulauf verantwortlich ist. Im Rhythmus der Regenzeiten schwankt der Wasserspiegel des Sees beständig. Am höchsten ist der Wasserstand im Januar, am niedrigsten im Juni. Die durchschnittliche Wassertiefe beträgt etwa 2 m. Oft ist der See aber weniger als einen Meter tief, die größte Tiefe liegt bei etwa 7 m. Durch Schwankungen der Niederschläge ändert sich die Uferlinie des Sees ständig. An vielen Stellen wachsen Schilf und Papyrus im See und bilden mitunter ein dichtes Geflecht. Variieren die Uferlinien, bleiben diese oft in Form eines Inselteppichs zurück.

Der Tschadsee einst und heute

Seine vermutlich größte Ausdehnung hatte der See ca. 4000 v. Chr., als er Ausmaße ähnlich des Kaspischen Meeres besaß. Die damalige Wasserfläche wurde auf eine Größe von 300.000 bis 400.0000 km² geschätzt. Dafür wurde von Geowissenschaftlern auch die Bezeichnung Megatschad eingeführt. Als die Europäer Anfang des 19. Jahrhunderts den Tschadsee "entdeckten", galt er immer noch als eines der größten Binnengewässer der Erde. Mitte des 20. Jahrhunderts schwankte die Ausdehnung des Sees, je nach Jahreszeit, zwischen 50.000 bis 20.000 km². Seit den 1960er Jahren hat sich die Wasseroberfläche jedoch drastisch reduziert. Durch Dürren in den 1970er Jahren verschlechterte sich der Zustand des Sees weiter. Die nördliche Vertiefung ist infolgedessen komplett ausgetrocknet. In den letzten Jahren bestand der Tschadsee fast nur noch aus der südlichen Vertiefung. Das geringste Ausmaß wurde 1984 registriert, als der See nahezu ausgetrocknet war. Eine stärkere Ausdehnung war 1998 zu beobachten. In den Folgejahren reduzierte sich die Wasserfläche aber weiter auf weniger als 1.200 km².

Ursachen und Auswirkungen der Tschadseekatastrophe

Veröffentlichungen von Satellitenbildern haben auf das wahre Ausmaß der Tschadseekatastrophe aufmerksam gemacht. Für das starke Schrumpfen des Tschadsees kommen mehrere Ursachen in Frage. So wird vermutet, dass sich der Klimawandel (vermutlich durch die globale Erwärmung) besonders stark im Bereich der Sahelzone auswirkt und dazu führt, dass immer weniger Niederschlag in dieser Region fällt. Weiterhin werden noch Wasserentnahme aus dem See und den Zuflüssen für Bewässerungsprojekte und Staudämme an den Zuflüssen verantwortlich gemacht. Im nördlichen Teil des Tschadsees versteppen die ehemaligen Wasserflächen und tragen so zu einer fortschreitenden Ausbreitung der Sahara bei. Städte, die einst am Seeufer lagen, befinden sich nun inmitten einer wüstenartigen Landschaft. Ackerbau ist auf den ehemaligen Seeflächen nur bedingt möglich. Auf dem trocken gefallenen Seegrund entstanden des Weiteren neue Ansiedlungen. Im Restsee der südlichen Vertiefung sinken die Erträge der Fischerei beständig. Der schrumpfende See verändert nicht nur das regionale Klima und das Ökosystem, sondern entzieht der einheimischen Bevölkerung auch die Lebensgrundlagen.
Als problematisch erweist sich ebenfalls die Frage der Grenzziehung zwischen den Anrainerstaaten. Die Grenzen des Vierländereckes wurden im See nur ungenau festgelegt. Da diese Bereiche nun trocken gefallen sind, besteht Unklarheit, welche Flächen zu welchem Land gehören.

Rettung in Sicht?

Mitte der 1990er Jahre diskutierten die betroffenen Staaten, wie der Tschadsee zu retten sei. Die Zentralafrikanische Republik hat sich an der Diskussion ebenfalls beteiligt, da Teile des Einzugsgebietes der Zuflüsse in diesem Land liegen. Die Lake Chad Basin Commission wurde gegründet und ehrgeizige Pläne zur Rettung des Tschadsees beschlossen. So soll Wasser aus dem Oubangui, einem Zufluss zum Kongo, bergauf in einen der Zuflüsse zum Charifluss gepumpt werden. Ein Dammbau und Kanäle sind für dieses Projekt notwendig. Jedoch gab es bereits zu Beginn Probleme, einen Geldgeber für die Machbarkeitsstudie zu finden. Sobald diese umgesetzt ist, soll für das Großprojekt eine Finanzierung auf internationaler Ebene aufgestellt werden. Die Vorzeichen für die Umsetzung stehen jedoch schlecht, da schon 30 Jahre zuvor ein großes Projekt (das South-Chad-Bewässerungsprojekt) gescheitert war.
Fest steht jedoch, dass in der Tschadseeregion mehr als 20 Millionen Menschen direkt und indirekt vom See abhängig sind. Ein völliges Verschwinden des Sees wäre nicht nur ökologisch eine Katastrophe, sondern würde die Ärmsten der Armen ihrer natürlichen Existenzgrundlage berauben.



Quellenangaben:
Quelle: Geographie Infothek
Autor: Mirko Ellrich
Verlag: Klett
Ort: Leipzig
Quellendatum: 2007
Seite: www.klett.de
Bearbeitungsdatum: 29.04.2012


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