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Infoblatt Tschernobyl


Die Katastrophe im Kernkraftwerk - Chronologie, Auswirkungen, Situation heute

Im April 1986 ereignete sich im sowjetischen Kernkraftwerk Tschernobyl (heute Ukraine) ein Super-Gau. Unter einem Super-Gau versteht man den größten anzunehmenden Unfall, der mit den vorhandenen Sicherheitsmaßnahmen durch den Menschen nicht mehr kontrollierbar wäre.
So ein extrem seltener Fall trat bei der Explosion eines Reaktorblocks im Kernkraftwerk Tschernobyl auf. Das Kraftwerk erhielt seinen Namen durch das benachbarte Dorf Tschernobyl. Der Name "Tschernobyl" gilt heute als Synonym für die potenziellen Gefahren, die von der Nutzung der Atomkraft ausgehen können. Die Katastrophe von Tschernobyl wurde zum größten Unfall seit der Havarie von Majak (Russland) im Jahr 1957. Der Super-Gau von Tschernobyl sorgt bis heute für heftige Diskussionen um Ursachen und Auswirkungen des Unfalls sowie Gefahren von anderen Kernkraftwerken und der zivilen Nutzung der Kernkraft. Trotz spärlicher Datenlage und Informationspolitik der damaligen sowjetischen Behörden, konnte das Unfallgeschehen rekonstruiert werden. Allerdings gibt es bis heute keine allgemein anerkannte Untersuchung über die genauen Folgen. Eine Studie der Vereinten Nationen aus dem Jahr 2005 über die gesundheitlichen, ökologischen und wirtschaftlichen Folgen der Katastrophe sollte den Spekulationen ein Ende setzen und Klarheit über das wahre Ausmaß bringen. Kritiker behaupten jedoch, dass das Ergebnis geschönt sei.

Chronologie des Unfalls

Das Unglück ereignete sich am 26. April 1986 bei der Durchführung eines Experiments. Innerhalb kürzester Zeit ereigneten sich verhängnisvolle Kettenreaktionen, die so nicht für möglich gehalten wurden. Eigentlich sollte das Experiment bereits am 25. April stattfinden, aufgrund hoher Stromnachfrage wurde die Durchführung jedoch auf die unvorbereitete Nachtschicht verschoben. Es sollte getestet werden, ob die Turbinen bei einem Stromausfall im Kraftwerk noch ausreichend Strom liefern können, um die Notkühlung des Reaktors sicherzustellen. Dafür mussten jedoch die automatischen Sicherheitseinrichtungen ausgeschaltet werden. Ein Bedienfehler eines Kraftwerksangestellten führte dazu, dass die Reaktorleistung zu Beginn des Experimentes stark abfiel. Um die Leistung wieder anzuheben, wurden zu viele Bremsstäbe (welche zur Kontrolle von atomaren Kettenreaktionen dienen) entfernt. Die erforderliche Mindestzahl wurde unterschritten, was den Reaktor so gut wie unkontrollierbar machte. Das Experiment wurde dennoch gestartet. Die Temperatur des Kühlwassers stieg, erreichte allerdings nur Siedetemperatur. Um den Reaktor ausreichend zu kühlen, ist jedoch verdampfendes Kühlwasser notwendig. Die Reaktorleistung stieg aufgrund der fehlenden Kühlung stark an.
Normalerweise wären nun die automatischen Sicherheitssysteme angesprungen. Diese waren aber abgeschaltet und wurden wenig später manuell ausgelöst. Alle Bremsstäbe wurden eingefahren, die die drohende Katastrophe verhindern hätten können. Doch aufgrund eines systematischen Konstruktionsfehlers der Bremsstäbe wurde die Kettenreaktion stattdessen noch beschleunigt. Für einen Moment erhöhte sich die Reaktorleistung erneut schlagartig. Die unglaubliche Hitze verformte die Bremsstäbe, eine Rettung war nun nicht mehr möglich. Gasförmiger Wasserstoff und Sauerstoff mischten sich und es entstand eine explosionsfähige Mischung: Knallgas.
Kurz nach Beginn des Experiments ereignete sich dadurch die verheerende Knallgas- und nukleare Explosion im Block IV. Der gesamte Block IV mit einem über 1.000 Tonnen schweren Reaktordeckel wurde zerstört. Ein großer Teil der radioaktiven Materie wurde nach draußen geschleudert und gelangte so in die Umwelt. Ein übergreifen des Feuers auf Block III konnten nur knapp verhindert werden. Wenige Stunde später wurde Block III abgeschalten und einen Tag später auch die Blöcke I und II.

Erste Auswirkungen nach dem Unfall

Im schwedischen Kernkraftwerk Forsmark wurde am 28. April 1986 aufgrund erhöhter Radioaktivität automatisch Alarm ausgelöst. Das eigene Kraftwerk konnte als Ursache jedoch ausgeschlossen werden. Gemäß der vorherrschenden Windrichtung konnte rekonstruiert werden, dass die Quelle eine kerntechnische Anlage auf dem Gebiet der ehemaligen Sowjetunion sein musste. Erst einen Tag später bestätigten sowjetische Behörden den Anfangsverdacht offiziell und sprachen von einer "Katastrophe" und zwei Todesopfern. Diese wurden bei der Explosion erschlagen. In den folgenden Wochen starben weitere 30 Männer, die bei den Rettungsarbeiten eingesetzt wurden. In monatelanger Arbeit wurden zwischen 600.000 und 1,2 Mio. sog. Liquidatoren eingesetzt, die das Gelände dekontaminierten und den zerstörten Block IV mit einem Sarkophag aus Beton umbauten. Anfang Mai wurden aus dem Umkreis von zehn Kilometern um das Kraftwerk alle Einwohner evakuiert. Wenig später wurde die Sperrzone auf 30 Kilometer erweitert und umfasste 4.300 Quadratkilometer.
Insgesamt wurden 350.000 Menschen aus dem verstrahlten Gebiet fort geschafft. Die Stadt Pripjat mit 50.000 Einwohnern musste innerhalb von wenigen Stunden verlassen werden. Aufgrund der Verstrahlung durften die Bewohner keinerlei Hab und Gut mit sich führen. Noch heute sind in der Stadt Pripjat Spuren der Vorbereitungen auf die Feierlichkeiten zum ersten Mai zu sehen.

Tschernobyl heute

Nach den Aufräumarbeiten wurden die Blöcke I - III wieder in Betrieb genommen. Der Block II wurde 1991 nach einem Feuer stillgelegt. Block I wurde 1996 runtergefahren und der letzte aktive Block III wurde im Dezember 2000 abgeschaltet. Dieser endgültige Schritt wurde vor allem auf Betreiben der EU unternommen. Die Ukraine erhielt dafür Ausgleichszahlungen von der EU. Mit der Schließung begann gleichzeitig die aufwendige Demontage der Kraftwerksanlagen. Die noch intakten Blöcke I - III sollen nun demontiert werden. Das gesamte Gelände muss dekontaminiert, d. h. von belasteten Materialien befreit werden. So muss beispielsweise der Fuhrpark entsorgt werden, mit welchem 1986 die Löscharbeiten erfolgte. Trotz Sperrzone sind viele Rettungsfahrzeuge und -hubschrauber ausgeschlachtet worden. Teilweise fehlen ganze Hubschrauber.
Ein umfassender Plan zur nachhaltigen Lagerung der hochverstrahlten Materialen und Abfälle auf und um das Gelände des Kraftwerks existiert bis heute allerdings nicht. Die Schutzhülle des Blocks IV wurde nach dem Unglück eilig errichtet. Die Konstruktion aus Beton und Stahl wird jedoch zunehmend porös und droht zu zerfallen. Wenn der ganze Sarkophag zusammenfällt, besteht die Gefahr, dass radioaktiver Staub freigesetzt wird. Aktuell wird ein Konzept umsetzt, wonach der bröckelnde Sarkophag von einer zweiten Schutzhülle ummantelt werden soll. Mit einer Länge von 257 Metern, 150 Meter Breite und 108 Meter Höhe soll die neue Schutzhülle, die damit höher als der Kölner Dom sein wird, über den alten Sarkophag geschoben werden. Im August 2007 wurde der Bauauftrag hierfür an ein internationales Konsortium, u. a. mit deutscher Beteiligung, vergeben.
Nach den umfangreichen Evakuierungen kehrten bereits die ersten Einwohner in die 30-Kilometer-Sperrzone zurück. Heute wird geschätzt, dass in diesem Bereich etwa 200 kleine Siedlungen noch bzw. wieder bewohnt werden. Vor allem ältere Menschen zogen in ihre Heimat zurück. Zwar ist der Aufenthalt in der Sperrzone gesetzlich verboten, jedoch tolerieren die Behörden die Rückkehrer stillschweigend. Kinder dürfen sich in diesem Gebiet allerdings nicht aufhalten. Für Besucher ist der Aufenthalt in der Sperrzone unbedenklich. Lediglich in direkter Nähe zum Block IV steigt der Strahlungspegel deutlich an. Auch die Studie der UNO kommt zu dem Schluss, dass die leichte Dauerbestrahlung in der Sperrzone im tolerierbaren Grenzbereich ist. Viele Evakuierte leben heute entweder in einem Vorort von Kiew oder in der eigens für die ehemaligen Bewohner errichteten Stadt Slawutitsch. Die Gesamtzahl der Todesfälle bei Rettungsarbeitern und Einwohnern, die unmittelbar auf die Verstrahlung zurückzuführen ist, wird auf ca. 4.000 geschätzt. Viel mehr Menschen litten und leiden aber unter den psychischen Folgen des Unglücks und der raschen Umsiedlung. So sind besonders viele ehemalige Bewohner der Region Tschernobyl vom Alkoholismus und von Depressionen betroffen. Auch werden oft unerklärbare Krankheiten auf das Unglück geschoben.
Der Natur in der Region rund um das Kernkraftwerk geht es laut Wissenschaftlern mittlerweile überraschend gut. In dem nahezu menschenleeren Gebiet in der 30-Kilometer Sperrzone konnte sich die Tier- und Pflanzenwelt ungestört entwickeln. Innerhalb von nur zwei Jahrzehnten verwilderten viele Ortschaften. Büsche wuchern in Häusern und aus Treppenstufen wachsen Bäume. Mehrere Wälder in unmittelbarer Nähe zum explodierten Reaktor hatten sich durch die starke radioaktive Strahlung rot verfärbt und gingen ein. Die toten Wälder wurden abgeholzt und mit unbelasteter Erde abgedeckt. Heute wachsen hier neue Bäume, die jedoch stark strahlen, da sie ihre Nährstoffe aus der belasteten Erde beziehen. In den ersten Jahren nach dem Unglück wurde bei Tieren zunehmend Missbildungen und Fehlgeburten beobachtet. Durch die fehlenden menschlichen Eingriffe haben sich wieder Elche, Wölfe und Hirsche zahlreich ausgebreitet. An Kanälen in der Stadt Pripjat leben etliche Biberfamilien. Ferner wurden einige Exemplare des vom Aussterben bedrohten Przewalski-Pferdes in den menschenleeren Steppenbereichen bei Tschernobyl ausgesetzt. In nur wenigen Jahren verdoppelte sich deren Zahl. In der Folge wurde die etwa 49.000 Hektar große Speerzone um das Kraftwerk Mitte August 2007 von der ukrainischen Regierung zum zoologischen Naturschutzgebiet erklärt.
Verschiedene Wissenschaftler widersprechen allerdings der These von einem "Hafen der Biodiversität". So haben Studien an Schwalben ergeben, dass Häufigkeit und Populationsgröße mit Zunahme der Radioaktivität rapide sinken. Gleiches halten die Wissenschaftler auch bei zahlreichen anderen Arten für gegeben.



Quellenangaben:
Quelle: Geographie Infothek
Autor: Mirko Ellrich
Verlag: Klett
Ort: Leipzig
Quellendatum: 2007
Seite: www.klett.de
Bearbeitungsdatum: 02.03.2012


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