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Infoblatt Victoriasee


Ein einzigartiges Ökosystem in Gefahr

Geographische Einordnung

Der Victoriasee liegt in Ostafrika und hat als Anrainerstaaten Kenia (Nordosten), Tansania (Süden) und Uganda (Nordwesten). Den größten Flächenanteil besitzt Tansania. Mit seiner Oberfläche von ca. 68.800 km² (entspricht ungefähr der Fläche Bayerns) gilt der Victoriasee als zweitgrößter Süßwassersee und als drittgrößter See der Welt. Nur das Kaspische Meer (Zentralasien) und der Obere See (USA/Kanada) sind größere Binnengewässer. Ferner gilt das Reservoir des Victoriasees als größter Stausee der Erde. Einst hatte der Victoriasee eine noch viel größere Ausdehnung, er stellt heute also nur ein Überbleibsel seiner ursprünglichen Größe dar. Ein wichtiger Zufluss des Victoriasees ist der Kagera-Nil aus den Bergen in Ruanda und Burundi. Beide Quellflüsse gelten als Quellen des Weißen Nils, welcher in den Victoriasee fließt. Im nördlichen Bereich des Sees befindet sich der Abfluss, der Victoria-Nil, welcher sich im späteren Verlauf gemeinsam mit dem Blauen Nil zum Nil vereint.
Für die europäische Welt wurde der See 1858 durch den Briten John Hanning Speke entdeckt. Benannt wurde das Gewässer nach der damalig herrschenden Königin von Großbritannien, Victoria. Sir Henry Morton Stanley umrundete 1875 den Victoriasee erstmalig vollständig mit einem Schiff. Erdgeschichtlich betrachtet ist der Victoriasee mit 1 Million Jahren ein recht junger See. Für Evolutionsbiologen gewährt er aber einzigartige Einblicke in die Evolutionsgeschichte eines Ökosystems. Es leben mehr als 550 Fischarten in dem Gewässer, darunter mehr als 500 Buntbarscharten. Zum Vergleich: In Europa gibt es gerade einmal ca. 200 Süßwasserfischarten. Der Artenreichtum an Buntbarschen hat sich seit dem letzten Austrocknen des Sees vor 100.000 Jahren entwickelt. Evolutionsbiologen gehen davon aus, dass sich diese 500 Arten aus nur wenigen Exemplaren entwickelt haben. Jede Fischart hat sich an die Lebensbedingungen des jeweiligen Bereichs im See angepasst. Doch dieses einzigartige "Labor der Evolution" ist in akuter Gefahr.

Nutzung durch den Mensch

Mitte des 20. Jahrhunderts wurde der natürliche Victoriasee zum Stausee und fortan auch als Victoria-Reservoir bezeichnet. Im Jahr 1954 wurde der Bau des Owen-Falls-Damms nahe der ugandischen Stadt Jinja an der Nordseite des Sees fertig gestellt. Die Talsperre ermöglicht eine Regulierung des Abflusses aus dem Victoriasee in das Niltal. In niederschlagsarmen Jahren konnte so das Defizit ausgeglichen werden. Durch die Aufstauung versanken die Owen- und Ripon Falls im Wasser des Sees. Neben der Staumauer wurde ein Wasserkraftwerk, die heutige Nalubaale Power Station, errichtet. Das Kraftwerk versorgt Uganda und Teile Kenias mit Energie. Etwa 1 km flussabwärts wurde Ende der 1990er Jahre ein weiteres Wasserkraftwerk gebaut. Über einen um den alten Owen-Falls-Damm herum geführten Kanal werden die Turbinen mit Wasser aus dem Victoriasee angetrieben. 2003 war die offizielle Einweihung, wobei bis heute aufgrund von Wassermangel nicht alle Maschinensätze in Betrieb gegangen sind. Insgesamt leben an den Ufern des Victoriasees etwa 30 Millionen Menschen, die die Energie aus den Wasserkraftwerken dringend benötigen. Ein wichtiger Wirtschaftszweig für die Einheimischen ist der Fischfang. Der Victoriabarsch spielt dabei eine zweifelhafte Schlüsselrolle (s. u.).

Ökologische Probleme

Der Victoriasee hat sich in den letzten Jahren unfreiwillig zu einem Musterbeispiel entwickelt, wie ein stabiles Ökosystem durch Eingriffe des Menschen und ungeplanter Wechselwirkungen akut in Gefahr geraten kann. Der hohe Wasserbedarf der ugandischen Wasserkraftwerke hat den Wasserspiegel des Sees zwischen 1998 und 2004 um 2,3 Meter abgesenkt. 2006 wurde der niedrigste Wasserstand seit 80 Jahren gemessen. Die Folge ist, dass viele Hafenstädte am See nicht mehr direkt von Schiffen angelaufen werden können. Zwar hat sich Uganda vertraglich verpflichtet, seine Wasserkraftwerke so zu betreiben, dass der Wasserspiegel stabil bleibt. Aber das Land hält sich nicht an diese Vereinbarung, weil die wachsende Bevölkerung eine zunehmende Energiebereitstellung erfordert.
Aber nicht nur die Wasserregulierung ist für die Absenkung verantwortlich, sondern auch der regionale Wandel des Klimas. Die Auswertung von Wetteraufzeichnungen hat ergeben, dass die Durchschnittstemperatur seit 1950 um 1 °C gestiegen ist. Das hat zu einer höheren Verdunstung und geringeren Niederschlägen im Einzuggebiet des Sees geführt.
Ferner verbrauchen immer mehr Anwohner des Sees auch immer mehr Trinkwasser. Allerdings wird das lebensnotwendige Elixier durch die zunehmend dichtere Besiedlung und die wachsende Bevölkerung immer stärker verschmutzt.
Ein großes Problem ist auch die Wasserhyazinthe, eine natürlich im Victoriasee nicht vorkommende schwimmende Wasserpflanze. Weite Flächen des Sees sind heute davon überwuchert. Die Pflanze behindert nicht nur die Schifffahrt und droht die Wasserkraftwerke zu verstopfen, sondern ist auch ideale Brutstätte für Malariafliegen und Bilharziose-Erreger. Absterbende Pflanzenteile lassen außerdem den Sauerstoffgehalt des Gewässers absinken und lösen so Fischsterben aus. Einst wurde die Wasserpflanze aus Lateinamerika durch die ehemaligen belgischen Kolonialherren importiert, um Wasserteiche zu verschönern. Seit den 1950er Jahren breitete sich die Wasserhyazinthe jedoch explosionsartig in den ostafrikanischen Flüssen und auch im Victoriasee aus.
Eine noch größere ökologische Bedrohung als der sinkende Wasserpegel, die Verschmutzungen und der Klimawandel stellt sich der als Segen gedachte Victoriabarsch für das Ökosystem Victoriasee heraus.

Der Victoriabarsch als Umweltkatastrophe und Wirtschaftsfaktor

In den 1960er Jahren wurde im Victoriasee der bis dato nicht heimische Nilbarsch ausgesetzt, um einen gut verwertbaren Süßwasserfisch zu züchten. Der Nilbarsch, der unter dem Namen Victoriabarsch in den Handel kommt, vermehrte sich explosionsartig. Allerdings standen auf seinem Speiseplan zahlreiche heimische Buntbarscharten, was in der Folge zu einem Massenaussterben zahlloser dieser Arten geführt hat. Der Victoriabarsch wird bis zu 1,8 m groß und 200 kg schwer. Als Fisch und Filet ist er in der EU und den USA zu einem beliebten Speisefisch geworden.
Was ökologisch für den See ein Desaster ist, bedeutet für die Anrainerstaaten ein zunehmend wichtiges Exportgut. Es wird geschätzt, dass der Victoriabarsch mittlerweile für etwa 3 Millionen Menschen direkt und indirekt im Fischfang und in der Fischverarbeitung eine Lebensgrundlage bietet. In Tansania ist die Fischindustrie zum drittwichtigsten Wirtschaftszweig nach dem Tourismus und der Förderung von Gold geworden. Für Uganda ist der Victoriabarsch nach dem Kaffeeexport der zweitwichtigste Devisenbringer. Der Victoriabarsch stellt für die Anrainerstaaten eine große Chance dar, wirtschaftliche Entwicklung aus eigener Kraft zu gestalten. Die wachsende Bedeutung des Victoriabarsches veranlasst auch die Anrainerstaaten zu handeln und Bedingungen zu schaffen, dass der See nicht überfischt wird. In Tansania sind beispielsweise große Trawler verboten worden, so dass sich kleine Fischer eine Existenz aufbauen können. Hierbei wird allerdings kritisiert, dass die unorganisierten Fischer von den Fischaufkäufern ausgenutzt werden. In den Fischverarbeitungsfabriken herrschen europäische Hygienestandards und die Angestellten erhalten eine für den lokalen Arbeitsmarkt überdurchschnittliche Entlohnung. Die Kommunen am Victoriasee profitieren ebenfalls vom Victoriabarsch. So erheben die Gemeinden Steuern auf jedes gefangene Kilo Fisch und die Fischverarbeitungsfabriken müssen ebenfalls Steuern entrichten. Tansania hat den Export bedrohter lokaler Buntbarscharten verboten. Durch die starke Überfischung des Victoriabarsches konnten sich diese Arten wieder ausbreiten und sichern einen wichtigen Bestandteil der Ernährung für die Anwohner des Sees.
Der Victoriabarsch befindet sich also im Spannungsfeld von unwiderruflichen Eingriffen in ein Ökosystem und der Chance zum Aufbau einer regionalen Wertschöpfungskette. Der Victoriabarsch kann nicht mehr aus dem Ökosystem entfernt werden. Deshalb ist ein wichtiges Ziel, den Victoriabarsch sozial- und umweltverträglich zu nutzen und als Chance für ressourcenbasierte Modernisierungsprozesse in Ostafrika zu betrachten.

Nachhaltiger Viktoriabarsch

Nachdem die Abnehmer für Viktoriabarsch in den Industrieländern durch die Missstände des Fischhandels in Tansania alarmiert waren, brach die Exportnachfrage drastisch ein. Einige Importeure und Fischverarbeiter in Tansania haben die Missstände zum Anlass genommen, ein neues Projekt zu initiieren: nachhaltige Fischerei des Viktoriabarsches nach ökologischen und sozialen Richtlinien. Das Konzept wurde gemeinsam mit den Kleinfischern vor Ort entwickelt, unterstützt wurde es auch von der Gesellschaft für Technische Zusammenarbeit (GTZ), von einem europäischen Importeur (Anova, Niederlande) sowie von dem verarbeitenden Unternehmen Vicfish in Tansania.

Für die nachhaltige Bewirtschaftung und Befischung des Viktoriabarschs gilt v.a.:

  • Verwendung von Netzen mit Maschen von15 und 20 Zentimetern, damit die Jungfische während des Fangs wieder herausschlüpfen können.
  • Weltweit erstes zertifiziertes Wildfischprojekt
  • Der Viktoriabarsch ist allein für den Export bestimmt
  • Verarbeitung nach neuesten Hygienestandards
  • 100-prozentige Verwertung des Fischs
  • Bessere Lebensbedingungen für die Fischer und ihre Familien


Quellenangaben:
Quelle: Geographie Infothek
Autor: Mirko Ellrich
Verlag: Klett
Ort: Leipzig
Quellendatum: 2007
Seite: www.klett.de
Bearbeitungsdatum: 21.03.2012


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