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Infoblatt Nordsee


Die Nordsee - Basisdaten, Wirtschaft, Ökologie

Basisdaten

Typ: Randmeer des Atlantischen Ozeans, ozeanographisch Schelfmeer, von Wasser überspülter Bereich des Festlandsockels
Lage: zwischen den Britischen Inseln im Westen, der Skandinavischen Halbinsel im Osten und dem europäischen Festland im Süden; Nord-Süd-Richtung von 61° bis 51° n. Br., West-Ost-Richtung von 5° w. L. bis 9° ö. L.
Tiefe: durchschnittlich 94 m, max. 1.303 m im Sognefjord
Ausdehnung: max. Länge 965 km, max. Breite 645 km
Fläche: 575.000 km²
Volumen: 54.000 km³
Salzgehalt: durchschnittlich 32 ‰, min. 25 ‰ im Flussmündungsbereich, max. 35 ‰ im Bereich des zuströmenden Atlantikwassers
Oberflächentemperatur: im Sommer bis 18 ºC, nach Norden bis auf 13 ºC abnehmend; im Winter im Küstenbereich bis 3 ºC, nach Nordwesten zunehmend bis auf 7 ºC
Grenzen: südwestlich Straße von Dover, östlich Übergang Skagerrak/Kattegat, nördlich Nordpolarmeer
Geographische Einheiten: südliche Nordsee mit Southern Bight und Deutscher Bucht, zentrale Nordsee mit der meist weniger als 20 m tiefen Doggerbank, nördliche Nordsee, Norwegische Rinne mit Übergangszone Skagerrak
Anrainer: Großbritannien, Frankreich, Belgien, Niederlande, Deutschland, Dänemark, Schweden und Norwegen

Wirtschaft

Umgeben von acht hoch industrialisierten Staaten mit einer Bevölkerung von etwa 80 Millionen Menschen im Küstenbereich kommt der Nordsee als Wirtschaftsraum eine herausragende Bedeutung zu. Mit den Häfen Rotterdam, Hamburg und Antwerpen liegen hier einige der größten und umschlagsstärksten Seehäfen der Welt. Jährlich ergeben sich etwa 420.000 Verschiffungen, so dass die Nordsee und speziell die Straße von Dover die Meeresregionen mit der höchsten Verkehrsdichte weltweit sind.
Der Kern der wirtschaftlichen Aktivitäten im Bereich der Nordsee liegt in der Förderung und Verarbeitung von Erdöl und Erdgas. Die Nordsee ist durch eine heterogene Struktur mit großen, durch Kontinentaldrift entstandenen Trogsystemen gekennzeichnet, die riesige Sedimentationsbecken (höffig) darstellen (Bsp. Viking-Graben). Ferner sind in der Nordsee zahlreiche entsprechende Fallenstrukturen zur Ausbildung von Lagerstätten vorhanden, darunter überwiegend verkippte Störungsblocks, aber auch entlang der Flanken von Salzdiapieren.
Die Erschließung der Öl- und Gasvorkommen sowie der Ausbau der Förderung in der Nordsee erfolgten dabei von Süd nach Nord. Im Wettbewerb mit anderen Förderregionen der Erde waren vor allem die hohen Produktionskosten im Offshore-Bereich hinderlich; so liegt z. B. der Breakeven von Nordsee-Erdöl bei einem Preis von $12.- je Barrel, im Iran dagegen bei $3,50 und in Saudi Arabien bei $1,50.
Ihren Anfang nahm die Exploration von Kohlenwasserstoffen im Nordseeraum 1958 mit der Entdeckung eines Erdgasfeldes nördlich von Groningen in der niederländischen Provinz Friesland. Da man davon ausging, dass ähnliche geologische Verhältnisse auch unter der Nordsee vorhanden sein mussten, dehnte man die Exploration auf den Offshore-Bereich aus. Vorab waren jedoch zunächst die Nutzungsrechte im Bereich des Kontinentalschelfs zu regeln, so dass die Vergabe der Konzessionen zur Exploration in der Nordsee erst 1964 stattfand. Im Ergebnis wurde 1965 im britischen Sektor das West Sole-Feld als erstes Erdgasvorkommen entdeckt, die kommerzielle Förderung setzte 1967 ein.
Den Erdgasfunden folgte im Jahr 1967 im dänischen Sektor der Nachweis von Erdölvorkommen, doch war hier eine Förderung unter wirtschaftlichen Gesichtspunkten nicht möglich. Den Startpunkt der kommerziellen Erdölgewinnung in der Nordsee markiert daher das 1969 entdeckte norwegische Ekofisk-Feld, in dem 1971 die Produktion aufgenommen wurde. Damals zählte es zu den 20 größten Erdölvorkommen der Welt.
Zurzeit befinden sich mehr als 450 Erdöl- und Erdgasbohrinseln sowie Förderplattformen in der Nordsee. Die meisten Plattformen liegen in der englischen Wirtschaftszone, gefolgt vom norwegischen, niederländischen, dänischen und deutschen Sektor (in dieser Reihenfolge). Die Förderanlagen sind untereinander und mit den Installationen zur Weiterverarbeitung auf dem Festland über ein dichtes Netz von Pipelines verbunden. Im Jahr 2002 wurden die förderfähigen Erdölreserven auf 2,754 Mrd. t geschätzt, von denen mit 1,57 Mrd. t ein Großteil im Wirtschaftsbereich Norwegens liegt, gefolgt von Großbritannien mit 880 Mio. t. Die Schätzungen bzgl. der Erdgasreserven gehen von 3.821 Mrd. m³ aus, von denen das Gros mit 2.315 Mrd. m³ wiederum im norwegischen Wirtschaftsbereich verortet ist.
Neben der Erdöl- und Erdgasförderung nimmt die Fischerei einen Schwerpunkt der wirtschaftlichen Aktivität in der Nordsee ein, obwohl die Fangquoten rückläufig sind. Noch immer werden jedes Jahr etwa 3,5 Mio. t Fisch und damit 5 % der weltweiten Menge gefangen, wobei die Nordsee als Fischereigebiet nur 0,2 % der Gesamtfläche ausmacht. Eines der wichtigsten Fanggebiete ist die seichte Doggerbank (min. Tiefe 13 m) in der zentralen Nordsee.
Die Fischerei wird durch die Zucht von Fischen und Schalentieren aus Marikultur-Anlagen ergänzt. Mitte der 1990er Jahre lag die produzierte Menge bei 650.000 t, von der ein Großteil auf Norwegen entfiel.
Darüber hinaus dient besonders die südliche Nordsee der Sand- und Kiesgewinnung. Außerdem ist der Tourismus ein wichtiges wirtschaftliches Standbein für die Küstenregionen der Anrainer.

Windenergie

Für die Nordsee als eine der windreichsten Regionen der Erde besteht im Bereich der Offshore-Windenergie ein enormes Potenzial. Aufgrund der höheren Windgeschwindigkeiten auf See kann die Leistung der Anlagen im Vergleich zu Standorten auf Land um bis zu 70 % gesteigert werden. Die Errichtung von Offshore-Windenergieparks begann bereits 1991 mit dem Windpark Vineby vor der dänischen Küste, gefolgt von Anlagen vor Schweden und den Niederlanden. Derzeit sind im Bereich der Nordsee Offshore-Windkraftanlagen mit mehreren 100 Megawatt Leistung installiert. In Deutschland verhinderten aufwändige Genehmigungsverfahren und hohe Umweltauflagen eine frühe Teilnahme an dieser Entwicklung, doch existieren mittlerweile auch hier verschiedene Pilotanlagen. Ferner bestehen Planungen für die Installation von Windparks in der deutschen 12-Meilen-Zone sowie in der Ausschließlichen Wirtschaftszone mit einer Gesamtleistung von ca. 22.850 Megawatt bis 2030. Konkrete Pläne der Bundesregierung sehen mittlerweile die Installation von insgesamt 40 Offshore-Parks vor (30 in der Nord-, 10 in der Ostsee), die allerdings zur Gänze jenseits der Zwölf-Meilen-Zone entstehen sollen.
Einer zügigen Ausdehnung der Windparks im Offshore-Bereich steht jedoch die kritische Haltung der deutschen Küstenanrainer entgegen. So haben Vertreter der Inseln Borkum und Wangerooge bereits Klagen gegen die Windparks Riffgat (Borkum, 44 Anlagen, 14 km Entfernung zur Küste) und Nordergründe (Wangerooge, 18 Anlagen, 13 km Entfernung zur Küste) geführt, da sie negative Auswirkungen auf den Tourismus befürchten. Als Gründe werden die Verbauung des bisher unverstellten Blicks aufs Meer sowie die Gefahr von Schiffskollisionen und dadurch verursachte Ölverschmutzungen gesehen. Das Verwaltungsgericht Oldenburg wies die Klagen jedoch als unzulässig ab. Gleiches gilt für die Klagen der Berufsfischer, die um ihre Fanggründe in den betroffenen Gebieten fürchten.
Trotz des umfangreichen planerischen Aufwands und der Vorbehalte der Bevölkerung sowie der Umweltverbände wurden seit Mitte 2009 die Anlagen für den ersten deutschen Offshore-Windpark "Alpha Ventus" in der Nordsee installiert. Ende April 2010 gingen sämtliche Anlagen des Windparks offiziell ans Netz. Die Anlagen dienen jedoch nicht kommerziellen Zwecken, sondern ausschließlich der Erforschung der Technik. Es handelt sich um zwölf Windräder mit einer Leistung von 60 Megawatt, die bis zu 50.000 Haushalte mit Strom versorgen können. Experten sehen in den Arbeiten allerdings eine Initialzündung für die kommerzielle Nutzung der Windkraft in Nord- und Ostsee und erwarten einen Boom bei Offshore-Anlagen. Insgesamt liegen derzeit (April 2010) Genehmigungen des Bundesamtes für Seeschifffahrt und Hydrografie für die Bebauung von 22 Flächen in der Nord- und weitere drei Flächen in der Ostsee vor.
Entsprechend der prognostizierten Entwicklung fiel Anfang September 2009 der Startschuss für die kommerzielle Nutzung von Windenergie im Offshore-Bereich. 90 Kilometer nordwestlich von Borkum haben die Arbeiten für "Bard Offshore I" begonnen, das 80 Windkraftanlagen umfasst und mit einer Produktionsleistung von 1,6 Terawattstunden/Jahr etwa 400.000 Haushalte versorgen soll. Das Investitionsvolumen des Projekts liegt bei ca. 1,5 Mrd. Euro.

Ökologie

Die Nutzung der Nordsee und ihrer Zuflüsse bringt eine Fülle an Umwelteinflüssen mit sich. Dazu zählen vor allem die Belastungen durch den Eintrag anorganischer (z. B. Blei oder Quecksilber) und organischer (Kohlenwasserstoffe) Schadstoffe. Erstere gelangen im küstennahen Bereich hauptsächlich über direkten Eintrag und Flusseintrag, im Hochseebereich überwiegend über die Atmosphäre in die Nordsee. Der Schadstoffeintrag ist hier u. a. durch den Stopp der Klärschlammverklappung 1998 jedoch rückläufig. Im Bereich der Belastung durch organische Schadstoffe ist seit dem Höhepunkt Ende der 1980er/Anfang der 1990er Jahre ebenfalls ein Rückgang zu verzeichnen, dennoch wird die Gefährdung des Ökosystems Nordsee noch immer als hoch eingeschätzt. Insbesondere über die in Flüsse gelangt eine Vielzahl organischer Stoffe aus Städten, Landwirtschaft und Industrieproduktion, darunter Pestizide oder pharmazeutische Wirkstoffe, in die Nordsee, doch auch der atmosphärische Eintrag spielt wiederum eine Rolle. Punktuelle Belastungen entstehen durch die Einbringung von Brauchwasser der Schiffe und Bohrinseln.
Die Fischerei in der Nordsee wirkt sich in enormem Maße auf die Population der Nutzfische aus. Trotz der Regulierung über Fangquoten seitens der EU sind zahlreiche Fischarten durch Überfischung bedroht, darunter vor allem Kabeljau, Aal und Schellfisch. Um den Bestand zu schützen, werden daher von Forschern und Umweltschützern totale Fangverbote für einige Fischarten verlangt. Durch den Einsatz von Grundschleppnetzen ergibt sich zusätzlich eine starke Gefährdung der Bodenfauna.
Unabhängig von den anthropogenen Einflüssen wirkt sich auch der Klimawandel immer stärker auf die Ökologie der Nordsee aus. Die Wassertemperatur ist in den vergangenen 40 Jahren um etwa 0,6 ºC angestiegen. Derzeitige Szenarien gehen von einem Temperaturanstieg bis zu 3 ºC in der nördlichen und bis zu 4 ºC in der südlichen Nordsee innerhalb der nächsten Jahrzehnte aus. Als Folge wurde z. B. eine Habitatverlagerung verschiedener Fischarten belegt, die bis zu 400 km nach Norden und damit in kühlere Gewässer gewandert sind. Daneben gewinnen Bioinvasoren stärker an Bedeutung, die sich aufgrund der gestiegenen Wassertemperaturen oder eingeschleppt durch den Menschen in der Nordsee ausbreiten. Die unmittelbaren Auswirkungen auf die heimischen Arten sind bisher besonders über längere Zeiträume noch wenig erforscht, doch deuten Beobachtungen darauf hin, dass durch verschiedene invasive Arten ein Verdrängungseffekt eingesetzt hat.



Quellenangaben:
Quelle: Geographie Infothek
Autor: Kristian Uhlenbrock
Verlag: Klett
Ort: Leipzig
Quellendatum: 2007
Seite: www.klett.de
Bearbeitungsdatum: 26.04.2010


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