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Infoblatt Ostsee


Die Ostsee - Basisdaten, Wirtschaft, Ökologie

Basisdaten

Typ: Binnenmeer, Nebenmeer des Atlantischen Ozeans
Lage: zwischen der Skandinavischen Halbinsel und dem europäischem Festland; Nord-Süd- Richtung von 66° bis 54° n. Br., West-Ost-Richtung von 10° bis 30° ö. L.
Tiefe: durchschnittlich 52 m, max. 459 m (Landsorttief nördlich von Gotland)
Ausdehnung: max. Länge ca. 1.220 km , max. Breite ca. 300 km
Fläche: 412.560 km²
Volumen: 21.631 km³
Salzgehalt: durchschnittliche Werte des Oberflächenwassers im Bereich Kattegat/Skagerrak 25 bis 15 ‰, in der zentralen Ostsee 8 bis 6 ‰, im Bereich des Bottnischen Meerbusens 2 ‰; Salzgehaltssprungschicht zwischen Oberflächenwasser (salzarm) und Tiefenwasser (salzreich)
Oberflächentemperatur: 8 - 10 ºC im Jahresmittel (zentrale Ostsee)
Grenzen: südlich Übergang Kattegat/Skagerrak
Geographische Einheiten: vordere Ostsee mit Kattegat und Beltsee, zentrale Ostsee mit Rigaer Meerbusen, nordöstliche Ostsee mit finnischem Meerbusen, nördliche Ostsee mit Bottnischem Meerbusen
Anrainer: Dänemark, Schweden, Finnland, Russland, Estland, Lettland, Litauen, Polen, Deutschland

Wirtschaft

Die Ostsee, geprägt von engen Passagen wie der Kadetrinne, zählt mit etwa 60.000 Schiffsbewegungen pro Jahr bei stetigem Zuwachs zu den am dichtesten befahrenen Meeresregionen der Welt. Allein der von den russischen und baltischen Erdölverladehäfen ausgehende Tankerverkehr hat hieran einen Anteil von mehr als 10 %, der in den nächsten Jahren überproportional steigen dürfte. Unter dem Eindruck der Lieferschwierigkeiten im Konflikt mit Weißrussland um die Druschba-Pipeline sucht Russland nach alternativen Transportwegen. Daher sollen die Kapazitäten des russischen Hafens Primorsk bei St. Petersburg von derzeit 45 Mio. t auf 120 Mio. t pro Jahr ausgebaut werden, was einen Anstieg der Erdöltransporte über die Ostsee um etwa ein Drittel auf über 10.000 zur Folge haben wird. Äußerst problematisch ist die Tatsache, dass die Tiefwasserzugänge aufgrund ihrer Lage in internationalen Gewässern keiner Lotsenpflicht unterliegen und daher die Gefahr von Zusammenstößen mit der ständig höher werdenden Verkehrsdichte wächst.
Weitere auf der Ostsee transportierte Massengüter sind u. a. Eisenerze, Kohle und Düngemittel. Daneben nimmt im ostseeexternen Güterverkehr die Beförderung von Containern einen hohen und stark wachsenden Stellenwert ein. Ostseeintern steht der Transport von Sattelzügen, Bahnwaggons etc. im Vordergrund. Mit jährlich 50 Mio. Reisenden und 6 Mio. Fahrzeugen liegt ein weiterer Schwerpunkt im Passagierverkehr. Eine wichtige Grundlage hierfür bilden die stark durch Tourismus geprägten Küstenregionen der Anrainerstaaten.
Im Bereich der Rohstoffgewinnung stehen im Ostseeraum vor allem Kies, Sand sowie Erdöl im Vordergrund. Die größten Vorkommen an Kies und Sand liegen in einer Größenordnung von mehreren Milliarden Kubikmetern im dänischen Sektor. Und nur hier nimmt die jährliche Fördermenge mit etwa 10 Mio. t auch eine wirtschaftlich relevante Menge ein. Doch entnehmen auch Deutschland vor der Küste Mecklenburg-Vorpommerns, Polen, Russland bei St. Petersburg sowie Finnland marine Sedimente aus der Ostsee.
Die Förderung von Kohlenwasserstoffen beschränkt sich auf Erdöllagerstätten vor Polen und vor Kaliningrad. Bei letzterer handelt es sich um ein Vorkommen, das nur 20 km vom UNESCO-Weltkulturerbe Kurische Nehrung entfernt ist und dessen Erschließung daher scharfer Kritik seitens des Umweltschutzes unterworfen ist. Dennoch wird die Förderung in dieser Region intensiviert. Die wichtigste deutsche Lagerstätte "Schwedeneck" liegt nördlich vor Kiel, doch ist diese Quelle erschöpft und die Produktion im Jahr 2000 eingestellt worden. Neben der Förderung ist in diesem Bereich auch das Projekt "Nord Stream" zu beachten, der Bau einer Erdgaspipeline von der russischen Stadt Wyborg durch die Ostsee zur deutschen Küste. Durch die 7,4 Mrd. Euro teure Pipeline können seit 2011 über eine erste Trasse 27,5 Mrd. m³ und mit Fertigstellung der zweiten Trasse (ab 2012) 55 Mrd. m³ über eine Strecke von 1.224 km transportiert werden.
Die Fischerei in der Ostsee stellt nach wie vor einen wichtigen Wirtschaftsfaktor dar. Die Zahl der Kutter nimmt seit den 1980er Jahren zwar ab, doch wird der Wegfall dieser Kapazitäten teilweise durch technische Weiterentwicklungen und einen höheren Fischereiaufwand kompensiert. Dennoch nahm die gefangene Gesamtmenge seit dem Höhepunkt mit 1 Mio. t Anfang der 1980er Jahre bis heute um ca. 50 % ab und liegt damit wieder auf dem Niveau der 1960er Jahre.
In den kommenden Jahren sollen durch den Bau von entsprechenden Offshore-Anlagen die Potenziale der Windenergie im Ostseeraum erschlossen werden. Vor der deutschen Küste sind Windparks mit einer Gesamtleistung von ca. 4.400 Megawatt geplant. Genehmigt wurden im Vorfeld zwei Pilotanlagen, Kriegers Flak und Arkona-Becken Südost, um die Auswirkungen auf die Meeresumwelt und die Schiffssicherheit zu erforschen. Insgesamt hat das Bundesamt für Seeschifffahrt und Hydrografie derzeit (April 2010) Genehmigungen zur Bebauung von 22 Flächen in der Nord- und von weiteren drei Flächen in der Ostsee erteilt. Zwar befinden sich die Projekte überwiegend noch im Planungsstadium, doch ist der Offshore-Windpark "Baltic I" mit 21 Windrädern und einer Gesamtleistung von 48 Megawatt vor der Küste von Fischland-Darß-Zingst im Mai 2011 in Betrieb gegangen. Aktuelle Planungen der Bundesregierungen sehen die Installation von insgesamt 40 Offshore-Windparks entlang der deutschen Küste vor, davon zehn in der Ostsee.

Ökologie

Die Ostsee weist eine Reihe morphologischer und ozeanographischer Besonderheiten auf, die unmittelbare Auswirkungen auf das Ökosystem haben. Sie ist das größte Brackwassermeer der Erde und fast vollkommen vom europäischen Festland umschlossen. Durch Flüsse und Niederschläge wird der Ostsee ständig eine große Menge Süßwasser zugeführt, während der Austausch mit dem salzreichen Meerwasser der Nordsee durch das schmale und flache Übergangsgebiet stark eingeschränkt ist. Das Nordseewasser muss entweder die Darßer Schwelle (18 m Satteltiefe) oder die Drogden-Schwelle (8 m Satteltiefe) überwinden. Durch seine im Vergleich zum salzarmen Oberflächenwasser höhere Dichte bewegt es sich am Meeresboden entlang und ergießt sich in einer Art Kaskade in die einzelnen Becken der Ostsee. Dabei bildet sich eine stabile Dichtesprungschicht zwischen Oberflächen- und Tiefenwasser aus. Hierdurch sowie durch die Beckenstruktur und fehlende Gezeitenströme sind sowohl die vertikale wie auch die horizontale Zirkulation eingeschränkt, was zu stagnierenden Bedingungen im Tiefenwasser führen kann. Bei ausbleibender Erneuerung des Tiefenwassers wird organisches Material akkumuliert und abgebaut. Dabei wird der vorhandene Sauerstoff verbraucht und bei längerer Stagnation Schwefelwasserstoff gebildet, der zu sog. "toten Zonen" am Meeresboden führt. Erst durch Salzwassereinbrüche aus der Nordsee, das durch anhaltenden Westwind in die Ostsee gedrückt wird, gelangt salz- und sauerstoffreiches Wasser in den Bereich des Tiefenwassers und die Stagnation endet. Dadurch ergibt sich eine sehr langsame Erneuerung des Wassers (durchschnittlich 25 - 35 Jahre, in der Nordsee 2 - 3 Jahre), sodass das Ökosystem der Ostsee äußerst empfindlich auf anthropogene Einflüsse reagiert.
Besonders die Eutrophierung (Überdüngung) mit zusätzlichen Nährstoffen aus intensiver Landwirtschaft, Straßenverkehr sowie Abwässern und Rauchgasen über Flüsse und Atmosphäre ist in diesem Zusammenhang problematisch. Jährlich gelangen auf diesem Weg etwa 1 Mio. t Stickstoff und 50.000 t Phosphor in die Ostsee, die eine enorme Belastung für den Sauerstoffhaushalt im Tiefenwasser darstellen. Der Nährstoffeintrag führt zu einer Massenentwicklung von Algen, die nach und nach absterben, zu Boden sinken und dort unter Verbrauch von Sauerstoff durch Bakterien zersetzt werden. Im Ergebnis steigt die Gefahr der Bildung von "toten Zonen" beträchtlich.
Auch der Eintrag von Schadstoffen wie etwa Schwermetallen oder Quecksilber birgt aufgrund der langsamen Erneuerung des Wassers ein hohes Gefährdungspotenzial für die Ostsee. Zwar sind die Belastungen mit verschiedenen Umweltgiften (z. B. DDT oder polychlorierte Biphenyle - PCB) durch Anwendungsverbote oder -einschränkungen zurückgegangen, doch wird in der Zunahme des Schiffsverkehrs und speziell des Erdöltransports eine latente Bedrohung des Ökosystems gesehen. Zahlreiche Experten halten es nur noch für eine Frage der Zeit, bis es zu einem schweren Tankerunglück kommt und die Ostsee nachhaltig verseucht wird. Ferner wurden in der Vergangenheit mehrere zehntausend Tonnen Munition mit chemischen Kampfstoffen sowie Industrieabfälle in der Ostsee verklappt. Erst im Oktober 2006 entdeckte man 23.000 Fässer mit Quecksilber vor der schwedischen Küste. Das hiervon ausgehende Gefährdungspotenzial ist nach Einschätzung von Umweltschützern enorm groß.
Auch durch die Fischerei wird das Ökosystem der Ostsee unter Druck gesetzt. 70 % der kommerziell genutzten Bestände gelten als überfischt, die von der EU festgesetzten Fangquoten werden als viel zu hoch eingeschätzt. Daneben zerfurcht die in der ganzen Ostsee angewandte Schleppnetzfischerei den Meeresgrund.
Um der Verschmutzung und den damit einhergehenden Gefahren zu begegnen, wurde von den Anrainerstaaten schon im Jahre 1974 mit der Helsinki Kommission (HELCOM) eine internationale Umweltschutzkommission eingerichtet. Deren Arbeitsgruppen befassen sich mit Umweltmonitoring, den Belastungen zu Lande und zu Wasser, Naturschutzbelangen, Katastrophenschutz und Krisenreaktion sowie der Umsetzung der Maßnahmen zum Schutz und Erhalt des Ökosystems Ostsee. Ergänzt wird die Arbeit der HELCOM durch ihr nichtstaatliches Pedant, der Coalition Clean Baltic (CCB), einem Netzwerk von 27 Umweltverbänden aus sämtlichen Anrainerstaaten.
Ferner ist noch nicht abzusehen, welche Folgen sich aus dem auch auf die Ostsee wirkenden Klimawandel und durch invasive Arten ergeben. So kam es in Folge der lang anhaltenden Hitzeperiode im Sommer 2006 zu einem explosionsartigen Wachstum giftiger Blaualgen, die den Sauerstoffmangel im Tiefenwasser verschärften. Außerdem entdeckte man im November 2006 die "Meerwalnuss" in der Ostsee, eine eigentlich an der amerikanischen Atlantikküste verbreitete Rippenqualle, die in den 1980er Jahren im Schwarzen Meer zu einem ernsten Einbruch der Fischbestände führte.



Quellenangaben:
Quelle: Geographie Infothek
Autor: Kristian Uhlenbrock
Verlag: Klett
Ort: Leipzig
Quellendatum: 2007
Seite: www.klett.de
Bearbeitungsdatum: 24.11.2011


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