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Infoblatt Stuttgart 21


Großflächige Entwicklungsmaßnahmen in der Stuttgarter City

Stuttgart ist die Landeshauptstadt von Baden-Württemberg und damit Sitz der Regierung, der Ministerien und auch der meisten Landesbehörden. Stuttgart ist die größte Stadt und ein wichtiges Wirtschaftszentrum des Bundeslandes. Tag für Tag kommen 190.000 Pendler aus dem Umland in die Stadt. In der City liegen hauptsächlich im Dienstleistungssektor (dem tertiären Sektor) angesiedelte Betriebe wie Kaufhäuser, Banken, Behörden, Rechtsanwälte oder Steuerberater. Die City ist das überragende Dienstleistungszentrum für die Menschen aus dem Umland und teilweise sogar aus dem ganzen Bundesland.
Ein weiterer wichtiger Teil des Dienstleistungszentrums Stuttgart sind Bildungs- und Forschungseinrichtungen. Wer in der Landeshauptstadt Stuttgart die Schule besuchen oder sich nach dem Schulabschluss weiter qualifizieren möchte, kann unter einem breit gefächerten Angebot und einer Vielzahl öffentlicher und privater Bildungseinrichtungen wählen. Fast 45 Prozent der Forschungs- und Entwicklungskapazitäten Baden-Württembergs sind in der Landeshauptstadt angesiedelt. Damit nimmt Stuttgart einen Spitzenplatz unter den Bildungsstandorten der Bundesrepublik ein. Dazu kommen renommierte Forschungs- und Entwicklungseinrichtungen wie etwa die Max-Planck-Institute, die Fraunhofer-Institute und das Forschungszentrum des Deutschen Zentrums für Luft- und Raumfahrt DLR.

Stadtentwicklung - Stuttgart 21

Durch den Bau des neuen Hauptbahnhofs mit seinen unterirdischen Gleiszufahrten werden zukünftig eine Million Quadratmeter für die städtebauliche Entwicklung in der Stuttgarter Innenstadt frei. Der Bau des neuen Durchgangsbahnhofs sowie der unterirdischen Gleiszufahrten erlaubt die städtebauliche Entwicklung von insgesamt 134 ha in der Innenstadt liegender Gleisflächen. Neben 50 ha Bauland werden die vorhandenen Parkanlagen um 20 ha erweitert. Weitere 30 ha dienen der Erschließung sowie dem Bau öffentlicher Plätze und Grünflächen.
So entstehen mitten in Stuttgart – schrittweise über die nächsten 20 Jahre – neue Quartiere zum Leben, Arbeiten, Einkaufen sowie für Kultur- und Freizeitaktivitäten. Das gesamte Neubaugebiet ist in die Teilgebiete A1 (Cityerweiterung), A2/A3 (Arbeiten und Wohnen am Schlossgarten), B (Wohnen am Rosensteinpark), C (Das Nordbahnhofsviertel) sowie D und E (Gäubahntrasse und Westbahnhof) unterteilt. Der Citystandort A1 bietet sich in besonderer Weise für oberzentrale Funktionen und Nutzungen an, vor allem für Dienstleistungen, Handelsbetriebe, zentrale Einrichtungen der Wirtschaft, Kultur- und Sondernutzungen. Zur Stärkung der Urbanität sind in A1 rund 700 Wohneinheiten vorgesehen. Gastronomie, Freizeit- und Unterhaltungseinrichtungen sollen ebenfalls genügend Platz finden.
Der vielfältige Nutzungsmix soll eine lebendige Innenstadt auch in den Abendstunden und am Wochenende garantieren. Für die Planer der neuen Baugebiete sind öffentliche Plätze ein Inbegriff der Begegnung und der städtischen Atmosphäre. Ihnen kommt daher bei der Cityerweiterung ein besonderer Stellenwert zu. Der Mailänder Platz und Pariser Platz orientieren sich in ihren Abmessungen an den bereits vorhandenen Plätzen und tragen somit zu einer Stuttgart-typischen Identität des Teilgebiets A1 bei. Beide Plätze bieten sich für eine Vielzahl von Veranstaltungen und Events an. Der 2004 fertig gestellte Pariser Platz ist in fünf Minuten zu Fuß vom Hauptbahnhof und der Königsstraße aus zu erreichen. Direkt neben dem Mailänder Platz mit attraktiven Freizeiteinrichtungen, Restaurants, Cafés und Einkaufsmöglichkeiten wurde im Oktober 2011 die neue Bibliothek eröffnet.

Projektverlauf

Das Projekt Stuttgart 21 umfasst nicht nur die Umbaumaßnahmen für den Stuttgarter Hauptbahnhof, sondern darüber hinaus den Neubau der Strecke Stuttgart - Ulm. Neben 60 km neuer Bahnstrecke, davon 30 km Hochgeschwindigkeitsstrecke, entstehen insgesamt drei neue Bahnhöfe (Hauptbahnhof Stuttgart, Bahnhof am Flughafen/Messe Stuttgart sowie eine S-Bahn-Station). Dieser Größenordnung entsprechend wurde das Vorhaben innerhalb der politischen Gremien wie auch in der Öffentlichkeit eingehend und lange diskutiert. Schon 1985 begannen seitens der Bahn Prüfungen verschiedener Varianten zum Bau der Strecke und damit zum Stuttgarter Hauptbahnhof. Letztendlich fiel die Entscheidung auf die heutige Lösung und 1997 folgte für den Stuttgarter Stadtbereich die Bürgerbeteiligung.
Daran schloss sich allerdings eine zehnjährige Diskussion um die Finanzierung und die Auswirkungen der Um- und Neubaumaßnahmen an. Im Juli 2007 einigten sich der Bund und das Land Baden-Württemberg jedoch endgültig auf ein Finanzierungsmodell, um die damals veranschlagten Kosten von 4,8 Mrd. Euro zu bewältigen. Davon sollten 2,8 Mrd. Euro auf Stuttgart 21 entfallen, d. h. den Neubau des Hauptbahnhofs sowie den Streckenabschnitt Stuttgart - Wendlingen. Nach einer ersten Kostenaktualisierung auf 3,1 Mrd. Euro wurde im Dezember 2009 letztendlich ein Betrag von 4,1 Mrd. Euro für diesen Teil des Projektes veranschlagt, der von Bahn, Bund, Land, Verband Region Stuttgart, Stadt Stuttgart und dem Flughafen Stuttgart zu unterschiedlichen Teilen zu tragen ist. Nachdem der Kostenbedarf abschließend geklärt werden konnte, begannen Anfang Februar 2010 die Bauarbeiten für den Bahnhofsumbau.
Die weiteren 2 Mrd. Euro für den Streckenabschnitt Wendlingen - Ulm werden im Zeitraum von 2010 bis 2016 mit rund 950 Mio. Euro vom Land Baden-Württemberg getragen, der Bund stellt eine Anschlussfinanzierung ab 2016 sicher.
Ob die Kosten sich letztendlich tatsächlich in dem veranschlagten Rahmen bewegen werden, bleibt abzuwarten. Rechnet die Bahn insgesamt mit ca. 7 Mrd. Euro für das Gesamtprojekt, reicht die Spanne des Finanzierungsbedarfs verschiedener Gutachten von 10 bis 18 Mrd. Euro.

Kritik und Proteste

Mit Beginn der Arbeiten im Februar 2010 entwickelte sich eine intensive Protestkultur rund um das Projekt. Die Gegner von Stuttgart 21 machen mit zahlreichen Aktionen und Demonstrationen auf ihr Anliegen aufmerksam. So sollte der Teilabriss des bisherigen Bahnhofsgebäudes durch eine Besetzung verhindert werden. Dennoch startete der Abriss Ende August, dies jedoch unter starkem Polizeischutz. Doch auch die Befürworter organisieren sich und demonstrieren auf der Straße für das Verkehrsprojekt.
Ihren Gipfel erreichten die Demonstrationen dann Ende September 2010, als die ersten von insgesamt 300 Bäumen im Stuttgarter Schlossgarten für die Bauarbeiten weichen mussten. Mehrere Hundert Demonstranten wurden bei Auseinandersetzungen mit der Polizei verletzt. Im Angesicht dieser Eskalation wurde vom damaligen Ministerpräsidenten Mappus (CDU) der CDU-Politiker Heiner Geißler als Vermittler zwischen Gegnern und Befürwortern eingesetzt. In der Schlichtung sprach sich dieser im Grundsatz für das Projekt aus, empfahl jedoch verschiedene Änderungen. Letztendlich fand am 27. November 2011 ein Volksentscheid zu Stuttgart 21 statt, in dem sich die Befürworter des Projekts mit 58,8 % gegen die Kritiker durchsetzten. Der inzwischen neue gewählte Ministerpräsident Kretschmann (Grüne) akzeptierte trotz seiner persönlichen und partei-politischen Ablehnung dieses Ergebnis, sprach sich aber auch für die Einhaltung des Kostendeckels seitens des Landes aus. Sollte das Projekt die Grenze von maximal 4,5 Mrd. Euro überschreiten, würde das Land dennoch keine weiteren Mittel nachschießen. Demgegenüber vertritt die Bahn jedoch die Position, dass das Land auch im Falle steigender Kosten an diesen beteiligt werden müsste.



Quellenangaben:
Quelle: Geographie Infothek
Autor: Lars Pennig, Kristian Uhlenbrock
Verlag: Klett
Ort: Leipzig
Quellendatum: 2004
Seite: www.klett.de
Bearbeitungsdatum: 28.11.2011


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