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Infoblatt Bauwirtschaft


Neubaugebiet in Borchen (Schwartzenberg)

Bauwirtschaft als Teil des sekundären Sektors - wirtschaftliche Bedeutung und strukturelle Probleme

Die Bauwirtschaft gehört zum sekundären Sektor, dem verarbeitenden Gewerbe. Sie ist seit 1993 im Zuge der Systematisierung von Wirtschaftszweigen auf europäischer Ebene neu gegliedert worden und besitzt fünf Abteilungen:

  1. Vorbereitende Baustellenarbeiten
  2. Hoch- und Tiefbau
  3. Bauinstallation
  4. Sonstige Baugewerbe
  5. Vermietung von Baumaschinen

Grundsätzlich wird in der Systematik der Wirtschaftszweige zwischen Bauhauptgewerbe und Baunebengewerbe unterschieden. Das Bauhauptgewerbe umfasst beim Hochbau die Erstellung des Rohbaus und wesentliche Tiefbauarbeiten (einschließlich Straßenbau). Dagegen beschäftigt sich das Baunebengewerbe mit den Tätigkeiten des Ausbaugewerbes (z. B. Installation und Malern) und dem Bauhilfsgewerbe (z. B. Gerüstbau, Baureinigung).

Wirtschaftliche Bedeutung in Deutschland

Rund zehn Prozent des deutschen Bruttoinlandsproduktes werden für Baumaßnahmen verwendet, 2010 waren dies 250 Milliarden Euro. Gleichzeitig werden mehr als vier Prozent der gesamten Wertschöpfung in Deutschland vom Baugewerbe erbracht. Das Baugewerbe ist mit etwa 2,2 Millionen Erwerbstätigen - das sind 5,5 Prozent der gesamten Erwerbstätigen - einer der größten Arbeitgeber in Deutschland.
Die seit Jahren anhaltende Schwäche der Bauwirtschaft ist nicht nur für die Branche, sondern die gesamte deutsche Wirtschaft und den Arbeitsmarkt problematisch. Viele vor- oder nachgelagerte Branchen sind unmittelbar von der Entwicklung im Baugewerbe abhängig. Dies betrifft sowohl die Rohstoffproduzenten (z. B. Kies, Holz, Beton) und das Transportgewerbe als auch die Handwerker und die Händler mit Baustoffen.

Bauinvestitionen

Tragende Säule der Bauwirtschaft ist der Wohnungsbau (ca. 52 %). Weitere Bauinvestitionen werden vom Wirtschaftsbau (27,5 %) und öffentlichen Bau (ca. 10,5 %) getätigt. Ein wesentlicher Auftraggeber des Baugewerbes ist die "öffentlich Hand". Die Kommunen, Bundesländer und der Staat haben aber immer mehr Ausgaben bei gleichzeitig sinkenden Einnahmen. Deshalb werden die Bauinvestitionen massiv reduziert, um die Gesamtausgaben zu verringern. Der Anteil der kommunalen Ausgaben für Baumaßnahmen schwankt je nach Gemeinde zwischen 15 und 20 % an den jeweiligen Gesamtausgaben. Unter dem Nachfragerückgang privater Haushalte leidet besonders der Wohnungsbau. Vor allem in den Neuen Bundesländern werden aufgrund der negativen Bevölkerungsentwicklung immer weniger Wohnungen zum Bau genehmigt. Rund drei Viertel aller genehmigten Wohnungen befinden sich in Ein- oder Zweifamilienhäusern.

Strukturelle Probleme

Im Laufe der Jahrzehnte hat sich die Bedeutung der Bauwirtschaft, gemessen an den Bauinvestitionen, verändert. Bis in die 1970er war das Baugewerbe eine Wachstumsbranche, die gekennzeichnet war durch Wiederaufbau, Wirtschaftsaufschwung und hohem Wohnungsbedarf. Später konzentrierte sich das Augenmerk auf Erhaltung und Erneuerung der Städte. Bedeutsam waren die Modernisierung des Wohnungsbestandes und die Neubautätigkeit. In den 1980er Jahren geriet die Bauwirtschaft in einen ausgeprägten Abschwung, der bis 1990 anhielt. So sank der Anteil der realen Bauinvestitionen am Bruttoinlandsprodukt von 19 % (1960) bis zum Jahr der deutschen Vereinigung 1990 auf rund 12 % ab. Der Aufbau Ost in den neuen Ländern verstärkte die Nachfrage nach Bauleistungen, so dass der Anteil der Bauinvestitionen an Deutschlands Bruttoinlandsprodukt 1994 wieder auf ungefähr 15 % anstieg. Mit Abflauen dieser Sonderkonjunktur sank der Anteil der Bauinvestitionen am Bruttoinlandsprodukt bis zum Jahr 2002 auf 10,2 %. Aus diesen Auftragseinbrüchen ergaben sich erhebliche Überkapazitäten der Bauwirtschaft, die nun nach und nach abgebaut werden. Verursacht wurden diese Überkapazitäten von der überhitzten Sonderkonjunktur durch den Aufbau Ost, vorübergehenden Steuerbegünstigungen und staatlichen Förderprogrammen. Als problematisch erwies sich außerdem die weltweite Verlangsamung des Wirtschaftswachstums und die massive Zunahme der Schwarzarbeit im Wohnungsbau. Viele sehen deshalb die Bauwirtschaft in einer strukturellen Konsolidierungsphase, in der das Baugewerbe auf ein Normalmaß zurückkommt. Deutlich wird dies durch den erheblichen Rückgang an Beschäftigten im Baugewerbe, denn den größten Kostenfaktor im Baugewerbe stellen die Personalkosten dar. Eine Besonderheit der Bauwirtschaft ist außerdem das hohe Maß der Standortgebundenheit. Der wirtschaftliche Aufschwung in der Baubranche ist deshalb auf eine Politik angewiesen, die die Rahmenbedingungen des Marktes unternehmensfreundlich gestaltet und für Chancengleichheit sorgt.

Aktuelle Entwicklungen

Die Bautätigkeit ist in den letzten Jahren stark rückläufig und zu gering gewesen. Sie lag unter dem Niveau, welches das Bundesinstitut für Bau-,Stadt- und Raumforschung in seiner Wohnungsmarktprognose 2025 für nachhaltig erforderlich hält. Dies schreibt die Bundesregierung in ihrem Raumordnungsbericht 2011, den sie als Unterrichtung des Deutscher Bundestages vorgelegt hat. Folge der „über Jahre zu geringen Bautätigkeit“ sei ein stagnierendes und zuletzt sogar schrumpfendes Wohnungsangebot gewesen. Diese Entwicklung trage zur Verknappung in immer mehr regionalen Teilmärkten bei.
Im Baujahr 2011 steigerte sich der Umsatz der Baubranche mit 7 % deutlich über das erwartete Maß von 4 % hinaus. Grund hierfür könnte ein niedriges Zinsniveau der Baubranche gewesen sein. Mit 7 %knackte der Umsatz zum ersten Mal die 200 Mrd.-Euro-Grenze und erreichte 201,34 Mrd. Euro. War die Stabilisierung der Umsatzentwicklung in 2010 noch von den Unternehmen im Ausbau und der Gebäudetechnik und Dienstleistungen getragen worden, so war es in 2011 dann das Bauhauptgewerbe, das ganz wesentlich das Umsatzplus der deutschen Bauwirtschaft bestimmte. Plus 12% schlagen hier zu Buche, was insbesondere in der anziehenden Neubautätigkeit im Wohnungsbau begründet ist. Auch die Zahl der Beschäftigten konnte in 2011 um 22.000 erhöht werden und erreichte 2,34 Millionen, was einem Plus von einem Prozent entspricht. Auch dazu hat das Bauhauptgewerbe mit einem Plus von über 2 % überdurchschnittlich beigetragen.



Quellenangaben:
Quelle: Geographie Infothek
Autor: Mirko Ellrich
Verlag: Klett
Ort: Leipzig
Quellendatum: 2004
Seite: www.klett.de
Bearbeitungsdatum: 24.03.2012


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