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Infoblatt Industrielle Wegscheiden


Erste und zweite industrielle Wegscheiden sowie die flexible Spezialisierung als mögliche Produktionsweisen

Ausgangslage

Der Ausgangspunkt für die industrielle Entwicklung war die handwerkliche Produktion als herrschende Form industrieller Organisation. Diese Produktionsweise war bis zum frühen 19. Jahrhundert weltweit verbreitet. Oberstes Prinzip der handwerklich-kleingewerblichen Produktion war die Überzeugung, dass das handwerkliche Können durch Maschinen und Herstellungsverfahren gesteigert werden kann. Den Handwerkern wird durch die Maschinen die Möglichkeit gegeben, eine immer größere Produktpalette herzustellen. Je flexibler dabei eine Maschine ist, desto mehr Möglichkeiten hat der Arbeiter seine Fähigkeiten zur Geltung zu bringen. Eine andere Form der technologischen Entwicklung war die Massenproduktion. Das oberste Prinzip der Massenproduktion war die möglichst vollständige Automatisierung der Arbeitsschritte, die per Menschenhand ausgeführt wurden. Jede handwerkliche Tätigkeit wurde in einzelne Arbeitsschritte zerlegt und fortan von einer eigens dafür konstruierten Maschine ausgeführt. Je spezieller die maschinelle Produktion und je weniger Ausbildung zu ihrer Bedienung erforderlich war, desto größer war der Beitrag zur Kostensenkung. Im Wesentlichen kam es also zu einem Dualismus zwischen zwei Produktionsweisen, die handwerkliche Produktion auf der einen und die Massenproduktion auf der anderen Seite. In der einen Welt sahen Visionäre Kleinproduzenten mit einem jeweiligen spezialisierten Arbeitsgebiet und gegenseitiger Abhängigkeit. Die Visionäre der Massenproduktion sahen ihre Welt mit immer mehr automatisierten Fabriken, die von immer weniger Arbeiter mit immer weniger Qualifikation bedient werden. Beide Visionen sollten sich in ihren Extremen nicht durchsetzen. Zunächst begann aber der Siegeszug der industriellen Massenproduktion.

Erste industrielle Wegscheide

Als erste industrielle Wegscheide wird der Sieg der Massenproduktion über die handwerkliche Produktion bezeichnet. Ein bekanntes Beispiel für die massenhafte Produktion ist Ford. Im Jahr 1913 rollte das Modell T vom Band und wurde zum Symbol der Fließbandarbeit. Die Maschinerie zur Herstellung der einzelnen Teile war exakt aufeinander abgestimmt. Außerdem waren die Maschinen einfach zu bedienen und das Tempo wurde durch das Fließband bestimmt. Statt traditionellen handwerklichen Könnens war nur noch die Bedienung automatischer Maschinen notwendig. Sogar Bauern konnten so zu Autobauern werden (von Ingenieuren wurden die Maschinen deshalb auch scherzhaft Bauerngerät genannt). Die erste Konsequenz des Siegeszugs der Massenproduktion war die Bildung riesiger Unternehmen seit ungefähr 1870 bis in die 1920er Jahre. Schuhe, Nähmaschinen, Mähdrescher, Zigaretten oder Stahl – die Liste der durch Massenproduktion hergestellten Güter wurde immer länger. Ein Industriezweig nach dem anderen geriet unter die Kontrolle riesiger Unternehmen. Diese produzierten Güter in bis dahin unvorstellbaren Mengen zu Preisen, bei denen die lokalen handwerklichen Anbieter nicht mithalten konnten. Diese Entwicklungen trugen auch zu politischen und gesellschaftlichen Veränderungen bei, so entstand z. B. in den Städten eine neue Bevölkerungsschicht – das Industrieproletariat. Mit dem Erfolg der Massenproduktion ging der Niedergang der handwerklichen Produktion einher.

Zweite industrielle Wegscheide

Aber trotz Konzentration und Rationalisierung zur Steigerung der Produktivität in allen industriellen Bereichen hielten dennoch einige Unternehmen an den handwerklichen Produktionsweisen fest. Neben den vertikal integrierten Unternehmen, die fast alle Vorleistungen und Zwischenprodukte in Eigenerstellung erbringen, haben kleine Betriebe und kurze Produktionsabläufe überlebt. Die Gründe dafür sind vielfältig. Zum einen können die hochspezialisierten Maschinen für die Massenproduktion nicht selber in Massenproduktion hergestellt werden. Zum anderen ist die Maschinerie der Massenproduktion auf einen Massenmarkt abgestimmt. Das Produktionsnetz ist hochkomplex und kann nur schwer auf geänderte Kundenwünsche oder Nischenprodukte umgestellt werden. Diesen Markt können aber die kleinen handwerklich geprägten Unternehmen flexibel bedienen. Zudem gerieten der Fordismus und die Massenproduktion spätestens in den 1970er Jahren in eine tiefe Krise. Die fordistisch geprägten Unternehmen waren zu groß und schwerfällig, um auf die externen Schocks (z. B. Ölkrise) und die veränderten Kundenwünsche zu reagieren. So richtete sich die Aufmerksamkeit wieder auf die handwerklich orientierten klein- und mittelständischen Unternehmen. Die Wissenschaftler Piore und Sabel verkündeten gar das "Ende der Massenproduktion" und das "Wiederaufleben regional vernetzter Produktionsformen". Diese Entwicklung wird auch als die zweite industrielle Wegscheide betrachtet. In den regionalen Netzwerken der klein- und mittelständischen Unternehmen wurde eine innovative Organisationsform gesehen, die den Flexibilitätserfordernissen des Weltmarktes am besten genügen. Als regionales Beispiel für die regional vernetzten Produktionsformen wird wiederholt das Dritte Italien, das Musterbeispiel für einen Industriedistrikt, in Norditalien genannt.

Flexible Spezialisierung

Als Alternative zur Massenproduktion und neue Wirtschaftsordnung wird die flexible Spezialisierung angesehen. Die flexible Produktion beruht nicht mehr auf Massenproduktion und Fließbandprinzip, sondern kleineren, selbständigen Produktionseinheiten. Die Produktpalette ist vielfältiger. Die Güterherstellung erfolgt unter Einsatz neuer Technologien und zielt vor allem auf eine schnelle und effiziente Umstellung der Produktion ab. Voraussetzung für die neue flexible Produktionsweise ist die mittlerweile gar nicht mehr so neue Computertechnologie. Durch die computergestützte Fertigung sind Kostenvorteile bei kleinen Produktionszahlen möglich. Dies betrifft hauptsächlich die Kosten, die zwischen einer Einmalfertigung und Massenproduktion angesiedelt sind. Weitere Elemente der flexiblen Spezialisierung sind regionale, zwischenbetriebliche Kooperationen, die nicht allein von Marktmechanismen und Marktrationalität getragen werden. Sondern auch das Vertrauen und die Orientierung an gemeinsamen Werten von wirtschaftlichen Akteuren spielt eine große Rolle. Die Basis für wirtschaftlichen Erfolg sind weniger die Kostensenkungen wie Lohndumping, sondern fortwährende Innovationen und durch Innovation getragener Wettbewerbsfähigkeit. Unternehmen in den Industriedistrikten Norditaliens arbeiten z. B. als Zulieferer und Abnehmer zusammen, kooperieren beim Einkauf und Absatz und bei der Entwicklung von Produkt- und Prozessinnovationen und sichern so ihre internationale Wettbewerbsfähigkeit. Welche Produktionsweise sich durchzusetzen vermag oder ob es Mischformen sein werden, wird schließlich erst die Zukunft zeigen.



Quellenangaben:
Quelle: Geographie Infothek
Autor: Mirko Ellrich
Verlag: Klett
Ort: Leipzig
Quellendatum: 2005
Seite: www.klett.de
Bearbeitungsdatum: 10.06.2012


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