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Infoblatt Fußball WM 2006 - Eventtourismus


Was ist Eventtourismus?

Ein "Event" grenzt sich von der klassischen "Veranstaltung" u. a. dadurch ab, dass es lediglich periodisch oder nur einmalig stattfindet, einen begrenzten Zeitraum umfasst und immer öffentlich ist. Dazu gehören zumeist Großveranstaltungen im Kultur-, Musik- und Sportbereich wie z. B. Olympische Spiele oder die Fußball-Weltmeisterschaft. Solche Großereignisse werden verstärkt von der Tourismusbranche genutzt und vermarktet, um Reisen und Angebote für die Besucher solcher Events zu maßschneidern.
Eventbedingter Tourismus kommt aber nicht nur der Reisebranche, sondern auch den Städten und Gemeinden, den Sponsoren und dem Einzelhandel, praktisch einem Großteil des Dienstleistungssektors zugute. Dieses Nutzen von Großveranstaltungen zu touristischen Zwecken oder gar das gezielte Abhalten von Events wird als Eventmarketing bezeichnet.

Eventtourismus zur Fußball-WM 2006

"Die Fußball-Weltmeisterschaft 2006 findet nicht nur in zwölf Städten statt. Ganz Deutschland ist beteiligt. Deshalb muss es, auch in der kleinsten Stadt, im abgelegensten Dorf, heißen: Runter vom Sofa, raus auf die Straße, den Nachbarn rausklingeln und ab auf den Marktplatz, in die Kneipe, in die Sporthalle.“
Diesem Zitat von WM-Botschafter Reiner Calmund ist deutlich zu entnehmen, welche Rolle die WM eben nicht nur für die zwölf Austragungsorte, sondern auch für die WM-Quartiere und für die gesamte Bundesrepublik spielt.
Es hat gar den Anschein, dass dieser Tage jedes Event, jede Veranstaltung, jede Aktion und Information immer einen Bezug zur WM aufweist.
Mit prognostizierten 15.000 Medienvertretern, ca. sechs Millionen Gästen und 3,2 Millionen Fußballfans sowie – kumulativ gerechnet – etwa 30 Milliarden Fernsehzuschauern weltweit während der 64 Partien wird die Fußball-WM 2006 als Sportevent seines gleichen suchen.
Eine von DFB und Bundesregierung ins Leben gerufene Kulturstiftung fördert mit Mitteln von mehr als 30 Millionen Euro ein umfangreiches Kunst- und Kulturprogramm.
Dazu gehören nicht weniger als 48 Projekte vor und während der Fußball-WM in den Bereichen Tanz, Theater, Performance, Film, Kunstausstellungen, Musik und Literaturveranstaltungen. Ein Auszug aus diesem Programm ist der sog. "Fußball Globus WM 2006", der samt Rahmenprogramm bereits seit 2003 durch die deutschen WM-Städte zieht und im vergangenen Jahr allein in Nürnberg mehr als 500.000 Besucher angelockt hat.
Nach Schätzungen der Fifa könnten allein von ausländischen Besuchern ca. 800 Millionen Euro ins Hotel- und Restaurantgewerbe und den Erwerb von Sport- und Fanartikeln während der WM fließen. Kein Wunder, dass die Tourismusbranche im In- und Ausland ein umfangreiches Angebotspaket an Eventreisen – vom Low Budget-Urlaub bis zum teuren All Inclusive mit VIP-Eintrittskarten – geschnürt hat. Einer Umfrage des ADAC zum Trotz, dass mehr als 93 % der Bundesbürger ihren diesjährigen Sommerurlaub angeblich nicht nach dem Fußball ausrichten, ist der Markt an eventtouristischen Angeboten zur WM schier unüberschaubar.
Welchen Stellenwert der Tourismus an einem Spielort ausmacht, zeigt eine Prognose der Stadt Dortmund: Im Großraum der Ruhrgebietsmetropole wird mit mindestens einer halben Million Übernachtungen sowie Einnahmen in Höhe von ca. 36 Millionen Euro durch WM-Touristen in den Bereichen Gastronomie und Einzelhandel gerechnet.
Letztgenannter wird auch von einem vom Bundesrat beschlossenen Gesetzesentwurf profitieren, der die einzelnen Länder in die Lage versetzt, Ausnahmeregelungen beim Ladenschluss für die Dauer der WM zu treffen. So werden vielerorts – nicht nur in den Städten der WM-Spiele – die Geschäfte im Zeitraum vom 9. Juni bis 9. Juli 2006 werktags bis 22.00 Uhr oder sogar rund um die Uhr und an Sonntagen von 14.00 bis 20.00 Uhr geöffnet sein. Damit soll dem fußballinteressierten Besucher z. B. auch nach den Spielen noch die Möglichkeit gegeben werden, einkaufen zu können. Diese Regelung ist allerdings nicht bundeseinheitlich und wird den Kommunen zur freien Umsetzung überlassen.
Des Weiteren wird für die Dauer der Weltmeisterschaft die Verordnung zur Öffnung der Sperrzeit für Biergärten gelockert, um der lokalen Gastronomie – beispielsweise an Spielorten oder bei Events mit WM-Bezug – die Möglichkeit einzuräumen, Fans auch nach den Spielen noch unter freiem Himmel bewirten zu können.
In der gesamten Bundesrepublik werden an diversen Standorten Übertragungen der Fußballspiele auf Großbildleinwänden stattfinden, um auch außerhalb der Spielstätten einen Hauch von Stadionatmosphäre zu übermitteln. Auf Marktplätzen, in Fußgängerzonen oder an anderen zentralen Orten werden tausende Fußballfans zu solchen Übertragungen zusammen kommen, da erfahrungsgemäß viele Menschen Länderspiele eher in großen Gruppen als zuhause am heimischen Fernseher verfolgen. Hier wird das Zusammenkommen der Fans selbst zum "Event" werden. Einer der bekanntesten Orte dieser Art wird das Sony-Center am Potsdamer Platz sein, wo Tausende von Fans zu den jeweiligen Spielen erwartet werden. Diesen Event-Charakter nutzt auch das ZDF, welches an 15 Tagen von dort seine Berichterstattung senden wird.
Um dem immensen Besucherandrang Herr zu werden, gibt es zusätzlich zu Hotels und Gasthöfen, die Möglichkeit auf Campingplätzen, in extra geschaffenen Zeltstädten (sog. WM-Camps) oder auch privat unterzukommen. Vielerorts – vorrangig in der Nähe der Austragungsorte – haben Bewohner die Möglichkeit, ihre Wohnungen für die Dauer der WM zu vermieten oder gar auswärtige Besucher in der Familie mit aufzunehmen.
Allerdings wird davor gewarnt, die Wachstumsimpulse des Eventtourismus auf die bundesdeutsche Volkswirtschaft zu überschätzen: Zwar wird es sehr hohe Besucherzahlen geben, aber auf Grund der besonderen Lage Deutschlands in Zentraleuropa und mit Grenzen zu nicht weniger als neun Nachbarländern, werden viele Besucher direkt zu einzelnen Spielen oder für wenige Tage anreisen und nicht gleich für die Dauer der WM. Schließlich kommt beinahe die Hälfte der Teilnehmernationen aus Europa. So könnte z. B. der französische Fußball-Fan ohne Probleme einen Tagestrip zum Spielort nach Kaiserslautern antreten und direkt nach Spielende ins Heimatland zurückkehren. Eben weil zurzeit scheinbar jede Aktivität irgendeinen Zusammenhang zur Fußball-WM aufweist, gibt es auch einen Eventtourismus, der sich auf das gegenteilige Phänomen konzentriert: nämlich auf Bürger ohne jegliches Fußballinteresse! So gibt es spezielle Events, die kategorisch der Fußball-WM entgegenwirken, Gastronomiebetriebe, die explizit darauf hinweisen, dass sie keinen Fußball zeigen werden und Urlaubsangebote, die ein gezielt weibliches Publikum ansprechen, das vor der Fußball-Weltmeisterschaft in die Sonne flüchten will.

Eventtourismus an einem Quartiersort (Beispiel Königstein im Taunus)

Der 16.000-Seelen-Ort Königstein hat mit der Unterbringung des WM-Favoriten Brasilien das große Los gezogen und scheinbar jeden Einwohner aus der näheren Umgebung mit dem Eventgedanken infiziert. Der Hype um den idyllischen Taunusort ist schier unglaublich: Prognosen zufolge kann Königstein mit 3.000 bis 10.000 Besuchern täglich rechnen, nur um einmal einen Blick auf die brasilianische Nationalmannschaft werfen zu können, die hier vom 4. bis 16. Juni im Hotel Kempinski Falkenstein sein Quartier bezieht. Dazu werden vor und während der Zeit der Fußball-WM hunderte von Journalisten und Medienberichterstattern vor Ort sein, um in alle Welt von hier aus berichten zu können. Bereits dieser Tage vergeht kaum ein Tag, wo nicht in den brasilianischen Medien über Königstein berichtet wird. Der Ort kann somit nicht nur für die Dauer des Aufenthalts der Brasilianer mit enormen Impulsen für die regionale Wirtschaft rechnen, sondern auch ein Signal nachhaltigen Außenimages setzen. Die WM-Euphorie zeigt sich schon beim Betrachten der städtischen Homepage, die sämtliche Informationen auch auf portugiesischer Sprache bereitstellt.
Ein 83-seitiges Vermarktungskonzept sieht z. B. eine Copacabana-Wiese mit Caipirinha-Bar, Beachsoccer und brasilianische Bühnenshows vor; Vermarktung, Kultur und Betreuung von Medien und Touristen lässt sich der kleine Taunusort über eine halbe Million Euro kosten.
Einzelhandel, Gastronomie und Hotelgewerbe werden einen Ansturm erleben, wie ihn Königstein noch nicht erlebt hat und auch die umliegenden Gemeinden werden profitieren: Im Schlosshotel Kronberg beispielsweise wollen sich bis zu 40 Familienmitglieder von Superstar Ronaldinho einquartieren und auch sonst werden viele Brasilianer ihre Zelte in einer Gegend aufschlagen, die nur einen Steinwurf vom internationalen Flughafen Rhein-Main gelegen ist.
In der Drogerie der kleinen Fußgängerzone des Kurorts kann man brasilianische Fähnchen für 99 Cent erwerben, im Blumengeschäft wachsen Primeln aus kunstvoll angefertigten Fußballstiefeln in den Farben der brasilianischen Nationalmannschaft. Es bleibt abzuwarten, wie der kleine Ort den Besucheransturm bewältigen wird; eine Kehrseite der Medaille zeichnet sich jetzt schon ab: Ohne massive Sicherheitsvorkehrungen und Straßensperrungen, die auch die Anwohner und den Durchgangsverkehr einschränken werden, wird es definitiv nicht von statten gehen, wenn der Weltmeister einkehrt.

Nachbetrachtung – Finanzielle Auswirkungen der Fußball-WM 2006

Insgesamt verfolgten 3,4 Mio. Besucher die Spiele live in den Stadien und weitere 18 Mio. bei den offiziellen Fan-Festen. Doch trotz dieser beeindruckenden Zahlen fällt die Bilanz der wirtschaftlichen Auswirkungen im Rückblick zwiespältig aus. Eine Studie des Bundesinstituts für Sportwissenschaft, die auf ca. 9.500 Fragebögen basiert, die während der WM von Besuchern ausgefüllt wurden, kommt zu dem Ergebnis, dass durch die Fußball-Fans 2,86 Mrd. Euro Mehreinnahmen zustande kamen. Alleine von den ausländischen Besuchern, deren Zahl auf 1,3 Mio. geschätzt wird, wurden etwa 1 Mrd. Euro im Inland ausgegeben. Weitere 300 Mio. Euro entfielen auf Deutsche, die ihren Urlaub aufgrund der WM nicht im Ausland verbrachten.
Dadurch wurden Steuermehreinnahmen von 1,265 Mrd. Euro generiert. Außerdem wird in der Tatsache, dass insgesamt 38.000 neue Arbeitsplätze vorwiegend im Bereich Gaststättengewerbe, Handel und Dienstleistungen geschaffen wurden, ein großer Erfolg gesehen.
Dem gegenüber steht eine Studie des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW), die im Ergebnis keine nennenswerten konjunkturellen Impulse durch den WM-Tourismus konstatiert. Demnach sind von den ausländischen Gästen max. 500 Mio. Euro investiert worden. Außerdem ist die Zahl der neu geschaffenen Arbeitsplätze, die diese Studie mit 10.000 bis 50.000 beziffert, vor dem Hintergrund der damals etwa 4 Mio. Arbeitslosen eher marginal. In den meisten Fällen handelte es sich zusätzlich nur um befristete Arbeitsverhältnisse. Darüber hinaus gaben in einer Umfrage der DIHK zahlreiche Einzelhändler an den WM-Spielstätten an, dass der Umsatz um 40 % hinter dem saisonal üblichen Werten zurückblieb, da viele Stammkunden aufgrund der WM-Touristen die Innenstädte gemieden haben. So konnten nur 13 % der Unternehmen vom WM-Geschäft profitieren.
Dennoch sieht die Studie des DIW ein Ergebnis sehr deutlich: Die Fußball-WM 2006 als Event stellt ein starkes Signal auf dem Weg der deutschen Industriegesellschaft hin zu einer Dienstleistungsgesellschaft dar. Dieser positive Effekt wird im Abschlussbericht der Bundesregierung weiter unterstrichen, wonach die Fußball-WM für das deutsche Image im Ausland ein unheimlicher Gewinn mit nachhaltiger Wirkung gewesen ist.



Quellenangaben:
Quelle: Geographie Infothek
Autor: Nils Wiemann, Kristian Uhlenbrock
Verlag: Klett
Ort: Leipzig
Quellendatum: 2006
Seite: www.klett.de
Bearbeitungsdatum: 05.10.2012


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