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Infoblatt Fridtjof Nansen (1861 - 1930)


Fridtjof Nansen - eine Kurzbiographie

Fridtjof Nansen zählt bis heute zu den größten Persönlichkeiten in der norwegischen Geschichte. Er war ein politisch äußerst engagierter Mensch, der sich als Gesandter Norwegens, Delegierter und Hoher Kommissar des Völkerbunds für die Lösung der brennenden Probleme seiner Zeit einsetzte. 1905 spielte er eine entscheidende Rolle bei der Lostrennung Norwegens von Schweden und bei der Wiedererlangung der Unabhängigkeit seines Heimatlandes. Seine Verdienste für unterdrückte Völker und Minderheiten – u. a. sammelte Nansen weltweit Mittel zur Bekämpfung der Hungerkatastrophe in Russland nach der Revolution von 1917 – wurden 1922 mit dem Friedensnobelpreis gewürdigt.

Gleichzeitig zeichnete er sich als vielseitiger Wissenschaftler und Forscher aus, der die Polarforschung, die Zoologie und Geographie, die Meteorologie und Ozeanographie durch neue Entdeckungen und Erkenntnisse entscheidend voranbrachte. Besonders seine Forschungen im Polarmeer waren richtungweisend für die Wissenschaft. Aber auch als Universitätsprofessor und Rektor, als Konstrukteur, Organisator und Schriftsteller machte sich Nansen einen Namen.

Der Lebensweg von Fridtjof Nansen, der am 10. Oktober 1861 in der Nähe von Kristiania auf dem Gut Mellom Frøen geboren wurde, war durch seinen Vorfahren Hans Nansen – Forscher und Oberbürgermeister von Kopenhagen im siebzehnten Jahrhundert – vorgeprägt. Von diesem Mann, der Russland durchwandert und im Auftrag des russischen Zaren die Küste des Weißen Meeres erforscht hatte, war schon der junge Fridtjof fasziniert. Zu den Lieblingsfächern des Schülers gehörten Mathematik, Physik und Chemie. Danach studierte Nansen Zoologie. Als Student fuhr er 1882 an Bord des Robbenfängerschiffs "Viking" das erste Mal in die Arktis. Für die harte Forschungsarbeit in der Arktis brachte Nansen nicht nur die notwendige Begeisterung und wissenschaftliche Vorbildung mit. Er war auch ein außergewöhnlicher Sportler, der einen Wettkampf im Eisschnelllauf gegen den späteren norwegischen Weltmeister Axel Poulsen nur knapp verloren hatte.

Schon bei seiner ersten Begegnung mit der Arktis bewies Nansen sein außergewöhnliches Forschertalent. Mit Messungen der Wassertemperaturen in verschiedenen Meerestiefen konnte er belegen, dass Pack- oder Meereis nicht in einer Wassertiefe von über 30 Metern, sondern an der Oberfläche entsteht. Außerdem erkannte er, dass das Treibholz an der Küste Grönlands aus Sibirien stammte und von dort angeschwemmt wurde. Mit dieser Erkenntnis, die durch zahlreiche Schlamm-, Staub- und Pflanzenproben untermauert wurde, hatte Nansen wichtige Beweisstücke für seine Annahme von einer beweglichen Eiskappe gefunden, die über dem Nordpol trieb.

Nach seiner Rückkehr arbeitete Nansen unter Leitung des Arztes und Lepraforschers Daniel Cornelius Danielssen als Konservator im naturwissenschaftlichen Museum in Bergen, wo er sich auch mit dem norwegischen Komponisten Edvard Grieg anfreundete. 1886 fuhr Nansen nach Italien, untersuchte Zellstrukturen und beobachtete Meerestiere unter Wasser. In Italien begann er auch, einen Plan zur Durchquerung des grönländischen Inlandeises auszuarbeiten.

Im Sommer 1888 wurde aus diesem Plan Wirklichkeit. Nach der Landung auf Grönland startete eine sechsköpfige Gruppe – mit dabei Otto Sverdrup, der Nansen später auf der "Fram" begleitete – vom Umivikfjord aus an der Ostküste in das unbekannte Inlandeis. Die Expedition war bestens vorbereitet. Nansen hatte spezielle Schlitten und Boote bauen lassen und die Teilnehmer durch hartes Training auf extreme körperliche Situationen vorbereitet. Das minimierte die Risiken der Expedition für ihn und seine Männer von vornherein auf ein Mindestmaß und trug maßgeblich zur erfolgreichen Erstdurchquerung Grönlands bei. Denn schon nach 40 Tagen hatte die Expedition nach dem im August begonnenen Aufstieg das bis zu 3.200 Meter mächtige Inlandeis durchquert und an der Westküste wieder festen Boden unter ihren Füßen. Der grönländische Eispanzer war in einer Ost-West-Querung zum ersten Mal bezwungen worden.

Während der nachfolgenden Überwinterung auf Grönland freundete sich Nansen mit den Inuit (Eskimos) an, lernte ihre Sprache, Kultur und Lebensgewohnheiten näher kennen. Seine Erfahrungen und seine tiefe Bewunderung für die Inuit hielt er später in seinen Reiseerinnerungen fest. Die Erlebnisse der ersten Grönlanddurchquerung beschrieb er in dem Buch "Auf Schneeschuhen durch Grönland". Damit machte er in Europa Schneeschuhe bzw. Skier überhaupt erst bekannt. Wissenschaftlich wertvoll waren die von Nansen vorgenommenen meteorologischen Messungen auf der größten Insel der Welt und der mit der Erstdurchquerung gelieferte Beweis, dass Grönland von der Ost- bis zur Westküste von einer geschlossenen Inlandeisdecke überzogen ist.

Nach seiner Rückkehr heiratete Nansen die Sängerin Eva Sars und bezog mit ihr das neu erbaute Haus Godthåb bei Lysaker. Dort arbeitete der Forscher den Plan für eine weitere Expedition aus und studierte dazu verschiedene Expeditionsberichte. Besondere Aufmerksamkeit schenkte er dem Bericht über die verunglückte Jeanette-Expedition unter Georg Washington De Long. Dieser Bericht stützte Nansens These von einer möglichen Drift, d. h. einer Treibfahrt im Packeis, über das Polarmeer. Das Schiff von De Long war im Juni 1881 nördlich der Beringstraße vom Packeis zermalmt worden, aber Teile des gesunkenen Wracks wurden später an der Küste Südostgrönlands gefunden – 2.900 Seemeilen von der Unglücksstelle entfernt.

Nansen entwickelte die kühne Idee, sich mit einem Schiff im Polareis einfrieren zu lassen, um so über den Nordpol bis zum Nordatlantik zu driften. Dazu brauchte er aber ein Schiff, das den ungeheuren Druck des Packeises aushalten konnte. Gemeinsam mit dem Schiffbauer Colin Archer konstruierte er ein solches Schiff – die "Fram". Auch sonst dachte der Expeditionsleiter Nansen wieder an alles und sicherte sich und seine Männer mehrfach ab. Den Proviant stellte z. B. ein Ernährungswissenschaftler zusammen, wobei die Vorräte für fünf Jahre berechnet waren.

In der Öffentlichkeit und unter Fachkollegen überwogen die Skeptiker, nur wenige befürworteten das scheinbar allzu waghalsige Unternehmen. Erst als das Storting, das norwegische Parlament, 200.000 Kronen für Nansens Vorhaben bewilligte, konnte der Forscher seine Expedition im Juli 1893 beginnen. Zwölf Männer unter der Leitung von Nansen und Kapitän Otto Sverdrup stachen nach Nordosten in See. Auf Höhe der Neusibirischen Inseln fror die Fram im Packeis fest. Nansen ließ die Tiefe der Gewässer ausloten, über die die Expedition auf dem Packeis dahin trieb. Entgegen seiner bisherigen Annahme musste er feststellen, dass das Polarmeer nicht seicht, sondern bis zu 3.000 Meter tief ist. Damit war auch klar, dass am Nordpol kein Land und keine Inseln existierten, wie man lange Zeit vermutet hatte.

Je näher die Expedition während der Drift dem Nordpol kam, desto größer wurde bei Nansen der Wunsch, als erster Mensch diesen ominösen und geheimnisvollen Punkt in der Einöde der Arktis zu betreten. Am 14. März 1895 verließ er gemeinsam mit Frederik Hjalmar Johansen die "Fram" in Richtung Nordpol. Vor ihnen lagen 600 Kilometer bis zum Ziel, das sie jedoch nicht erreichen konnten. Nach drei Wochen beschwerlicher Wanderung gab Nansen den Befehl zur Umkehr. Er war Realist, der seine Grenzen kannte und Tatsachen akzeptierte. Dass Nansen und Johansen bei 86° 14' n. Br. so weit nördlich gekommen waren wie noch kein Mensch vor ihnen, blieb Lohn genug. Wie richtig Nansen die Situation eingeschätzt hatte, zeigte der Rückmarsch: die beiden Norweger brauchten fast fünf Monate, bis sie endlich am 14. August 1895 auf Franz-Josef-Land wieder festes Land betraten.

Hier wurde der weitere Weg nach Süden durch Packeis versperrt. Das hieß, zum dritten Mal in der Polarnacht zu überwintern. Die Tage dämmerten dahin. Im Juni 1896 aber überschlugen sich die Ereignisse. Zuerst trieben die Kanus weg, mit ihnen der ganze Proviant und die gesamte Ausrüstung. Nansen zögerte keine Sekunde, sprang in das eisige Wasser und schwamm den davon treibenden Booten hinterher. Es ging um Minuten. Nur dank seiner sportlichen Konstitution erreichte er die zusammengebundenen Kanus. Mit letzter Kraft zog er seinen fast steifen Körper an Bord und rettete so sich und Johansen das Leben. Keine drei Tage später neue Aufregung, denn ein Walrossbulle zerstörte bei seiner Attacke auf das Lager der Norweger eines der Kanus fast völlig. Wie zur Entschädigung für alle tapfer durchgestandenen Strapazen erschien plötzlich ein Schiff in der menschenfeindlichen Wildnis. Dessen Kapitän, der Engländer Frederick Jackson, hatte auf Franz-Joseph-Land wissenschaftliche Erkundungen durchgeführt und den verschollenen Nansen gesucht. Nun, da er ihn gefunden hatte, konnte er Nansen sogar Post aus der Heimat überreichen.

Nach zweimonatiger gemeinsamer Forschung machten sich die Nansen-Expedition und ihre Retter nach Norwegen auf. Am 13. August 1896 betraten Nansen und Johansen im Hafen von Vardø nach über drei Jahren wieder norwegischen Boden. Jubeln konnten beide noch nicht, denn von der Fram fehlte jede Nachricht. Doch sieben Tage später lag ganz Norwegen im Freudentaumel, denn alle seine Arktishelden waren gesund zurückgekehrt. Nansen und Johansen trafen die "Fram" und Otto Sverdrup mit seinen Männern in Tromsø wieder. Eine der bis dahin größten Entdeckungsreisen überhaupt war erfolgreich beendet worden.

Die Leistungen des Forschers und Arktispioniers wurden mit Ehrungen und Orden, vor allem aber mit der Wertschätzung der Norweger für ihren Landsmann honoriert. Nansen selbst wertete in den Folgejahren seine Forschungsergebnisse aus, die besonders für die Meeresbiologie und für die physische Ozeanographie von fundamentaler Bedeutung waren. An der Wende vom 19. zum 20. Jh. lernte er Roald Amundsen kennen, von dem er begeistert war und ihn fortan unterstützte.

1905 war der Staatsbürger Nansen gefragt, denn es ging um die Unabhängigkeit Norwegens, das bis dahin in einer Union an Schweden gefesselt war. Ein Krieg zwischen beiden Ländern drohte, aber im Oktober einigte man sich auf eine friedliche Lösung. Norwegen wurde unabhängig. Der glühende Patriot Nansen setzte sich vehement für eine konstitutionelle Monarchie ein, wobei einige seiner Landsleute ihn selbst für die Thronbesteigung vorschlugen. Doch Nansen reiste im Auftrag der norwegischen Regierung zum dänischen Königshof, wo er den Prinzen Karl von Dänemark kennen lernte, der als Håkon VII. König von Norwegen wurde. Für seine unabhängige Heimat ging Nansen als erster Gesandter nach London.

Als seine Frau Eva 1907 starb, zog er sich aus der Politik zurück, kümmerte sich um seine Kinder und arbeitete an neuen Forschungsaufgaben. 1912 untersuchte er auf einer dreimonatigen Expedition die Bäreninsel und Spitzbergen. 1913/14 suchte er in Sibirien nach neuen Transportwegen und studierte die Schiffbarkeit der sibirischen Flüsse. Die Reise führte über den Jenissei bis in das ostsibirische Amurgebiet, wo er die Naturvölker wie die Samojeden und Juraken kennen lernte.

Der hereinbrechende erste Weltkrieg setzte den Forschungen Nansens für lange Zeit ein Ende. Das neutrale Norwegen mit seiner pro-britischen Haltung geriet in das Visier deutscher U-Boote. Sie versenkten norwegische Schiffe und brachten den Handel zum Erliegen. Nansen erreichte in zähen Verhandlungen das Amerika-Abkommen, das Norwegen vor einer Hungersnot rettete. Als Staatsmann engagierte er sich mehr und mehr für den Frieden in der Welt, wurde Vorsitzender des norwegischen Friedensbundes und 1920 Gesandter Norwegens im Völkerbund. In dieser Funktion ermöglichte er fast einer halben Million Kriegsgefangener die Rückkehr in ihre Heimat.

In den Folgejahren stand Nansen immer wieder an Brennpunkten des internationalen Geschehens, so in den griechisch-türkischen Auseinandersetzung (1920 - 1922), bei der russischen Hungersnot (1920 - 1922) oder bei dem Versuch, der armenischen Bevölkerung zu helfen (1925 - 1927). Die Welt würdigte seine humanitären Verdienste schon 1922 mit der Verleihung des Friedensnobelpreises.

Seit Mitte der zwanziger Jahre beschäftigten den Forscher neue Pläne. Nansen wurde zum Pionier der Arktisfliegerei und unterstützte 1926 besonders Amundsen bei seinem Flug mit dem Luftschiff "Norge" über den Nordpol. Er gründete die Gesellschaft Aeroarctic zur Erforschung des Polarmeeres durch Luftfahrzeuge und plante im Frühjahr 1930 eine eigene Arktis-Luftschiffexpedition. All seinen Plänen setzte jedoch der Tod am 13. Mai 1930 ein Ende.

Ein ganzes Volk trug vier Tage später – am norwegischen Nationalfeiertag – einen seiner größten Söhne zu Grabe. Hunderttausende gaben Fridtjof Nansen in Oslo das letzte Geleit. Den Sarg eskortierten die Gefährten seines Lebens: Olaf Christian Dietrichsen, der Begleiter auf Grönland, Otto Sverdrup, der Kapitän der Fram, Bjørn Helland-Hansen, einer seiner engsten Mitarbeiter. Ganz Norwegen verneigte sich vor einem herausragenden Wissenschaftler, der den humanistischen Charakter der Wissenschaft und die daraus resultierende Notwendigkeit erkannte, die Kräfte der Wissenschaft in den Dienst des Friedens zu stellen.

Sein Leben in Zahlen und Fakten


  • geb. 1861
    Der am 10. Oktober 1861 in der Nähe von Kristiania auf dem Gut Mellom Frøen geborene Fridtjof Nansen sollte einer der berühmtesten Söhne Norwegens werden. In der Schule gehörten Mathematik, Physik und Chemie zu seinen Lieblingsfächern. Sein Lebensvorbild kam aus der eigenen Familie: Hans Nansen, im 17. Jh. Forscher und Oberbürgermeister von Kopenhagen, war durch Russland gewandert und hatte im Auftrag des russischen Zaren die Küste des Weißen Meeres erforscht.

  • 1882
    Der 21-jährige Nansen fuhr auf einem Robbenfängerschiff das erste Mal in die Arktis. Bei der Untersuchung der Zusammensetzung des Polareises fand Nansen bis dahin völlig neue wissenschaftliche Erkenntnisse heraus.

  • 1888/89
    Mit einer Gruppe von sechs Männern durchquerte Nansen im Sommer 1888 in 40 Tagen erstmals das grönländische Inlandeis von Osten nach Westen. Bei der notwendigen Überwinterung auf Grönland lernte er die Inuit, ihre Sprache, Sitten und Gebräuche näher kennen. Zeit seines Lebens empfand er eine tiefe Bewunderung für sie.

  • 1893 bis 1896
    Am 24. Juni 1893 begann der Norweger mit dem Schiff "Fram" von Oslo aus eine Aufsehen erregende Arktisexpedition, die den Forscher und seine Männer, aber auch das Schiff weltberühmt machte. Im September 1893 wurde die "Fram" vom Eis eingeschlossen. Im März 1895 verließen Nansen und Frederick Hjalmar Johansen das Schiff und gelangten auf ihrem Weg zum Nordpol bis auf 86° 14' n. Br. Auf Franz-Josef-Land trotzten sie in einer selbstgebauten Steinhütte dem arktischen Winter. 1896 traf der Brite Jackson auf Franz-Josef-Land ein und errichtete bei Kap Flora die erste Forschungsstation. Der Brite fand die beiden Norweger und kehrte gemeinsam mit ihnen im August 1896 nach Norwegen zurück.

  • 1905
    Im Kampf um die Unabhängigkeit Norwegens von Schweden setzte sich Nansen als Patriot konsequent für die konstitutionelle Monarchie ein und übte nach der Erlangung der staatlichen Eigenständigkeit verschiedene politische Ämter aus.

  • 1912
    Auf einer Spitzbergenfahrt nahm Nansen im Sommer ozeanographische Forschungen vor.

  • 1913/14
    In Sibirien suchte Nansen nach neuen Transportwegen, studierte die Schiffbarkeit der sibirischen Flüsse und lernte Naturvölker wie die Samojeden und Juraken kennen.

  • 1922
    Für seine humanitären Verdienste erhielt Nansen den Friedensnobelpreis.

  • 1926 bis 1930
    Als Vorsitzender der Internationalen Gesellschaft "Aeroarctic" bereitete der Norweger der Erforschung der Arktis mit Luftfahrzeugen den Weg.

  • 1930
    Der in der ganzen Welt anerkannte und geehrte Fridtjof Nansen starb am 13. Mai 1930 in Lysaker (Norwegen).



Quellenangaben:
Quelle: Geographie Infothek
Autor: Dr. Klaus-Uwe Koch
Verlag: Klett
Ort: Leipzig
Quellendatum: 2003
Seite: www.klett.de
Bearbeitungsdatum: 03.06.2012


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