Suche im TERRASSE-Archiv:

Fußball-Weltmeisterschaft 2014 in Brasilien - WM der Extreme?


Brasilien ist mit fünf Titeln bereits Rekord-Weltmeister im Männer-Fußball und möchte diesen Status bei der WM im eigenen Land ausbauen - und so auch das noch immer bestehende Trauma des verlorenen Finales im eigenen Land im Jahr 1950 bewältigen. Dabei helfen könnten nach Einschätzung von Experten einige „Extreme“ des Landes. Ein erster Blick darauf - und auf weitere im Zusammenhang mit der WM stehende Aspekte - kann den Anstoß geben, sich mit dem lateinamerikanischen Staat näher im Unterricht zu beschäftigen.

Extreme Entfernungen

Da es sich bei dem größten südamerikanischen Land um den flächenmäßig (und auch nach der Bevölkerungszahl) fünftgrößten Staat der Erde handelt und die einzelnen Spielstätten quer über das Land verteilt liegen, sind für die Spiele Entfernungen zurückzulegen, die - zumal aus europäischer Perspektive - eher kontinentale Größenordnungen erreichen. Daher dürfte auch das Flugzeug zum Verkehrsmittel Nummer 1 bei dieser WM werden, einige Spielstätten wie z.B. das mitten im Amazonastiefland - also weit im Landesinneren - gelegene Manaus sind im Grunde nur so erreichbar. Die zwölf Spielorte sind dabei: Belo Horizonte, Brasilia, Cuiabá, Curitiba, Fortaleza, Manaus, Natal, Porto Alegre, Recife, Rio de Janeiro, Salvador, São Paulo.

Große Entfernungen gilt es bereits in der Vorrunde zu überwinden: So beträgt der Abstand zwischen Salvador und Recife etwa 675 km Flugdistanz, zwischen Salvador und Fortaleza sind es sogar 1.028 km (Salvador, Recife und Fortaleza sind die Spielorte der deutschen Nationalmannschaft in der Vorrunde). Da sich die deutsche Auswahl für eine Unterkunft in der Nähe des Badeortes Porto Seguro entschieden hat, muss sie demnach für die drei Spiele der Vorrunde gegen Ghana (Fortaleza), Portugal (Salvador) sowie die USA (Recife) weniger als 6.000 km reisen - was im Vergleich zu den über 14.000 km der US-Amerikaner tatsächlich als wenig erscheint.

Physische Übersicht Südamerika aus Haack Weltatlas


Karte aus: Haack Weltatlas, Physische Übersicht Südamerika (Hinweis: Nicht alle Spielorte sind in der Karte enthalten.)

Extreme Klimabedingungen

Der überwiegende Teil des Landes befindet sich im Bereich der Tropen, einzig im Süden Brasiliens gibt es Anteile an den Subtropen. Entsprechend herrschen in weiten Teilen des Landes ganzjährig hohe Temperaturen mit geringen jahreszeitlichen Schwankungen, nur im subtropischen Bereich besteht ein gemäßigteres Klima. Im Nordosten kann es zu ausgeprägten Dürrezeiten kommen, wohingegen besonders im Amazonasbecken ergiebige Niederschläge fallen.

Damit bestehen während der WM für die meisten Mannschaften ungewohnte und extreme Klimabedingungen, die - zusammen mit anderen Einflüssen wie den enormen Entfernungen - dazu geführt haben, dass viele Fußballexperten den Sieg einer europäischen Mannschaft, also z.B. eine Titelverteidigung Spaniens, ausschließen. Die Beanspruchung durch Spiele bei tropischen Temperaturen wird noch dadurch gesteigert, dass die Begegnungen aufgrund der Zeitverschiebung häufig bereits am Mittag oder Nachmittag stattfinden werden.

Klima Südamerika

 

Extremer Stadionbau

Von den zwölf Stadien der Fußball-WM werden sieben komplett neu gebaut, die übrigen fünf müssen extra für das Großereignis umgebaut werden. Und ähnlich wie bei der letzten Fußball-Weltmeisterschaft in Südafrika war der Bereich des Stadionumbaus und -neubaus, zusammen mit der gesamten Infrastruktur, ein Hauptproblem. Dies zeigte sich bereits während der „Generalprobe“, dem Confed Cup, der im Juni 2013 in Brasilien stattfand - dabei wurde in sechs der zwölf für die WM vorgesehenen Spielorte gespielt. Und bereits hier wurden einige der Stadien erst deutlich nach dem geplanten Termin und erst knapp vor Turnierbeginn fertig gestellt. Ähnlich ist es nun bei der eigentlichen WM: Nach tödlichen Unfällen beim Stadionbau in Manaus und São Paulo - bei letzterem verursachte der Einsturz eines Baukrans zudem erhebliche Schäden und einen Baustopp - kam es zu deutlichen Verzögerungen, die kurz vor der WM aber wohl behoben sind, sodass alle Spielorte zumindest mit dem Start der Weltmeisterschaft bereit zu stehen scheinen.
Wie es dann mit der Nutzung der teuren neuen Stadionbauten nach der WM aussieht, ist noch ungewiss. Zumindest für die Städte, in denen der Fußball bisher eine weniger große Rolle gespielt hat (z.B. Manaus), lässt sich mutmaßen, dass hier wie auch schon bei anderen sportlichen Großereignissen teure Bauten entstehen, die im Anschluss kaum oder gar nicht mehr genutzt werden.

Ähnliche Probleme bilden daneben die infrastrukturellen Bauten, z.B. die Verkehrsinfrastruktur sowie die Kommunikationsinfrastruktur. Hier wird es teilweise wohl ohne Testphase direkt zum Betrieb z.B. von Metro-Stationen und ausgebauten Flughäfen kommen.

Amazonia-Stadion, Manaus

Amazonia-Stadion in Manaus (Picture-Alliance, Jose Zamith)

Extreme Gegensätze

Brasilien gehört zwar als einer der vier BRIC-Staaten zu den gegenwärtig am schnellsten wachsenden Schwellenländern der Erde. Es weist aber gleichzeitig auch enorme regionale und soziale Disparitäten auf. Ihre Grundlegung fanden die regionalen Disparitäten zu einem Großteil bereits in der Kolonialzeit, hier kamen die entscheidenden Impulse immer von außen, wodurch sich einzelne Wachstumspole zumeist in den Küstenregionen bildeten. Die Verbindung mit dem Hinterland war nur schwach ausgeprägt, sie bestand vor allem darin, dass von dort Rohstoffe und Arbeitskräfte kamen. Erst nach 1930 kam es zu einer umfassenden Industrialisierung, die jedoch an dem Standortmuster mit einer wirtschaftlichen Konzentration auf die Küstengebiete nur wenig änderte. Auch die Verlegung der Hauptstadtfunktion aus Rio de Janeiro ins Binnenland nach Brasilia im Jahr 1960 änderte hieran nur wenig. Inzwischen ist aber zumindest im südlichen Amazonien durch die dortigen Erschließungsprojekte - auf Kosten des Regenwaldes - eine bessere wirtschaftliche Integration festzustellen.

In sozialer Hinsicht weist Brasilien wie fast alle Staaten Lateinamerikas ebenfalls erhebliche Gegensätze auf - die sich wiederum besonders auffällig im Stadtbild niederschlagen mit einem Nebeneinander von Oberschicht-Wohnhäusern und Marginalsiedlungen, den sogenannten Favelas, vor allem am Rand der Städte. Dieser Gegensatz rückte etwas stärker ins Bewusstsein der europäischen und Welt-Öffentlichkeit, als es im Zuge des Confed Cups 2013 zu Massenprotesten in Brasilien unter anderem gegen die soziale Ungerechtigkeit (aufgehängt an einer Erhöhung der Preise für den öffentlichen Nahverkehr) kam. Ähnliche Demonstrationen, die sich dann auch explizit gegen die Fußball-Weltmeisterschaft mit ihren hohen Kosten richteten, gab es auch nach dem Confed Cup - und sie werden auch für die Fußball-WM selbst nicht ausgeschlossen.

Ricinha Häusermeer, 2011

Häusermeer der Favela Rocinha in Rio de Janeiro (Klett-Archiv, Kay Fochtmann)



Quellenangaben:
Autor: Christian Neuhaus

Bildnachweis: Shutterstock (Celso Diniz); Picture-Alliance (Jose Zamith), Klett-Archiv (Kay Fochtmann, Leipzig); Karten: Klett-Perthes, Gotha


Zurück zur Terrasse