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Infoblatt Everglades


Everglades (Mühr)


Kilometerweite Riedgrasflächen mit einzelnen Bauminseln erstrecken sich vom Lake Okeechobee nach Süden bis zu den küstennahen Mangrovenwaldstreifen am Golf v. Mexiko, die Everglades. Der Name bedeutet in der Sprache der Indianer "Grasfluss". Die Ost-West-Erstreckung erreicht 50 bis 70 km und die Nord-Süd-Ausdehnung über 100 km. Bei minimalem Gefälle von wenigen Millimetern pro Kilometer fließt das Wasser aus dem Okeechobee äußerst langsam nach Süden; es ist somit ein großes Süßwasserreservoir. Das gesamte hydrologische System besteht aus zahlreichen Karstwasserseen und dem Kissimmeefluss im Norden, der in den 40 mal 40 km großen und nur 6 m tiefen Okeechobee See mündet. Von dort aus fließt das Wasser kaum merklich in bis zu 80 km breite, aber lediglich 15 cm tiefe Wassermassen (slough) nach Süden, durchquert die Everglades und mündet in die Florida Bay.

Auf dem kalkhaltigen, schlammigen Grund dieser endlos scheinenden Wasserfläche wächst hohes Sägegras (saw grass). Die wenigen inselartigen, vom Auge kaum feststellbaren Erhebungen (hammocks), bildet die Grundlage für Baumwuchs, meist tropische Harthölzer und Palmengewächse, auf denen z. T. Epiphyten wachsen. Zum einzigartigen Ökosystem gehört eine ebenso eigenartige Fauna mit dem Alligator als größtem Reptil in den USA, das seit 1960 unter Naturschutz gestellt worden ist. Weiterhin bietet die Parkregion über 50 Meere- und Landsäugetierarten, über 50 Reptilien-, mehr als einem Dutzend Amphibien-, zudem über 300 Vogel- und über 500 Fischarten Nahrung, Schutz und Lebensraum. Die Everglades bilden ein großes Rückzugs- und Aufzuchtareal für viele vom Aussterben bedrohte Tierarten.

Seit 1947 sind die südlichsten Teile der Everglades durch die Schaffung eines Nationalparks unter Schutz gestellt worden. Bis auf den heutigen Tag gibt es heftige Auseinandersetzungen zwischen Befürwortern und Gegnern des Schutzgebietes; wirtschaftliche Interessen an den Bodenspekulation, der Baugesellschaften und Stadtverwaltungen und den Farmern stärken die sogenannte "anti-coalition". Trotz der Widerstände konnte der Nationalpark 1989 nach Osten hin erweitert werden und umfasst heute rund 20 % der Fläche der Everglades.

Nach der Annexion Floridas durch die Amerikaner 1820 blieben die Sumpf- und Feuchtgebiete unbeachtet. Diese waren damals die Rückzugsgebiete der Seminolen (Name der in Südflorida ansässigen Indianerstämme), während der kriegerischen Auseinandersetzungen mit den Weißen Siedlern. Die frühesten Erschließungsversuche erfolgten durch Bodenspekulanten um 1880, die bereits erste Entwässerungskanäle anlegten. 1904 wurden diese Maßnahmen durch den Staat weiter forciert. So entstand südlich des Okeechobee Sees ein rasch wachsender Gemüse- und Zuckerrohranbau. Neben kleinen Gemüsebaubetrieben mit Flächen von 4 ha entwickelten sich bald große Zuckerrohrplantagen mit vielen hundert Hektar Fläche. Die Bundeseinrichtung der Corps of Engineers entwickelte Konzepte zur raschen Drainage und Wasserabfuhr im Evergladegebiet. So wurde u. a. ein System von Hochwasserdämmen zum Schutz vor Überschwemmung errichtet, der mäandrierende Kissimmeefluss kanalisiert und der Wasserhaushalt von Okeechobee See und den Feuchtgebieten durch vier große Entwässerungskanäle und zahlreiche Pumpsysteme verändert. Dadurch sind die agrarischen Nutzflächen nach 1954 erheblich vergrößert worden. Erfolgreiche Experimente zur Entwicklung ertragreicher Grassorten im subtropischen Klima führten zum Aufkommen von großen Rinderzuchtbetrieben, die in Form der Ammenkuhhaltung (cow-calf-operation) arbeiten. Heute stehen in den Herden eine Gesamtzahl von 45.000 Tieren.
Die große Zahl von Vieh und dem damit anfallenden Dung, zusammen mit Einsatz von Schädlingsbekämpfungsmitteln und hohen Düngemittelgaben aus der landwirtschaftlichen Produktion führten zur Anreicherung von Nitraten, Phosphaten und Exkrementen im Grundwasser und kontaminierten dieses erheblich.

In den 60er Jahren mussten daraufhin "water conservation areas" angelegt werden zur Sicherung der Wasserversorgung der Städte an der Atlantikküste. Über 3 Mio. Menschen hängen am Wasserhaushalt des Okeechobee Sees. Als in den 60er Jahren die Zuckerlieferungen aus Kuba ausblieben, wurde anstelle von Viehzuchtbetrieben verstärkt Zuckerfabriken und Zuckerrohrplantagen errichtet. Das hochgradig kontaminierte Grundwasser wurde mit großen Pumpen in die Everglades geleitet. Die Entwässerungsmaßnahmen bewirken eine Absenkung des Grundwasserspiegels. Die Trockenheit nahm in den Wintermonaten stark zu, was zu zahlreichen Bränden führte. Der Austrocknungseffekt hielt weiter an, weil in den darauffolgenden Jahren weniger Niederschläge gefallen sind, damit begann der Grundwasserspiegel an den Hauptförderstellen mit Fördermengen von mehr als 120 m³ pro Sekunde kegelartig abzusinken. In küstennahen Randbereichen hat die starke Entwässerung zum Eindringen von Salzwasser in den Grundwasserkörper geführt, besonders südlich des Lake Okeechobee. Die Nutzung des sensiblen Ökosystems hat noch weitere Prozesse zur Folge: Die humus- und torfreichen Böden der Feuchtgebiete sind durch die Trockenlegung vermehrt dem Luftzutritt ausgesetzt; Verwitterungsprozesse in Form von Oxidation beschleunigen den Abbau und die Absenkung der Bodenhorizonte, so sind Landsenkungen von 2,5 cm sind gemessen worden.

Zudem wurden neue Straßen gebaut, bisher unberührtes Gelände für Feriensiedlungen bzw. Wohngebiete erschlossen und die Anlage eines Großflughafens im Big Cypress Swamp, unmittelbar an die Everglades angrenzend, diskutiert. Für all diese Projekte wurde Mangrovenwald geschlagen, Buchten zugeschüttet und das so gewonnenen Land zum Bebauen freigegeben oder erst mit attraktiven Gebäuden bebaut und dann veräußert – so wird die Entstehung von Miami Beach oder Coral Gables geschildert.

Die unübersehbaren Umweltschäden haben zu neuen Sichtweisen und neuen Konzepten geführt. Man versucht mit Regenerationsprojekten bereits eingetretene Schäden zu mindern. Der kanalisierte Kissimmeefluss wird renaturiert (de-channalization), "water conservation areas" werden neu bewertet. Die Ackerbauflächen hatten wahrscheinlich Ende der 80er Jahre ihre größte Ausdehnung. Die Renaturierungsprojekte (ecosystem restoration) werden immer mehr gefordert. So gab es in Bezug auf die Nutzung des Ökosystems Evergaldes immer wieder unterschiedliche Bewertungen: einzigartiges Biotop, landwirtschaftliches Naturschutzgebiet, Erhaltung der Naturlandschaft, Bewertung der Naturressourcen. Naturschützer kämpften gegen die Zerstörung dieses eigenartigen Ökosystems; das 1982 zum Weltkulturerbe erklärt und durch die UNESCO in die World Heritages Liste aufgenommen wurde.



Quellenangaben:
Quelle: Perthes Länderprofile USA
Autor: Roland Hahn
Verlag: Justus Perthes Verlag Gotha GmbH
Ort: Gotha
Quellendatum: 2002


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