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Infoblatt Julius Nyerere


Julius Nyerere (1922 – 1999), erster Staatspräsident Tansanias und "Vater der Nation" (Klassenstufe 7/8)

Kindheit, Jugend, Ausbildung

Julius Nyerere kam 1922 als Sohn eines Dorfchefs vom Volk der Zanaki in Butiama nahe dem Victoriasee zur Welt. Damals war dieser Teil Afrikas eine britische Kolonie. Nyerere wurde im katholischen Glauben erzogen und ging in Musoma und Tabora zur Schule. Als begabter Schüler konnte er als erster Bürger seines Landes an einer europäischen Universität studieren. In Edinburgh begann er sich für Politik zu interessieren, insbesondere für die Gestaltung der Gesellschaft nach sozialen Regeln. Nach dem Studium in Geschichte und Wirtschaftswissenschaften wurde Nyerere Lehrer an der St. Mary´s Catholic Boys School in Tabora.

Streben nach Unabhängigkeit

Schon bald arbeitete Julius Nyerere nur noch in der von ihm gegründeten TANU-Partei. Diese versuchte, den britischen Herrschern die Unabhängigkeit abzutrotzen. Dabei war es Nyereres Ziel, dass sich alle Afrikaner selbst regierten. Außerdem lag ihm am Herzen, die verschiedenen Stämme in Tanganyika (das Festland) und Sansibar (die Inseln) zu einen. Sie sollten einen gemeinsamen Staat bilden: Tansania. 1965 schließlich entstand aus dem eher christlichen Tanganyika und dem mehrheitlich muslimischen Sansibar ein vereinter Staat. Dafür war Nyerere bereit, weit reichende Kompromisse einzugehen. Das kleinere Sansibar erhielt das Recht, bei den Finanzen und in der Rechtsprechung nach eigenen Gesetzen zu leben. Nyerere wurde erster Staatspräsident des neuen Staates.

Ujamaa

Nyereres Ideen von der gerechten Gesellschaft führten in Tansania zur Politik der Ujamaa: Die sozialen Unterschiede im Land sollten verkleinert und der neue Staat vom Ausland auch wirtschaftlich unabhängig werden. Aus diesem Grund wurden ausländische Banken, Firmen und Industriebetriebe verstaatlicht. Im westlichen Ausland sah man dies nicht gern. Die Folge war, dass Tansania vom Westen gemieden wurde und lange Zeit keine Hilfen mehr erhielt. Zur Ujamaa-Politik gehörte aber auch, die Einwohner aus ihren kleinen, verstreut liegenden Heimatdörfern in große Gemeinschaftsdörfer umzusiedeln. Die Idee war, dass man so den ländlichen Raum attraktiver machen und die Landflucht Richtung Stadt verhindern könnte. Es stellte sich aber heraus, dass das Geld fehlte, um in allen Großdörfern die benötigten Schulen, Straßen und Krankenhäuser, eine moderne Wasserversorgung und viele kleine Industriebetriebe aufzubauen. Dies alles überforderte das arme Entwicklungsland. Zudem waren die sozialen Beziehungen in so großen Gemeinschaften nicht mehr so eng wie in den traditionellen Kleindörfern, wo jeder jeden kannte. Als Tansania nach der weltweiten Wirtschaftskrise von 1973 immer mehr zum Schuldenmachen gezwungen war, wurde die Ujamaa-Politk schließlich beendet.

Großes Ansehen

Trotz der fehlgeschlagenen Ujamaa-Poltik genießt Julius Nyerere noch heute großes Ansehen in Tansania. Das hat damit zu tun, dass er in seinem Land stets für den Ausgleich der über 130 Volksgruppen eintrat: Tansania ist bis heute eines der wenigen afrikanischen Länder, das von einem Bürgerkrieg verschont geblieben ist. Es hat aber auch damit zu tun, dass Nyerere etwas tat, was in Afrika bis heute eine Seltenheit ist: Er trat freiwillig zurück, als sich seine Politik als nicht erfolgreich erwies, als sein Land nach einem neuen Weg und neuen Ideen Ausschau halten musste. Außerdem führte Nyerere freie Wahlen ein. Dabei kann die Bevölkerung zwischen mehreren Parteien wählen. Zwar ist Tansania noch keine Demokratie nach unseren Maßstäben – aber es ist auf einem guten Weg dahin. Als der "Baba wa Taifa", der "Vater der Nation", 1999 starb und zu Grabe getragen wurde, kamen in der Nähe seines Heimatdorfes etwa eine halbe Million Menschen zusammen, um Abschied zu nehmen.



Quellenangaben:
Quelle: Geographie Infothek
Autor: Christian Pfefferer
Verlag: Klett
Ort: Leipzig
Quellendatum: 2009
Seite: www.klett.de
Bearbeitungsdatum: 04.06.2012


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