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Infoblatt Heinrich Barth (1821 - 1865)


Heinrich Barth - eine Kurzbiographie

Bis heute gilt Heinrich Barth in Afrika als einziger Europäer seiner Zeit, der den schwarzen Kontinent und seine Menschen wirklich verstand. Der 1821 in Hamburg geborene Forscher und Wissenschaftler hatte schon in seiner Jugend von Entdeckungsreisen in Afrika geträumt. Vor allem faszinierte ihn die sagenumwobene und in Europa nur vom Hörensagen bekannte Stadt Timbuktu.

Der Schüler Heinrich war sehr talentiert, vor allem sprachbegabt. Während seiner Universitätsjahre (1839 - 1844) in Berlin studierte er Philologie, alte Geschichte und mehrere Fremdsprachen. Barth wurde ein ausgezeichneter Linguist, der Französisch, Spanisch, Italienisch und Arabisch fließend beherrschte. In seiner Studienzeit unternahm er auch seine erste Reise nach Italien und Sizilien.

Nach seiner Promotion 1844 zog es Barth nach Afrika. Zwischen 1845 und 1847 konnte er den ihn so faszinierenden Kontinent zum ersten Mal bereisen. Nach kurzem Aufenthalt in London, wo er seine Kenntnisse der arabischen Sprache perfektionierte, brach Barth über Gibraltar nach Tanger auf, reiste anschließend nach Algerien und schließlich bis nach Libyen. Auf seinen zahlreichen Ausflügen in die Wüste erforschte er u. a. die Große Syrte. Schließlich ging Barth ins Niltal, wo er die historischen Stätten aus der Zeit der ägyptischen Pharaonen erlebte. Auf einem seiner Streifzüge wurde er von Räubern ausgeraubt und schwer verletzt. Ungeachtet solcher Schicksalsschläge zog es ihn weiter – zunächst nach Palästina, dann nach Nordsyrien und Zypern und schließlich zur Süd- und Westküste Kleinasiens. Nach drei Jahren kam er über Konstantinopel und Griechenland wieder in Berlin an, wo er 1848 Privatdozent wurde und ein Jahr später seine Reiseerinnerungen "Wanderungen durch die Küstenländer des Mittelmeers" veröffentlichte.

Barth war vom schwarzen Kontinent fasziniert und wollte Westafrika der Breite nach durchwandern. Als Alexander von Humboldt 1846 die Teilnahme Barths an einer englischen Afrika-Expedition vermittelte, war Barth ein unbekannter Newcomer unter den Geographen. 1849 startete die Expedition unter Leitung von James Richardson dann endlich. Mitte November verließen Richardson, Barth und der deutsche Astronom Adolf Osterweg mit anderen Teilnehmern Europa und trafen einen Monat später in Algerien ein. Von dort ging es über Tunis, Susa, Sfaks und Dscherbie bis nach Tripolis. Damit war der Ausgangspunkt für die Durchquerung der Sahara – das erste große Ziel der Expedition – erreicht:.

Im März 1850 wagte man den Versuch. In der lebensfeindlichen Wüste machten die Reisenden in Oasen Station und schlossen mit den Führern der Tuareg Handelsverträge ab. Doch die Reisestrapazen waren riesig und dezimierten die Expedition. Richardson starb 1851, Overbeck ein Jahr später. Barth hielt man in Europa lange Zeit für tot, aber er konnte überleben, weil er perfekt arabisch sprach und seine Rolle als türkischer Gelehrter, für den sich der Forscher ausgab, überzeugend spielte.

Nach dem Tod Richardsons übernahm Barth die Leitung der Expedition. Seine Leute und er reisten mit Kamelen und Pferden und erreichten 1853 Timbuktu. Die Anfänge Timbuktus – d. h. übersetzt: die Frau mit dem großen Nabel – lagen im 12. Jh. Günstig an einer Karawanenkreuzung der Tuareg gelegen, entwickelte sich die Stadt zu einer der bedeutendsten und für damalige europäische Verhältnisse unglaublichen Metropole. Bereits im 13. Jh. lebten in Timbuktu mitten in der Wüste 250.000 Einwohner. In der Stadt gab es 180 Koranschulen, an der Universität studierten 25.000 Studenten. Die Universitätsbibliothek verfügte über 400.000 Bücher (in Mitteleuropa höchstens: 1.000). Auf Märkten und in Warenhäusern wurde mit Edelsteinen, edlem Tuch, Gewürzen und Sklaven gehandelt. Die Architektur Timbuktus wurde von Wohnhochhäusern aus Lehm geprägt, die in Europa ihresgleichen suchten.

Trotz ihrer Berühmtheit war kein Europäer bis ins 19. Jh. nach Timbuktu gelangt. Erst Heinrich Barth entdeckte die Stadt wieder und blieb sechs Monate. Während seines Aufenthalts hing sein Leben am seidenen Faden, denn in der für Christen verbotenen Stadt wurde er als Ungläubiger entlarvt und mit dem Tode bedroht. Doch Scheich Ahmed El Bakay, der tolerante und gebildete Herrscher der Stadt, rettete Barth. So konnte der Deutsche nach Zeugnissen aus der Geschichte Timbuktus forschen. Dabei fand er historische Quellen, in denen die Sahel als eine seit Jahrhunderten blühende Region von Hochkulturen beschrieben wurde.

Nach dem Aufenthalt in Timbuktu setzte Heinrich Barth seine Forschungsreise durch Westafrika in Gebieten der heutigen Staaten Nigeria, im nördlichen Kamerun und südlichen Tschad, in Niger und Mali fort. Bis 1855 erforschte er das Gebiet südlich des Tschadsees und den Flusslauf des Benue und erreichte als erster Europäer den Mittellauf des Niger. Was 1849 als kurze Reise begonnen hatte, endete nach einer 6-jährigen Expedition, die den Deutschen weltweit als Afrikaforscher bekannt machte.

1855 nach Berlin zurückgekehrt, unterrichtete er als Dozent und verfasste sein Mammutwerk "Reisen und Entdeckungen in Nord- und Zentralafrika in den Jahren 1849-55" in fünf Bänden. Der 3.500 Seiten lange Erfahrungsbericht zählt bis heute zu den Meisterwerken der Reiseliteratur und ist das wohl umfangreichste Kompendium über die Geographie Nordafrikas, die nordafrikanischen Stämme, ihre Sprachen, Gebräuche und Religionen.

Heinrich Barth war ein ganz anderer Afrikaforscher als die meisten seiner Kollegen. Er war wirklich bereit, andere Kulturen und Lebensarten zu tolerieren und selbst anzunehmen. Kein anderer Gelehrter seiner Zeit setzte sich so vorbehaltlos für die Afrikaner und ihre Rechte ein und bekämpfte ganz entschieden die Sklaverei. Er erforschte den Norden Afrikas mit seinen Wüstengebieten zu einem Zeitpunkt, als die meisten seiner Kollegen um jeden Preis die Nilquellen entdecken oder die schneebedeckten Berge in Äquatornähe bezwingen wollten.

Barth dagegen interessierten nicht vordergründige Rekorde, sondern die Einwohner mit ihrer Lebensart und ihren Eigenheiten. Als einer der ersten Forscher überhaupt ging er der Frage nach, inwieweit Menschen durch die Landschaft geprägt werden, in der sie wohnen. Mit Hilfe arabischer Quellen stellte Barth auch erste Genealogien (Ahnenreihen) afrikanischer Dynastien zusammen. Er brachte aus Afrika auch völlig neues Wissen über die Kartographie und Archäologie mit. Spätere genaue Atlanten von Afrika waren nur dank der ausführlichen Reisebeschreibungen und detaillierten Skizzenblätter von Barth möglich. Er erwies sich in seinen Aufzeichnungen als Meister der beschreibenden Topographie. In der Sahara kopierte er prähistorische Felszeichnungen, denn er hatte erkannt, dass ganz Nordafrika, besonders aber die größte Wüste der Welt eine unverzichtbare Quelle bei der Erforschung der Ur- und Frühgeschichte des ganzen afrikanischen Kontinents darstellten.

Obwohl man Barth 1863 zum Professor berufen hatte, wurde es in den letzten Lebensjahren um den Afrikaforscher immer stiller. Heinrich Barth passte mit seinen – bis heute so modernen Ansichten – nicht mehr in seine Zeit. Statt der friedlichen Erkundung Afrikas waren im damaligen Deutschland dessen Unterwerfung und Kolonialisierung angesagt. Mit diesem Geist der Epoche mussten die Erfahrungen und Ansichten von Barth kollidieren. Der Forscher und Wissenschaftler starb ungewürdigt und vergessen 1865 in Berlin, doch sein Vermächtnis ist für die moderne Forschung unverzichtbar.

Sein Leben in Zahlen und Fakten


  • geb. 1821
    Der spätere deutsche Afrikaforscher Heinrich Barth wurde am 16. Februar 1821 in der Hansestadt Hamburg geboren. Bereits in seinen Jugendjahren war er sehr vielseitig interessiert und besonders sprachbegabt.

  • 1839 - 1844
    Aufgrund seines wachsenden Interesses an Fremdsprachen und an alter Geschichte ging Barth zum Studium nach Berlin. Dort belegte er die Fächer Philologie (Sprachwissenschaft), alte Geschichte, Archäologie und römische Literatur. Zum Abschluss seines Studiums promovierte er und erwarb den Doktortitel.

  • 1845 - 1847
    Der junge Wissenschaftler bereiste das Mittelmeergebiet und kam dabei erstmals nach Tunesien, Libyen, Marokko, Ägypten und Palästina.

  • 1849 - 1855
    Als sich die Chance bot, an einer britischen Afrikaexpedition teilzunehmen, gab Barth sofort seine Zusage. In sechs Jahren durchquerte er die Sahara und die Sahelzone und erforschte beträchtliche Teile Nord- und Westafrikas. 1853 betrat er als erster Europäer die legendäre Wüstenstadt Timbuktu.

  • 1857
    Nach seiner Rückkehr fasste Barth seine Reiseerlebnisse und -eindrücke in einer großen fünfbändigen Buchausgabe zusammen. Anschaulich, lebendig und einfühlsam formulierte der Autor seine Berichte, die bis heute zu den realistischsten Darstellungen über Afrika und die Afrikaner zählen.

  • 1863
    Aufgrund seiner wissenschaftlichen Leistungen ernannte ihn die Berliner Humboldt-Universität zum Professor.

  • 1865
    Als einer der sensibelsten Kenner der afrikanischen Verhältnisse und als Anwalt der Interessen der Bevölkerung Afrikas starb Heinrich Barth am 25. November in Berlin.



Quellenangaben:
Quelle: Geographie Infothek
Autor: Dr. Klaus-Uwe Koch
Verlag: Klett
Ort: Leipzig
Quellendatum: 2003
Seite: www.klett.de
Bearbeitungsdatum: 11.06.2012


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