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Infoblatt Sven Hedin (1865 - 1952)


Sven Hedin - eine Kurzbiographie

Für den am 19. Februar 1865 in Stockholm geborenen Architektensohn waren fremde Länder, Menschen, Sitten und Gebräuche von Anfang an eine besondere Faszination. Eingehend beschäftigte er sich schon als Schüler mit der Geographie. So zeichnete er außergewöhnlich exakte Karten für einen sechsbändigen Weltatlas. Zu den Vorbildern des heranwachsenden Jungen gehörte u. a. der Polarforscher Adolf Erik Freiherr von Nordenskiöld.

Wie sehr es den Schweden in die Welt hinauszog, zeigte sich bereits 1885, als er unmittelbar nach dem Abitur eine Hauslehrerstelle in Baku annahm und von dort aus das erste Mal nach Persien reiste. Im Jahr darauf nach Schweden zurückgekehrt, studierte Hedin Geologie, Mineralogie, Kristallographie und Zoologie – zunächst in Stockholm, dann in Uppsala und schließlich in Berlin. Zwischen 1889 und 1891 unterbrach Hedin sein Studium, weil er ein zweites Mal Persien bereiste. Danach beendete er seine wissenschaftliche Ausbildung mit der Promotion in Halle/Saale. Während seiner Studienzeit lernte Hedin den Nordpolarforscher und Zoologen Fridtjof Nansen kennen.

Vor Hedin lagen nun fruchtbare Jahre intensiver geographischer Forschungen und Entdeckungsreisen, in denen er sich zu einem der bekanntesten und kompetentesten Asienforscher profilierte. Bereits 1894 ernannte man ihn zum Leiter der ersten großen Expedition nach Zentralasien, der bis 1902 noch mehrere Forschungsreisen folgten. Der Schwede erforschte Chinesisch-Turkestan und Nord-Tibet, das Tarimbecken und Kaschmir. Er entdeckte die Ruinen der antiken Stadt Lou-Lan in der Lop-Wüste (Tarimbecken). Zwischen 1905 und 1908 bereiste der zum Mitglied der Königlichen Schwedischen Akademie der Wissenschaften ernannte Hedin den Transhimalaya und entdeckte die Quellen des Indus und des Brahmaputras. Die Expedition durchquerte die Wüste Kewir und überschritt das Himalaya-Gebirge insgesamt acht Mal. Dabei erkannte Hedin als erster, dass die Himalaya-Ketten ein zusammenhängendes Gebirge bilden.

In den geographischen Forschungen des Schweden spielte der sog. "Wandernde See" Lop-nor eine besondere Rolle. Dieser See war bereits im vierten Jahrhundert nach Christus ausgetrocknet, als der ihn bis dahin mit Wasser speisende Fluss Tarim seinen Lauf geändert hatte. Hedin hatte die Spuren dieses Flusses und der an ihm gelegenen ehemaligen Siedlung Lou-Lan bereits 1902 untersucht. Fasziniert kehrte er 1921 an den Ort der einstigen Forschungen zurück, weil der Unterlauf des Tarim, der Kum-Darja, erneut seinen Lauf geändert hatte und plötzlich ein neuer See an der alten Stelle entstanden war. Die schwedische Expedition kartographierte den neuen See und den Kum-Darja und suchte nach Möglichkeiten, die Lop-Wüste zu bewässern.

Seine letzten großen Expeditionen führten Hedin von 1927 bis 1933 in die Mongolei, in die Wüste Gobi und nochmals nach Chinesisch-Turkestan. Neben archäologischen Ausgrabungen erkundete der Schwede für seine Auftraggeber – die Deutsche Lufthansa und die chinesische Regierung – die Infrastruktur, fertigte Karten und Pläne für den Bau von Autostraßen und Eisenbahnlinien.

Nicht wenige in Schweden und in Europa sahen solche Expeditionen und Hedin selbst sehr kritisch. Bereits 1910 hatte August Strindberg die rechtskonservativen, teilweise sogar nationalistischen Positionen seines Landsmannes öffentlich scharf angegriffen. Vor und während des Ersten Weltkriegs ergriff Hedin einseitig für Deutschland Partei, weshalb ihn die britische "Royal Geographical Society" aus ihrer Mitgliederliste strich. Die Abneigung seiner Landsleute gegenüber Hedin wuchs in dem Maße, wie der populäre Forscher und Schriftsteller sich zuerst den konservativen Führungskreisen des Deutschen Kaiserreichs und später den Führern der Nationalsozialisten in Deutschland andiente.

Hedin, schon von Haus aus konservativ monarchistisch eingestellt, hatte seit seinem Studium ein romantisch verklärtes Deutschlandbild, das immer weniger mit den realen politischen Entwicklungen in Deutschland übereinstimmte. So war er über Deutschlands Niederlage im Ersten Weltkrieg und über den damit verbundenen Verlust der deutschen Weltmachtrolle zutiefst betroffen. Später sah er dann im Nationalsozialismus, namentlich in Adolf Hitler, den "Retter" Deutschlands. Hedin bewunderte den "Führer" und Hitler verehrte Hedin, dessen Bücher er in seiner Jugend gelesen hatte. Zur Glorifizierung des Deutschtums und des "Führers" setzte der Schwede auch seine ganze literarische Begabung ein. Zwischen 1933 und 1945 war er häufig in Deutschland, wurde von den Nazis hofiert, hielt Vorträge über seine Reisen oder stellte seine Bücher vor. Die braunen Machthaber zeigten sich gegenüber Hedin erkenntlich, brachten seine Bücher groß heraus und benannten das Reichsinstitut für Zentralasiatische Forschung in München nach dem Schweden.

In seiner Heimat lehnten immer mehr Landsleute die politischen Positionen Hedins ab und verurteilten seine Unterstützung des nationalsozialistischen Regimes in Deutschland entschieden. Als Hedin nach dem Zweiten Weltkrieg auch noch die Verbrechen der Nationalsozialisten nicht wahrhaben wollte, wurde er in Schweden zu einer persona non grata (unerwünschte Person). Politisch höchst umstritten, aber als einer der brillantesten Asienforscher anerkannt – diese zwei Seiten prägen bis heute das Bild von Sven Hedin, der am 26. November 1952 in Stockholm starb.

Sein Leben in Zahlen und Fakten


  • geb. 1865
    Der Architektensohn Sven Hedin wurde am 19. Februar in Stockholm geboren. Sehr früh interessierte sich der Junge für Reiseabenteuer und schon mit 16 Jahren zeichnete er eigenhändig einen sechsbändigen Weltatlas.

  • 1885/86
    Als Hauslehrer unternahm der junge Mann seine erste Reise, die ihn nach Persien führte.

  • 1886 - 1892
    Nach dem Studium der Geologie, Mineralogie, Kristallographie und Zoologie bereiste Hedin Persien ein zweites Mal.

  • 1893 - 1898
    Hedin erkundete Zentralasien. Durch zahlreiche Vorträge, die er nach seiner Rückkehr hielt, wurde der Schwede berühmt, wozu auch zahlreiche Publikationen beitrugen.

  • 1899 - 1903
    Auf seiner zweiten Expedition durch Zentralasien suchte Hedin am Fluss Tarim nach Spuren des verschwundenen Sees Lop-nor. Für seine Verdienste als Forschungsreisender wurde Hedin geadelt.

  • 1905 - 1909
    Auf seiner dritten Expedition in Zentralasien durchquerte Hedin die Wüste Kewir und überschritt das Himalaya-Gebirge insgesamt acht Mal.

  • 1910 - 1915
    Neben seinen Forschungen engagierte sich der Schwede immer stärker in der Politik. In seiner Heimat musste er sich u. a. mit dem Schriftsteller August Strindberg (1849 - 1912) auseinandersetzen, der nicht nur Hedins Forschungsergebnisse anzweifelte, sondern dessen rechtskonservative Einstellungen scharf anprangerte.

  • 1916 - 1927
    Der eigenwillige Schwede publizierte Romane und wissenschaftliche Studien, u. a. das zwölfbändige Werk "Southern Tibet", und ein kommentiertes Kartenwerk über Persien und einen Memoirenband. Seine prodeutsche Haltung demonstrierte er mit Besuchen beim abgedankten Wilhelm II. und beim deutschen Reichspräsidenten Hindenburg.

  • 1926 - 1935
    Die sog. "Sino-Swedish Expedition" war Hedins letzte Forschungsreise in Zentralasien. Im Auftrag der deutschen Lufthansa AG und der chinesischen Regierung erforschte sie u. a. die Witterungsbedingungen und die Infrastruktur.

  • 1935 - 1937
    Nach seiner Rückkehr hielt sich Hedin in Deutschland auf, wo er u. a. während der Olympischen Spiele 1936 auftrat. Als Forscher publizierte er die Ergebnisse seiner Expeditionen durch Zentralasien.

  • 1939 - 45
    Während des zweiten Weltkrieges machte Hedin kein Geheimnis aus seiner Sympathie für den deutschen Nationalsozialismus. Er traf sich nicht nur mit Hitler und anderen Nazigrößen, sondern publizierte verschiedene Schriften zur Unterstützung der braunen Machthaber.

  • 1952
    Nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges suchte sich Hedin zu rechtfertigen, beharrte aber auf seinen politischen Ansichten und gestand keinerlei Fehler ein. Der hervorragende Asienkenner starb am 26. November 1952 in Stockholm.



Quellenangaben:
Quelle: Geographie Infothek
Autor: Dr. Klaus-Uwe Koch
Verlag: Klett
Ort: Leipzig
Quellendatum: 2003
Seite: www.klett.de
Bearbeitungsdatum: 03.06.2012


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