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Infoblatt Süd-Nord-Wasserumleitungsprojekt


Ein Projekt in der Dimension der Chinesischen Mauer

Ausgangslage

Im Nord-Osten Chinas leben mehr als 35 Mio. Menschen, die zunehmend unter Wasserknappheit leiden. Der anhaltende wirtschaftliche Aufschwung in diesen Regionen zieht unaufhörlich neues Gewerbe und Zuwanderer aus ganz China an. Auf der einen Seite verschmutzt die boomende Industrie die Flüsse und das Grundwasser und auf der anderen Seite verbrauchen immer mehr Menschen auch immer mehr Trinkwasser. Insbesondere Großstädte wie Peking leiden unter der Wasserknappheit. So wird das nasse Element hier zum limitierenden Faktor für das Bevölkerungs- und Wirtschaftswachstum.

Zwar verfügt China über das sechstgrößte Trinkwasservorkommen der Erde. Trotzdem gilt China als eines der wasserärmsten Länder, wenn das Wasservorkommen pro Kopf berechnet wird. Das Wasservorkommen der Volksrepublik ist regional und saisonal äußerst ungleich verteilt. Im südlichen China befinden sich 81 % der gesamtchinesischen Wasserressourcen für gut 55 % der dort lebenden nationalen Bevölkerung. Das bedeutet, dass die im Norden lebenden 43 % aller Chinesen mit nur 14 % der Wasserressourcen des Landes auskommen müssen. Problematisch sind außerdem die extremen saisonalen Niederschlagsschwankungen. In den drei Monaten von Juni bis August fällt ein Großteil der jährlichen Niederschlagssumme. Der regionale Wassermangel in China wird verstärkt durch die Verschmutzungen, den hohen Verbrauch, den schlechten Zustand der Wasserwirtschaft und unzureichender infrastruktureller Investitionen. Jahrzehntelange Planwirtschaft mit dem Erbe der preislichen Unterbewertung natürlicher Ressourcen wie Trinkwasser haben die einst so sparsamen Chinesen zu großen Verschwendern werden lassen. Staatliche Maßnahmen der Umweltpolitik und Wasserwirtschaft zielen nun darauf ab, die Qualität des Wassers zu verbessern und die Wasserverschwendung der Landwirtschaft, Industrie und privaten Haushalte zu begrenzen:

  • Kosten des Gewässerschutzes sollen nach Verursacherprinzip umgelegt werden
  • Wassersparmaßnahmen in Großstädten (z. B. Erhöhung des Wasserpreises um das 30fache)
  • Schließung von ressourcenvergeudenden Unternehmen
  • Sanierung von Verschmutzungsquellen und Bau von Kläranlagen
  • Einsatz von umweltgerechteren und fortschrittlichern Technologien

Die einzelnen Maßnahmen werden jedoch nicht ausreichen, um die Wasserknappheit der nördlichen Regionen zu beheben. Deshalb hat die chinesische Regierung ein ehrgeiziges Projekt beschlossen.

Umsetzung und Ziele des Gesamtprojekts


Geplante Wasserüberleitung (Klett)

Der Wasserengpass des Nordens soll durch ein gigantisches Wasserumleitungsprojekt von Süd nach Nord kompensiert werden. Denn wie sagt ein chinesisches Sprichwort: "Wer sich dem Wasser in den Weg stellt, stellt sich dem Leben in den Weg". Ein von Menschenhand gemachter Fluss wird benötigt, um die akuten Wasserprobleme im Norden zu beheben. So soll ein System von Wasserkanälen aus den wasserreichen südlichen Regionen, vor allem aus dem Jangtsekiang, das dringend benötigte Wasser in den Norden leiten. Der Umfang des Bauwerkes kann mit dem Bau der chinesischen Mauer verglichen werden. Das Mammutprojekt besteht aus drei Wasserlinien: dem östlichen, mittleren und westlichen Wasserweg. Am östlichen Kanal begannen im Dezember 2002 die Bauarbeiten. Gegenwärtig wird an vier Teilprojekten gearbeitet. Ziel ist es, dass Projekt bis 2050 fertig zu stellen. Schätzungsweise 486 Milliarden Yuan (ca. 48,6 Milliarden Euro) wird das Mammutprojekt in seiner heutigen Planung kosten. Nach Fertigstellung des Kanalsystems werden jedes Jahr bis zu 44,8 Milliarden Kubikmeter Wasser vom Jangtsekiang in den Norden Chinas fließen. Das entspricht in etwa der jährlichen Abflussmenge des Gelben Flusses.
Das Umleitungsprojekt birgt enorme Möglichkeiten. Erstens soll das umgeleitete Wasser den wachsenden Bedarf im Norden decken und die Umweltbedingungen merklich verbessern. Weiterhin sollen durch die Regulierungsmaßnahmen die alljährlichen Überschwemmungen am Unterlauf des Jangtsekiangs besser kontrolliert werden. Drittens soll sich an den verschiedenen Wasserläufen die Wasserqualität bessern. Damit verbunden ist die Anpflanzung neuer Vegetation. Die Umsetzung des Megaprojektes soll der regionalen Wirtschaft einen kräftigen Schub verleihen. Von dem Kanalbau profitieren v. a. Industrien, die mit dem Gewässerschutz zu tun haben wie beispielsweise die Bauwirtschaft, der Maschinenbau, das Transportwesen und auch das Dienstleistungsgewerbe. Offen sind jedoch die ökologischen Folgen, die bei derart umfassenden menschlichen Eingriffen in die Natur einzuplanen sind. Ferner müssen der Maßnahme analog zum Bau des Drei-Schluchten-Staudamms zahlreiche Dörfer weichen. So begannen im Oktober 2009 erste Umsiedlungsmaßnahmen, von denen 330.000 Menschen in den Provinzen Henan und Hubei betroffen sind.

Die einzelnen Wasserwege

Eines der größten infrastrukturellen Projekte der Welt besteht aus zahlreichen Teilprojekten und Verästelungen der Wasserwege. Der östliche Wasserweg soll in drei Bauabschnitten realisiert werden und bereits vorhandene Kanäle und Seen einbeziehen. Am Unterlauf des Jangtsekiangs soll das Wasser bei der Stadt Yangzhou über den Kaiserkanal Peking-Hangzhou und weiterer paralleler Flüsse nach Norden geleitet werden. Das Flusswasser muss dafür mehrfach hoch gepumpt werden. Verschiedene Seen dienen dabei als Zwischenspeicher. Das abgeleitete Wasser soll durch Tunnel den Gelben Fluss kreuzen und dann nach Tianjin nach Osten fließen. Der Hauptabschnitt des östlichen Wasserwegs hat eine Länge von 1.156 km. Die mittlere Wasserlinie soll die Wasserversorgung für Peking, Tianjin und weitere Städten entlang der Bahnlinie Peking-Guangzhou verbessern. Vom Danjiangkou-Stausee am Hanjiang-Fluss soll das Wasser durch die Kanäle, die am westlichen Rand der Einzugsgebiete des Gelben Flusses, des Huaihe- und des Haihe-Flusses ausgehoben werden, via Henan und Hebei nach Peking fließen. Der Hauptabschnitt des mittleren Wasserwegs wird 1.267 km lang sein. Der westliche Wasserweg soll unterirdisch zur Wasserscheide zwischen dem Jangtsekiang und dem Huanghe-Fluss fließen, um den Oberlauf des Jangtsekiangs mit dem Oberlauf des Huanghe-Flusses zu verbinden. Der Wasserbedarf der autonomen Gebiete Ningxia, der Inneren Mongolei und der Provinzen Shaanxi, Shanxi, Qinghai und Gansu sowie der Guanzhong-Ebene soll über dieses Projekt gesichert werden.



Quellenangaben:
Quelle: Geographie Infothek
Autor: Mirko Ellrich
Verlag: Klett
Ort: Leipzig
Quellendatum: 2008
Seite: www.klett.de
Bearbeitungsdatum: 02.05.2012


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