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Infoblatt Kastensystem in Indien


Aufbau des Kastensystems in Indien (Klett)

Entstehung und Formen des Kastensystems

Der Begriff Kaste (portugiesisch casta: das Familiengeschlecht, Herkunft oder Rasse; abgeleitet von lateinisch castus: rein, keusch) steht für eine abgegrenzte Gruppe einer Bevölkerung innerhalb einer Gesellschaft. Diese Gruppe nimmt dabei genau definierte religiöse, juristische oder wirtschaftliche Funktionen wahr. Die einzelnen, meist religiös legitimierten Kasten einer Gesellschaft sind im Gegensatz zu den hauptsächlich ökonomisch definierten Klassen gegeneinander undurchlässig. Die gesellschaftliche Hierarchie wird von Generation zu Generation weitergegeben, so dass Kastensysteme keine soziale Mobilität kennen.
Das soziale und gesellschaftliche Gefüge in Indien ist durch ein solches Kastensystem gekennzeichnet. Die Anhänger des Hinduismus betrachten das Kastensystem als ein soziales System, das durch religiöse Strukturierung dem ewigen Gesetz der Welt (Dharma) entspricht. Die soziale Funktion der Kasten besteht darin, dass eine Kaste die indische Solidargemeinschaft repräsentiert, d. h. das Existenzminimum von Arbeitslosen, Alten usw. sichert.
Die Merkmale einer indischen Kaste sind: erbliche Zugehörigkeit zu der Kaste; Brauch, nur Mitglieder der gleichen Kaste zu heiraten; Beschränkungen bei der Wahl des Berufs und bei persönlichen Kontakten.

Die Entstehung des Kastensystems

Die Wurzeln der traditionellen Kastenordnung Indiens reichen zurück bis 1500 v. Chr., als Nomadengruppen (Arier) der indogermanischen Sprachengruppe aus dem Norden nach Indien einwanderten. Die indogermanischen Priester führten nach der alten heiligen Literatur Indiens eine einfache Kastenordnung in die Gesellschaft ein. Dabei wurden die hellhäutigen Arier in drei freie Stände gegliedert und grenzten sich so von den dunkelhäutigen Einheimischen, die hauptsächlich als Tagelöhner, Landarbeiter, Handwerker und Diener arbeiteten, ab. Somit war ein vierter "Stand" geschaffen, der zum Dienst gegenüber den drei höheren Kasten verpflichtet war. Außerhalb der Gesellschaftsordnung und auf die Verrichtung der niedrigsten und unangenehmsten Dienste beschränkt, befanden sich die Kastenlosen.
Das Gesellschaftssystem bzw. die Kastenordnung in Indien ist fester Bestandteil der hinduistischen Religion und hat in einer leicht differenzierten Form noch bis heute große Bedeutung im Leben der Hindus.

Das Kastensystem

Im Wesentlichen besteht das traditionelle Kastensystem aus vier Kasten (Varnas). Diese Hauptkasten unterteilen sich in zahlreiche Unterkasten (Jatis), die sich noch weiter aufteilen – insgesamt gibt es über 3.000 verschiedene Unterkasten.

Die vier Hauptkasten heißen:

  1. Brahmanen - Priester, Kenner und Lehrer der heiligen Schriften
  2. Kshatryas - Krieger, Könige, Fürsten, Adelige
  3. Vaishyas - Ackerbauern, Viehzüchter, Handwerker, Handelsleute
  4. Shudras - Diener, Arbeiter, Sklaven

Unterhalb dieser vier Hauptkasten befinden sich die Harijans, die aus dem etablierten Gesellschaftssystem dadurch herausfallen, dass sie keiner Kaste angehören. Eine Untergruppe stellen die "Parias", die Unberührbaren dar, die nur niedrigste Arbeiten verrichten dürfen.
Außerhalb der Gesellschaftsordnung und noch unter den Kastenlosen stehen die Nicht-Hindus. Wer z. B. den Hinduismus verlässt, verlässt damit automatisch seine Kaste. Christen und Moslems gehören folglich ebenfalls zu den Kastenlosen, sind somit "unberührbar" für streng rituelle Hindus geworden.
Durch eine bestimmte Kastenzugehörigkeit erlangt man soziale und religiöse Privilegien. Zahlreiche Gebote und Verbote müssen aber auch beachtet werden. Drei Hauptregeln kennzeichnen das Kastensystem: Man heiratet nur innerhalb der eigenen Kaste (Endogamie); man darf nur gemeinsam mit Mitgliedern der eigenen oder einer höheren Kaste essen bzw. Essen von ihnen annehmen, weil nur so die rituelle Reinheit gewährleistet ist; man darf nur den Beruf seiner Kaste ergreifen.

Das Leben in den Kasten

Von Geburt an, und nur durch diese, gehört ein Hindu einer bestimmten Kaste an. Der Glaube und das Kastensystem sind in Indien stark verwurzelt. Da die Hindus an eine Wiedergeburt glauben, leben sie streng nach den vorgegebenen Regeln ihrer Religion. Durch die Einhaltung dieser Regeln erhoffen sie sich eine bessere Stellung im nächsten Leben, d. h. Wiedergeburt in eine höhere Kaste. Verstößt jedoch ein Hindu gegen die Regeln, könnte er im nächsten Leben auch als Tier wiedergeboren werden, was nach dem hinduistischen Glauben eine Strafe bedeutet.

Das Kastensystem in der heutigen Zeit

Der bekannteste Kämpfer gegen das Kastensystem war Mahatma Gandhi (1869 - 1948). Er führte die große gewaltfreie Bewegung gegen die britische Kolonialmacht in Indien an und rief zum Widerstand auf. Gandhi fand, dass zu dieser gemeinsamen Protestbewegung das Kastensystem nicht passte. Auch die unteren Kasten und die "Parias" hatten seiner Meinung nach ein Recht auf ein Leben ohne Hunger und Armut, auf Ausbildung und einen selbst gewählten Beruf.
Das Kastensystem wurde offiziell durch die Verfassung von 1949 abgeschafft, bestimmt aber in Teilen immer noch das soziale Leben Indiens. Die heutige Gesetzgebung ermöglicht es jedem Inder, Kasten übergreifend jeden Beruf anzustreben, doch in der Praxis – z. B. bei Heirat oder Karriere – hat die Zugehörigkeit zu einer Kaste weiterhin erhebliche Bedeutung. Kastenlose üben nach wie vor überwiegend "unreine" Berufe wie Straßenkehrer, Leichenträger und Gerber aus. Man sagt: auf alles, was "roti aur beti" (Hindi: "Brot und Tochter") betrifft, hat die traditionelle Gesellschaftsordnung weiterhin Einfluss.
Während in urbanen Gesellschaften heute gemeinsame Mahlzeiten verschiedener Kasten stattfinden, sind in ländlichen Gegenden die alten Strukturen noch fest verankert, obwohl ihnen auch hier nicht mehr absolute Gültigkeit zukommt.

Literatur

Fischer Weltalmanach 2004.
Wissen digital – Enzyklopädie 2003.
SCHWEIZER, G.: Indien – ein Kontinent im Umbruch. Stuttgart 1995.
STEIN, J.: Christentum und Kastenwesen. Frankfurt a.M. 2002.
Udo und Monika TWORUSCHKA (Hrsg.): Religionen der Welt. Grundlagen, Entwicklung und Bedeutung in der Gegenwart. München 1992.



Quellenangaben:
Quelle: Geographie Infothek
Autor: Christine Reinke, Dr. Petra Sauerborn
Verlag: Klett
Ort: Leipzig
Quellendatum: 2005
Seite: www.klett.de
Bearbeitungsdatum: 18.05.2012


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