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Infoblatt Die Philosophie des Aristoteles


Aristoteles Phänomene - Erkennbarkeit der Welt in all ihren Erscheinungen

In seiner philosophischen Grundposition ging Aristoteles von der Diesseitigkeit und Begreifbarkeit (Erkennbarkeit) der Welt in all ihren Erscheinungen – von Aristoteles "Phänomene" genannt – aus. Im Gegensatz zu seinem Lehrer Platon war für ihn die Welt mithilfe von Erkenntnis und Naturwissenschaft erkennbar. Der Kern seiner Forschungen, mit denen Aristoteles wohl wie kein anderer vor und nach ihm die abendländische Geistesgeschichte geprägt und beeinflusst hat, waren die Erscheinungen der Natur und die Existenz des Menschen. Dem ging er in vier Einzelbereichen nach: Logik, Ethik, Metaphysik und Staatslehre.

Logik war für Aristoteles nicht nur eine inhaltliche, sondern auch eine formale Frage. Nach seiner Meinung ließ sich alles in Kategorien einteilen, mit deren Hilfe ein Nachdenken und das Vergleichen der Dinge und Erscheinungen überhaupt erst möglich wird. Solche Kategorien waren z. B. Substanz, Quantität, Qualität, Verhältnis, das Wo, das Wann, die Lage, das Haben, die Tätigkeit oder die Leiden. Sätze, die wahre oder falsche Aussagen enthalten, nannte er Urteile. Urteile wiederum ließen sich zu Schlüssen verbinden. Die Verknüpfung zweier Urteile bildete den Beweis wie z. B. die folgenden Aussagen: Alle Menschen sind sterblich (erstes Urteil). Sokrates ist ein Mensch (zweites Urteil). Sokrates ist sterblich (Beweis).

Von daher formulierte Aristoteles schließlich als Ziel der Wissenschaft, auf den Grund alles Existierenden vorzudringen. Um den Menschen zu verstehen, muss man die Welt (Natur und Gesellschaft), in der er lebt, verstehen. Genau aus diesem Grund erforschte Aristoteles alle Bereiche der Welt und wurde so zum ersten Universalgelehrten.

In seiner Metaphysik ("metà tà physiká": hinter der Physik, jenseits der Natur liegende Dinge) trennte sich Aristoteles von der Ideenlehre seines Lehrers Platon und schlug den Weg der Naturwissenschaft ein. Nach Überzeugung des Philosophen liefert allein sie die Möglichkeit, zum innersten Wesen der Dinge vorzudringen. Damit wollte er schließlich die beiden Welten (Ideen und materielle Welt) überwinden.

Um diese beiden Welten zu erkennen, führte Aristoteles in die philosophische Betrachtung für jeden Gegenstand oder Zustand vier Ursachen ein: die Formursache, nach der jeder Gegenstand in seiner Form bestimmt werden kann; die Zweckursache, denn Nichts geschieht ohne Zweck; die Antriebsursache, weil jede Entwicklung einen Motor braucht; und schließlich die Stoffursache, d. h. jeder Gegenstand besteht aus einem Stoff.

Über dieses Herangehen kam der Philosoph zu einer der wichtigsten philosophischen Grundfragen, nämlich der nach der Ursache jeder Bewegung. Nach Aristoteles ist alles auf der Welt in Bewegung. Demzufolge muss irgendjemand oder irgendetwas diese Bewegung ausgelöst haben. Für den Griechen war das Gott, der die Welt zunächst in Schwung brachte, danach aber nicht mehr in die einmal in Gang gesetzte Bewegung eingreift. Wegen dieses Nichteingreifens kann Gott – so die Auffassung von Aristoteles – auch nicht durch die sich entwickelnde bzw. bewegende Welt beeinflusst und so zum erneuten Eingreifen bewegt werden.

In der Ethik, der Philosophie von den Werten, war der Grieche im Gegensatz zu anderen Philosophen ein Praktiker. Er folgte dem Grundsatz, dass jedes Wesen von Natur aus nach einem ihm eigentümlichen Guten strebt, in dem es seine Vollendung findet. Das eigentümliche Gute beim Menschen definierte Aristoteles als das Streben der menschlichen Seele nach Vernunft. In der Vernunft sollte der Mensch seine Glückseligkeit (Eudämonie) als Endziel seines Strebens finden.

Das menschliche Streben nach dem Guten zeigte sich wiederum in den Tugenden: Dazu gehörten auf der einen Seite die Vernunft und Klugheit sowie andererseits Normen, Gewohnheiten und Traditionen. Vernunft und Klugheit kann jeder Mensch selbst beeinflussen, während Normen, Gewohnheiten und Traditionen durch die Gesellschaft vorgegeben werden. Beide Seiten der Tugenden werden durch den Willen (freier Wille) des Einzelnen verbunden. Demzufolge kann sich jeder für das Gute entscheiden, muss es aber immer wieder neu erringen. Die Tugenden definierte Aristoteles als die Mitte zwischen Extremen, z. B. die Tapferkeit als Mitte zwischen Feigheit und Tollkühnheit, die Mäßigung als Mitte zwischen Wollust und Stumpfheit oder die Großzügigkeit als Mitte zwischen Geiz und Verschwendung.

Der ganze Gegensatz zwischen dem Praktiker oder Empiriker (nur die Erfahrung der Wirklichkeit zählt) Aristoteles und seinem Lehrer, dem Utopisten Platon, kommt am deutlichsten in der Staatsauffassung zum Ausdruck. Für die Entwicklung seiner Staatsauffassung sammelte Aristoteles 158 Verfassungen und wertete sie wissenschaftlich aus. Im Unterschied zu Platon suchte Aristoteles nicht den absolut (ideell) besten Staat, sondern den (praktisch) bestmöglichen Staat, dessen Hauptaufgabe in der sittlichen Vervollkommnung seiner Bürger bestand.

Den Menschen betrachtete Aristoteles als ein von Natur aus nach politischer Gemeinschaft strebendes und damit staatsbildendes Wesen. Jedes Staatsprinzip wird in der jeweiligen Verfassung des Staates geformt, wobei der Philosoph hier drei verschiedene Verfassungen und deren Extreme unterschied: erstens das Königtum und als dessen Entartung die Tyrannei (Tyrannis); zweitens die Aristokratie als die "Herrschaft der Besten" und ihr Gegenteil – die Oligarchie als "Herrschaft der Wenigen" und nicht unbedingt Besten; drittens die Volksherrschaft und die Demokratie, unter der Aristoteles die Tyrannis des Volkes verstand, als deren Abart. Für das günstigste Staatsprinzip hielt er die gemäßigte Volksherrschaft, weil sie Extreme am ehesten vermied.

Bis heute ist Aristoteles der wohl bedeutendste Philosoph und Naturforscher des Abendlandes geblieben. Seine Ideen und Lehren haben die Zeiten überdauert. Das gewaltige Gedankengebäude, das Aristoteles hinterließ, beschäftigt die Philosophen der Gegenwart noch immer.



Quellenangaben:
Quelle: Geographie Infothek
Autor: Dr. Klaus-Uwe Koch
Verlag: Klett
Ort: Leipzig
Quellendatum: 2004
Seite: www.klett.de
Bearbeitungsdatum: 27.05.2012


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