Suche im TERRASSE-Archiv:

Infoblatt Fränkisches Seenland


Eine gigantische wasserbautechnische Maßnahme

Das Fränkische Seenland – eine gigantische wasserbautechnische Maßnahme

Das Fränkische Seenland – eine inzwischen bekannte Erholungslandschaft in Mittelfranken – entstand erst in den 1980er- und 1990er-Jahren aufgrund eines Landtagbeschlusses vom Juli 1970. Damals beschloss der Bayerische Landtag die riesige wasserbautechnische Maßnahme der Wasserüberleitung von Süd- nach Nordbayern, weil das Wasserangebot in den beiden Landesteilen sehr unterschiedlich war. So verfügen die Alpen und das Donaugebiet über einen Wasserüberschuss, während in den Ballungsgebieten in den Tälern von Rednitz, Regnitz und Main ein Wassermangel herrschte. Da Wasser ein wichtiges Lebensmittel und eine wichtige Ressource für Landwirtschaft und Industrie ist und die Raumplanung vorsieht, ausgeglichene Lebensräume im ganzen Land zu schaffen, lag die Überleitung von Altmühl- und Donauwasser in das Regnitz-Main-Gebiet nahe, um eine weitere Entwicklung dieses Raums zu gewährleisten.

Ziele der Überleitung


  • Gewässerschutz
    Trotz des sehr hohen Standes der Abwasserbeseitigung und -reinigung sind die Regnitz und der Main insbesondere während sommerlicher Niedrigabflüsse in Trockenperioden stark belastet. Die Gewässergüteklasse II, ein im LEP verankertes Ziel, lässt sich nur durch eine Aufhöhung der Niedrigwasserabflüsse erreichen.

  • Wasserentnahme
    Statt Grundwasser als Brauchwasser für Industrie und Landwirtschaft zu entnehmen, kann nun Oberflächenwasser verwendet werden. Ebenso dient das hinzu gekommene Wasser dem Ausgleich von Verdunstungsverlusten, die beim Betrieb von Wärmekraftwerken entstehen.

  • Hochwasserschutz
    Durch die Überleitung werden die häufigen Überschwemmungen im Bereich der mittleren Altmühl teilweise vermieden, da Altmühl- und Brombachsee die Sommerhochwässer weitgehend auffangen.

  • Freizeit und Erholung
    Die Fränkischen Seen sind ein bekanntes Erholungsgebiet geworden. Der Tourismus trägt zur Strukturverbesserung in dieser Region bei.

Die Überleitung


Altmühlsee (Bildgeber: Tourismusverband Fränkisches Seenland, Gunzenhausen)

Für die Verwirklichung der Überleitung war das Talsperren-Neubauamt in Nürnberg zuständig. Zu dessen Aufgaben zählten zunächst der Grunderwerb sowie Aufgaben der Bauplanung und -ausführung. Heute ist das Wasserwirtschaftsamt Ansbach für den Unterhalt und den Betrieb aller Anlagen, einschließlich der drei Kraftwerke, verantwortlich. Um die Betreuung des Rothsees kümmert sich das Wasserwirtschaftsamt Nürnberg.
Die größte Schwierigkeit stellte für die wasserwirtschaftlichen Planer die Überwindung der Europäischen Hauptwasserscheide dar, da Wasser der Altmühl, das eigentlich über die Donau ins Schwarze Meer mündet, zum Teil Richtung Nordsee umgeleitet werden muss. So entstanden der Altmühlsee, der Kleine und der Große Brombachsee sowie der Igelsbachsee. Die schädigenden Hochwasser der Altmühl werden im Altmühlsee nördlich von Gunzenhausen aufgestaut und über den 8,7 km langen „Altmühlüberleiter“, der 2,7 km lang als Stollen unter der Europäischen Hauptwasserscheide hindurch verläuft, dem Kleinen Brombachsee zugeführt. Von dort fließt das Wasser zuerst über den Großen Brombachsee und den Brombach in die Schwäbische Rezat, dann in die Rednitz, die in die Regnitz mündet, bevor diese bei Bamberg in den Main fließt.
Getrennt von diesem System gelangt bei hohem Pegelstand der Donau Donauwasser über die Pumpwerke des Main-Donau-Kanals in den Rothsee, das bei Bedarf über die Flüsse Roth und Kleine Roth an die Rednitz abgegeben wird und somit ebenfalls in das Main-Rhein-System mündet.
Zusätzlich kann dem Großen Brombachsee Wasser entnommen werden, wenn im Winter dem Rothsee Wasser fehlt, weil die Donau aufgrund von Schneefall und niedrigen Temperaturen ohne Schneeschmelze weniger Wasser führt.
Insgesamt werden jährlich 150 Millionen cbm Wasser nach Nordbayern umgeleitet. Die Kosten für dieses Großprojekt beliefen sich auf 570 Millionen Euro, inklusive aller ergänzenden Infrastrukturmaßnahmen wie Straßenbau, Ringkanalisation, Parkplätze, Erholungseinrichtungen etc. Die Überleitung aus dem Rothsee ist seit 1994 in Betrieb, die aus dem Großen Brombachsee seit 1999.

Das Fränkische Seenland – Badeparadies in bäuerlicher Landschaft


Brombachsee (Bildgeber: Tourismusverband Fränkisches Seenland, Gunzenhausen)

Bevor das Fränkische Seenland fertiggestellt war, konnte sich kaum ein Einheimischer vorstellen, wie die Zukunft aussehen würde. Segelschulen, Campingplätze und Tausende von Badegästen, das waren Visionen, die fern ab jeder Realität lagen. Kein Wunder, schließlich gab es 1968 im damaligen Landkreis Gunzenhausen gerade mal 26 Urlaubsunterkünfte und keine nennenswerte Fremdenverkehrsinfrastruktur.
Dagegen waren die notwendigen Landabgaben der landwirtschaftlichen Betriebe bald sehr real. Insgesamt wurden 2.700 Hektar für die Seeflächen, Freizeit- und Erholungseinrichtungen, Straßen und sonstige Infrastruktur benötigt. Etwa 1.000 betroffene Landwirte mussten zusammen ca. 2.200 Hektar landwirtschaftliche Grundstücke abgeben (fast doppelt so viel wie beim Bau des Flughafens München II). Dies empfanden viele Betroffene in den 1970er-Jahren – einer Zeit, in der sich in anderen Gegenden die Betriebe vergrößerten – als existenzielle Bedrohung. Eine neutrale Beratung war notwendig, um bei den Problemen im Umstellungsprozess Hilfe zu leisten und um die Landwirte die Zukunftschancen im Freizeitbereich erkennen zu lassen. Diese Aufgabe über nahm die „Beratungsstelle Mittelfränkisches Seengebiet“. Sie organisierte zum Beispiel Fortbildungsmaßnahmen oder Lehrfahrten zum Themenkreis ländlicher Tourismus, Regionalvermarktung und Gästebeherbergung, um die ehemaligen Landwirte auf ihre neuen Berufe vorzubereiten. Generell nutzen die Menschen im Seenland heute die Einkommenschancen im Freizeit- und Dienstleistungsbereich intensiv und die ehemals strukturschwache Region hat einen deutlichen Aufschwung erlebt.
Als Motor des Aufschwungs gilt der ländliche Tourismus. So finden zwei Drittel aller Übernachtungen in den Dörfern und nicht in den nahegelegenen Städten statt. Der Anteil vom Urlaub auf dem Bauernhof beträgt ca. 20 %, was für die Landwirte ein erhebliches Zusatzeinkommen bedeutet, mit dem sie die Landwirtschaft aufrecht erhalten können. Damit die einzelnen Anbieter nicht in Konkurrenz zueinander treten, haben sich viele von ihnen spezialisiert, etwa auf Kinderangebote oder Reiterferien. Auch diejenigen, die keine Gäste aufnehmen wollen oder können, haben interessante Einkommensalternativen gefunden, zum Beispiel als Seeführer oder Radverleiher. Zusätzliche Einkommenschancen ergeben sich aus der Direktvermarktung lokaler Spezialitäten. Positiv wird von den Betroffenen gewertet, dass sich der Dorfcharakter durch den Tourismus überwiegend nicht geändert hat, weil die meisten Gästezimmer, Ferienwohnungen oder Geschäfte in vorhandener Bausubstanz eingeplant wurden, sich aber Lebensqualität und Freizeitangebot deutlich erhöht haben.



Quellenangaben:
Quelle: Geographie Infothek
Autor: Silke Frank
Verlag: Klett
Ort: Leipzig
Quellendatum: 2004
Seite: www.klett.de
Bearbeitungsdatum: 27.05.2012


Zurück zur Terrasse