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(Alp-)Traum Kreuzfahrt?


Der Themenband „Weltmeere als Zukunftsraum“ bietet im Kapitel „Freizeit- und Erholungsraum Meer“ den Kreuzfahrttourismus als Fallbeispiel an. Wie lässt sich dieses klischeebehaftete Thema, das unter dem Aspekt der Nachhaltigkeit eine Menge zu bieten hat, unter Verwendung der Materialien der Doppelseite im kompetenzorientierten Unterricht umsetzen?

Fachliche Hintergrundinformationen

Entwicklung des Kreuzfahrttourismus

Seit Ende der 1960er-Jahre hat sich die Vergnügungsreise auf dem Meer zu einer Tourismusart entwickelt und einen raschen Aufschwung genommen, dessen Ende noch nicht abzusehen ist.

Der Erfolg der Kreuzfahrtreedereien, eine immer größer werdende Zahl von Touristen anzuziehen, ist darauf zurückzuführen, dass zusätzlich zum traditionellen Oberklasse- inzwischen auch der Mittelklassemarkt verstärkt angesprochen wird. Es ist gelungen, das Durchschnittsalter und das Durchschnittseinkommen der Kreuzfahrtpassagiere ständig zu verringern.

Kreuzfahrt als Event

Bei Kreuzfahrten zeichnet sich eine Tendenz ab, bei der nicht mehr die Häfen den Mittelpunkt der Reisen bilden, sondern bestimmte Themen oder Events. Allerdings gibt es auch Reisen, die den klassischen Rhythmus „morgens Einlaufen – abends Auslaufen“ durchbrechen und dafür die Liegezeiten im Hafen so verlängern, dass die Touristen auch den Hafen „bei Nacht“ erleben können. Im Trend liegen Fitness- und Lifestyle-Programme. Zu den Standardeinrichtungen an Bord gehören Spaß- und Fitnessräume, Outdoor- und Indoor-Pools. Ayurveda-, Thalasso- und andere „Wellnesskuren“ gehören zum Angebot. Das Kreuzfahrtschiff selbst wird damit immer mehr zu einem Urlaubsort. Gewandelt haben sich im Laufe der Jahre auch die Kleidungsvorschriften, Beschränkungen gibt es eigentlich kaum noch.

Eignung einer Region als Kreuzfahrtdestination

Kriterien für die Eignung einer Region als Destination von Kreuzfahrten sind:

  • die maximale Distanz zwischen zwei Anlaufhäfen sollte 210 Seemeilen nicht überschreiten, sodass das Schiff tagsüber im Hafen liegen und nachts fahren kann,
  • Klima,
  • attraktive Strände,
  • Flora und Fauna,
  • Sehenswürdigkeiten und Einkaufsmöglichkeiten,
  • das Image einer Region, die Sicherheit und die Stabilität der politischen Verhältnisse.

Diese Anforderungen werden am besten von der Karibik erfüllt.

Der Wettbewerb, immer mehr exotische Häfen anzulaufen, ist groß. Kritiker der Entwicklung verweisen darauf, dass ein Großteil der Kosten für eine Kreuzfahrt auf Transport, Übernachtung und Verpflegung entfällt. Dieser Teil verbleibt bei Kreuzfahrten fast zu 100 Prozent in den Kassen der Reisekonzerne, sodass für die angefahrenen Länder mit ihren „Traumstränden“ meist nur das bleibt, was die Touristen bei den Kurzausflügen für Imbiss, Souvenirs usw. ausgeben, dazu kommt noch die Hafensteuer.

Ständig wird nach neuen Zielen gesucht. Zu den attraktiven Destinationen gehört mittlerweile Dubai mit interessanten Shoppingmöglichkeiten. Reedereien können einzelne Staaten mit der Drohung, diese zu künftig nicht mehr anzulaufen, auch gegeneinander ausspielen.

Die soziale Situation

Auf allen Kreuzfahrtschiffen, die in der Karibik fahren, gibt es weniger als ein Zehntel einheimische Angestellte – und das trotz der räumlichen Nähe und der hohen Arbeitslosenzahl auf den karibischen Inseln. Unabhängige Personalvermittler stellen eine Mannschaft zusammen, die sich aus verschiedenen Nationen zusammensetzt. Zum Teil sind bis zu 40 Nationen vertreten. Bei einer derartigen Völker- und Sprachenvielfalt sind gewerkschaftliche Arbeitnehmervertretungen unmöglich. Niedrige Löhne bei sieben Tagen Arbeit, nur unterbrochen von ein paar Stunden Ruhezeit, und fragwürdige Lebensbedingungen (tagelang nur unter Deck) lassen sich daher leicht durchsetzen. Auf vielen Schiffen gibt es zudem eine klare ethnische Hierarchie: Die Offiziere stammen aus Norwegen oder Italien, die Belegschaft aus westeuropäischen Ländern oder Nordamerika und die Mannschaft aus asiatischen und osteuropäischen Ländern.

Die ökologische Situation

Einige Kreuzfahrtschiffe haben ihre eigenen Einrichtungen zur Abfallbeseitigung, viele andere jedoch nicht. Im Vergleich zu anderen Tourismusarten steht der Kreuzfahrttourismus unter ökologischen, ökonomischen und soziokulturellen Aspekten letztlich gar nicht so schlecht dar. Es gibt moderne Kreuzfahrtschiffe, die als geschlossene ökologische Systeme konzipiert sind. Sie verursachen wesentlich geringere Umweltbelastungen. Allerdings sind hier insbesondere im Bereich der Abgastechnik (z.B. Rußpartikelfilter) noch größere Anstrengungen seitens der Kreuzfahrtanbieter erforderlich. Vor dem Hintergrund der kritischen Haltung gegenüber dem „Dritte-Welt-Tourismus" könnte der Kreuzfahrttourismus im Sinne der Nachhaltigkeit zukünftig durchaus ein Weg zu sein, dessen Optimierung sich lohnt.

Didaktischer Hintergrund

Unter Berücksichtigung der Vorgaben des niedersächsischen Kerncurriculums bietet das Thema verschiedene Möglichkeit der Vernetzung von Kompetenzen aus den fünf Kompetenzbereichen. Das Kompetenznetz (Abb. unten) weist für die Umsetzung des Themas in dieser Unterrichtseinheit einen Schwerpunkt aus, der im Kompetenzbereich „Beurteilen und Bewerten“ liegt. Da jedoch auch ein nicht unbeträchtlicher Teil an Fachwissen erarbeitet und aufbereitet werden muss, ist dessen Anteil entsprechend hoch. Eine andere Schwerpunktsetzung ist denkbar.

Abbildung Kompetenznetz

Abb.: Kompetenznetz – Anteil der Kompetenzbereiche an der Unterrichtseinheit (Entwurf: Haberlag)

Begründen lässt sich das Thema ferner mit den allgemeindidaktischen Kriterien der Fach-, Gesellschafts- und Schülerrelevanz (Didaktisches Dreieck). Der Kreuzfahrttourismus spielt in der Gesellschaft eine immer wichtigere Rolle, angesichts der boomenden Branche auch unter ökonomischen Gesichtspunkten. Zukünftig werden Kreuzfahrten im Zusammenhang mit der nachhaltigen Nutzung von Räumen eine größere Rolle spielen. Der fachliche Inhalt der Unterrichtseinheit ist für Schülerinnen und Schüler fassbar und lässt sich so aufbereiten, dass er von ihnen hinterfragt werden kann. Das Thema bietet zudem die Möglichkeit, eine perspektivische Sicht einzunehmen, wobei auch der Aspekt der (subjektiven) Inszenierung von Räumen eine Rolle spielt.

Sowohl das in der Stunde erworbene Wissen als auch die Fähigkeiten sind übertragbar (inhaltlich-kognitiver Transfer), d.h., sie können in anderen Situationen und an anderen Unterrichtsinhalten, wie z.B. dem Phänomen des Massentourismus oder der Auseinandersetzung mit dem zunehmenden Weltseeverkehr angewendet werden.

Die Doppelseite im Schülerbuch sieht eine Behandlung des Themas auf der globalen Ebene vor, d.h. das Eingehen auf konkrete Teilräume, wie z.B. die Karibik, den Mittelmeerraum oder nördliche Destinationen etwa die der Hurtigruten, wurde bewusst ausgeklammert. Wegen ihrer spezifischen Voraussetzungen und der fehlenden Bindung an den Raum wird auch auf Flusskreuzfahrten nicht näher eingegangen. Im Sinne der Differenzierung und Ergänzung bieten sich hier jedoch weitere Möglichkeiten an. Unberücksichtigt bleibt auch die Rolle und Sicht der Werften, wie z.B. der Meyer-Werft in Papenburg, die sich auf den Bau von Kreuzfahrtschiffen spezialisiert hat.

Die enthaltenen Materialien spiegeln ein breites Spektrum wider (unterschiedliche Lerndispositionen). Neben den verschiedenen Textarten Autorentext (M1, M3 in diesem Artikel), Zeitungsbericht (M4 in diesem Artikel; M21 im Schülerbuch S. 42) und Blog (M22 im Schülerbuch) werden ein Steckbrief, ein Säulendiagramm, Karikaturen sowie eine Tabelle verwendet.

Fachinhaltliche und methodische Anforderungen, die an die Schülerinnen und Schüler in dieser Unterrichtseinheit gestellt werden, sind:

Die Schülerinnen und Schüler müssen …

  • den Kreuzfahrttourismus als eine Wachstumsbranche charakterisieren,
  • positive und negative Aspekte des Kreuzfahrttourismus gegeneinander abwägen,
  • den Kreuzfahrttourismus mit anderen Formen des Tourismus vergleichen,
  • die Dimensionen der Nachhaltigkeit anwenden,
  • den Kreuzfahrttourismus aus verschiedenen Perspektiven beurteilen,
  • das durch die Kreuzfahrtbranche und Medien transportierte Bild des Kreuzfahrttourismus beurteilen.

Umsetzung im Unterricht

Im Sinne eines in aufeinander aufbauenden Schritten gegliederten Lernwegs findet zunächst eine Auseinandersetzung mit der zu lösenden Aufgabe („Problem“) statt (siehe dazu Abb. unten). Ausgangspunkt ist die Karikatur „Eine Kreuzfahrt, die ist lustig … Teil 1“, die die Kreuzfahrt negativ darstellt (M19, Schülerbuch S. 42). Ausgehend von der negativen Aussage (Problemstellung) bzw. der Fragestellung, inwieweit die Aussage berechtigt ist, schließt sich ein Unterrichtsgespräch an, dessen Ergebnis eine offene und kontroverse Antwort (Positionierung der Schülerinnen und Schüler) ist.

Ergänzend oder auch allein ist die Überschrift des Kapitels „(Alp-)Traum Kreuzfahrt?“ zu verwenden. Für den Einstieg in die Stunde bieten sich darüber hinaus weitere Möglichkeiten an: So kann beispielsweise auch mittels der Filmausschnitte (Fotos, siehe Arbeitsblatt M4 - als Download) die Unterrichtseinheit eröffnet werden.

Geeignet ist ferner eine kurze Filmsequenz aus einer der zahlreichen TV-„Traumschiff“-Sendungen. Hier genügt es bereits, nur den Vorspann zu zeigen. Bei beiden Alternativen lässt sich zusätzlich die Überschrift des Kapitels gewinnbringend verwenden.

Im Anschluss an die argumentative Positionierung gilt es, eine gemeinsame Basis (Materialauswertung) zu schaffen, die eine spätere fundierte Auseinandersetzung ermöglicht.

Dazu geht es in der ersten Erarbeitungsphase um die Charakterisierung des Kreuzfahrttourismus und dessen Einflussfaktoren:

a) Struktur und Entwicklung des Kreuzfahrtourismus: M1 u. M2 in diesem Artikel; M16 und M18 im Schülerbuch S. 42 (Kabinenpreise, Entwicklung der Größe und Kapazität von Kreuzfahrtschiffen seit 2003).
Diese Phase kann entweder entfallen oder deutlich verkürzt werden, wenn zur Unterrichtseinheit eine – je nach eingesetztem Material (entweder nur M1 und M2 oder auch noch M16 und M18) – vorentlastende Hausaufgabe mit dem Arbeitsauftrag 1 (s. u.) gestellt wird.

In der zweiten Erarbeitungsphase erfolgt eine kritische Auseinandersetzung mit den Charakteristika, Entwicklungen und Auswirkungen des Kreuzfahrttourismus. Dabei soll sich die Beurteilung an den Dimensionen der Nachhaltigkeit orientieren:

b) Kritische Sicht (ökonomische, soziale Bedingungen, ökologische Folgen): M3 u. M4 in diesem Artikel; M21 im Schülerbuch (taz-Artikel aus dem Jahr 2012, in dem Kreuzfahrtschiffe als „ökologische Monster“ bezeichnet werden).

c) Mehr Nachhaltigkeit (ökologische Dimension): M22 (Schülerbuch S. 43, Zusammenstellung von Maßnahmen auf einem „ökologischen“ Kreuzfahrtschiff anhand eines Kreuzfahrt-Blogs).

Für die zweite Erarbeitungsphase empfiehlt sich das Lernarrangement des kooperativen Lernens, wobei zunächst eine arbeitsteilige Bearbeitung des Materials (Einzelarbeit) und dann nach einem Austausch der gewonnenen Erkenntnisse eine Diskussion innerhalb der Gruppen stattfinden sowie eine gemeinsame Stellungnahme formuliert werden kann.

Die Arbeitsaufträge dienen als Leitlinie zur Erschließung der Materialien und strukturieren die übergeordnete Aufgabe aus der Einstiegsphase:

  1. Charakterisieren Sie den Kreuzfahrttourismus.
  2. Erörtern Sie Vor- und Nachteile von Kreuzfahrtschiffen aus verschiedenen Perspektiven.
  3. Beurteilen Sie das Konzept der Kreuzfahrtgesellschaft Costa Crociere.

Im Rahmen der Vertiefung rundet dann unter Rückgriff auf die Ergebnisse der Einstiegsphase (Reflexion der Arbeitsergebnisse) ein Fazit die Unterrichtseinheit ab. An dieser Stelle lässt sich auch verdeutlichen, dass die Quellen M21 und M22 (im Schülerbuch S. 43) jeweils einer bestimmten Blick- und Zielrichtung zuzuordnen sind. Unterstützend bzw. in die Unterrichtsphase einleitend kann die zweite Karikatur („Eine Kreuzfahrt, die ist lustig … Teil 2“) eingesetzt werden.

Das folgende zusammengestellte Material kann (binnen-)differenzierend in die Erarbeitungsphasen integriert werden.

Aus der beigefügten Übersicht „Mögliche Umsetzung der Unterrichtseinheit im Überblick“ (Abb. unten) kann ein entsprechendes Tafelbild zur Visualisierung und Zusammenfassung der Ergebnisse entwickelt werden.

Zusätzliche Materialien

Kreuzfahrt Zusatzmaterial M1

Kreuzfahrt Zusatzmaterial M2

Kreuzfahrt Zusatzmaterial M3

Kreuzfahrt Zusatzmaterial M4

.

Mögliche Umsetzung der Unterrichtseinheit im Überblick:

Abb. Umsetzung der Unterrichtseinheit im Überblick

Weitere Anregungen zur Umsetzung im Unterricht finden Sie nebenstehend als Download.



Quellenangaben:

und Literaturhinweise:

Denninger, Klaus: Vom Winde verweht. In: LUX Intelligente Energie vom 01.12.2012. (www.es-werde-lux.de/site/alltag/vom-winde-verweht-612/)

Haberlag, Bernd und Dietmar Wagener: Weltmeere als Zukunftsraum. Stuttgart 2013. S. 42-43.

Haberlag, Bernd und Dietmar Wagener: Weltmeere als Zukunftsraum. Lehrerband mit CD-ROM. Stuttgart 2013. S. 32.

Lighthouse Foundation: Nachhaltiger Tourismus und Kreuzfahrten. (www.lighthouse-foundation.org/index.php?id=113)

NABU: Mir stinkt's! Kampagne für eine saubere Kreuzschifffahrt. (www.nabu.de/aktionenundprojekte/kreuzfahrtschiffe/)

Robertson, Graeme: Cruise Tourism Report 2008 (www.lighthouse-foundation.org/index.php?id=251)

Rohr, Götz von: Weltweite Trends im Hochseekreuzfahrttourismus. In: Geographische Rundschau, Heft 5/2010. S. 36-42.

Suchanek, Norbert: Die dunklen Seiten des globalisierten Tourismus. Zu den ökologischen, ökonomischen und sozialen Risiken des internationalen Tourismus. In: Aus Politik und Zeitgeschichte B 47/2001. (www.bpb.de/apuz/25892/die-dunklen-seiten-des-globalisierten-tourismus?p=all)

Informationen über Preise, Schiffe und Entwicklung des Kreuzfahrttourismus:
www.kreuzfahrten.de
www.cruisemarketwatch.com/growth/

Bildnachweis: Fotolia (NAN)

Autor: Bernd Haberlag


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