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Wien – „shrinking city“ oder „aufstrebende internationale Metropole“?


Chancen zu einer grundlegenden, (über)fälligen Restrukturierung der städtischen Ökonomie durch Globalisierung und veränderte geopolitische Lage

„Reife Stadt der Überalterung mit abnehmender Dynamik“ – so stuft der von der „Weltkommission URBAN 21“ erstellte „Expertenbericht zur Zukunft der Städte“ die meisten Großstädte Europas ein. Kennzeichen dieses „Stadttyps“ seien stagnierende bis rückläufige Einwohnerzahlen, Überalterung, kleinere Haushaltsgrößen, niedriges Wirtschaftswachstum sowie zunehmende gesellschaftliche Polarisierung. Als konkretes Beispiel in Europa wird oft Österreichs Hauptstadt Wien genannt.
Trifft dies wirklich zu? Ist die Lebensfähigkeit der Stadt infolge der fortschreitenden Globalisierung wirklich bedroht? Werfen wir zur Klärung dieser Fragen zunächst einen Blick zurück in die Vergangenheit!

Wechselvoller Aufstieg zur Metropole eines Großreiches

Die Siedlungsanfänge Wiens, entstanden an einem Verkehrsknotenpunkt transkontinentaler Durchgangskorridore, gehen auf die römische Antike zurück. Im 1. Jh. n. Chr. kam es im heutigen Kern der Stadt zur Anlage eines Militärlagers namens Vindobona. Dessen Mauerverlauf spiegelt sich bis heute in einigen markanten Straßenzügen wider. Ab dem späten 5. Jh. kam es, wie im Weströmischen Reich allgemein, zu einem massiven Niedergang. So liegen bis zum 9. Jh. keine schriftlichen Nachrichten mehr über die Siedlung vor, wenn man auch mit dem Fortbestand einer „Restsiedlung“ rechnen darf. Der Aufstieg der Stadt im Mittelalter ist eng mit dem der Habsburger Monarchie verknüpft. Um 1150 verlegten die Markgrafen von Babenberg, die auch Herzöge von Bayern waren, ihre Residenz nach Wien. Schon bald wurde die Siedlung mit einer Stadtmauer umgeben, sichtbares Zeichen einer jeden mittelalterlichen Stadt. Bereits zu diesem Zeitpunkt galt Wien nach Köln als eine der bedeutendste Städte des Reichsgebietes.

Sie war von Anfang an eine „bipolare Stadt“, einerseits Residenzstadt mit Prunkbauten des landständischen Adels (heute Regierungsviertel), andererseits – deutlich getrennt davon – Bürgerstadt mit Marktfunktion (Kern: Hoher Markt). Zur vollen Entfaltung gelangte der Residenzcharakter zur Barockzeit, vor allem nachdem 1683 die zweite Türkenbelagerung abgewehrt war und die österreichisch-ungarische Monarchie den glanzvollen politischen Hintergrund  dafür bot. Aus der Endlage als „Bollwerk des Christentums gegen die Osmanen“ rückte Wien in den Mittelpunkt eines Großstaates. In dem Maße wie das Bürgertum seine politische Autonomie verlor, festigte sich Wiens Status als „Reichshaupt- und Residenzstadt“. Vor allem durch Zuwanderungen erfuhr die Stadt ein für die damalige Zeit ungeheures Wachstum: Zählte sie um 1500 etwa 20.000 und 1754 175.000 Ew., so lebten um die Mitte des 19. Jh.s hier bereits ca. 400.000 Menschen.
Die Gründerzeit (1840 – 1918) brachte Wien den Bahnbau, die Industrialisierung und den endgültigen Aufstieg zur Weltstadt. Mit jährlichen Wachstumsraten von ca. 3 % vergrößerte die Stadt ihre Einwohnerzahl auf 2,214 Mio. im Jahre 1914. Damit war Wien nach London und Paris die drittgrößte Stadt Europas, die siebtgrößte Stadt der Welt und nicht allein wegen seiner Einwohnerzahl, sondern mehr noch wegen seiner funktionalen Bedeutung eine Megastadt.

Heute ist Wien nicht mehr unter den 150 größten Städten der Erde zu finden.

Abstieg zur „Großstadt ohne Hinterland“


Bevölkerungsentwicklung Wiens von 1800 bis 2004 (in 1.000 Ew.)

Der Erste Weltkrieg und der Zusammenbruch der Monarchie 1918 trafen die Stadt zutiefst. Aus der Metropole eines Großreiches mit insgesamt 52 Mio. Ew. wurde über Nacht die Hauptstadt eines nur noch knapp 6,5 Mio. Ew. zählenden  Kleinstaates. Wien galt als „Wasserkopf“ der jungen Republik. Hintergrund dieser etwas sarkastischen Bezeichnung war das bevölkerungsmäßige Übergewicht der Hauptstadt und die damit verbundenen Belastungen für das Land.
Herausgerissen aus fast allen über Jahrhunderte gewachsenen wirtschaftlichen Beziehungen kämpfte Wien ums Überleben. Die bisherige Gesellschaftsordnung brach zusammen, Adel und Besitzbürgertum verarmten, das  Beamtenheer der ehemaligen Reichsbehörden und die Offiziere verloren ihre Existenz. Extrem hohe Arbeitslosigkeit (1934 ca. 50 % der Bevölkerung) und eine bedrohliche Wohnungsnot wurden zum Hauptproblem. Ein radikaler Geburtenrückgang, Zerstörungen und Verluste im Zweiten Weltkrieg, die Vertreibung der Juden (ca. 180.000) und die Abwanderung von „Fremdbürtigen“ (z. B. Tschechen, Ungarn, Serben und Slowaken) in den Nachkriegsjahren führten zu weiteren gravierenden Bevölkerungseinbußen. Dies alles vor dem Hintergrund einer immer schwieriger werdenden wirtschaftlichen Lage und einer dadurch verursachten zunehmenden politischen Radikalisierung („Rotes  Wien“). Besonders deutlich waren die Einbußen auf dem Finanz- und Handelssektor. Wien wurde zum Paradebeispiel einer „shrinking city“ – hinsichtlich seiner Bevölkerungsentwicklung und funktional.

Neue geopolitische Lage, neue Chancen

Mit dem Fall des „Eisernen Vorhangs“ und dem Beitritt Österreichs zur EU (1995) veränderten sich die geopolitischen Bedingungen für Wien tiefgreifend. Die durch die Lage an der „toten“ Grenze ehemals ungünstige Wirtschaftssituation, z. B. eingeschränkte Handelsbedingungen, kehrte sich ins Gegenteil. Mit dem EU-Beitritt der südosteuropäischen Transformationsländer (2004) rückte Österreichs Hauptstadt wieder ins Zentrum des europäischen Städtesystems. So wird die Stadt zentraler Standort eines großen, neu geschaffenen liberalen Binnenmarktes.

Diese Veränderung in Wiens geopolitischer Lage wird begleitet von einem deutlichen sektoralen Strukturwandel der städtischen Wirtschaft. Internationalisierung der Wirtschaft, die zunehmende Verflechtung von Kapital und Arbeit  sowie der Anstieg der Zahl der Beschäftigten im Tertiären Sektor, und hier vor allem in den unternehmensbezogenen Dienstleistungen und im IT-Bereich, sind die markantesten Trends. Die Bevölkerung wächst wieder – besonders durch Zuwanderungen aus dem Ausland. In Erinnerung an das gewaltige Wachstum in der zweiten Hälfte des 19. Jh.s spricht man von einer „Zweiten Gründerzeit“. Ihren sichtbaren Ausdruck findet die ökonomische Restrukturierung in der Errichtung einer „Neuen Stadt“ auf dem östlichen Donauufer, der so genannten „Donau City“.

Raumwirksamkeit der neuen Situation


Integration der Donau in die Stadtlandschaft Wiens

Bereits 1972 hatte man mit der Umgestaltung des Donauraums begonnen. Dabei wurde in dem breiten Uferstreifen am nördlichen Flussufer ein neues Flussbett gegraben und zugleich die „Donauinsel“ aufgeschüttet. Damit gelang  es die permanente Hochwassergefahr zu bannen. Gleichzeitig schuf man ein völlig neues Erholungs- und Siedlungsgebiet. Dessen Ausdehnung entspricht annähernd der gesamten Wiener Innenstadt. Untrennbar verbunden mit der Umgestaltung des Donauraums ist die Eröffnung der UNO-City auf der Donauinsel im Jahre 1979 und wenig später des Internationalen Konferenzzentrums, womit Wien neben New York und Genf zur dritten UNO-Stadt der Welt aufstieg.

Dieser „Sprung über die Donau“ bedeutet Wiens ersten Schritt zu einer „Waterfront Development“. Wiens räumliche Entwicklung war nämlich über Jahrhunderte stets nach Westen gerichtet – weg von der Donau. Vor diesem  Hintergrund wird mit der Errichtung der „Donau City“ die räumliche Integration der Donau in die Stadtlandschaft besonders augenscheinlich. Gleichzeitig sind die Projekte „UNO-City“ und „Donau City“ sichtbarer Ausdruck der  postmodernen Stadtentwicklung Wiens und Beleg für seinen Wiederaufstieg zu einer nicht nur überregionalen, sondern auch internationalen Metropole.

Hinweise für den Unterricht

Wiens Entwicklung ist unter dem Aspekt der „shrinking city“ so wieder Überwindung des Niedergangs ein signifikantes Unterrichtsbeispiel im Rahmen einer größeren stadtgeographischen Thematik.

Aufgrund der Komplexität der Vorgänge ist es sinnvoll, sich nach der Erarbeitung von Grundkenntnissen zur Genese der Stadt und ihren Problemen nach 1945 einem beispielhaften Teilprojekt zuzuwenden, wobei sich die „Donau City“ als ein Eckpfeiler der Entwicklung der Stadt nach Osten in besonderer Weise anbietet.

Die unterrichtliche Einbindung des Themas ist vielfältig. Es passt z.B. in unterschiedliche Themenfelder wie: Genese, Struktur und Zukunftssicherung städtischer Räume; Aspekte und Maßnahmen der Raumplanung; Entwicklungstendenzen im Tertiären Sektor; Metropolisierungsvorgänge.



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Christian Neuhaus schrieb am 16.01.2017

Hallo, besten Dank für den Hinweis. Die Lösung der Kopiervorlage ist jetzt hinterlegt.
Viele Grüße
Christian Neuhaus | TERRASSE Online

schrieb am 15.01.2017

Leider ist im Anhang die Kopiervorlage (s. Arbeitsblatt "Wien") doppelt als Download angegeben, stattdie Lösung des Arbeitsblattes als Download.Ich würde mich über eine Änderung freuen.Mit freundlichen Grüßen s.Müller-Isajiw