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Digitale Revolution im Geographieunterricht? Eine WebGIS-gestützte Unterrichtsreihe zu Stadtentwicklungsmodellen - Teil 2

Köln – eine typisch europäische Stadt? Eine virtuelle Exkursion zur physiognomischen Gliederung europäischer Städte


Screenshot Google Maps

Abhängig vom Kulturkreis ergeben sich unterschiedliche Stadtentwicklungs- und Verstädterungsprozesse. Das Modell der europäischen Stadt ist dabei ein möglicher kulturgenetischer Stadttyp. Gibt es aber die modellhafte europäische Stadt in der Wirklichkeit überhaupt und lassen sich die verschiedenen Merkmale auch heute noch in den europäischen Metropolen finden? Diese Fragen sollen am Beispiel der Stadt Köln mithilfe einer digitalen Stadtexkursion thematisiert werden.

Aufbau des europäischen Stadtmodells

Die physiognomische Betrachtungsweise ist eine Möglichkeit, den Aufbau von Städten zu strukturieren: Ausgangspunkt sind die sichtbaren Erscheinungsformen der Stadt. Bei der Identifizierung der Merkmale des europäischen Stadttyps wird die Nutzbarkeit von GoogleEarth und StreetView besonders deutlich. Neben den Grundrisselementen (z.B. Lage von Straßen und Plätzen oder bebauten und unbebauten Flächen) können auch die Aufrisselemente (z.B. Stellung der Häuser zur Straße, Alter und Höhe der Gebäude, Gestaltung der Fassaden oder Geschlossenheit der Bebauung) sehr gut identifiziert werden.

Die städtebaulichen Entwicklungsphasen der europäischen Stadt sind sehr vielseitig und reichen von der antiken Römerstadt über die mittelalterliche Stadt bis hin zur Stadt unter dem Einfluss der Industrialisierung. Des Weiteren sind die Residenzstädte oder die sozialistische Stadt zu nennen.
Die europäische Stadt im 20. Jahrhundert ist durch sehr unterschiedliche Merkmale und städtebauliche Leitideen geprägt. Diese reichen von der kompakten bis hin zur aufgelockerten Stadt (z.B. Gartenstadtidee) und können dabei Elemente der fußgängergerechten oder autogerechten Stadt enthalten. Insbesondere die europäische Stadt im 21. Jahrhundert weist keine allgemeingültigen Merkmale auf, sondern steht von Stadt zu Stadt unterschiedlich stark unter dem Einfluss der Globalisierung und trägt teilweise ausgeprägte Merkmale der nordamerikanischen Städte in sich. Somit sind Suburbanisierungsprozesse, Gentrification, Ghettobildung, Gated Communities, Urban Entertainment Center u.a. schon lange keine typisch nordamerikanischen Stadtmerkmale mehr.
Aus diesem Grund bietet sich ein Vergleich der europäischen und nordamerikanischen Stadt mit seinen Merkmalen in den folgenden Stunden an.

Möglicher Unterrichtsverlauf

Einstieg:

Der Einstieg in das Thema könnte über ein Bild oder eine aktuelle Karte von Köln erfolgen. Hierbei kann GoogleEarth bereits Anwendung finden. Um der vom Oberstufenunterricht geforderten Wissenschaftspropädeutik gerecht zu werden, können im Anschluss Hypothesen zu den typischen Merkmalen europäischer Städte gesammelt und gleichzeitig das Vorwissen erfragt werden.

Erarbeitung:

Die Erarbeitung kann mit der kooperativen Lernform Gruppenpuzzle erfolgen. Dabei entsendet jede Stammgruppe ein Gruppenmitglied in jede Expertengruppe zu den vier verschiedenen städtebaulichen Entwicklungsphasen (Antike Römerstadt, Mittelalterliche Stadt, Stadt während der Industrialisierung, Moderne Stadt). In den Expertengruppen werden die allgemeingültigen Merkmale der europäischen Stadt erarbeitet und dann auf ihre Anwendbarkeit für die Stadt Köln mithilfe von GoogleEarth und StreetView überprüft. Zur weiteren Informationsbeschaffung kann zusätzlich das Internet herangezogen werden. Bei Problemen mit der Spurensuche sollte die Lehrkraft Hinweise zu einzelnen Stadtteilen oder Bereichen geben.

In der anschließenden Arbeitsphase innerhalb der Stammgruppen werden die gesammelten Informationen zu den verschiedenen Städtebauphasen zunächst gegenseitig präsentiert. Des Weiteren sollen die Spuren, die auf das römische bzw. mittelalterliche Köln, das Köln der Industrialisierung und das moderne Köln des 20. Jahrhunderts hinweisen, gesammelt werden. Hierbei wird eine digitale Stadtexkursion durchgeführt und die Exkursionspunkte bzw. Merkmale der einzelnen städtebaulichen Entwicklungsphasen werden durch Screenshots von Kartenausschnitten und direkten Straßenansichten im StreetView-Modus in einer Präsentation zusammengetragen oder direkt als Ortsmarkierungen in GoogleEarth gespeichert. Gruppen, die bereits mit dem Umgang von GoogleEarth geübt sind, können binnendifferenzierend ihre Exkursion durch das digitale Köln als Tour in Form einer Filmsequenz aufzeichnen und mit erläuternden Toneinspielungen untermalen.

Nicht alle Spuren sind leicht zu finden. Daher ist eine gute Kommunikation innerhalb der Gruppe gefragt, bei Problemen können Hinweise vom „Experten“ der einzelnen Entwicklungsphasen erfragt werden.

Präsentation und Abschluss:

In einer anschließenden Plenumsphase können 1-2 Gruppen ihre Ergebnisse präsentieren, die anderen haben die Möglichkeit, mithilfe ihrer Präsentationen zu ergänzen oder gegebenenfalls Verbesserungen vorzunehmen. Abschließend werden die zur Überprüfung des Vorwissens aufgestellten Hypothesen wieder aufgegriffen, um diese zu verifizieren oder zu falsifizieren. Außerdem wird beurteilt, inwieweit Köln eine typisch europäische Stadt ist.

Mögliche Vertiefung:

Neben der Bearbeitung dieses Themas am Raumbeispiel Köln können weitere Beispielstädte herangezogen werden. Dann fallen auch Abweichungen oder Besonderheiten im Vergleich zur Stadt Köln auf. Die absolutistische (z.B. Karlsruhe) oder sozialistische Stadt (z.B. Jena) mit ihren physiognomischen Merkmalen könnten als weitere europäische Stadttypen besprochen werden. Daran unmittelbar anschließen könnte eine Modellkritik zum Modell der europäischen Stadt. Modelle sind meist stark abstrahierte Darstellungen der Wirklichkeit. Mithilfe der digitalen Stadtexkursion kann schließlich die Anwendbarkeit von Stadtmodellen überprüft werden. Beispielhaft bei Köln wäre hier der Fluss als physische Grenze der Stadtentwicklung zu nennen. Aber auch andere, nicht zwingend notwendige Merkmale könnten thematisiert werden.

Alternative Vorgehensweise zur dargestellten Stunde

Bei der hier beschriebenen Planung handelt es sich um eine deduktive Vorgehensweise. Die Erarbeitung der Inhalte könnte jedoch auch induktiv erfolgen. Hierbei werden die Merkmale des europäischen Stadtmodells nicht direkt erarbeitet, sondern erst durch die digitale Stadtexkursion erschlossen und anschließend auf das Modell übertragen.

Falls es nicht möglich ist, GoogleEarth auf den Schulrechnern zu installieren, kann ebenfalls ohne Probleme die Browseranwendung GoogleMaps genutzt werden. Mit dieser lassen sich nicht nur Stadtpläne anzeigen, sondern es besteht ebenfalls die Möglichkeit der Anzeige von Satellitenbildern sowie der Nutzung der StreetView-Funktion.


Im Kontext:
Infoblatt Die Gartenstadt
Infoblatt Die europäische Stadt
Digitale Revolution im Geographieunterricht? Eine WebGIS-gestützte Unterrichtsreihe zu Stadtentwicklungsmodellen - Teil 1



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