Suche im TERRASSE-Archiv:

Infoblatt Der Weg zur Deutschen Einheit

1989/90: ein politisches Jahr


Werbung zum Musical "Hinterm Horizont"
(Foto: Heinrich Lübbert)

Der Fall der Mauer ist im Bewusstsein der deutschen Bevölkerung mit einem besonderen Datum verknüpft: mit dem 9. November 1989. Für die Öffnung der Grenze hatten mutige Bürger monatelang gekämpft. Damit lag nicht nur die Diktatur in der DDR am Boden, sondern auch der Kalte Krieg zwischen Ost und West ging seinem Ende entgegen. Ein bewegtes Jahr bis zur Wiedervereinigung der beiden deutschen Staaten folgte.

Die Mauer öffnet sich

Der Fall der Mauer ist im Bewusstsein der deutschen Bevölkerung mit einem besonderen Datum verknüpft: mit dem 9. November 1989. Der Mann, der unmittelbarer Auslöser dieses Ereignisses war, ist Günter Schabowski,  Mitglied des Politbüros der SED, also des innersten Machtzentrums der ehemaligen DDR. Während einer Pressekonferenz in Ostberlin vor Journalisten aus aller Welt beantwortet Schabowski die Frage eines italienischen Reporters. Erich Honecker ist bereits abgesetzt, sein Nachfolger Egon Krenz hat eine Meldung vorbereitet, die Schabowski nun vorliest. Sie bezieht sich auf die Frage nach der Reisefreiheit der DDR-Bürger. Der Text lautet: „Privatreisen nach dem Ausland können ohne Vorliegen von Voraussetzungen, Reiseanlässen und Verwandtschaftsverhältnissen beantragt werden. Die Genehmigungen werden kurzfristig erteilt. Die zuständigen Abteilungen Pass- und Meldewesen der VPKÄ (Volkspolizeikreisämter)  in der DDR sind angewiesen, Visa zur ständigen Ausreise unverzüglich zu erteilen, ohne dass dabei noch geltende Voraussetzungen für eine ständige Ausreise vorliegen müssen.“ Die Nachfrage, ob diese Regelung auch für Westberlin gelte, bejaht Schabowski: „Das tritt nach meiner Kenntnis ... ist das sofort, unverzüglich.“ Da die Pressekonferenz als Direktübertragung des DDR-Fernsehens läuft, ist sie für die Öffentlichkeit in der DDR und der Bundesrepublik zeitgleich zu verfolgen. Die Nachricht von der Reisemöglichkeit nach Westberlin verbreitet sich sofort.

Die DDR-Nachrichtenagentur ADN veröffentlicht den von Schabowski verlesenen Text um 19:04 Uhr, die Aktuelle Kamera (DDR-Fernsehen) verliest sie um 19:30, um 20:00 Uhr wird sie in der Tagesschau bekannt gegeben. Eine halbe Stunde später versammeln sich die ersten DDR-Bürger an den Grenzübergangsstellen in Ostberlin und wollen nach Westberlin. Allerdings gilt noch immer eine Visumpflicht. Um ein Visum zu erhalten, müssten die Bürger der DDR zuerst einen Antrag stellen. Doch die Menschen werden ungeduldig, die Menge schwillt an, Sprechchöre fordern die Öffnung der Grenze, die Lage spitzt sich zu.

Gegen 22:30 Uhr öffnet der diensthabende Offizier der Übergangsstelle Bornholmer Straße den Schlagbaum, gegen Mitternacht sind alle Übergangsstellen geöffnet und Zehntausende von DDR-Bürgern strömen nach Westberlin – die Mauer ist faktisch gefallen, das Ende der Teilung Deutschlands hat begonnen.

Was nicht im Bewusstsein verankert ist, sind die Ereignisse in anderen osteuropäischen Staaten vor der friedlichen Revolution in der DDR. Länder wie Polen, die Tschechoslowakei und Ungarn öffneten der DDR ein Tor. Sie wehrten sich schon früher gegen die Herrschaft der kommunistischen Parteien und die Unterwerfung durch die Sowjetunion. Aber auch die Entwicklungen innerhalb der Sowjetunion waren maßgeblich dafür verantwortlich, dass sich das Rad der Geschichte in Richtung Wiedervereinigung drehen konnte. Und: Eine Wiedervereinigung wäre am Ende nicht ohne die Zustimmung der vier Siegermächte des Zweiten Weltkrieges möglich geworden. Der Zwei-plus-Vier-Vertrag ent­ließ beide deutschen Staaten aus ihrer Abhängigkeit und begrenzten Souveränität in die völlige Eigenständigkeit und damit in die Einheit.

Chronik: der Weg zur Einheit

06. Februar 1989 Runder Tisch in Polen; Kommunistische Partei verhandelt mit der Opposition

April 1989 Die Kommunistische Partei Polen gibt ihren Alleinvertretungsanspruch auf.

07. Mai 1989 Kommunalwahl in der DDR / Nachweis von massiven Wahlfälschungen (Nationale Front: 98,85 %) durch Bürgerrechtler; Proteste in der Bevölkerung

27. Juni 1989 Ungarn öffnet seine Grenze zu Österreich; viele DDR-Bürger flüchten

23. August 1989 Zwei Millionen Menschen in den baltischen Staaten demonstrieren gegen die sowjetische Herrschaft und für nationale Unabhängigkeit.

ab 04. September 1989 Montagsdemonstrationen in Leipzig

09./10. September 1989 Gründung des Neuen Forums (erste DDR-Oppositionsbewegung)

30. September 1989 Ausreisegenehmigung für 6 000 DDR-Bürger
(aus Botschaften der Bundesrepublik in Osteuropa)

07. Oktober 1989 Gründung der SDP (Sozialdemokratische Partei) als Oppositionspartei in der DDR

09. Oktober 1989 Großdemonstration in Leipzig

04. November 1989 Großdemonstration in Ostberlin (500 000 Teilnehmer); Forderung nach dem Ende der DDR

09. November 1989 Öffnung der Mauer / Reisefreiheit

17. November 1989 Massendemonstration in Prag (Tschechoslowakei)

24. November 1989 Rücktritt der kommunistischen Regierung in Prag

28. November 1989 Zehn-Punkte-Programm (Kanzler Kohl) zur Wiederherstellung der deutschen Einheit

16. Dezember 1989 blutige Revolution in Rumänien (über 1 000 Tote), später Erschießung des kommunistischen Diktators Ceausescu

18. März 1990 erste freie Wahlen in der DDR

23. August 1990 Beschluss der DDR-Volkskammer zum Beitritt der DDR in die Bundesrepublik Deutschland (mit Wirkung vom 03.10.1990)

12. September 1990 Zwei-plus-Vier-Vertrag: Alliierte, Bundesrepublik und DDR unterzeichnen den Vertrag

02. Oktober 1990 gesamtdeutsche Wahl zum Deutschen Bundestag

03. Oktober 1990 Vollendung der Deutschen Einheit, offizieller Beitritt der DDR zur BRD

Der Zwei-plus-Vier-Vertrag

Am 12. September 1990 schlossen die beiden deutschen Staaten mit den vier Siegermächten des Zweiten Weltkrieges (USA, UdSSR, Frankreich, Großbritannien) den Zwei-plus-Vier-Vertrag. Er sollte die endgültige innere und äußere Souveränität des vereinten Deutschlands herstellen. Im Einzelnen wurden festgelegt:

1. die endgültigen Grenzen in Mitteleuropa und damit
2. das Staatsgebiet Deutschlands,
3. die Truppenstärke der deutschen Streitkräfte (370000 Mann),
4. Deutschland bekräftigt sein Bekenntnis zum Frieden und verzichtet auf Angriffswaffen,
5. der Abzug sowjetischer Truppen aus Ostdeutschland bis 1994.

Das Zehn-Punkte-Programm

Das Zehn-Punkte-Programm des damaligen Bundeskanzlers Helmut Kohl listet Regelungen für eine Vereinigung Deutschlands und Europas auf. (Rede vor dem Deutschen Bundestag am 28. November 1989)

Punkt 1 Sofortmaßnahmen humanitärer Art / Möglichkeit der freien Ein- und Ausreise für DDR-Bürger
Punkt 2 Umfassende Wirtschaftshilfe der BRD für die DDR
Punkt 3 Ausbau der Zusammenarbeit beider Staaten mit dem Ziel der Schaffung demokratischer Strukturen in der DDR
Punkt 4 Vertragsgemeinschaft als Vorläufer der politischen Vereinigung
Punkt 5 Schaffung bundesstaatlicher Strukturen
Punkt 6 Einbettung des deutschen Einheitsprozesses in die gesamteuropäische Entwicklung
Punkt 7 EG-Beitritt reformorientierter Ostblockstaaten
Punkt 8 Forcierung des KSZE-Prozesses (Konferenz über Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa, 1975); Verwirklichung der vereinbarten Grundsätze (z.B. staatliche Souveränität, Menschenrechte) in ganz Europa
Punkt 9 Abrüstung und Rüstungskontrolle
Punkt 10 Deutsche Einheit



Zurück zur Terrasse