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Gewerkschaften in Deutschland


Arbeitskampf der IG Metall
(Picture Alliance, Holger Hollemann)

Gewerkschaften begleiten uns seit anderthalb Jahrhunderten, sie haben unsere Gesellschaft maßgeblich mitgestaltet. Doch seit einiger Zeit schwinden ihnen die Mitglieder und die Gewerkschaften stehen vor völlig neuen Herausforderungen.

Ziele der Gewerkschaften

Bei einer Gewerkschaft, so die deutsche Rechtsprechung, handelt es sich um eine privatrechtliche Vereinigung von Personen, die bestimmte Ziele verfolgt: Sie muss die wirtschaftlichen Interessen der Mitglieder wahrnehmen und unabhängig sein von äußerer Einflussnahme. Sie muss überbetrieblich organisiert sein und das geltende Tarifrecht anerkennen. Zudem muss sie in der Lage sein, sich in ihrer Rolle als Tarifpartei wirksam in Tarifverhandlungen einzubringen.

Gewerkschaften verfolgen in erster Linie tarifliche Ziele, notfalls mit Arbeitskampfmaßnahmen. Auf Betriebsebene haben sie das Recht, Betriebsratswahlen durchzusetzen. Eine weitere Aufgabe bzw. ein zusätzliches Recht ist die Benennung von Schöffen für die Arbeitsgerichte.

Hervorgegangen aus der europäischen Arbeiterbewegung des 19. Jahrhunderts, setzen sich Gewerkschaften besonders für höhere Löhne der Beschäftigten ein, um zumindest die Kaufkraft zu erhalten, möglichst aber zu steigern. Lange Zeit waren die Verkürzung der Arbeitszeit, die Verbesserung der Arbeitsbedingungen sowie die Mitbestimmung durch die Arbeitnehmer zentrale Anliegen der Gewerkschaften. Diese Ziele wurden bzw. werden in erster Linie in Verhandlungen mit der Arbeitgeberseite in den Tarifverhandlungen verfolgt und in Tarifverträgen festgehalten.

Neben die Tarifverhandlungen treten die Bemühungen, die Gesetzgebung im Sinne der Arbeitnehmerschaft zu beeinflussen: Arbeitsbedingungen sollen weiter verbessert und vor negativen Auswirkungen der Globalisierung geschützt werden, die Verteilung des gesellschaftlichen Wohlstandes gerechter ausfallen. 

Gewerkschaften sind daran interessiert, dass ihre Mitglieder in Unternehmen arbeiten, die florieren und in der Lage sind, entsprechende Löhne zu zahlen und gute Arbeitsbedingungen zu  schaffen. Während einige Arbeiterparteien des 19. Jahrhunderts Marktwirtschaft und Unternehmertum radikal infrage stellten, streben die heutigen Gewerkschaften, besonders innerhalb der sozialen Marktwirtschaft, eine möglichst gerechte Verteilung der Gewinne und des Volksvermögens an. Dabei sind sie, wie auch die Unternehmerseite, durchaus an Investitionen und Rücklagen (finanziert aus erwirtschafteten Gewinnen)  interessiert, um so langfristig ausreichende Einkommen zu sichern.

Gewerkschaften verstehen sich also als Verhandlungspartner der Arbeitgeberseite, die sehr wohl betriebs- und volkswirtschaftliche Rahmenbedingungen akzeptieren. Innerhalb dieses Rahmens sind sie aber bereit, die Interessen ihrer Mitglieder auch durch Kampfmaßnahmen zu vertreten und eine in ihrer Einschätzung ungerechte Verteilung zu verhindern.

Vielfalt der Gewerkschaften in Deutschland

Die deutsche Gewerkschaftbewegung kennzeichnet sich durch eine Fülle unterschiedlicher Gewerkschaften. Sie finden sich unter unterschiedlichen Dachorganisationen oder sind unabhängig.

Der Deutsche Gewerkschaftsbund (DGB) ist die größte Dachorganisation. Zu ihm gehören:

  • IG Metall (IGM)
  • Vereinte Dienstleistungsgewerkschaft (ver.di)
  • IG Bergbau, Chemie, Energie (IG BCE)
  • IG Bauen-Agrar-Umwelt (IG BAU)
  • Gewerkschaft Nahrung-Genuss-Gaststätten (NGG)
  • Eisenbahn- und Verkehrsgewerkschaft (EVG)
  • Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW)
  • Gewerkschaft der Polizei (GdP)

Auffällig ist der Mitgliederschwund des DGB bzw. seiner Mitgliedsgewerkschaften. 1991 lag die Zahl der Mitglieder noch bei über elf Millionen, 2010 waren es 6,19 Millionen, von denen etwa zwei Drittel beruflich aktiv waren. 2015 war die Mitgliederzahl wiederum gesunken – auf 6,09 Millionen. Dennoch ist der DGB mit großem Abstand der größte Gewerkschaftsverband.

Neben dem DGB spielt der Deutsche Beamtenbund (DBB) mit 1,26 Mio. Mitgliedern eine wichtige Rolle. Allerdings konkurrieren die Mitgliedsgewerkschaften des DBB mit den DGB-Gewerkschaften ver.di, GEW und GdP.

Der Christliche Gewerkschaftsbund (CGB) hat nach eigenen Angaben ca. 280.000 Mitglieder in einer Reihe von Einzelgewerkschaften, die ähnliche Bereiche abdecken wie die des DGB. Allerdings sind nicht alle dieser Vereinigungen tariffähig. Die Angaben zu den Mitgliederzahlen sind zudem nicht nachprüfbar.

Daneben bestehen kleinere Gewerkschaften z. B. in den Bereichen Gesundheit (Marburger Bund), Luftverkehr (Vereinigung Cockpit, VC; Unabhängige Flugbegleiter Organisation, UFO), Bahn (Eisenbahn- und Verkehrsgewerkschaft; EVG / Gewerkschaft der Lokführer; GDL) und im höheren Angestelltenbereich der chemischen Industrie (Verband angestellter Akademiker und leitender Angestellter der chemischen Industrie, VAA).
Sie spielen bei den Tarifkonflikten eine zunehmende Rolle, obwohl ihre Mitgliederzahlen gering sind. Da es sich jedoch um Spartengewerkschaften handelt, besetzen sie in Unternehmen bzw. bestimmten Branchen Schlüsselpositionen. Arbeitskampfmaßnahmen dieser Organisationen wirken sich schnell und drastisch aus. Damit haben diese kleinen Gewerkschaften eine überproportionale Machtstellung im Tarifpoker. Sie durchbrechen zudem zunehmend das Gewerkschaftsmodell, das jahrzehntelang für eine Wirtschaftsentwicklung gesorgt hat, die durch vergleichsweise wenige Streiks beeinträchtigt wurde – ein Merkmal der deutschen Konsenswirtschaft. Das Prinzip der Einheitsgewerkschaft – Gegenmodell zum britischen System der Berufsgewerkschaften – wird auf diese Weise durch die Zunahme kleiner Berufs- bzw. Spartengewerkschaften auch in Deutschland geschwächt. Besonders bei Tarifkonflikten zwischen einem Arbeitgeberverband und konkurrierenden Arbeitnehmervertretungen – etwa im Falle der Deutschen Bahn – sind die Verhältnisse deutlich komplizierter geworden.

Trotz aller Veränderungen bleiben zwei Gewerkschaften in Deutschland unbestritten die Platzhirsche: Die IGM (Industriegewerkschaft Metall) und ver.di (Vereinigte Dienstleistungsgewerkschaft). Beide gehören dem DGB an.

Die IG Metall (Industriegewerkschaft Metall, IGM) vertritt 2,27 Millionen Mitglieder. Sie ist damit die größte Einzelgewerkschaft Deutschlands und größte organisierte Arbeitnehmervertretung der Welt. Allerdings sind etwa ein halbe Million Mitglieder bereits in Rente. Die Mitglieder der IGM arbeiten vor allem in der Metall- und Elektroindustrie, den wichtigsten Branchen. Da über die Hälfte aller deutschen Exporte aus diesen beiden Bereichen stammen, trug und trägt die IGM eine hohe Verantwortung für die bisherige (sehr erfolgreiche) und weitere Entwicklung.
Doch auch die deutsche Sozialverfassung ist besonders von der IGM geprägt worden: So wurde die Lohnfortzahlung im Krankheitsfall 1956 durch einen 114 Tage langen Streik in Schleswig-Holstein erzwungen. Die verschiedenen, aus dem Streik resultierenden Regelungen wurden 1994 endgültig im Entgeltfortsetzungsgesetz (EFZG) geregelt. Auch die Durchsetzung der 40- bzw. 35-Stunden-Woche in den 1960er- bzw. 1980er-Jahren und der sechswöchige Jahresurlaub (1978/79) wurden in z. T. harten Arbeitskämpfen erreicht.
Der Einfluss der IGM erstreckt sich jedoch noch weiter: Viele Führungskräfte sind – neben ihrer Gewerkschaftsarbeit - in Aufsichtsräten großer Konzerne aktiv. Die IG Metall ist in sieben Bezirke organisiert: Küste, Baden-Württemberg, Bayern, Berlin-Brandenburg-Sachsen, Mitte (früher: Frankfurt), Niedersachsen-Sachsen-Anhalt sowie Nordrhein-Westfalen.
Zusätzlich ist die IG Metall im Bildungsbereich tätig: Bildungsstätten, etwa in Lohr-Bad Orb und Berlin, vermitteln Weiterbildung in den Bereichen Arbeit, Bildung, Gleichstellung und Integration, Mitbestimmung, Politik und Gesellschaft, Rente und Soziales und Wirtschaft.

Die Vereinte Dienstleistungsgewerkschaft (ver.di) mit ca. zwei Millionen Mitgliedern entstand 2001 durch Zusammenschluss von fünf Einzelgewerkschaften: Deutsche Angestellten-Gewerkschaft (DAG), Deutsche Postgewerkschaft (DPG), Gewerkschaft Handel, Banken und Versicherungen (HBV), IG Medien – Druck und Papier, Publizistik und Kunst (IG Medien), Gewerkschaft Öffentliche Dienste, Transport und Verkehr (ÖTV). Verdi ist Mitglied im Deutschen Gewerkschaftsbund (DGB).
ver.di ist in zehn Landesbezirke und 13 Fachbereiche untergliedert. Da ver.di vor allem mit staatlichen Arbeitgebern (Kommunen, Ländern und Bund) zu tun hat, sind aufgrund der hohen Verschuldung der öffentlichen Hände den Spielräumen enge Grenzen gesetzt. Bekannt ist diesem Zusammenhang die harte Verhandlungshaltung des Vorsitzenden Frank Bsirske.
Hinzu  kommt, dass der Organisationsgrad bei den vertretenen Beschäftigtengruppen oft sehr gering ist, sowohl im öffentlichen Dienst als auch bei den Beschäftigten im IT-Sektor oder im Teilzeit- und Niedriglohnbereich. Während bei der Gründung der Gewerkschaft noch 400.000 Mitglieder den Berufsgruppen Meister, Techniker und Ingenieure angehörten, ist deren Anteil auf 17.500 (2014) geschrumpft – ein Minus von über 90 Prozent.
ver.di organisiert neben der Gewerkschaftsarbeit über ihr „Referat Selbständige“ rund 30.000 der etwa eine Million Selbstständige, meist Freiberufler. Über das Beratungsnetzwerk Mediafon bietet ver.di den 2,3 Millionen Einzelunternehmern ohne Angestellte Beratungen an. Die Beratungen werden telefonisch oder per E-Mail abgewickelt. Bei Rechts- und Steuerfragen werden nur ver.di-Mitglieder beraten.

Die Zukunft der Gewerkschaften in Deutschland

Waren die Gewerkschaften in Deutschland – in Zusammenarbeit mit der Arbeitgeberseite – in der Vergangenheit Garanten wirtschaftlicher Stabilität und des Fortschritts, so wird ihre Arbeit in Zukunft deutlich anders aussehen. Die Rahmenbedingungen haben sich in den vergangenen wenigen Jahrzehnten grundlegend verändert:  Globalisierung, Europäisierung, Tertiärisierung (Entwicklung in Richtung Dienstleistungsgesellschaft), Digitalisierung der Arbeitswelt, Pluralisierung von Lebensstilen, eine neue Vielfalt von Beschäftigungsformen, die Zunahme der Erwerbstätigkeit von Frauen und die Alterung der Gesellschaft stellen alle Beteiligten vor völlig neue Herausforderungen. Die Rezepte der Vergangenheit werden nicht mehr reichen.

Zudem laufen den Gewerkschaften (nicht nur in Deutschland) die Mitglieder davon, die Gewerkschaftsbewegung zersplittert immer stärker. Die großen, traditionellen Gewerkschaften repräsentieren immer weniger die Arbeitnehmerseite, kleine und streikbereite Gewerkschaften brechen zunehmend den Arbeitsfrieden. Dahinter steht die Entwicklung zur Individualisierung der Arbeit in einer gleichzeitig immer globaleren Weltwirtschaft. Um in dieser Situation ihren Aufgaben gerecht zu werden, müssen die Gewerkschaften künftig andere Wege gehen.

Dazu gehört die wachsende Verantwortung für den Erhalt der nationalen bzw. europäischen Volkswirtschaften gegenüber aufstrebenden Ländern wie China und Indien mit gänzlich anderen Auffassungen von Sozialstandards und Entlohnung. Der deutsche bzw. europäische Arbeitsmarkt wird sich der globalen Entwicklung in den Bereichen Tarif-, Arbeitsmarkt- und Sozialpolitik nicht entziehen können. Wollen die Gewerkschaften nicht als Sündenböcke für die Ausbremsung von Reformen herhalten, werden sie manche traditionellen Vorstellungen  über Bord werfen müssen. Zudem werden sie international stärker zusammenarbeiten müssen, um nicht gegeneinander ausgespielt zu werden.



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