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Die EZB und ihre Geldpolitik












M1 Sitz der EZB in Frankfurt/Main (fotolia, kuegi)

Die Geldpolitik der Europäischen Zentralbank (EZB) umfasst alle Maßnahmen, die sie ergreift, um Preisstabilität im Euroraum zu gewährleisten. Eine wichtige Voraussetzung dafür ist die Autonomie der EZB von den Regierungen der Eurozone.

Die EZB betreibt ihre Geldpolitik unabhängig von anderen Bereichen der Wirtschafts- und Finanzpolitik. Ihr primäres Ziel ist es, für Preisniveaustabilität zu sorgen, indem sie große Schwankungen beim Geldwert versucht, zu vermeiden. Ihr zweites Ziel ist eine ausgeglichene Konjunktur, indem sie versucht, eine Rezession zu vermeiden.

Die EZB verfügt über Instrumente und Kompetenzen, die sie für die Durchführung ihrer Geldpolitik benötigt, und setzt diese auch selbstständig ein. Sie trägt somit alleine die Verantwortung für die Geldwertstabilität und darf deshalb keine finanziellen Beziehungen zu öffentlichen nationalen Einrichtungen haben. Wäre sie in ihrer Geldpolitik nicht un­abhängig, könnte sie für andere wirtschaftspolitische Ziele benutzt werden.

Obwohl die Hauptaufgabe der EZB die Gewährleistung von Preisstabilität ist, kann sie die Preise nicht direkt kontrollieren. Sie versucht, Preisstabilität zu erreichen, indem sie eine angemessene geldpolitische Strategie verfolgt. Dafür stehen ihr folgende Instrumente zur Verfügung:

  • Offenmarktgeschäfte
  • Ständige Fazilitäten
  • Devisenmarktinterventionen
  • Mindestreserve

Die Instrumente der EZB

1. Offenmarktgeschäfte
Durch die Offenmarktgeschäfte versorgt die EZB die Geschäftsbanken mit Liquidität. Das heißt, sie sorgt dafür, dass die Geschäftsbanken ausreichenden mit Geld ausgestattet sind. Dafür kauft und verkauft sie Wertpapiere von den Geschäftsbanken: Verkauft eine Geschäfts¬bank Wertpapiere an die EZB, so erhält sie dafür Zentralbankgeld gutgeschrieben. Verkauft die EZB umgekehrt Wertpapiere an Geschäftsbanken, so reduziert dies deren Kontoguthaben. Damit reduziert sich zwar der Geldbestand der Bank, dafür hat sie dann aber eine verzinsliche Anlage und erzielt Zinserträge.

2. Ständige Fazilitäten
Ständige Fazilitäten (lateinisch: Leichtigkeit) dienen dazu, dauerhaft und in unbegrenztem Volumen Übernachtliquidität bereitzustellen. Das bedeutet, innerhalb festgelegter Grenzen können kurzfristig Kredite von der EZB in Anspruch genommen oder Guthaben angelegt werden. Ständige Fazilitäten dienen also dazu, kurzfristig Liquidität bereitzustellen oder zu absorbieren. Sie haben darüber hinaus auch eine Signalfunktion bezüglich der Geldpolitik der EZB: Sie kann erkennen, wie die Banken untereinander Geld „austauschen“, das heißt Kredite nehmen oder Geld für Kredite zur Verfügung stellen. Nur wenn die Banken Kredite vergeben, können auch Investitionen getätigt werden, was wiederum die Konjunktur fördert.

3. Devisenmarktinterventionen
Bei Devisenmarktinterventionen kauft und verkauft die EZB Devisen (ausländische Zahlungsmittel), um den Wechselkurs des Euro zu anderen Währungen zu beeinflussen. Verkauft die EBZ beispielsweise einen Teil ihrer US-Dollar-Reserven, so erhöht sie das Angebot von US-Dollar und verringert gleichzeitig das Angebot des Euros. Das führt zu einer Aufwertung des Euros gegenüber allen anderen Währungen. Häufig finden solche Interventionen unter Absprache mit anderen Zentralbanken statt. Diese Wechselkursänderungen haben u.a. Einfluss auf die Inflationsentwicklung. Eine Abwertung des Euros führt zum Gegenteil, die Inflationsrate des Euros steigt.
 
4. Mindestreserve
Mindestreserven sind Pflichtguthaben, die Banken bei der EZB haben müssen. Die Berechnung der Mindestreserve erfolgt auf dem Konto bei der EZB. Anders als bei den anderen Maßnahmen der EZB können sich die Banken der Verpflichtung zur Unterhaltung von Mindestreserven nicht entziehen. Die EZB steuert ihre Mindestreservepolitik, indem sie den Mindestreservesatz erhöht oder senkt. Dabei verringert eine Erhöhung der Mindestreserven die Geldmenge, eine Senkung der Mindestreserve erhöht die Geldmenge. Da Veränderungen der Geldmenge zu Veränderungen des Zins- und Preisniveaus führen können, beeinflusst die EZB mit ihrer Mindestreservepolitik mittelbar auch das Preisniveau und somit die Preisniveaustabilität des Euros. Die Zentralbankgeldmenge wiederum ist Teil des Geldmarktes, sodass sich die Mindestreservepolitik auch auf den Geldmarkt auswirkt. Hier vermindert die Erhöhung der Mindestreserve das Geldangebot und umgekehrt.

Vereinfachtes Beispiel für Geldwertschöpfung mit Mindestreservepflicht
Ausgangssituation:
Es gibt nur zwei Banken: Bank 1 und Bank 2
Entsprechend der EZB-Vorgaben müssen die beiden Banken immer einen Mindestreservesatz von zehn Prozent halten.

Insgesamt fünf Zahlungsvorgänge sind gegeben:

  1. Einzahlung von 100 € auf Konto A bei Bank 1
  2. Kredit der Bank 1 an Kunde B in Höhe der maximalen Kreditgewährung von 90 € (= 100 - 10 % Mindestreserve), Überweisung von Kunde B an Konto C bei der Bank 2
  3. Gutschrift der Überweisung auf das Konto C bei Bank 2
  4. Kredit der Bank 2 an Kunde D in Höhe der maximalen Kreditgewährung, ihrer gesamten freien Liquidität von 81 € (= 90 - 10 % Mindestreserve), Überweisung auf Konto B bei der Bank 1
  5. Gutschrift der Überweisung auf Konto B bei der Bank 1, freie Liquidität der Bank 1 = 72,90 €*
    (= 81 - 10 %)

*(Die 10 € Mindestreserve der Bank 1aus Vorgang 2 sind dem Zahlungsverkehr entzogen, weil sie bei der EZB hinterlegt sind. Genauso (d.h. durch Erhöhung oder Senkung des Mindestreservesatzes) kann die EZB gezielt die Geldmenge steuern, d.h. erhöhen oder senken.)


M2

Die Gesamtgeldmenge Mn nach n Perioden (Zahlungsvorgängen) beträgt dann:
Mn  =  100  +  90  +  81  +  72,90  +  …
Mn  =  100  +  100  x  0,9  +  100  x  0,92  +  100  x  0,93  ....100  x  0,9n
lim (n -> ∞)  =  Mn   =  Eo  :  1/R

1/R = 1/0,1 = 10 =  Geldschöpfungsmultiplikator
daraus folgt:
100 x 10 = 1.000 =  Gesamtgeldmenge nach n Vorgängen
1.000 - 100 = 900 = maximale Geldschöpfung
Der Geldschöpfungsmultiplikator 1/R = 1/0,1 = 10 gibt den Faktor an, mit dem die ursprüngliche Geldmenge 100 € maximal multipliziert werden kann.

Die Geldmenge

Unter der Geldmenge versteht man den gesamten Geldbestand einer Volkswirtschaft, der sich in den Händen der Nichtbanken befindet. Die Geldmenge kann durch Geldschöpfung erhöht und durch Geldvernichtung gesenkt werden. Die Geldmenge der EZB wird in vier Gruppen (M0 bis M3) eingeteilt:

  • M0: Das sind Banknoten und Münzen, die sich im Umlauf (außerhalb des Bankensystems) befinden, sowie das Zentralbankgeld der Banken.
  • M1: Das ist der Bargeldumlauf plus die Sichteinlagen der Nichtbanken (also Geld auf dem Girokonto, Sparbuch etc., das „sichtbar“ ist, also sofort abgehoben werden kann).
  • M2: Das ist M1 plus die Einlagen mit vereinbarter Laufzeit bis zu zwei Jahren und Einlagen mit gesetzlicher Kündigungsfrist bis zu drei Monaten.
  • M3: Das ist M2 plus die Anteile an Geldmarktfonds, Geldmarktpapieren und Bankschuldverschreibungen mit einer Laufzeit bis zu zwei Jahren.

Warum sind zurzeit die Zinsen so niedrig?

Die Zinsen sind in den letzten (etwa 30) Jahren kontinuierlich gesunken und zurzeit aus finanzpolitischen Gründen extrem niedrig. Niedrige Zinsen sollen die Wirtschaft ankurbeln und die Schuldenkrise in Europa entschärfen. Um wieder für mehr Wirtschaftswachstum sorgen zu können, musste die Kreditklemme beseitigt werden. Deshalb sanken die Zinsen weiter. Durch billige Kredite sollen die Verbraucher mehr konsumieren und die Unternehmen mehr investieren. Weltweit setzen die Zentralbanken und die Politik daher aktuell auf eine Niedrigzinspolitik.
Für den Sparer bedeutet dies, dass er kaum oder gar keine Zinsen mehr für seine Bankguthaben bekommt. Umgekehrt bezahlen Kreditsuchende aktuell deutlich weniger Zinsen als in der Vergangenheit.
Durch die niedrigen Guthaben- und Kreditzinsen soll also die Wirtschaft angekurbelt werden. Allerdings könnten eine steigende Inflation und eine Blasenbildung inklusive eines Crashs (ähnlich wie bei der Dotcom-Blase um die Jahrtausendwende) die Folgen sein.
Ein Anzeichen dafür war die Entwicklung auf dem Immobiliensektor in den USA. Bedingt durch Zinssenkungen kam dieser Wirtschaftssektor ins Boomen. Viele Amerikaner machten Schulden, um sich Häuser kaufen bzw. bauen zu können. Dabei begannen die Banken, Kredite auch an Leute zu ver¬geben, bei denen klar war, dass sie nicht mal die Zinsen des Kredites geschweige denn den Kredit selbst je würden zurückbezahlen können. Dahinter stand die falsche Annahme bzw. Hoffnung: Wenn die Kreditnehmer ihre Kredite erwartungsgemäß nicht zurückzahlen könnten, würde die Bank das Haus bekommen und aufgrund der gestiegenen Immobilienpreise immer noch einen Gewinn mit dem Kreditgeschäft machen. Dadurch entstand eine Spekulationsblase mit der Folge, dass immer mehr Kreditnehmer ihre Schulden nicht mehr zurückbezahlen konnten. Eine Folge des Platzens der Blase war die Insolvenz der US-Investmentbank Lehman Brothers im Jahr 2008. Weltweit wurden die Banken nervös und gaben sich untereinander keine Kredite mehr, so entstand die Kreditklemme.

Welche Folgen haben die niedrigen Zinsen?

Niedrige Zinsen können sowohl Vorteile als auch Nachteile mit sich bringen.

  • Vorteile:
    Für Schuldner gibt es im Moment kaum bessere Gelegenheiten, Kredite aufzunehmen. Noch nie war es so günstig, sich zu verschulden. Diese lockere Geldpolitik der EZB macht die Kreditaufnahme sehr leicht.
    Für Unternehmen gilt das Gleiche: Auch sie haben aufgrund der momentanen sehr niedrigen Zinsen bei Investition durch Fremdkapital deutlich niedrigere Zinsbelastungen als früher. Ob die Unternehmen aber tatsächlich Kredite auf¬nehmen und investieren, bleibt deren Entscheidung. Oder wie der ehe¬malige Wirtschaftsminister Karl Schiller mal treffend formuliert hat: „Man kann die Pferde zur Tränke führen, zum Saufen zwingen kann man sie nicht.“
  • Nachteile:
    Zurzeit bekommt der Sparer sehr wenig Zinsen oder gar keine Zinsen mehr. Auch ver-meintlich sichere Anleihen, die sich in der Vergangenheit immer rentierten, werfen aktuell nur einen geringen Zins ab, der teilweise unter der Inflationsrate liegt. Dieser Umstand führt dazu, dass das Vermögen der Sparer real an Wert verliert, anstatt sich durch Zinsen (und Zinseszinsen) zu vermehren.



Exkurs: Sparen ohne Zinseszins
Der Zinseszins ist ein faszinierendes Phänomen: Wenn man früher Geld gespart hat und es zur Bank brachte, so bekam man dafür Zinsen. Da das Ersparte dadurch mehr wurde, erhielt man im nächsten Jahr auch Zinsen auf die Zinsen. Und dann auch Zinsen auf die Zinsen der Zinsen, und so weiter. Der Anstieg der Ersparnisse bekam auf diese Weise mit der Zeit eine enorme Entfaltung. Albert Einstein, der berühmte Nobelpreisträger, nannte den Zinseszins einmal „die stärkste Kraft im Universum“, das „achte Weltwunder“ und „die größte Erfindung des menschlichen Geistes“.
Umso ungewöhnlicher ist es, dass es immer mehr Banken gibt, die keinen Zinseszins mehr zahlen. Gemeint sind dabei nicht die Banken und Sparkassen in Deutschland, die überhaupt keine Zinsen für Bankguthaben mehr bezahlen und somit nur noch (unentgeltliche) Aufbewahrer für das Ersparte sind. Es geht hier um Banken, die mit vergleichsweise hohen Zinsen werben und somit in der aktuellen Zinslandschaft scheinbar angenehm auffallen. Allerdings hat der scheinbar hohe Zinssatz einen Haken: Zwar werden hohe Zinsen auf lang laufenden Festgeldkonten angeboten, es werden aber keine Zinseszinsen bezahlt. So werben insbesondere Banken aus Osteuropa mit einem Zinssatz von zwei Prozent für Festgeldanlagen, das auf den ersten Blick eine gute Anlage zu sein scheint. Das Ganze hat aber einen Nachteil: Man muss das Geld über zehn Jahre fest anlegen. Und die Zinsen werden erst am Ende der Laufzeit bezahlt, ohne Zinseszins.

Die Gewinner der niedrigen Zinsen
Für den Bundesfinanzminister sind neue Schulden so billig wie noch nie. Wer eine Bun-desanleihe mit Laufzeit von zehn Jahren kauft, bekommt aktuell eine Rendite von nur 1,5 Prozent. Die immer noch als sicher geltenden Bundesanleihen sind so begehrt, dass In-vestoren bei einigen Papieren sogar auf die Zinsen verzichten und umgekehrt sogar eine Prämie bezahlen. Der Staat spart somit enorm viel Geld durch die niedrigeren Zins-zahlungen. Sollte sich die Situation allerdings ändern, weil beispielsweise die Konjunktur anzieht oder die EZB eine höhere Inflation bekämpfen muss, ist dieser Vorteil schnell wie¬der weg. Dann nämlich müsste der Finanzminister wieder höhere Zinssätze anbieten, da diese (in der Regel) über der Inflationsrate liegen (sollten).
Immer mehr Bürger bekommen bei den niedrigen Zinsen Lust auf ein eigenes Haus. Da es gleichzeitig an den Börsen wenig Alternativen gibt, ist „Betongold" sehr begehrt. Häuslebauer oder -käufer können derzeit mit einem Zins von ca. 2,5 Prozent ihr Bauvorhaben finanzieren. Die Nachfrage ist so groß, dass es schon Befürchtungen gibt, es könnte zu einer Immobilien-Blase wie in den USA oder in Spanien kommen.
Viele Unternehmen nutzen die aktuelle Lage und sammeln viel Geld am Kapitalmarkt ein. Die Nominalverzinsung, die dabei angeboten werden muss, ist sehr niedrig. Mangels Anlagealternativen ist die Nachfrage nach Unternehmensanleihen sehr hoch.

Die Verlierer der niedrigen Zinsen
Die deutschen Lebensversicherer leiden extrem unter den niedrigen Zinsen. Teilweise ist der garantierte Mindestzins (aus früheren Zeiten) für die Lebensversicherer kaum noch zu verdienen. Staatsanleihen werfen entweder nicht mehr so viel ab wie früher oder sie sind nicht mehr sicher, wie z.B. in Griechenland. Die Versicherer geraten unter enormen Druck. Das Problem sind Altverträge mit hohen Renditen aus den Zeiten, als an den Kapitalmärkten für sie noch viel leichter Geld zu verdienen war. Bei Neuverträgen beträgt der Garantiezins mittlerweile nur noch 1,75 Prozent. Allerdings wirkt dieser niedrige Zinssatz nicht gerade attraktiv, um neue Kunden anzulocken.
Otto Normalverbraucher, der sein Geld bei der Sparkasse hat, macht zurzeit oft real Verluste. Vielfach wird die jährliche Inflation durch den niedrigen Zins nicht mehr ausge-glichen. Die Privatanleger müssen das entweder akzeptieren oder sich für riskantere Alternativen entscheiden – mit der Gefahr, dass sie ihr Vermögen teilweise oder ganz verlieren können.



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