Suche im TERRASSE-Archiv:

Olympische Sommerspiele 2016 in Rio de Janeiro


M1 Blick auf Rio de Janeiro
(istockphoto,marchello74, Calgary, Alberta)

Die Olympischen Sommerspiele 2016 in Rio standen unter besonderen Zeichen. Es wollte keine rechte Vorfreude aufkommen –  weder bei den Brasilianern als Gastgebern noch bei den teilnehmenden Sportlern und den sportinteressierten Menschen in aller Welt. Zu viele Probleme beherrschten die Schlagzeilen rund um das Großereignis. Wie fällt die Bilanz nach dem Ende der Spiele aus?

Wirtschaftskrise in Brasilien

Nach der Fußball-Weltmeisterschaft stand Brasilien nur zwei Jahre später wieder wegen eines weltumspannenden Sport-Großereignisses im Fokus. Vom 5. bis zum 21. August fanden die olympischen Sommerspiele 2016 in Rio de Janeiro statt. Und wie bei der Fußball-WM 2014 wiederholen sich die Fehler bei der Ausrichtung einer solchen Megaveranstaltung – und das unter noch schlechteren wirtschaftlichen Begleitumständen.

Brasilien steckt in einer schweren wirtschaftlichen und politischen Krise, die anhält. Eine Rezessionsphase hat das Land schwer getroffen, die Wirtschaft lahmt und die Arbeitslosigkeit steigt. Parallel dazu ist die politische Elite immer stärker in Verruf geraten, an erster Stelle die Staatspräsidentin Dilma Rousseff, gegen die seit Anfang Mai 2016 ein Amtsenthebungsverfahren läuft. Vorgeworfen werden ihr Amtsmissbrauch und Korruption, binnen 180 Tagen muss über ihren Zwangsrücktritt entschieden werden. Die beurlaubte Regierungschefin boykottierte ebenso wie ihr unter Korruptionsverdacht stehender Amtsvorgänger Lula da Silva die Eröffnungsfeier der Olympischen Spiele – ein Zeichen für die schwere Krise im Staat. In den vergangenen Monaten kam es in vielen Städten Brasiliens zu zahlreichen Demonstrationen gegen die Regierung, vor allem wegen der Verschleierung der Staatsausgaben, Verschwendung öffentlicher Gelder und sozialer Ungleichheit. In diesem Zusammenhang gerieten auch die Ausgaben für die Olympischen Spiele verstärkt ins Visier.

Wie schon bei der Fußball-WM 2014 sind die Kosten explodiert. Olympia 2016 war noch deutlich teurer als das Fußball-Event, die vorläufige Rechnung steht bei etwa 40 Milliarden brasilianischen Reais, das sind etwa zehn Milliarden Euro. Die Kostensteigerungen wurden als nicht vorhersehbar bezeichnet und insgesamt wird der finanzielle Aufwand damit gerechtfertigt, dass neben den Ausgaben für das eigentliche Event zahlreiche Verbesserungen für die Infrastruktur von Rio de Janeiro darin enthalten seien, wie zum Beispiel der Ausbau von Schnellbustrassen und der beiden U-Bahn-Linien der Stadt. Das kann aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass die Belastungen für die Stadt und den Staat gerade in der aktuellen Rezessionsphase erheblich sind und große Summen an Steuergeldern für Olympia aufgewendet werden müssen. Mitte Juni rief der Gouverneur des Bundeslandes Rio de Janeiro sogar den „Öffentlichen Notstand auf dem Gebiet der Finanzverwaltung“ aus, der eigentlich nur bei großen Naturkatastrophen angewendet wird. Aber der brasilianische Staat gewährte eine Finanzhilfe von 740 Millionen Euro, um auch die letzten Olympia-Projekte noch rechtzeitig fertiggestellt zu bekommen; Gelder, die an anderer Stelle angesichts der großen sozialen Gegensätze im Land stark benötigt worden wären. Auf der Strecke geblieben sind zum Beispiel auch die versprochenen Bemühungen der Stadt, die Wasserqualität in der Bucht von Guanabara zu verbessern. Dort fanden die olympischen Segelwettbewerbe statt – in hochgradig verschmutztem Wasser. Die entsprechend notwendigen Kläranlagen fehlen aber auch heute noch und das Wasser wurde nur oberflächlich von angeschwemmtem Müll gereinigt. Die Wettkampfstätten wurden zwar alle rechtzeitig fertig, aber das Bundesland Rio de Janeiro ist am Ende der Spiele pleite.

Ein Anlass zu massiver Kritik bleibt auch die Zwangsumsiedlung von mehr als 4 000 Einwohnern der Stadt aus ihren Favelas für die olympischen Bauprojekte. „Es geht ums Kapital, nicht um die Menschen“, so eine Stellungnahme vom Institut Ippur der Universität von Rio, die das Projekt Olympia in einem Dossier kritisch begleitet hat. Kritiker werfen der Stadtverwaltung außerdem schon lange vor, die Armut vor den Touristen verbergen zu wollen und das Großereignis als Vorwand zu nutzen, um den Wert bestimmter Gebiete zu steigern.

Die Zika-Epidemie bereitet Sorgen


M2 Bekämpfung des Zika-Virus durch Gifteinsatz gegen Mücken
(istockphoto, luizsouzarj, Calgary, Alberta)

Zur denkbar ungünstigsten Zeit der Olympischen Spiele grassierte in großen Teilen der Welt einschließlich Brasilien eine Zika-Virus-Epidemie. Sie begann 2015 und breitete sich so schnell aus, dass die Weltgesundheitsorganisation WHO im Februar 2016 vorsorglich den globalen Gesundheitsnotstand ausrief. 1,5 Millionen Menschen steckten sich innerhalb weniger Monate mit Zika an. Das Zika-Virus wurde erstmals 1947 bei Affen in Uganda nachgewiesen und wird durch Stechmücken übertragen, darunter die Gelbfiebermücke und die Asiatische Tigermücke. Für gesunde Menschen ist die Infektion harmlos und wird oft nicht einmal bemerkt. Wenn die Virus-Krankheit ausbricht, ähnelt sie einer Grippe, die Infizierten haben Fieber, leiden unter Kopf- und Gliederschmerzen und teilweise sind Hautausschläge und Gewebeanschwellungen sichtbar. Tückisch sind die Infektionsfolgen jedoch für Schwangere. Es kommt bei den ungeborenen Kindern zu schweren Hirnfehlbildungen und die Babys bekommen zu kleine Köpfe. Bilder brasilianischer Frauen mit geschädigten Neugeborenen schockierten die Welt und brachten die Diskussion um die Gefährdung von Sportlern und Besuchern bei den Olympischen Spielen ins Rollen. Höhepunkt war Ende Mai 2016 ein offener Brief von 151 Wissenschaftlern aus 29 Ländern an die WHO mit der Forderung, die Olympischen Spiele zu verschieben oder gar abzusagen. Es wird befürchtet, dass sich bis zu einer halben Million erwarteter Besucher der Spiele infizieren und den Virus mit in ihre Heimatländer nehmen könnten. Die WHO wies die Bedenken allerdings zurück und argumentierte, dass das Zika-Virus durch den normalen internationalen Reiseverkehr bereits in etwa 60 Ländern verbreitet sei und „die internationale Verbreitung des Zika-Virus nicht signifikant“ beeinflusst werde.

Die Diskussion um das Thema Zika hielt zunächst an und führte dazu, dass sich auch mehrere Athleten inzwischen aus Sorge vor einer Infektion gegen die Teilnahme an den Spielen entschieden. Während der Spiele war das Thema dann aber weitgehend aus den Schlagzeilen verschwunden. Wie viele Besucher und Sportler sich von der Epidemie von der Reise abhalten ließen oder sich bei Olympia in Brasilien infiziert haben, kann niemand abschätzen.

Kampf gegen Doping – Olympia ohne Russland?


M3 Olympia ohne Russland?
(shutterstock.com, Iurii Osadchi, New York)

Seit Monaten befassten sich die Medien auch mit dem dritten großen Problem rund um die Olympischen Sommerspiele, dem Doping. Vor allem Russland war hier im Fokus. Seit November 2015 war durch die WADA (Welt-Antidopingagentur) bekannt geworden, dass bei den Olympischen Winterspielen in Sotschi 2014 ein staatlich gelenktes Doping-Programm Russland zu seinem Sieg in der Nationen-Wertung verholfen hat. Dabei soll die russische Anti-Doping-Agentur RUSADA durch die Manipulierung von Sportlerproben tatkräftig bei der Vertuschung von Positivbefunden russischer Athleten mitgeholfen haben. Mehr als 1400 Proben russischer Sportler wurden vor der WADA-Prüfung vernichtet.

Da im Vorfled von Olympia keine Transparenz bei der Aufklärung der Doping-Manipulationen, geschweige denn grundlegenden Reformen in den russischen Sportverbänden festzustellen waren, wurde der russische Leichtathletik-Verband als Mitglied des Weltleichtathletik-Verbandes (IAAF) suspendiert. Das bedeutete, dass Russland offiziell keine Leichtathleten zu den Olympischen Spielen melden durfte. Der Internationale Sportgerichtshof CAS wies den Einspruch von 68 russischen Leichtathleten gegen ihren Olympia-Ausschluss zurück. Mehrere nationale Antidopingverbände, darunter die USA, Deutschland, Spanien, Japan und andere, hatten ebenso wie die WADA den vollständigen Ausschluss des russischen Teams gefordert. Das 15-köpfige Internationale Olympische Exekutivkomitee unter der Leitung des Deutschen Thomas Bach entschied jedoch, Russland als Nation nicht komplett von den olympischen Sommerspielen auszuschließen. Stattdessen mussten die Weltverbände jeder einzelnen Sportart bestimmen, welche Athleten antreten durften. Vor ihrer Nominierung mussten die Sportler eine Anti-Doping-Prüfung bestehen. Erst kurz vor der Eröffnung gab das Internationale Olympische Komitee (IOC) bekannt, dass 271 der ursprünglich 389 russischen Athleten „sauber“ seien und an den Start gehen dürften. Es fehlten schließlich 67 Leichtathleten und acht Gewichtheber, weil die zuständigen Weltverbände deren Überprüfung nicht mehr leisten konnten. Nur etwa 30 Sportler wurden bei Doping-Untersuchungen in „letzter Sekunde“ überführt und nicht zugelassen. Es bleibt der schale Nachgeschmack, dass Russland seinen Willen weitgehend erfüllt bekam und dass das IOC vor Putin und seinen mit staatlichem Doping operierenden Sportverbänden eingeknickt ist.

Eine kleine Bilanz

Die Bilanz der Olympischen Sommerspiele 2016 in Rio de Janeiro fällt also in mehrfacher Hinsicht sehr gemischt aus.
Neben schönen Sportbildern hat Rio so deutlich wie kein Olympia bisher gezeigt, dass die olympische Idee inzwischen im Finanzgigantismus bei der Ausrichtung der Spiele, in Geldscheffelei des IOC und in Dopingsümpfen des Weltsports versinkt. Indirekte und direkte Zementierung der sozialen Ungerechtigkeit gegenüber den Schwachen im Land kam so deutlich wie nie in Brasilien hinzu. Was an Bedeutung für Brasilien bleibt ist vielleicht ein Imagegewinn und ein Zuwachs des Tourismus. Der Weltsport ist aber nach wie vor tief in der Krise und es ist nicht abzusehen, ob und wie er diese bewältigen kann.



Zurück zur Terrasse