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Lutherstadt Wittenberg – im Jubiläumsjahr der Reformation


M1 Lutherdenkmal in Wittenberg
(Fotolia.com (AndreasJ), New York)

Die Lutherstadt Wittenberg ist allgemein bekannt. Aber wie kam es dazu, dass dieses Provinzstädtchen zur Zeit Martin Luthers vor 500 Jahren zum berühmten Ort der Reformation wurde? Wie hatte sich Wittenberg bis zu dieser Zeit entwickelt und weshalb wirkten Luther und andere spätere Berühmtheiten wie Philipp Melanchthon, Lucas Cranach und Gotthold Ephraim Lessing gerade dort?
Ein kleiner Streifzug durch die Geschichte der Stadt und das touristische Angebot Wittenbergs im Lutherjahr 2017.

Erste Siedlungsnachweise

Wie bei zahlreichen Stadtgründungen finden sich die ersten urkundlichen Nachweise des späteren Wittenberg im 12. Jahrhundert. Am Nordufer der Elbe in der eiszeitlichen Altmoränenlandschaft des norddeutschen Tieflandes im heutigen Sachsen-Anhalt wurde um 1180 ein „Burchwadum“ Wittenburg erwähnt. Der Begriff „Burchwadum“ oder „Burgward“ stand in der damaligen Zeit für ein Gebiet, das durch eine Burg geschützt wurde; die Namensgebung „Wittenburg“ rührt vermutlich von dem weißen Sand des Elbufers her, auf dem diese Wehranlage stand. In den folgenden Jahren entwickelte sich um die Burg eine größere Marktsiedlung – das spätere Wittenberg.

Entwicklung bis zur Zeit Luthers

Am Anfang des 13. Jahrhunderts begann die Zeit der Askanier in Wittenberg. Dieses Adelsgeschlecht erhielt die Herzogswürde von Sachsen und gründete 1227 ein Franziskanerkloster in Wittenberg. Unter Albrecht II. (1250 – 1298) wurde der Ort mit der Verleihung der Stadtrechte 1293 zur Residenzstadt des Herzogtums Sachsen-Wittenberg. Damit begann der Aufschwung Wittenbergs im folgenden 14. Jahrhundert. Es entwickelte sich ein Bürgertum mit einem eigenen Stadtrat, die Stadt erhielt das Münzrecht, die niedrige Gerichtsbarkeit und das Marktrecht. Auch die Erlaubnis zur Errichtung von Stadtmauern war mit der Verleihung des Stadtrechtes verbunden. So konnte sich die Stadt später in den Hussitenkriegen um 1429 der feindlichen Angriffe aus Böhmen erwehren. Höhepunkt des Aufschwungs von Wittenberg im 14. Jahrhundert war die Erlangung der Kurwürde von Kaiser Karl IV. im Jahr 1356. Rudolf I. wurde damit vom Herzog von Wittenberg zum Kurfürsten erhoben und Wittenberg war seine kurfürstliche Residenz. Damit war die Stadt das Zentrum eines der sieben Kurfürstentümer im Deutschen Reich, die unter anderem das Recht zur Kaiserwahl hatten. Trotzdem neigte sich die Herrschaftszeit der Askanier wegen wirtschaftlicher Misserfolge dem Ende zu und Wittenberg kam 1422 nach dem Tod Albrechts III. (Albrecht der Arme) unter den Einfluss eines reicheren Adelsgeschlechtes, der Wettiner.

Nachdem Wittenberg durch diesen Machtwechsel zunächst seinen Status als kurfürstliche Residenzstadt verlor und in seiner Bedeutung zurückfiel, begann ab 1486 unter Friedrich III. (Friedrich der Weise) eine neue Blütezeit. Wittenberg wurde erneut Residenzstadt und weiter ausgebaut. Das bedeutendste Ereignis aber war die Errichtung der Universität „Leucorea“ (altgriechisch: „weißer Berg“) in Wittenberg im Jahr 1502 als erste Universität des Reiches, die nicht von der Kirche gegründet wurde. Es gab zunächst eine philosophische, eine juristische, eine medizinische und eine theologische Fakultät, 1509 kamen eine geographische und 1514 eine mathematische Fakultät hinzu.

Schnell entwickelte die unabhängige Universität eine große Anziehungskraft und es kamen Künstler und Gelehrte nach Wittenberg, u. a. 1505 Lucas Cranach d. Ä. und im Jahr 1508 – bereits als Augustinermönch – Martin Luther. Die Stadt erlebte damit einen großen geistigen und wirtschaftlichen Aufschwung und die Universität Wittenberg wurde zu einer der wichtigsten Universitäten in Europa.

Im Zeitalter der Reformation


M2 Stadtansicht von Wittenberg 1536
(Ullstein bild GmbH (histopics), Berlin)

Luther entwickelte sich in den Gründungsjahren der Universität Wittenberg schnell zur zentralen Figur unter den Dozenten. Er war als Professor der Theologischen Fakultät vor allem mit dem Schwerpunkt der Bibelauslegung befasst und zeigte von Anfang an in seinen Vorlesungen und Predigten in der Schlosskirche Wittenbergs, wie weit er sich bereits von der dogmatischen Kirchenlehre des Katholizismus entfernt hatte. Für ihn galt nur das Wort der Bibel und er lehnte die Auslegungen der Römischen Kurie rundweg ab. Auslöser für den Höhepunkt seiner Antihaltung gegen die herrschende Lehrmeinung der Kirche in Rom war der Ablasshandel, nach dem für die Vergebung der Sünden nicht mehr Reue, sondern nur noch Geld notwendig war. Sie führte zur Formulierung seiner berühmten 95 Thesen. Allerdings hat er diese sehr wahrscheinlich nicht an die Tür der Schlosskirche in Wittenberg genagelt. Vielmehr schrieb er am 31. Oktober 1517 einen Brief an seine Vorgesetzten, dem er die Thesen beilegte. Gleichzeitig entwickelte er nach Kräften die Universität in Richtung einer humanistischen Ausprägung weiter und wurde der Wortführer dieser Bewegung. Dazu musste er griechische und hebräische Originaltexte statt der vorhandenen Übersetzungen mit kirchlicher Interpretation lesen können, zwei Sprachen, die er nicht beherrschte. Er warb daher Mitstreiter an, die ihm dabei helfen konnten; sein bekanntester Berater war ab 1518 Philipp Melanchthon als Professor für die griechische Sprache. Dieser war bis dato an den Universitäten Heidelberg und Tübingen tätig gewesen und zunächst – wie übrigens auch Luther am Anfang – einigermaßen entsetzt über den kleinen Provinz-Universitätsstandort Wittenberg mit nur etwa 2 000 Einwohnern. Aber der Wirbel, den die 95 Thesen Luthers auslösten, machten diesen Nachteil bald wett. Die Studentenzahlen an der Leucorea stiegen rasant: 1502, im Jahr der Gründung, gab es 416 eingeschriebene Studenten, 1520 waren es bereits etwa 2 000.

Als Zentrum der Reformationsbewegung wurde Wittenberg bald halb spöttisch, halb bewundernd auch als „Rom der Protestanten“ bezeichnet und prosperierte weiter. In der Stadt entstanden zahlreiche neue Bürgerhäuser im Stil der Renaissance. Sie wurden von der neuen wohlhabenden Schicht erbaut, vor allem von Verlegern, die durch den um 1450 erfundenen Buchdruck mit beweglichen Lettern reich geworden waren. Das Zentrum Wittenbergs wurde repräsentativ gestaltet, ein neues Rathaus wurde an der Stelle des alten errichtet. Auch die Stadtbefestigung wurde ausgebaut, denn in der Folge des Wormser Ediktes von 1521 mit der Reichsacht gegen den inzwischen auch aus der Kirche exkommunizierten Luther musste mit dem Einmarsch durch ein Reichsheer gerechnet werden. Diesen erlebte Luther allerdings nicht mehr, denn erst im Rahmen der siegreichen Schmalkaldischen Kriege des Kaisers Karl V. gegen die protestantischen Landesfürsten von Kursachsen und Hessen fiel Wittenberg 1547, kurz nachdem Luther 1546 gestorben war.

Vom 16. Jahrhundert bis heute

Mit der Niederlage des „Hauptes der Protestanten“, Kurfürst Johann Friedrich, war der Höhepunkt in der Entwicklung Wittenbergs überschritten. Die Stadt musste ihre Kurwürde an den neuen Herrscher Moritz von Sachsen abgeben, der das Wittenberger Land nun von seiner Residenzstadt Dresden aus regierte. Die Universität hatte aber weiter einen hervorragenden Ruf und zog nach wie vor bekannte Geistesgrößen an. Im Dreißigjährigen Krieg (1619-1648) konnte sich Wittenberg dank seiner starken Festungsanlagen des Ansturms der Schweden erwehren. Im Nordischen Krieg (1700- 1721) und im Siebenjährigen Krieg (1756-1763) geriet die Stadt unter wechselnde Herrschaft und wurde 1760 von den Preußen zu großen Teilen zerstört. Wittenberg verlor sein Festungsrecht und der Wiederaufbau vollzog sich nur langsam. Die Universität nahm an Bedeutung ab und hatte am Ende des 18. Jahrhunderts nur noch 360 Studenten.

In der Napoleonischen Zeit wurde Wittenberg wieder Festungsstadt, da sich der Kurfürst Friedrich August 1806 Napoleon unterworfen hatte und dieser Wittenberg als Garnisonsstadt nutzte. Die Universität wurde nach Bad Schmiedeberg ausgelagert. In den Befreiungskriegen gegen Napoleon 1813-1815 wurde Wittenberg wiederum stark zerstört, besonders das Schloss und die Schlosskirche wurden stark beschädigt. Im Rahmen der Verhandlungen auf dem Wiener Kongress kam Wittenberg wieder unter preußische Herrschaft. Der Preußenkönig Friedrich Wilhelm III. traf in der Folge 1817 die harte Entscheidung, die Wittenberger Universität aufzulösen und sie mit der Halleschen Hochschule zur Friedrichs-Universität Halle-Wittenberg zusammenzuschließen. Als Ersatz erhielt Wittenberg ein evangelisches Predigerseminar. Wittenberg wurde wieder Garnisonsstadt, das Schloss und das ehemalige Universitätsgebäude wurden zu preußischen Kasernen umgebaut.

Im weiteren Verlauf des 19. Jahrhunderts erlebte Wittenberg die typischen städtischen Entwicklungsphasen dieser Zeit: 1841 erfolgte der Anschluss an das Eisenbahnnetz, 1873 wurde begonnen, die Festungsanlagen abzureißen, Fabrikanlagen und neue Arbeiterwohnviertel entstanden. Im Gedenken an die Blütezeit der Stadt während der Reformation wurden zahlreiche Denkmäler zu Luther und zu den reformationsgeschichtlichen Ereignissen in Wittenberg eingeweiht.

Im 20. Jahrhundert schritt die industrielle Entwicklung Wittenbergs weiter voran. Gleichzeitig wurde ab 1938 das Geschichtsbewusstsein durch den Beschluss gestärkt, sich fortan „Lutherstadt Wittenberg“ zu nennen. Im Zweiten Weltkrieg erlitt die Stadt wieder schwere Zerstörungen, da es dort auch Betriebe der Rüstungsindustrie gab. In der Nachkriegszeit entwickelte sich Wittenberg wie viele Städte in der ehemaligen DDR. In den Außenbezirken entstanden neue Wohnviertel in Plattenbauweise, die Bausubstanz im Stadtkern verfiel zu großen Teilen. Wittenberg war weiter Garnisonsstadt und beherbergte bis 1979 20 000 sowjetische Soldaten einer Panzerdivision bei einer Einwohnerzahl von etwa 50 000.

Nach der deutschen Wiedervereinigung machte Wittenberg die typische Rückbauphase der Plattenbauviertel und eine Sanierungs- und Neubauphase im Zentrum durch. Die Einwohnerzahl sank durch Abwanderung auf etwa 46 500. 1994 erhielt die Stadt über die Stiftung „Leucorea“ in Zusammenarbeit mit der seit 1954 neubenannten Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg wieder den Status einer Universitätsstadt. Wirtschaftlich setzt die Lutherstadt Wittenberg neben ihren Industriebetrieben stark auf den Tourismus in das „Zentrum der Reformation“, mit zahlreichen Veranstaltungen besonders im 500. Jubiläumsjahr 2017.

Wittenberg im Lutherjahr 2017


M3 Auf dem Marktplatz in Wittenberg beim Stadtfest „Luthers Hochzeit 2012“
(CC-BY-3.0, siehe *1)

Bereits im Jahr 2008 startete die Evangelische Kirche Deutschlands die sogenannte Lutherdekade als zehn Jahre andauernde Gedenkzeitspanne an die Reformationszeit bis zum Reformationsjubiläum 2017. Mit jährlich wechselnden Themenschwerpunkten bei Kulturveranstaltungen, Kongressen und Ausstellungen wurden wichtige Themenbereiche der Reformation behandelt. Die Stadt Wittenberg bietet parallel dazu allen Besuchern der Stadt eine Fülle von Besichtigungszielen, Stadtführungen und zahlreichen Veranstaltungen rund um das Thema Luther an. Mehrere der Luther-Gedenkstätten sind seit 1996 Teil des UNESCO-Weltkulturerbes. Dazu gehören das Lutherhaus mit einem reformationsgeschichtlichen Museum, die restaurierte Schlosskirche und Luthers Grab (wenngleich er in seiner Geburtsstadt Eisleben starb), die Stadtkirche St. Marien (in der Luther 30 Jahre lang predigte) und das Melanchthon-Haus. Weitere bekannte Besuchsobjekte sind die Cranach-Häuser und Cranach-Höfe mit Ausstellungen zu den beiden berühmten Künstlern Lucas Cranach dem Älteren und Lucas Cranach dem Jüngeren. Über die Ursprünge der Stadt kann man sich in der archäologischen Ausstellung in der Alten Canzley informieren. Zum Jubiläumsjahr wurde als neueste Sehenswürdigkeit der Luthergarten angelegt, in dem 500 Bäume aus allen Kontinenten der Erde angepflanzt wurden.

Das Besucherinteresse an Wittenberg ist seit Beginn der Lutherdekade deutlich gestiegen und hat zum Teil zweistellige Prozentzuwächse pro Jahr zu verzeichnen. Ein Problem stellt zeitweilig die Lage der Stadt an der Elbe dar, wenn Hochwasserlagen den Tourismus beeinträchtigen. Wittenberg reiht sich damit in einen insgesamt für ganz Sachsen-Anhalt positiv verlaufenden Tourismustrend mit stetig wachsenden Besucherzahlen ein, die letzten veröffentlichten Zahlen für 2015 des Statistischen Landesamtes Sachsen-Anhalt weisen landesweit eine Steigerung von 2,4 Prozent gegenüber dem Vorjahr 2014 aus (2014: mehr als 3 Millionen Gäste, 7,4 Millionen Übernachtungen).

Das Thema im Unterricht

„Die Lutherstadt Wittenberg im Jubiläumsjahr 2017“ bietet sich als Thema für einen fächerübergreifenden Unterricht mit Geschichte gut an. Ausgehend vom aktuellen Aufhänger des Lutherjahres können sowohl die Reformation in Geschichte (Klasse 7) als auch die mit ihr einhergehende Bedeutungszunahme der Stadt Wittenberg in Geographie thematisiert werden. Ein weiterer Anknüpfungspunkt zur Gegenwart sind sicherlich die touristischen Aktivitäten Wittenbergs in der „Lutherdekade“.



Quellenangaben:
§§*1 Lizenzbestimmungen zu CC-BY-3.0 siehe: http://creativecommons.org/licenses/by/4.0/legalcode


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