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Schülerinteressen im Erdkundeunterricht: empirische Ergebnisse und Arbeit mit dem Schulbuch


TERRA 2 NW GYM: Probeseite 50/51

Ein Bauchgefühl darüber, was Schülerinnen und Schüler im Erdkundeunterricht interessiert, hat sicher jede Lehrkraft. Manchmal ist es auch mehr als nur ein Bauchgefühl, indem vielleicht darüber, was interessiert, gesprochen wird. Wie sieht es nun auf einer größeren empirischen Ebene zu den Schülerinteressen aus? Und inwiefern werden diese Interessen im zentralen Unterrichtsmedium Schulbuch berücksichtigt, wird für Motivation gesorgt?

Ergebnisse der empirischen Forschung

Spannende Ergebnisse der empirischen geographiedidaktischen Interessenforschung ergeben sich vor allem aus den Arbeiten von HEMMER & HEMMER, da sich so ein Vergleich von 1995 über 2005 bis 2015 anstellen lässt. So ist zu erkennen, wie manche Themen, Regionen und Arbeitsweisen mit einer bestimmten Zeit verbunden sind, häufig jedoch auch stabil über diesen langen Zeitraum hinweg bestehen.

Bei den Themen ergab die neueste Studie, die auf einer Gesamtstichprobe in Höhe von 3.400 Fragebögen an Gymnasien aus Bayern und Nordrhein-Westfalen beruht, das höchste Interesse für physisch-geographische Themen (Naturkatastrophen, Weltraum/Planeten/Sonnensystem und Entstehung der Erde). In den Jahren 2005 und 1995 fanden sich ebenfalls die Themen Naturkatastrophen und Weltraum auf den beiden ersten Plätzen, sodass hier eine ausgeprägte und unangefochtene Kontinuität des Interesses an diesem Thema festgestellt werden kann. 

Der Einfluss von bestimmten gesellschaftlichen Einflüssen zeigt sich beispielhaft am Thema Umweltprobleme, das zwischen 1995 und 2005 einen deutlichen Rückgang im Interesse zu verzeichnen hat. 

Ebenfalls aufschlussreich ist der Blick auf die Geschlechterdifferenzierung. Hier weisen die Ergebnisse von 2005 bei einigen Themen signifikante Interessenunterschiede auf: Die Jungen sind danach stärker an Naturkatastrophen/Planet Erde, Oberflächenformen/Klima und Wirtschaft/Stadt interessiert, während das Interesse der Mädchen an Menschen und Völkern signifikant höher ausfällt.

Für die Regionen ergibt sich wie bei den Themen auf den Spitzenplätzen des Interesses eine Kontinuität von 1995 über 2005 bis 2015: Am meisten interessierte Nordamerika/USA, auch Australien war in allen drei Untersuchungsjahren unter den Top 3. Am wenigsten Interesse erzeugten Russland/GUS, Ostmitteleuropa und Südosteuropa, aber auch die neuen Bundesländer oder die deutschen Mittelgebirge. Etwas verbessern lassen sich die Ergebnisse hier, indem man den „unbeliebten“ Raum mit einem „interessanten“ Thema koppelt, z.B. Naturkatastrophen. Dann liegt das Interesse immer noch deutlich unter dem, was bei der Kombination USA/Naturkatastrophe entsteht - aber deutlich höher als beim Raum Russland/GUS an sich.

Auch bei den Arbeitsweisen und Medien sind Kontinuitäten unverkennbar. So liegen anschauliche und handlungsorientierte Medien und Methoden wie Experimente, Filme, Exkursionen oder Fotos und Bilder 1995, 2005 und 2015 weit vorne. Für eher geringes Interesse sorgen dagegen Schulbuch, Texte, Diagramme, Zahlen und Tabellen.

Mit dem Schulbuch Interessen fördern und Motivation erzeugen


TERRA 2 NW GYM: Probeseite 50/51

Das Schulbuch ist nun zwar nach den Ergebnissen der empirischen Forschung das am wenigsten interessante Medium des Geographieunterrichts (was auch daran liegen mag, dass es alle anderen unbeliebten Medien wie Texte und Tabellen enthält), gleichzeitig ist es aber auch das am häufigsten eingesetzte, zentrale und noch immer unverzichtbare Medium des Geographieunterrichts. Da wäre es doch schön, wenn sich mit dem Schulbuch Interesse wecken und somit Motivation erzeugen ließe. Wie und dass dies funktioniert, soll an einigen Beispielen aus TERRA Band 2 für das Gymnasium in Nordrhein-Westfalen gezeigt werden.

Eine Möglichkeit, die im Schulbuch besteht, um das Interesse zu wecken, liegt anknüpfend an den Ergebnissen der empirischen Forschung in der Auswahl passender Themen und Räume. Dabei gilt es natürlich immer, die entsprechenden curricularen Vorgaben zu beachten - gleichwohl ergeben sich hier mitunter Möglichkeiten.

Ein Beispiel ist die Doppelseite „Der Klimawandel macht den Weg frei?“, die im Kapitel „In der Kalten Zone“ als zusätzliches Angebot zum einen die Nordostpassage und den Klimawandel als interessante Themen setzt, zum anderen im zweiten Teil auf die Schatzkammer Arktis und damit einen Raum von hohem Interesse für Schülerinnen und Schüler eingeht.


TERRA 2 NW GYM: Probeseite 94/95

Ein weiteres Beispiel sind die Differenzierungsseiten im Kapitel „In den Wüsten“, die sich als Wahlangebote mit den Räumen Las Vegas und Australien befassen - also mit potenziell hohem Interesse gekoppelt sind und damit auch ein echtes und reizvolles Auswahlangebot darstellen.


TERRA NW 2 GYM: Probeseiten 56/57

Die zweite Möglichkeit, im Rahmen des Schulbuches für höheres Interesse zu sorgen, besteht in der Verwendung von abwechslungsreichen Zugriffen und Methoden. Auch hier sollen einige Beispiele zur Illustration angeführt werden.

Im Vergleich zu den spannenden Räumen Arktis und Antarktis, den Wüsten oder dem Regenwald kann die Gemäßigte Zone beim Schülerinteresse nicht so ganz mithalten. Daher wird versucht, diesen „natürlichen Nachteil“ in gewisser Weise durch die Aufbereitung des Kapitels als Stationenlernen im Schulbuch auszugleichen. So können die Schülerinnen und Schüler stärker ihren Interessen folgen und z.B. auch eine Wahlstation auslassen.


TERRA 2 NW GYM: Probeseite 192/193

Beim Thema „Räume verändern sich“ war der Ansatz, von der kumulativ-additiven  Aneinanderreihung und Durcharbeitung einzelner Beispiele wegkommen zu können. Aus diesem Grund wird auf der einleitenden inhaltlichen Doppelseite der Zugriff auf die dann folgenden Raumbeispiele in arbeitsteiliger Gruppenarbeit angezielt, sodass nicht alle alles machen, sondern sich in ihren Ergebnissen gegenseitig ergänzen können. Gekoppelt wird dies damit, dass bei allen vier nachfolgenden Gruppen über eine Aufgabe zur Arbeit mit Google Earth  aufgefordert wird, sodass hier zusätzlich zur motivierenden Sozialform das - auch durch die Ergebnisse der Interessenforschung als solches bestätigte - interessante Medium tritt. Dass dies nicht nur eine Pro-Forma-Aufforderung darstellt, wird durch eine explizite eigene Methoden-Doppelseite zur Arbeit mit Google Earth unterstrichen.

Diese wenigen ausgewählten Beispiele sollen zeigen, dass sich mit entsprechend aufbereiteten Schulbüchern ein interessanter Erdkundeunterricht auch mit einem traditionellen Medium umsetzen lässt.



Quellenangaben:
Michael Hemmer: Kontinuität und Wandel von Schülerinteressen im Erdkunde-Unterricht. Lehrerfortbildung im Franz-Hitze-Haus Münster. 5.4.2017

Hemmer, I. und M. Hemmer (Hg.) (2010): Schülerinteresse an Themen, Regionen und Arbeitsweisen des Geographieunterrichts. Ergebnisse der empirischen Forschung und deren Konsequenzen für die Unterrichtspraxis. Weingarten (= Geographiedidaktische Forschungen Band 46).


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