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Umstrittenes Palmöl


M1 Palmnüsse mit Fruchtfleisch und Kernen
(iStockphoto (slpu9945), Calgary, Alberta)

Sie benutzen Shampoo und Duschgel? Sie waschen ihre Wäsche mit tensidhaltigen Seifen? Schokolade schmeckt Ihnen genauso wie gelegentlich eine Tiefkühlpizza? Sie machen es sich gemütlich bei Kerzenlicht? Und wenn Sie das alles mit dem Auto eingekauft haben, tanken Sie Biodiesel? Wenn ja, dann haben Sie Palmöl konsumiert. Schätzungen besagen, dass Palmöl bzw. Palmkernöl in jedem zweiten Supermarktprodukt steckt. Von der Industrie geliebt, von Umweltaktivisten verdammt – Palmöl polarisiert ...

Auf der einen Seite ist es ein wunderbarer, universell verwendbarer Stoff, der weltweit stark nachgefragt ist. Auf der anderen Seite müssen wegen dieser starken Nachfrage riesige Regenwaldflächen den Palmölplantagen weichen. Warum ist Palmöl so gefragt? Wie entwickelte sich die Palmölindustrie? Welche Folgen ergeben sich aus dem Anbau? Gibt es Alternativen?

Im Zweierpack: Palmöl und Palmkernöl


M2 Produktionsschema: Von der Palmölplantage bis zur Schokocreme
(Grafik: Wolfgang Schaar/Diana Jäckel)

Palmöl bzw. Palmfett wird aus dem Fruchtfleisch der Ölpalmenfrüchte gewonnen. Nach der Ernte werden die Früchte sterilisiert und dann gepresst. Das so entstandene Rohöl wird raffiniert (aufbereitet, filtriert, gereinigt). Palmöl schmilzt bei 27 bis 45°C.

Auch die Kerne der Früchte werden zur Palmkernölgewinnung genutzt. Dieses weiß-gelbliche Öl gehört zu den festen Pflanzenfetten und hat eine andere Zusammensetzung als das Öl aus den Früchten; es schmilzt schon zwischen 23 und 30°C. Palmkernöl wird deshalb im Bereich der Süßwarenproduktion gerne verwendet, da es eben bei Körpertemperatur schmilzt. Dies ist zum Beispiel bei Glasuren oder Eisprodukten gewünscht. Auch Margarine besteht oft zum großen Teil aus Palmkernöl. Die Festigkeit bei Zimmertemperatur macht eine chemische Härtung unnötig. Hinzu kommen weitere für die Verarbeitung positive Eigenschaften: Palmöl ist geschmacksneutral, hitzebeständig, lange haltbar und streichfähig.

Was die Ergiebigkeit betrifft, ist die Ölpalme anderen Ölpflanzen weit voraus. Wollte man die auf einem Hektar gewonnene Palmölmenge durch andere Ölpflanzen ersetzen, bräuchte man erheblich größere Flächen, zum Beispiel drei Hektar Rapsfelder, vier Hektar Sonnenblumenfelder, fast fünf Hektar Kokospalmenplantagen oder gar sieben Hektar Sojafelder.

Der größte Abnehmer von Palmöl ist die Nahrungsmittelindustrie. Von der weltweit erzeugten Menge wandern 68 Prozent in diesen Sektor, beispielsweise zur Herstellung von Margarine, Koch- und Salatölen. 27 Prozent gehen in andere Industrien zur Herstellung von Seifen, Kosmetika und Kerzen. Die restlichen fünf Prozent werden energetisch genutzt (Strom, Wärme, Kraftstoff).

Entwicklung der Palmölindustrie


M3 Weltweite Palmöl- und Palmkernölproduktion
(Grafik: Diana Jäckel)

Die ursprüngliche Heimat der Ölpalme ist das tropische Westafrika. Im Zuge der Kolonialisierung im 19. Jahrhundert gelangte sie auch in die anderen Tropenregionen der Welt, zum Beispiel nach Indonesien und Malaysia, den heute wichtigsten Anbauländern.

Seit etwa 1900 wird Palmöl industriell verarbeitet und zeitgleich wurden in Westafrika und Südostasien Plantagen im großen Stil angelegt. Besonders in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts nahm die Palmölproduktion richtig Fahrt auf. Seit 1985 verzehnfachte sich die Anbaufläche, die Ölproduktion erreicht immer neue Rekordmarken. Mittlerweile stammt ein Drittel des gesamten, weltweit produzierten Pflanzenöls aus den Früchten und Kernen der Ölpalme.

Die Schattenseiten der Palmölwirtschaft

Brände, Kahlschlag, Artenschwund – in den Tropischen Regenwäldern ist das trauriger Alltag. Die Gründe sind vielfältig: Bergbau, Bodenschatzausbeutung, Weidewirtschaft, Holzgewinnung  und Plantagenbau nagen an den Waldflächen. Die Palmölwirtschaft spielt dabei eine gewichtige Rolle. Ölpalmen sind Pflanzen der feuchten Tropen. Sie benötigen Jahresdurchschnittstemperaturen von 26°C und tiefgründige nährstoffreiche Böden, wachsen also dort am besten, wo auch die Tropischen Regenwälder ihre optimalen Standorte haben. Das bedeutet, dass die Ölpalme in Konkurrenz zu einer Vegetationsformation tritt, deren ökologische Bedeutung regional und global – hier besonders in der Diskussion um den Klimawandel – hoch eingeschätzt wird. Umgekehrt ist es bei der wirtschaftlichen Bedeutung. Hier obsiegen die Interessen der Produzenten – mit gravierenden Folgen, wie das Raumbeispiel Indonesien zeigt.

Indonesien – Was es heißt, Nummer eins zu sein

Beim Palmöl ist Indonesien die Nummer eins. Etwa die Hälfte der Weltproduktion von Palmöl stammt allein aus diesem Staat. Die Nummer zwei, Malaysia, steuert etwa 35 Prozent zur Weltproduktion bei. Wie wirkt sich das auf die Länder aus?

Das Beispiel Indonesien: Nach Angaben der Umweltschutzorganisation Greenpeace wurde seit 1990 ein Viertel der indonesischen Regenwälder zerstört. Das sind 31 Millionen Hektar, ein Gebiet fast so groß wie Deutschland. Palmölplantagen sind dabei die größten „Regenwaldfresser“. Ein Ende des Kahlschlags ist nicht abzusehen, weitere 15 Millionen Hektar Regenwald seien zur Nutzung freigegeben, so Greenpeace.

Die Folgen des ungebremsten Ausbaus sind desaströs. Menschen werden im Gefolge von Landkonflikten vertrieben, das ökologische Gleichgewicht gerät aus den Fugen. So werden durch die Rodungen immens viel Kohlenstoffdioxid (CO2) und Methan freigesetzt, nicht nur durch die Verbrennung der Gehölze, sondern auch durch das Entweichen der Klimagase aus den bloßliegenden Torfböden. Es sei in diesem Zusammenhang auf die verheerenden Großbrände in Indonesien in den letzten Jahren hingewiesen.

Was geht uns das an?


M4 Deutschlands Palmöl- und Palmkernölimporte
(Grafik: Diana Jäckel)

Deutschland ist ein bedeutender Großkunde der Palmölindustrie. Kaum ein Land in Europa konsumiert so viel Palmöl. Von den 1,4 Millionen verbrauchten Tonnen fließt hierzulande die Hälfte in die Dieseltanks, als „Biosprit“ deklariert. Seit den Nuller-Jahren wurde das massiv gefördert, um von fossilen Brennstoffen unabhängiger zu werden. Gut gedacht – schlecht gemacht, denn mittlerweile hat sich herausgestellt, dass Biosprit eine noch schlechtere Klimabilanz aufweist als Sprit aus Erdöl.

Insgesamt zeigt die Verbrauchskurve von Palmöl in Deutschland steil nach oben. In den letzten 20 Jahren vervierfachten sich die Palmöleinfuhren, der Import von Palmkernöl legte fast im gleichen Ausmaß zu. Die deutschen Verbraucher und die deutsche Politik tragen also eine Mitverantwortung. Gibt es Wege, den Verheerungen in den Erzeugerländern entgegenzusteuern?

Ausweg Verbrauch senken?

Ja, es gibt einen Ausweg, sagen die Umweltschutzorganisationen. Hier sind Politik und Verbraucher gleichermaßen gefordert. Der beste Weg auf beiden Seiten, der Ausweitung der Palmölwirtschaft Einhalt zu gebieten, ist es, den Verbrauch zu drosseln. Die Politik kann das, indem man an die Erneuerbare-Energien-Richtlinie der EU (früher Biokraftstoffrichtlinie) herangeht. Mit diesen Richtlinien wurden und werden die EU-Länder verpflichtet, aus Klimaschutzgründen für einen gewissen Anteil an Biokraftstoff zu sorgen. Der Verbraucher auf der anderen Seite kann den Spritverbrauch durch Vermeidung von Fahrten und Nutzung umweltfreundlicherer Verkehrsmittel senken. Gesenkt werden könnte der Verbrauch auch im Nahrungsmittelsektor: Die Politik könnte eine Kennzeichnungspflicht einführen, der Verbraucher kann stark palmölhaltige Fertigprodukte meiden und stattdessen selbst kochen. Angesichts der drastisch angestiegenen Importe muss man sich einmal fragen: Wo eigentlich liegt die Verbesserung der Lebensqualität von 1995 bis heute in Bezug auf den Mehrverbrauch an Palmöl? Es ließen sich, so eine Studie des WWF, ohne größere Probleme 50 Prozent Palmöl einsparen.

Ausweg nachhaltiges Palmöl?

Wie das FSC-Siegel der Holzwirtschaft hat auch die Palmölwirtschaft Nachhaltigkeitssiegel. Deren gibt es gleich vier: den Roundtable on Sustainable Palm Oil (RSPO), den Roundtable on Sustainable Biomass (RSB), International Sustainability and Carbon Certification Plus (ISCC Plus) und die Rainforest Alliance (RA). Auf der Website des „Forums Nachhaltiges Palmöl“ (siehe rechts: Linktipp) findet man eine vergleichende Zusammenstellung dieser Zertifizierungssysteme.

Ob diese Siegel Garanten für nachhaltiges Wirtschaften darstellen, wird kontrovers gesehen. Während das Forum Nachhaltiges Palmöl diese Zertifizierungen als ersten Schritt zur Nachhaltigkeit sieht, attestieren Umweltschützer den Siegeln Alibi-Funktion („Greenwashing“). Greenpeace fällt ein klares Urteil: Zertifiziert oder nicht, Palmöl ist ein Klimakiller, das Ganze sei schlicht „Etikettenschwindel“. Der WWF geht einen anderen Weg: Er ist Mitglied des Runden Tisches (RSPO) und sieht sich im kritischen Dialog mit den am Tisch sitzenden Unternehmen. Das Siegel sei zwar kein Öko-Label, aber es trage immerhin dazu bei, im Hinblick auf Menschenrechte und Naturschutz mehr zu tun, als in den Erzeugerländern gesetzlich vorgeschrieben ist.

Auswege Verbot und Boykott?

Angesichts der Bedeutung des Palmöls scheint das kein gangbarer Weg. Denn es müsste Ersatz her, und da wären die Folgen für die Umwelt noch schlimmer. Wie oben gezeigt, würden alternative Ölpflanzen für die Zerstörung erheblich größerer Flächen sorgen. Auch fehlten die Flächen für die Produktion von anderen Lebensmitteln. Schon jetzt fallen dem ebenfalls zur Biosprit-Erzeugung dienenden Rapsanbau in Deutschland beste Agrarflächen zum Opfer, wie die allseits gelb blühenden Felder zum Beispiel in unseren Börden belegen.

Unterm Strich

Es scheint ein Dilemma zu sein. Trotz aller Zerstörungen durch die Palmölwirtschaft – ein Verbot ist nicht realitätsnah, Ersatz ist keine Lösung, Nachhaltigkeit bleibt bisher eher eine Wunschvorstellung. Die Bequemlichkeit des Verbrauchers und die Stärke der Lobby kommen noch erschwerend hinzu.

Bei allen trüben Aussichten für die Regenwälder Indonesiens und Malaysias wäre aber Resignation der falsche Weg. Aufklärung über das Thema und ein Überdenken des eigenen Verhaltens, verbunden mit dem Versuch, auf politischer Ebene wenigstens ein Moratorium bei den Anbauflächen zu erreichen, können zumindest dafür sorgen, dass der Wirtschaftszweig nicht weiter expandiert. Fakt ist: Wenn der Verbrauch weiter so steigt, werden auch die Regenwälder in Afrika und Südamerika dem Palmöl verstärkt zum Opfer fallen. Handeln tut also not!

Das Thema im Unterricht


M5 TERRA Nordrhein-Westfalen 2, Differenzierende Ausgabe (Vorschau)

Da Palmöl von jedem konsumiert wird, kann man zur Einführung die Schülerinnen und Schüler mit Produkten konfrontieren, in denen der Stoff enthalten ist. Das schafft einen direkten Bezug zur Lebenswirklichkeit.

Im Geographie- bzw. Erdkundeunterricht berührt das Thema „Palmöl“ verschiedene Bereiche. So lässt es sich in die Thematik „Tropischer Regenwald“ unter den Aspekten der Wirtschaftsformen (Plantagen) und der dadurch bedingten Landschaftsveränderung einbetten. Dies wird zumeist in den Jahrgangsstufen 7 und 8 behandelt. In den Jahrgangsstufen 9 und 10 berührt das Thema Aspekte der Globalisierung, der Nachhaltigkeit, der Verbraucherbildung und auch der globalen Klimaproblematik.

Mit der Problematik der Palmölerzeugung werden mustergültig alle Kompetenzbereiche abgedeckt:

  • Sachkompetenz: Insbesondere können hier die Wechselwirkungen zwischen Mensch und Raum thematisiert werden. Am Beispiel des Ölpalmenanbaus in Indonesien lässt sich darstellen, wie das Ökosystem des Tropischen Regenwaldes durch anthropogene Eingriffe verändert/zerstört wird. Orientierungskompetenz in der Tropischen Zone wird durch die Beschäftigung mit der Verbreitung der Ölpalme erreicht.
  • Methodenkompetenz: Methodenvielfalt ist bei diesem Thema kein Problem. Das Thema lässt sich für ein Gruppenpuzzle splitten, Rollenspiele (oder in höheren Jahrgangsstufen Fallstudien) können die Interessenkonflikte verdeutlichen, Medienkompetenz kann durch Vorträge geschult werden. Die Aufbereitung als Mystery ist eine weitere Möglichkeit, genauso wie das Extrahieren von Informationen für einen zielgerichteten Sachtext.
  • Urteilskompetenz: Die Bedeutung für die Gestaltung der aktuellen und zukünftigen Lebenswelt sowie die Auslotung und Beurteilung von Interessenkonflikten (global und regional) können am Raumbeispiel Indonesien gut nachvollzogen werden. Da das Thema umstritten ist, bietet es sich zur eigenen Positionierung gut an.
  • Handlungskompetenz: Aus den vorgenannten Kompetenzbereichen ergibt sich die Möglichkeit des eigenen Handelns. Jeder Verbraucher kann zu einer Senkung des exorbitant gestiegenen Verbrauchs beitragen und durch sein Wissen auch im Sinne politischen Handelns auf Multiplikatoren und Entscheidungsträger einwirken.


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