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Landgrabbing in Afrika – kompetenzorientierter Unterricht mit dem Haack Weltatlas


M1 Internationaler Landhandel (Haack Weltatlas, S. 182.a)

Anhand des unterrichtspraktischen Beispiels „Landgrabbing in Afrika“ werden einige methodische Tricks und Kniffe gezeigt, wie ein kompetenzorientierter und interessanter Unterricht mit dem Atlas gelingen kann, um den größtmöglichen Lerngewinn bei Schülerinnen und Schülern zu initiieren. Mit dem Themenbeispiel soll nicht nur die Lesekompetenz für thematische Karten trainiert werden, sondern es wird auch gezeigt, dass Atlasarbeit mehr als nur „Stadt-Land-Fluss“ ist.

Einstieg in die Unterrichtsreihe

Wie finde ich als Lehrerin oder Lehrer einen spannenden Einstieg in die Unterrichtsreihe? Das vorliegende Unterrichtsbeispiel ist für Schülerinnen und Schüler ab der Klasse 9/10 konzipiert. Auch für höhere Klassenstufen kann ein schülergerechter, spielerisch gestalteter Aufhänger für den Einstieg prägend sein und somit großes Interesse an einem neuen Thema wecken. Eine Möglichkeit bietet der Bezug zu einem Bereich aus der Realität der Schülerinnen und Schüler. Man steigt nicht mit einer Begriffsdefinition im klassischen Sinne ein, sondern beispielsweise mit der Frage „Was hat ein Spielertransfer im Sport mit dem Thema Landgrabbing zu tun?“. Diese Frage zielt auf eine inhaltliche Annäherung, denn so wie Vereine gute Spieler im Ausland kaufen, so kaufen bzw. greifen auch Länder und Investoren nach Flächen im Ausland. Auch wenn das Thema in Wirklichkeit viel komplexer ist und die Analogie zum Sport Grenzen hat, bildet die Frage für den grundlegenden Einstieg eine sehr anschauliche Möglichkeit.

Aus dieser motivierenden Einführung ergeben sich mit Blick auf die weitere Vorgehensweise folgende Leitfragen:

  1. Welche Länder „greifen“ nach Flächen anderer Länder?
  2. Warum tun sie das?

Welche Länder „greifen“ nach Flächen anderer Länder?

Um die beiden Leitfragen gemeinsam mit den Schülerinnen und Schülern zu beantworten, kommt die Projekt- und Abiturseite aus dem Haack Weltatlas (Gymnasialausgabe) „Landgrabbing in Afrika“ auf Seite 182 zum Einsatz.

Unter Ausnutzung der Karte 182.a bzw. M1 wird deutlich, dass fast alle großen bzw. reichen Länder am internationalen Landhandel teilhaben (z.B. USA, Großbritannien, Saudi-Arabien, Indien, China, Südkorea) und insbesondere in Sub-Sahara-Afrika und Südostasien aktiv sind. Dies wird aus den Flächensignaturen (Beteiligte Staaten) sowie den grünen Kreissignaturen (Landflächen im Ausland erworben) und den braunen Kreissignaturen (Landflächen im eigenen Land verkauft) ersichtlich.

Zur Übersichtlichkeit und zur besseren Veranschaulichung wird in der vorliegenden Karte ein Beispielland genauer betrachtet, das Flächen im Ausland erwirbt, nämlich China. Es ist deutlich zu erkennen, dass China ein fast weltweites Engagement zeigt, bevorzugt in den sog. Entwicklungs- oder Schwellenländern. Bei genauer Betrachtung fällt auf, dass sich der chinesische Landerwerb insbesondere auf Südostasien (geographische Nähe) und Afrika konzentriert.

Trotz der großen Präsenz des Themas in Medien und politischen Debatten liegen nicht immer empirisch gesicherte Daten über den Umfang und die Konsequenzen der Landnahme vor. Landgrabbing mit belastbaren Zahlen zu hinterlegen, gestaltet sich oft als schwierig, denn die meisten Informationen stammen nicht aus wissenschaftlichen Untersuchungen, sondern stützen sich überwiegend auf Meldungen internationaler Medien oder von Organisationen vor Ort. Aus diesen Meldungen ist oftmals nicht zu erkennen, ob es sich um bereits unterzeichnete Verträge, um laufende Verhandlungen oder um Investitionsabsichten handelt. Demzufolge müssen die Zahlen stets kritisch betrachtet werden. Nach dem Strategiepapier des Bundesministeriums für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ) („Investitionen in Land und das Phänomen des Landgrabbing – Herausforderungen für die Entwicklungspolitik“) herrscht damit ein großes Maß an Intransparenz, an dem allerdings internationale Forschungs- und Entwicklungsorganisationen (z.B. Weltbank oder FAO) arbeiten und sich bemühen, diese Informationslücken zu schließen.

Beispiel China – Warum greifen Länder und Investoren nach Flächen in anderen Ländern?











M2 Agrarbilanz Chinas (Haack Weltatlas, S. 182.c)

Um die zweite Leitfrage zu beantworten, bietet sich ebenfalls China als anschauliches Beispiel an. In einer arbeitsteiligen Gruppenarbeit können sich die Schülerinnen und Schüler einmal mit der Bevölkerung und einmal mit der landwirtschaftlichen Fläche beschäftigen.

Schauen wir uns zuerst die Bevölkerungsentwicklung Chinas mithilfe der Haack-Grafik auf Seite 156.3 an. Deutlich ist zu erkennen, dass die Bevölkerung seit 1970 (etwa 820 Mio. Einwohner) stets gestiegen ist. Der Bevölkerungsanstieg hat sich zwar seit 1990 verlangsamt, trotzdem ist China mit etwa 1,38 Mrd. Einwohnern (2016) noch das bevölkerungsreichste Land der Erde. Daraus kann man ableiten, dass seit 1970 immer mehr Menschen ernährt werden mussten und müssen.

Die zweite Gruppe betrachtet sich unter Nutzung der Grafik 182.c bzw. M2 die Entwicklung der landwirtschaftlichen Fläche (grüne Linie). Erkenntnis: Seit 2000 nimmt diese leicht ab. Das liegt unter anderem am steigenden Lebensstandard und damit am Wohnbedarf der Chinesen (Siedlungszunahme) sowie an der zunehmenden Desertifikation, bei der jährlich über 2.500 km² Fläche verlorengeht. Demnach wird das Land für den Anbau von landwirtschaftlichen Produkten zur Versorgung der Bevölkerung knapp.

Dieses Problem zeigt sich auch an der Entwicklung der Agrarimporte und -exporte (rote und gelbe Linie in M2). Die Kurvenverläufe sollten im Idealfall ausgeglichen sein. Seit ca. 2003 drifteten diese allerdings immer weiter auseinander. Einerseits weist China steigende Agrarexporte auf (z.B. Apfelsaft, Tomaten, Spargel), doch andererseits steigen auch die Importe wesentlich stärker an (z.B. Viehfutter zur Produktion des stark ansteigenden Fleischbedarfs), was eine gewisse Abhängigkeit von anderen Staaten impliziert. Um dieser Abhängigkeit entgegenzuwirken bzw. diese etwas auszugleichen, setzt China unter anderem auf den Flächenkauf in anderen Ländern, z.B. Indonesien, Philippinen, Papua-Neuguinea, Sudan, Angola, Sambia, Uganda und sogar in Argentinien.

Aus der Sicht von China oder anderen Ländern, die international Flächen erwerben, könnte man folgende These aufstellen: Landgrabbing dient in erster Linie der direkten Nahrungsmittelversorgung des Nehmerlandes.











M3 Nutzung der internationalen Landkäufe
(Haack Weltatlas, S. 182.e)

Diese These gilt es, mittels Grafik 182.e bzw. M3 zu überprüfen. In erster Linie bestätigt die Grafik die bereits gewonnenen Erkenntnisse, dass Afrika mit 15,5 Mio. Hektar gefolgt von Asien mit 6,3 Mio. Hektar ein Schwerpunkt von Landgrabbing ist. Schaut man sich die Kreissegmente genauer an, führt dies zur weiteren Erkenntnis, dass in Afrika nur 13 Prozent und in Asien nur vier Prozent der Landkäufe für den direkten Anbau von Nahrungsmittelpflanzen genutzt werden. Ein Großteil der erworbenen Flächen wird demgegenüber für den Anbau von Viehfutter, Industrie- und Energiepflanzen oder sonstige Kulturpflanzen genutzt. Die Kreisdiagramme zeigen somit auf: Die „abgegrapschten“ Flächen werden nicht in erster Linie für den direkten Anbau von Nahrungsmittelpflanzen gebraucht, sondern eher indirekt (z.B. zur Produktion von Futterpflanzen) oder sogar sinnfremd zur Energiegewinnung verwendet, um die weltweite Nachfrage nach Biomasse zur energetischen Nutzung zu decken. Darüber hinaus sind auch neue Investitions- und Spekulationsmöglichkeiten von Investitionsfonds, die in Agrarflächen investieren, zu nennen, um mit sog. agro-industriellen Produkten Gewinne zu erwirtschaften (z.T. als Spekulationsobjekt). Demzufolge kann die aufgestellte These mit den vorliegenden Materialien nur bedingt bestätigt werden.

Auswirkungen von Landgrabbing auf Land und Leute

Im Sinne einer Themenerweiterung bietet sich noch die folgende Fragestellung an: Welche Auswirkungen hat Landgrabbing auf das jeweilige Land und die Menschen vor Ort?

Wie erwähnt, sind vor allem die ärmsten Entwicklungsländer in Afrika und Asien von großflächigen Landkäufen betroffen. Diese Länder zeichnen sich meistens durch Unterernährung, ländliche Armut oder durch ein niedriges Ertragsniveau in der Landwirtschaft aus. Hinzu kommen eine oft schlechte und korrupte Regierungsführung, gewalttätige Konflikte, eine schwache Justiz und häufige Defizite in der Bodenpolitik bzw. Landnutzungsplanung.

Chancen und Risiken großflächiger Landnahme werden im Allgemeinen kontrovers diskutiert. Es müssen stets Pro und Kontra in die Betrachtung einbezogen werden. Auf der einen Seite bieten landwirtschaftliche Investitionen enorme Chancen für Entwicklungsländer, aber nur wenn grundlegende wirtschaftliche, soziale, rechtliche und ökologische Prinzipien befolgt werden. Positive Effekte solcher Investitionen wären beispielsweise die Verbesserung der Arbeitsverhältnisse, ein erleichterter Marktzugang zum Verkauf der eigenen Produkte, eine bessere Infrastruktur oder die Produktions- und Einkommenssteigerung, die zur Verbesserung der Ernährungssituation und des Lebensstandards führen könnten. Dem stehen oft aber Korruption, die Missachtung von Landrechten, Vertreibung der Bevölkerung oder Belastung der Umwelt gegenüber.

Das Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung verurteilt den verantwortungslosen und rein spekulativen Landkauf. Es vertritt die Position der deutschen Entwicklungspolitik und setzt sich dafür ein, dass zumindest landwirtschaftliche Investitionen aus Deutschland einen dauerhaften Nutzen für die Zielländer und die betroffene Bevölkerung haben.

Landhandel in Äthiopien


M4 Landhandel in Äthiopien (Haack Weltatlas, S. 182.b)

Ein anschauliches Beispiel für Landgrabbing im eigenen Land ist Äthiopien, siehe Karte 182.b im Haack Weltatlas bzw. in M4 des vorliegenden Textes. Die Karte zeigt die Ist-Situation aus dem Jahr 2014. Es sind unter anderem Investment-Agrarprojekte teils in Nutzung oder in Planung dargestellt. Schwerpunkte der Investoren sind insbesondere das Omo-Tal und die Region um Gambella im Südwesten Äthiopiens. In den letzten Jahren wurden dort etwa 50.000 bzw. 70.000 Menschen vertrieben oder zwangsumgesiedelt. Das von ihnen über Jahrzehnte landwirtschaftlich genutzte Land, das zum größten Teil durch die Bauern nur gepachtet war, wurde durch die äthiopische Regierung an Großinvestoren weiter verpachtet oder verkauft und stand so den einheimischen Bauern nicht mehr zur Verfügung.

Äthiopien gehört zu den ärmsten Ländern der Erde. Der HDI ist mit einem Wert von 0,448 sehr niedrig (vgl. Atlaskarte 254.1). Die staatlichen Einnahmen stammen meistens von ausländischen Investoren, die wie beschrieben Land pachten/kaufen, um dort landwirtschaftliche Produkte für den Export anzubauen. Eigentlich könnte sich das Land problemlos selber ernähren, wenn man sich z.B. das Potential des Regenfeldbaus betrachtet. Tatsächlich gelten aber etwa 40 Prozent der Bevölkerung als unterernährt (vgl. Atlaskarte 244.1 „Ernährung“). Der äthiopische Landhandel sowie die momentan anhaltende Dürre tragen noch zusätzlich zur Verschlechterung der Ernährungssituation der Menschen bei.

Schlussbetrachtung

Sicherlich lässt sich mit einem Atlas das komplexe und umfangreiche Thema „Landgrabbing“ nicht im Detail analysieren. Es sind viele Zusatz- und Hintergrundinformationen notwendig, aber im vorliegenden Unterrichtskonzept konnte gezeigt werden, dass mit dem Haack Weltatlas ein logischer, gut strukturierter und interessanter Unterricht möglich ist. Ein moderner Schulatlas ist demzufolge nicht nur zur Verortung einsetzbar. Mittels thematisch gut strukturierter Karten und Grafiken lassen sich ohne große Mühe vernetzte Unterrichtsreihen aufbauen. Darüber hinaus werden das Problembewusstsein und das kritische Hinterfragen eines Themas gefördert.



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Herbert Straßburger, Wenden schrieb am 08.02.2018

Ausführliche Informationen zum Thema "Landgrabbing" finden sich im Buch von Fred Pearce "Landgrabbing - Der globale Kampf um Grund und Boden", München 2012, 397 S.