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Infoblatt Nachhaltige Entwicklung


M1 "Es ist genug für alle da!" (Steffen Butz, Karlsruhe)

Eine Entwicklungsstrategie für heute und morgen

Was ist nachhaltige Entwicklung?

Unter „nachhaltiger Entwicklung“ wird eine Entwicklungsstrategie verstanden, mit der die Lebens- und Wirtschaftsweise der heutigen Generation in Einklang mit den naturräumlich-ökologischen Rahmenbedingungen gebracht wird, um die Funktions- und Regenerationsfähigkeit des Systems Erde zu erhalten und so auch künftigen Generationen die Möglichkeiten für eine eigene Entwicklung zu bieten.

Die Entwicklung des Begriffs

In der hier verwendeten  Bedeutung ist der Begriff „nachhaltend“ erstmals in einer forstwirtschaftlichen Schrift aus dem Jahr 1713 nachgewiesen, verfasst vom sächsischen Oberberghauptmann Hans Carl von Carlowitz. Dieser war von Amts wegen auch für die Holzversorgung der Berg- und Hüttenwerke im Erzgebirge zuständig. Holz wurde damals nicht nur für den Ausbau der Bergwerksstollen und für die Konstruktion von Entwässerungsanlagen verwendet, sondern auch in großen Mengen in der Erzverhüttung eingesetzt. Carlowitz erkannte, dass der immense Holzverbrauch bereits zu einer großflächigen Entwaldung des Erzgebirges geführt hatte und der Bedarf an Holz in der Zukunft nicht mehr gedeckt werden könnte. Er kam zu dem Ergebnis, dass eine „nachhaltende“ Forstwirtschaft so organisiert werden muss, dass in einer bestimmten Zeit immer nur so viel Holz eingeschlagen werden durfte, wie in der gleichen Zeit nachwachsen kann.

Der Club of Rome führte der Weltöffentlichkeit im Jahr 1972 mit seiner Schrift „Die Grenzen des Wachstums“ erstmals die Endlichkeit der Ressourcen unseres Planeten vor Augen. Infolge der dadurch angestoßenen gesellschaftlichen Debatte erfuhr der Begriff Nachhaltigkeit seit den 1980er- Jahren eine Renaissance und wurde zunehmend auf alle Bereiche des gesellschaftlichen Lebens übertragen. Auf der UN-Konferenz über Umwelt und Entwicklung in Rio de Janeiro 1992 wurde dann festgelegt, dass das Nachhaltigkeitsprinzip als Handlungsmaxime für die Weltgesellschaft im 21. Jahrhundert Geltung erlangen solle. Im Jahr 2015 hat die Vollversammlung der Vereinten Nationen die Agenda 2030 beschlossen, die 17 Ziele für nachhaltige Entwicklung (sustainable development goals) als Messlatte für alle Staaten der Erde bis zum Jahr 2030 ausweist.

Modelle zum Nachhaltigkeitsprinzip


M2 Modelle zum Nachhaltigkeitsprinzip (Klett, ergänzt nach Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung: Foliensatz zur Entwicklungspolitik. Bonn o. J.)

Modelle dienen dazu, komplexe Zusammenhänge in vereinfachter Form darzustellen und somit nachvollziehbar zu machen. In den vergangenen Jahrzehnten wurden mehrere Modelle zur Nachhaltigkeit mit dem Ziel entwickelt, nachhaltige Entwicklungsprozesse in Gang zu setzen und eine anschauliche Grundlage für Umsetzungsstrategien und Planungen bereitzustellen. Mit dem Nachhaltigkeitsdreieck, dem Nachhaltigkeitsviereck und dem Leitplankenmodell der Nachhaltigkeit sollen die wichtigsten hier vorgestellt werden.

Nachhaltigkeitsdreieck:
Das Nachhaltigkeitsdreieck, dessen Ecken die Dimensionen Ökologie, Ökonomie und Soziales bilden, ist seit den 1990er-Jahren fester Bestandteil der öffentlichen Diskussion. Mit dem Modell soll gezeigt werden, dass ökonomische, soziale und ökologische Belange immer in Einklang zueinander gebracht werden müssen, um nachhaltiges Handeln zu ermöglichen. Dieser Grundsatz soll sich aber nicht nur auf die aktuellen Lebensbedingungen beziehen, sondern auch künftige Generationen mit einschließen, weshalb immer auch die Dimension Zeit zu berücksichtigen ist.

Nachhaltigkeitsviereck:
Dieses Modell stellt eine Weiterentwicklung des Nachhaltigkeitsdreiecks dar. Im Kontext der entwicklungspolitischen Diskussion stellte sich heraus, dass auch die Sphäre der Kultur im Rahmen nachhaltiger Entwicklung berücksichtigt werden muss und dass die Politik, v.a. im Sinne einer guten Regierungsführung, eine wichtige Rolle bei der Gestaltung nachhaltigen Handelns einnimmt.

Leitplankenmodell:
Die Befürworter des Modells gehen von der Annahme aus, dass die Dimensionen Ökologie, Ökonomie und Soziales im Nachhaltigkeitsdreieck bzw. Umwelt, Politik, Wirtschaft, Soziales und Kultur im Nachhaltigkeitsviereck nicht gleichrangig nebeneinanderstehen, sondern die Tragfähigkeit der Ökosysteme auf der einen Seite und die Einhaltung der universalen Menschenrechte auf der anderen Seite die Grenzen (Leitplanken) eines Korridors bilden, in dem wirtschaftliches und soziales Handeln stattfinden darf. Werden die Grenzen überschritten, droht der Zusammenbruch des Systems.

Kann man nachhaltige Entwicklung messen?

Damit überprüft werden kann, ob die nachhaltige Entwicklung einer Gesellschaft gelingt oder nicht, ist es notwendig, geeignete Methoden zu entwickeln, um die Nachhaltigkeit messbar zu machen. Nur auf einer objektiven Grundlage kann das nachhaltige Handeln beurteilt werden. Vor diesem Hintergrund wurden seit Mitte der 1990er-Jahre verschiedene Vorschläge unterbreitet, wie nachhaltige Entwicklung gemessen werden könnte. Vier bedeutende Vorschläge sollen hier vorgestellt werden.

  • Ökologischer Rucksack:
    Das Konzept des ökologischen Rucksacks gibt Auskunft darüber, welche Eingriffe in die Natur erforderlich sind, um bestimmte Güter und Dienstleistungen bereitzustellen. Es steht gewissermaßen für die im Rahmen der Erstellung, der Nutzung und der Entsorgung eines Produktes oder einer Dienstleistung aufgewendete Masse bewegter Natur. Beispielsweise werden für einen wenige Gramm schweren Ehering aus Gold Tonnen an goldhaltigem Gestein bewegt, weitere Stoffe im Verarbeitungsprozess eingesetzt sowie Erdöl oder Kohle als Energieträger für Gewinnung, Verarbeitung und Transport verbrannt.
  • Ökologischer Fußabdruck:
    Der ökologische Fußabdruck steht für die unter heutigen Produktionsbedingungen von einem Menschen durchschnittlich benötigte Fläche, unter der Annahme eines bestimmten Lebensstils und Lebensstandards. Darunter fallen beispielsweise alle Flächen, die der Erzeugung der benötigten Energie, zum Wohnen, zur Herstellung der Güter, zur Entsorgung des Mülls oder zum Binden des durch den Menschen freigesetzten Kohlenstoffdioxids dienen. Da die verfügbare Fläche der Erde begrenzt ist, die Weltbevölkerung aber zunimmt, nimmt dieser Wert kontinuierlich ab und beträgt derzeit 1,8 globale Hektar (gha), die rechnerisch jedem Menschen weltweit zur Verfügung stehen. Liegt unser individueller oder kollektiver Wert höher, dann übernutzen wir das System Erde.
  • Earth Overshoot Day:
    Von einem festen Geldbetrag kann man Zinsen erwirtschaften und von diesen leben – vorausgesetzt, man reduziert nicht das Stammkapital. Vergleichbar basiert das Konzept des Earth Overshoot Day (Welterschöpfungstag) auf der Überlegung, dass sich das System Erde binnen eines Jahres vollständig regenerieren und entsprechend Ressourcen zur Nutzung bereitstellen kann – vorausgesetzt, die Eingriffe des Menschen in das System überschreiten nicht dessen Regenerationsfähigkeit. Der Earth Overshoot Day gibt den Tag im Laufe eines Jahres an, bis zu dem die Regenerationsfähigkeit des Systems Erde den Ressourcenverbrauch durch die Menschen kompensieren kann. 1987 war dieser Tag der 19. Dezember. Schon damals also konnte das System Erde den menschlichen Ressourcenbedarf nicht mehr allein aus der Regeneration bestreiten, sondern es musste die Substanz des Systems Erde angegriffen werden. Im übertragenen Sinne also ging es an das Stammkapital. Dies wiederum führt zwangsläufig zu einer reduzierten Regenerationsfähigkeit. Durch die ständige Übernutzung des Systems Erde verschiebt sich der Earth Overshoot Day immer weiter nach vorn. Im Jahr 2000 fiel der Tag auf den 1. November und im Jahr 2017 bereits auf den 2. August.
  • HDI und ökologischer Fußabdruck:
    Dieses Verfahren zur Messung von Nachhaltigkeit versucht im Sinne der gängigen Nachhaltigkeitsmodelle, die vorwiegend einseitig ökologisch orientierten Ansätze um die ökonomische und soziale Dimension des Nachhaltigkeitsgedankens zu erweitern. Dazu werden für einzelne Länder die Daten des Human Development Index (berechnet aus Daten zum Bruttoinlandsprodukt pro Kopf (kaufkraftbereinigt), zur durchschnittlichen Lebenserwartung sowie zur durchschnittlichen Dauer der Beschulung) mit denen des ökologischen Fußabdrucks kombiniert. Nachhaltigkeit ist nach diesem Konzept dann gegeben, wenn der durchschnittliche ökologische Fußabdruck einer Gesellschaft unter einem Grenzwert von 1,8 gha pro Person liegt und gleichzeitig ein HDI-Wert von mindestens 0,8 erreicht wird. Der Grenzwert des ökologischen Fußabdrucks nimmt bei gleichbleibender Fläche und zunehmender Weltbevölkerung ab. Der Grenzwert des HDI wurde so festgelegt, dass ein HDI-Wert von mehr als 0,8 einen hohen und damit anzustrebenden Entwicklungsstand signalisiert. Vor dem Hintergrund dieser Definition von Nachhaltigkeit wird deutlich, dass nachhaltige Entwicklung für die Gruppe der Entwicklungsländer vor allem die Steigerung ihres HDI-Wertes bedeutet, während sie für die Gruppe der hochentwickelten, wohlhabenden Gesellschaften auf die Absenkung ihres ökologischen Fußabdrucks zielt.

Strategien nachhaltiger Entwicklung


M3 Nachhaltigkeitsstrategien (Klett)

Wie gelangt man zu einer nachhaltigen Entwicklung? Hierzu wurden in den letzten Jahrzehnten eine Vielzahl von Konzepten entwickelt und Vorschläge unterbreitet, die sich im Kern auf drei, sich gegenseitig ergänzende Grundtypen reduzieren lassen: die Effizienzstrategie, die Suffizienzstrategie und die Konsistenzstrategie.

Die Effizienzstrategie hat zum Ziel, die dem Wirtschaftskreislauf zugeführten Ressourcen möglichst effektiv zu nutzen. Dies soll vor allem durch technische Innovationen, optimierte Abläufe und verlängerte Produktlebenszyklen erreicht werden (z. B. Verfahren zur Wärmedämmung, optimierte Auslastung der Infrastruktur). Dabei soll auch weiterhin ein Wachstum der Wirtschaftsleistung möglich sein, aber möglichst ohne zusätzliche Ressourcen zu verbrauchen. Der Vorteil dieser Strategie ist, dass sie weitgehend kompatibel zu den etablierten ökonomischen und gesellschaftlichen Verhältnissen ist. Ressourceneffizienz kann für die Unternehmen und Verbraucher auch in wirtschaftlicher Hinsicht vorteilhaft sein, weil so Kosten eingespart werden können.

Allerdings wird es im fortschreitenden Optimierungsprozess immer schwieriger und aufwendiger, weitere Effizienzgewinne zu erzielen. Insofern sind die Möglichkeiten dieser Strategie begrenzt und in Anbetracht der weiter wachsenden Weltbevölkerung wäre die alleinige Anwendung dieser Strategie wohl unzureichend. Weiterhin besteht die Gefahr, dass Kosteneinsparungen durch effiziente Nutzungen für weiteren Konsum eingesetzt werden, was dem Nachhaltigkeitsgedanken zuwiderlaufen würde.

Die Suffizienzstrategie zielt darauf ab, Nachhaltigkeit durch eine Optimierung der Lebensführung der Menschen, d.h. durch die Einschränkung des ressourcenverschwendenden Konsums zu erreichen. Wohlstand im Sinne von Suffizienz meint daher nicht nur die Verfügbarkeit materieller Güter, sondern vor allem einen intakten sozialen Lebensraum. Da dies einen Bruch mit dem vorherrschenden Wohlstandsmodell zur Folge hat und den Gewohnheiten vieler Menschen zuwiderläuft, lässt sich Suffizienz nur durch einen grundlegenden kulturellen Wandel erreichen, was letztlich viel Zeit und Anstrengung, v.a. auf politischer Ebene erfordert.

Die Konsistenzstrategie möchte die Stoffumsätze menschlichen Wirtschaftens kompatibel zu den Stoffumsätzen in der Natur machen. Im Wirtschaftskreislauf sollen nur solche Stoffe eingesetzt werden, die in der Natur verwertet werden können oder die recyclingfähig sind und daher im Wirtschaftskreislauf weiterverwertet werden können. Beispiele wären Autoreifen, die aus Materialien hergestellt werden, deren Abrieb bedenkenlos biologisch abgebaut und als Pflanzennährstoff verwendet werden kann, oder die ständige Wiederverwendung von Kunststoffen.

Allerdings ist auch die Konsistenzstrategie nicht unumstritten. So ist es in vielen Fällen extrem aufwendig bzw. unter wirtschaftlichen Gesichtspunkten unmöglich, entsprechende natürlich abbaubare oder recyclingfähige Materialien herzustellen. Auch wird von Kritikern eingewandt, dass das Bewusstsein, ein biologisch abbaubares oder recycelbares Produkt zu konsumieren, einige Verbraucher zu einem verschwenderischen Umgang mit den Produkten animieren könnte.

Diese drei Nachhaltigkeitsstrategien sollen nicht dogmatisch gesehen werden, sondern lassen sich in der praktischen Anwendung vielfältig kombinieren, je nach Anwendungsfeld und vorherrschenden Bedingungen mit unterschiedlichen Schwerpunkten. Entscheidend ist letztlich, inwiefern sich die jeweiligen Instrumente als geeignet erweisen, nachhaltige Entwicklungsprozesse anzustoßen und am Laufen zu halten.


Im Kontext:
Beitrag des Geographieunterrichts zur Bildung für nachhaltige Entwicklung (BNE)



Quellenangaben:
Carlowitz, Hans Carl von: Sylvicultura oeconomica. Anweisung zur wilden Baum-Zucht. Braun: Leipzig 1713, Reprint der Erstauflage, Kessel: Remagen 2012
Global Footprint Network: Earth Overshoot Day, auf www.overshootday.org, Okt. 2016
Global Footprint Network: Ecological Wealth of Nations, auf www.footprintnetwork.org/content/documents/ecological_footprint_nations/, Jun. 2017
Grober, Ulrich: Die Entdeckung der Nachhaltigkeit. Kulturgeschichte eines Begriffes. München: Kunstmann 2010
Grober, Ulrich: Der leise Atem der Zukunft. Vom Aufstieg nachhaltiger Werte in Zeiten der Krise. München: Oekom 2016
Grunwald, Armin: Nachhaltigkeit verstehen. Arbeiten an der Bedeutung nachhaltiger Entwicklung. München: Oekom 2016
Hoffmann, Thomas: Bildung für nachhaltige Entwicklung. In: KlettMagazin TERRASSE, Ausg. 1. Hj. 2010, S. 4
Hoffmann, Thomas: TERRA Globale Herausforderungen: Die Zukunft die wir wollen. Stuttgart: Ernst Klett Verlag 2017
Hoffmann, Thomas u. a.: Unterrichtsbeispiel „Moderne Produktionskonzepte und nachhaltige Entwicklung“, auf https://lehrerfortbildung-bw.de/u_gewi/geographie/gym/bp2004/fb1/aufg/bsp/dst2/nachprinz/, Jan. 2018
Huber, Josef: Konsistenz – schlüssig für Nachhaltigkeit. In: Jahrbuch Ökologie 2014. Stuttgart: S. Hirzel 2013, S. 55 – 63
Linz, Manfred: Suffizienz – unentbehrlich für Nachhaltigkeit. In: Jahrbuch Ökologie 2014. Stuttgart: S. Hirzel 2013, S. 44 – 54
Meadows, Dennis: Die Grenzen des Wachstums. Stuttgart: Deutsche Verlagsanstalt 1972
Sachs, Jeffrey: The age of sustainable development. New York: Columbia University Press 2015
Wackernagel, Mathis, u. Bert Beyers: Footprint. Die Welt neu vermessen. Hamburg: Evangelische Verlagsanstalt 2016
Weizsäcker, Ernst Ulrich von: Effizienz – erforderlich für Nachhaltigkeit In: Jahrbuch Ökologie 2014. Stuttgart: S. Hirzel 2013, S. 64 – 70
Wissenschaftlicher Beirat der Bundesregierung Globale Umweltveränderungen (WBGU) (Hrsg.): Welt im Wandel: Gesellschaftsvertrag für eine Große Transformation. Berlin: Eigenverlag WBGU 2011


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