Suche im TERRASSE-Archiv:

Infoblatt Soziale Gerechtigkeit


M1 Reich vs. Arm (shutterstock.com, Artisticco, New York)

Am 20. Februar ist „Welttag der Sozialen Gerechtigkeit“. Die UNO hat diesen Aktionstag 2009 eingeführt. Er soll an das Leitbild der sozialen Gerechtigkeit in den Gesellschaften dieser Erde erinnern. In Deutschland leitet sich der Sozialstaatsgedanke aus Artikel 20, Absatz 1 Grundgesetz ab, wonach die Bundesrepublik „ein demokratischer und sozialer Bundesstaat“ ist.
Doch was heißt eigentlich „sozial“? Und was meint soziale Gerechtigkeit bzw. Ungerechtigkeit?

Sozial ist …

Der Begriff „sozial“ durchzieht unsere gesamte Gesellschaft. Wir leben in einer „Sozialen Marktwirtschaft“ mit einer umfangreichen „Sozialgesetzgebung“, etliche „soziale“ Parteien gestalten seit Jahrzehnten diese Republik. Alle Parteien formulieren in ihren Programmen weitreichende „soziale Grundsätze“. Politisch und gesellschaftlich ist unbestritten: „Sozial“  ist gut, „sozial“ ist unverzichtbar, „sozial“ ist überall.

Mit dieser Feststellung ist jedoch noch nichts gewonnen, denn jede Nutzung des Begriffs ist in ihrem Ideologierahmen anders definiert; die Unterschiedlichkeiten erzeugen einen politischen Begriffsflickenteppich, in dem der Betrachter schnell den Überblick verliert. Was „sozial“ ist, liegt im Auge des Betrachters. Der Begriff ist hochgradig vielschichtig, ein Blick auf Übersetzungsversuche des ursprünglich lateinischen Wortes schafft sehr schnell (Un)Klarheit.

Schrieb Gaius Julius Caesar in seinen Kriegsmemoiren von seinen ‚Socii‘, dann meinte er damit möglicherweise Verbündete und Kameraden, die ihm halfen, Feinde auszuschalten; vielleicht bezog er sich aber auch auf Geschäftspartner im Sklavenhandel oder er hatte seine Lebensgefährtin im Blick. Der ‚socius sanguinis‘ war für ihn sogar der eigene Bruder.
Entsprechend fallen die Deutungen für die Übersetzungen des Adjektivs „socialis“ (sozial) aus, ebenso wie für das Nomen „Societas“ (wie in „Sozietät“, engl. society). Das Wort „sozial“ lässt an Vielschichtigkeit nichts zu wünschen übrig.

Dementsprechend schwierig gestaltet sich die Suche nach der Bedeutung des deutschen Lehnwortes „sozial“. Welche Blüten dieser Begriff mittlerweile getrieben hat, zeigen die „sozialen Netzwerke“, in denen es oftmals ausgesprochen „unsozial“ zugeht – wobei diese Bezeichnung ebenfalls zu präzisieren wäre.
Tatsächlich hat das Wort „sozial“ viele Bedeutungen:

  • gesellschaftlich,
  • gemeinnützig,
  • hilfsbereit,
  • barmherzig,
  • großmütig,
  • leutselig,
  • ritterlich,
  • höflich,
  • taktvoll,
  • verantwortungsbewusst,
  • einfühlungsfähig,
  • für andere Interesse zeigend,
  • die Gesellschaft betreffend,
  • zu ihr gehörig und ihr dienend sein,
  • sich wohltätig verhaltend,

– ganz allgemein: das menschliche Miteinander betreffend.

Viele Berufe tragen das Soziale schon im Namen, z. B. Sozialpädagoge, Sozialarbeiter. Andere haben einen starken sozialen Bezug, nicht aber den Begriff „sozial“ im Namen: Hebamme, Erzieher/in, Alten- und Krankenpfleger/in, Rettungssanitäter/in, Arzt und Ärztin, Therapeut/in u.v.m. Es gibt die „Sozialpolitik“, Deutschland ist ein „sozialer Bundesstaat“, das „Sozialprodukt“ bestimmt weitgehend unsere materielle Lebensqualität. Seit einiger Zeit ist der „soziale Wohnungsbau“ wieder verstärkt im Gespräch.

Die Allgegenwärtigkeit des Begriffs „sozial“ ist ein Problem: Man verliert vor lauter Sozialem den Durchblick. Trotzdem ist „sozial“ eines der Schlüsselwörter in den Wahlkämpfen und Diskussionen der Republik.

Ist Deutschland ein Land mit zu viel sozialer Ungerechtigkeit?
Wenn der Begriff des „Sozialen“ schwer abzugrenzen ist, muss es sich mit seinem Gegenteil, dem Unsozialen, ebenso verhalten. Die angebotenen Definitionen bezeichnen „unsozial“ vor allem als

  • nicht gewillt, in einer Gemeinschaft zu leben und sich gemeinschaftsfördernd zu verhalten oder
  • als gemeinschaftsfeindlich/gesellschaftsfeindlich.

Ab einem bestimmten Punkt rückt die betreffende Person ins „Asoziale“, wobei sie die Gesellschaft schädigt. Ein solches Verhalten muss deshalb nicht strafbar sein, sondern kann etwa darin bestehen, sich bietende Lücken im Steuerrecht gnadenlos für die eigenen Zwecke auszunutzen – zum Schaden der Allgemeinheit. In der Umgangssprache wird „asozial“ allerdings häufig benutzt, um Menschen abzuqualifizieren, z. B. Alkoholiker, Obdachlose und Bettler, also Randgruppen, die nicht den gesellschaftlichen Konventionen folgen.

Theorien über Gerechtigkeit


M2 Lohngerechtigkeit (Klett)

Gerechtigkeit als Gegenstand von Gerechtigkeitstheorien der Philosophie, Politologie, Volkswirtschaft, Soziologie und Ethik ist schon sehr alt. Solche Gerechtigkeitstheorien haben normativen Charakter, d. h., sie setzen eine bestimmte Norm für Gerechtigkeit voraus. Unter den Vertretern des Normativen finden sich bekannte Namen: Aristoteles, Platon, Cicero, Thomas von Aquin, Luther, Kant, Marx und viele andere. Ihre Aussagen sind jeweils bedeutsam, aber für das Gerechtigkeitsempfinden der meisten Menschen im Alltag nicht maßgebend.

Um herauszufinden, was in einer Gesellschaft als gerecht oder ungerecht empfunden wird, muss Forschung stattfinden – der empirische Weg. Empirie (griech. εμπειρία/empeiría = Erfahrung, Erfahrungswissen) forscht systematisch und methodisch nach Daten zu einer Fragestellung, aus denen Rückschlüsse gezogen und allgemeingültige Aussagen gemacht werden. Empirische Aussagen zur Gerechtigkeit sind demnach aus den Ergebnissen der Gerechtigkeitsforschung abgeleitet. Sie zeichnen ein reales Bild des derzeitigen Gerechtigkeitsempfindens, aber auch vom Wandel des Verständnisses von (Un)Gerechtigkeit.

Bei der Frage nach sozialer Gerechtigkeit geht es nicht nur darum, wie Güter verteilt werden (Einkommen, Besitz). Eine wichtige Rolle spielt auch der Aspekt der Lastenverteilung (Steuern, Sozialabgaben). In einer (parlamentarischen) Demokratie entscheidet der Staat in Form der Legislative und Exekutive über das Ausmaß des Nehmens und Gebens. Bei diesen Entscheidungen übt der Staat in all seinen Erscheinungsformen Herrschaft aus: Er bestimmt, welche Einschränkungen oder Leistungen den einzelnen Bürger treffen. Die Empirie lehrt, dass nicht Ungleichheit als solche als ungerecht wahrgenommen wird. Erst wenn die Ungleichheit durch gewolltes staatliches Handeln oder Unterlassen verursacht wird und dafür keine zufriedenstellende Begründung gegeben wird, entsteht der Eindruck von sozialer Ungerechtigkeit. Es geht also um die Forderung nach Unparteilichkeit des Staates gegenüber allen Bürgern und die Vermeidung von Privilegien für bestimmte Personengruppen. Dazu zählen nicht nur Einkommens- und Besitzfragen, sondern ebenso Chancengleichheit vor allem im Bildungsbereich und in der Frage nach gesellschaftlicher Teilhabe.

Viele staatliche Regelungen verstoßen mindestens gegen eines der folgenden vier Prinzipien, die – laut Empirie – für soziale Gerechtigkeit auf gesellschaftlicher Ebene als Maßstab verwendet werden (können):

  • Das Gleichheitsprinzip fordert gleiche Rechte und Pflichten/Lasten für jeden Bürger. In den westlichen Gesellschaften bezieht sich dieses Prinzip vor allem auf die gleichen Chancen, etwa in der Bildung. Was der Einzelne daraus macht, ist dann seine Sache. Nicht das Ergebnis (Lohn, Besitz) ist Gegenstand der Gleichheit, sondern das gesellschaftliche Startkapital.
  • Das Leistungsprinzip will individuelle Leistung entsprechend belohnen; wer viel leistet, bekommt viel. Das Problem: Wie beurteilt man Leistung? Und wer beurteilt sie?
  • Das Anrechtsprinzip sichert bestimmte, festgeschriebene Leistungen, die der Einzelne aus der Vergangenheit erworben hat. Hier sind die Kriterien festzuzurren, in welcher Höhe für die Betroffenen Anrechte erwerbbar sind. So werden in der gesetzlichen Rentenversicherung Ansprüche für die Zeit nach der Verrentung erworben. Fallen diese dann hinter das angemessene Maß zurück, wird dieses Gerechtigkeitsprinzip verletzt. Es entsteht soziale Ungerechtigkeit. Genau mit diesem Problem kämpft derzeit die gesetzliche Rentenversicherung, denn das Anspruchsniveau sinkt seit geraumer Zeit, während die zu erbringende Leistung (Lebensarbeitszeit/Beiträge) steigt.
  • Das Bedarfsprinzip sieht die existenzielle Versorgung auf „angemessenem“ Niveau für jeden Menschen in Notlagen vor. Zu klären ist, welche Ansprüche dem Einzelnen in einer Notlage zustehen und welche Voraussetzungen dafür zu erfüllen sind. Ist die Notlage selbst – vermeidbar – herbeigeführt worden, hat das Bedarfsprinzip geringes Gewicht.

Individueller Rahmen von sozialer Gerechtigkeit


M3

Ist die gesellschaftliche Schaffung von Gerechtigkeit schon durch die verschiedenen Ebenen der Gerechtigkeit schwierig, so spielen im individuellen Leben weitere Faktoren eine Rolle dafür, ob der Bürger sich gerecht oder ungerecht behandelt fühlt. Die Fragen, wie Güter und Lasten verteilt werden und wie der Einzelne von den staatlichen Institutionen behandelt wird, sind dabei entscheidende Einflussgrößen. Für das Individuum entscheidet sich soziale Gerechtigkeit konkret (vor dem Hintergrund der genannten Prinzipien) an der

  • Tauschgerechtigkeit: Werden seine Leistungen angemessen ausgeglichen (Lohn, Anerkennung, Beachtung);
  • Verteilungsgerechtigkeit: Wird der Einzelne angemessen bei der Verteilung von Gütern berücksichtigt?
  • Verfahrensgerechtigkeit: Geht es bei Entscheidungen fair zu? Dazu gehört auch die Interaktionsgerechtigkeit, also die Frage, ob bei persönlichen Beziehungen die Grundsätze der Gleichbehandlung eingehalten werden, ob es Mitsprachemöglichkeiten gibt und ob Entscheidungsprozesse durchsichtig und nachvollziehbar sind.

Wenn diese Voraussetzungen gegeben sind, werden im Allgemeinen auch für den Einzelnen nachteilige Ergebnisse von Entscheidungen akzeptiert.

In konkreten Lebenssituationen spielen die oben genannten Kriterien eine sehr wichtige Rolle bei der Einschätzung in Punkto Gerechtigkeit. Allerdings sind diese Prinzipien differenziert zu betrachten, denn sie werden abhängig von ihren Zielen angewandt. Zu unterscheiden sind die institutionellen und die individuellen Ziele; zudem spielt die Art der sozialen Beziehungen eine wichtige Rolle: Im Bereich der Institutionen – Ökonomie, Politik, Gesundheitswesen, Sport, Bildung usw. – gelten jeweils spezifische Gerechtigkeitsprinzipien. So wird in der Ökonomie eher das Leistungs-, im Gesundheitswesen das Bedarfs- und im Familienbereich eher das Gleichheits- und Bedarfsprinzip angewendet, wenn es um die Frage nach der Gerechtigkeit geht.

Dazu kommen die individuellen Ziele: Je nach Situation bevorzugen Individuen unterschiedliche Gerechtigkeitsprinzipien, in der Regel unter dem Betrachtungswinkel des eigenen Vorteils. Menschen mit hohem Einkommen neigen beispielsweise eher zur Betrachtung durch die Lupe des Leistungsprinzips als Menschen mit geringem Einkommen, die sich stärker am Gleichheits- oder/und Bedarfsprinzip orientieren.

Diese individuellen Präferenzen sind jedoch nicht nur den persönlichen Vorteilsinteressen geschuldet, sondern auch der Sozialisation und damit dem gesellschaftlichen Umfeld. So spielt in Gesellschaften ohne ausgeprägtes Sozial- bzw. Wohlfahrtssystem das Leistungsprinzip eine deutlich größere Rolle. In den USA etwa gilt – auch bei Menschen mit geringem Einkommen und ungünstigen Lebensbedingungen – stärker das Leistungsprinzip als in den europäischen Staaten mit ausgeprägten Transfersystemen. Dort werden Unterschiede bei Einkommen und Besitz eher als gerecht akzeptiert als z. B. in Deutschland.

Gesellschaftlich-kulturelle Einflüsse

Interessant in diesem Zusammenhang sind die Erkenntnisse von Alan P. Fiske (US-amerikanischer Professor der Anthropologie an der University of California, Los Angeles;  bekannt für seine Studien der Natur der menschlichen Beziehungen und der Wirkungen unterschiedlich-kultureller Gesellschaften). Er geht davon aus, dass soziales Zusammen-leben an verschiedenen Modellen orientiert ist. Gesellschaften, die in sich geschlossen sind, sich durch enge und dauerhafte Beziehungen auszeichnen und deren Mitglieder eine gemeinsame Identität (Herkunft/Kultur) teilen, orientierten sich stark am Bedarfsprinzip: Jeder erhält soviel, wie er braucht.

In hierarchisch organisierten Gesellschaften gilt dagegen eher das Anrechtsprinzip: Überordnung berechtigt zu höheren Ansprüchen. Jeder erhält das, was ihm aufgrund seiner Stellung zusteht. So wurde in den Ständegesellschaften des europäischen Mittelalters der Anspruch des Adels und des Klerus weitgehend als gerechtfertigt akzeptiert, auch von untergeordneten Bevölkerungsgruppen.
Sind Gesellschaften nicht-hierarchisch geprägt, etwa in Form von Genossenschaften, betrachten die Mitglieder einander als gleichberechtigt und empfinden das Gleichheitsprinzip als gerecht.
Kurzfristige Beziehungen unter Menschen, die sich fremd sind, haben in aller Regel mit Marktsituationen zu tun. Der Handel bzw. Austausch von Waren und Dienstleistungen unterliegt dann dem Leistungsprinzip, da die Beteiligten jeweils den eigenen Vorteil suchen und dieses Prinzip durchaus als gerecht empfinden. Solidarität spielt in diesen Konstellationen keine Rolle. Grenzen sind dabei nur durch die Ablehnung von Ausbeutung, Betrug oder Unlauterkeit gesetzt.

Gerechtigkeitstheorien, die empirische Gerechtigkeitsforschung mit ihren Erkenntnissen und das individuelle Gerechtigkeitsempfinden der Menschen jenseits aller theoretischen und empirischen Befunde – das alles macht noch nicht die ganze Komplexität der sozialen Gerechtigkeit aus. Es existieren daneben viele verschiedene Gerechtigkeitsfelder und für jedes gelten gesonderte Gerechtigkeitskriterien. Gerechtigkeit – und damit Ungerechtigkeit als Verstoß gegen Gerechtigkeit – findet sich in Bereichen der Gleichberechtigung verschiedener Gruppen und Geschlechter, beim Ausgleich politischer Interessen, in der Gesetzgebung, Rechtsprechung und beim Strafvollzug (juristische G.), bei der Friedenssicherung und dem Schutz von Minderheiten, der Generationengerechtigkeit (etwa durch begrenzte Staatsverschuldung und Erhaltung der Umwelt) und anderen. Unter ihnen findet sich auch die „soziale“ Gerechtigkeit.

Ist schon der Begriff „Gerechtigkeit“ schwer zu definieren, ist es die Beifügung „sozial“ erst recht. Die Kombination aus zwei jeweils nicht eindeutig geklärten, sondern vieldeutigen Begriffen macht die Frage nach dem Maß der sozialen Gerechtigkeit bzw. Ungerechtigkeit fast unbeantwortbar. Die Antwort hängt von der Positionierung des Beurteilenden ab. Für einen Sozialisten ist soziale Gerechtigkeit etwas völlig anderes als für einen Liberalen. Dazwischen gibt es eine Unzahl weiterer Positionen.

Ungleichheit = Ungerechtigkeit?

Soziale Ungleichheit war immer ein Merkmal aller menschlichen Gesellschaften, totale Gleichheit dagegen eher ein Traum. Die Vision vom neuen Menschen „sozialistischer Persönlichkeit“ als Kern des Sozialismus geht davon aus, dass Gleichheit und Gerechtigkeit – neben Solidarität – die obersten Ziele sind – als Gegenmodell zum Kapitalismus als System der Ungleichheit vor allem durch den Privatbesitz an Produktionsmitteln und der daraus folgenden Ausbeutung der Proletarier durch die Kapitaleigner. Soziale Gleichheit und soziale Gerechtigkeit werden als die beiden Seiten der  gleichen Medaille gesehen. Um eine solche Gesellschaft zu erreichen, bedurfte es einer intensiven Erziehung des Menschen, formuliert etwa im Jugendgesetz der DDR (nicht zu verwechseln mit dem bundesdeutschen Jugendschutzgesetz aus der gleichen Zeit). Ungleichheit gilt im Sozialismus/Kommunismus als sozial ungerecht. Doch selbst im real existierenden Sozialismus gab es keine völlige soziale Gleichheit.

Die Sozialwissenschaft definiert „soziale Ungleichheit“ wertneutral als die regelmäßigen und dauerhaften Unterschiede in den Lebens- und Verwirklichungschancen bestimmter Bevölkerungsgruppen. Dazu zählen Ressourcen wie Einkommen, Bildung, medizinische Versorgung, Wohnqualität usw. Persönlich bedingte Ungleichheit fällt nicht in die Kategorie der sozialen Ungleichheit: etwa unterdurchschnittliches Einkommen aufgrund mangelnder Leistungsbereitschaft oder angeborene Behinderungen bzw. Intelligenzunterschiede oder ein Millionengewinn im Glücksspiel.

Ungleichheit, die durch gesellschaftliche Strukturen und Verhalten verursacht wird, kann dagegen sehr wohl unter dem Aspekt der Gerechtigkeit betrachtet und beurteilt werden. Aber auch hier gilt: Die Ursachen für die Ungleichheit der Lebensverhältnisse von Personen aus einer bestimmten Bevölkerungsgruppe sind genau zu betrachten, bevor soziale Ungerechtigkeit attestiert wird.

Soziale Gerechtigkeit bei uns und anderswo


M4

Für die Frage nach der sozialen Gerechtigkeit in der Bundesrepublik Deutschland kommt Lutz Leisering (Professor für Sozialpolitik an der Fakultät für Soziologie der Universität Bielefeld; Forschungsschwerpunkte: Armut, Alterssicherung, Soziologie des Wohlfahrtsstaats, international vergleichende Sozialpolitik und globale Sozialpolitik, mit einem Schwerpunkt auf neuen Wohlfahrtsstaaten in Asien) zu dem Schluss, dass derzeit für das gesellschaftliche Verständnis von sozialer Gerechtigkeit vier „Paradigmen“, also grundsätzliche Denkweisen, ausschlaggebend sind. Dazu zählen sowohl das Bedarfs- als auch das Leistungsprinzip. Der Staat hat danach die Aufgabe, für eine umfassende Bedarfssicherung und Einkommensumverteilung zu sorgen, gleichzeitig aber auch möglichst wenig Markteingriffe vorzunehmen und eine geringe Absicherung im Falle von Notlagen zu garantieren. Das dritte Paradigma, „produktivistische Gerechtigkeit“, besagt, dass die Zuweisung staatlicher Güter bzw. Lasten sich an den erbrachten Leistungen des Individuums orientieren.

Das vierte Paradigma, „Teilhabeberechtigung“, soll Benachteiligungen aufgrund bestimmter Merkmale des Individuums ausschließen. Dazu gehören etwa das Geschlecht, der ethnische Hintergrund und das Alter. Jeder soll die Möglichkeit haben, am gesellschaftlichen Leben teilzunehmen. Hier steht also die Befähigung des Einzelnen im Mittelpunkt. Was er aus dieser Fähigkeit macht, liegt bei ihm. Leisering geht davon aus, dass in Zukunft dieses vierte Kriterium von wachsender Bedeutung sein wird. Die Zugangschancen werden zunehmend den klassischen Verteilungsgedanken ablösen: Sozial gerecht ist das, was einem Individuum an Möglichkeiten eröffnet.

Für diese Entwicklung spricht auch der gesellschaftliche Rahmen. In einer marktwirtschaftlichen Ordnung ist Gleichheit kaum realisierbar. Es kommt automatisch zu erheblichen Ungleichheiten auf verschiedensten Feldern. Persönliche Fähigkeiten, Marktgegebenheiten und weitere Faktoren machen die weitergehende Beendigung von Ungleichheiten unwahrscheinlich.

Die Idee der Bedarfsgerechtigkeit mit starken Elementen der Gleichheit, etwa durch massive Umverteilung, wird nur in einer Gesellschaft als gerecht akzeptiert, die sich als solidarisch versteht. Das jedoch setzt voraus, dass die Mitglieder einer solchen Gesellschaft eine gemeinsame Identität haben, sich als der gleichen und gleichberechtigten Gruppe zugehörig ansehen. Gesellschaften, die in sich entlang von Herkunfts-, Kultur- und Religionsgrenzen sehr heterogen sind, werden dieses solidarische Verständnis nicht ausreichend ausbilden und deshalb die staatliche Umverteilung – mit dem Ziel, möglichst große Gleichheit zu schaffen – nicht akzeptieren, sondern als sozial ungerecht betrachten.

Dieser Zustand ist in allen klassischen Einwanderungsstaaten zu beobachten. Weder die USA noch Kanada und Australien haben ein dichtes soziales Netz europäischer Prägung entwickelt. Ihre Bevölkerungen setzen sich aus den Nachfahren verschiedenster Nationen und noch immer zuwandernden Personen zusammen. Sie haben weniger eine solidarische Grundhaltung füreinander entwickelt, sondern gehen davon aus, dass jeder einzelne Mensch sein Leben eigenverantwortlich gestaltet und nur in extremen Notfällen die Hilfe der Gesellschaft in Anspruch nehmen darf. Eine gesetzlich verpflichtende Krankenversicherung etwa entspricht nicht der US-amerikanischen Tradition, sondern wird von vielen Bürgern der Vereinigten Staaten als ungerecht(fertigt) empfunden. Ungleichheit bei der medizinischen Versorgung gilt in konservativen Kreisen noch immer als hinnehmbar und als Ausdruck einer Leistungsgesellschaft und der Eigenverantwortung.

Für die Europäische Union, insbesondere für die Bundesrepublik Deutschland, sieht die Zukunft vor dem Hintergrund dieser Beobachtung (Lutz Leisering) ambivalent aus. So bedeutet etwa die Zuwanderung von Menschen eine Herausforderung für die „alteingesessene“ Bevölkerung, etwa wenn die Zuwandernden im Bildungswesen, auf dem Arbeitsmarkt und in den sozialen Sicherungssystemen partizipieren. Hier ist die Solidarität der Gesellschaft gefragt. Aufseiten der Zuwanderer wird sich die Erkenntnis durchsetzen, dass es schwer ist, völlige Chancen- und Teilhabegerechtigkeit zu erreichen, sowohl ökonomisch als auch politisch. Auch sie werden möglicherweise ein wachsendes Ungerechtigkeitsempfinden entwickeln. Dem Staat fällt demzufolge eine wichtige Ausgleichsfunktion zwischen verschiedenen Gruppen und Interessen innerhalb einer Gesellschaft zu.



Quellenangaben:
Hradil, Stefan: Deutsche Verhältnisse. Eine Sozialkunde, online unter: http://www.bpb.de/politik/grundfragen/deutsche-verhaeltnisse-eine-sozialkunde/138445/soziale-gerechtigkeit (Zugriff: Feb. 2018)
Glatzer, Wolfgang: Gefühlte (Un)Gerechtigkeit, in: APuZ 47/2009, S. 15–20
Liebig, Stefan/May, Meike: Dimensionen sozialer Gerechtigkeit, in: APuZ 47/2009, S. 3–8
Nullmeier, Frank: Soziale Gerechtigkeit – ein politischer „Kampfbegriff“? In: APuZ 47/2009, S. 9–14


Zurück zur Terrasse

Ihr Kommentar

Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren. Anmelden